Literarisches TikTok-Wunder mit Stärken und Schwächen
Shannon am 30.08.2023
Bewertungsnummer: 2010788
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Was wird dieses Buch gelobt und promotet! Dabei kommt es daher als Wälzer mit unzähligen akademischen Anekdoten und Fußnoten. Das neue "Game of Thrones", besser als "Harry Potter" hieß es. Nun hab ich die Lektüre abgeschlossen. Was ist mein Eindruck?
Rebecca F. Kuang ist eine beeindruckende, intelligente Frau. Ein Buch wie dieses schreibt sich nicht einfach so. Mal abgesehen von der fantastischen Prämisse, die hinter dem Buch steckt, muss sie sich unglaublich gut mit Übersetzungen auskennen und hervorragendes Wissen über das British Empire, Kolonialismus und das akademische Leben in Oxford besitzen. Für eine dermaßen junge Frau finde ich das beeindruckend.
Die Grundhandlung ist leicht erklärt. Chinesischer Waisenjunge wird von britischem Gelehrten nach Oxford gebracht und schon von klein auf als Übersetzer erzogen, denn das Empire ist auf den Bedeutungsverlust bei Übersetzungen angewiesen um die Silberbarren zu aktivieren, die den birtischen Kolonialismus am Laufen halten, bzw. erst möglich machen. Diese Art von Magie bedeutet Reichtum für den Westen und Armut, Unterdrückung und Sklaverei für die Kolonialländer. Bald schon wird das auch unserem Protagonisten Robin Swift klar, der zunehmend unter der Diskrepanz der Loyalität zum Mutterland und zum Land der schier unbegrenzten Möglichkeiten in der neuen Heimat hadert.
Mit dieser Grundidee sind die Rollen klar verteilt. Der Turm der Übersetzer und seine Gelehrten, ja die westliche Welt mit ihrem Luxus, sind die Bösen. Die Kolonisierten sind die Guten. Wobei Kuang auch hier sehr geschickt differenzierte Untertöne einwebt - die Arbeiterbewegung im 18. und 19. Jahrhundert in Großbritannien, die Unterdrückung der Frauen im Viktorianischen Zeitalter. Für einen Anglisten ist dieses Buch eine wahre Fundgrube! Wir haben einen bedeutenden Abschnitt der britischen Geschichte sehr klug dargestellt und in einen Fantasy-Rahmen gesetzt und das Wunder der Übersetzung, alle Fehlerquellen, die Bedeutungsverluste zwischen den Sprachen, die Arbeit an Übersetzungen, das akademische Leben an einer englischen Eliteuni glaubhaft und realitätsnah dargestellt. Ein wahrer Traum! So hat sich Kuang bei mir die 4 Sterne verdient.
Kommen wir nun zu den Schwächen. Unser Robin Swift ist ein wahrer Held und tatsächlich scheut sich die Autorin nicht ihm und seinen Freunden ordentlich zuzusetzen. Im letzten Drittel sterben die Charaktere wie die Fliegen. Von daher scheint der Vergleich mit "Harry Potter" und "Game of Thrones" tatsächlich naheliegend. Jedoch - es war mir als Leserin völlig egal. Ich konnte das Buch im Endspurt zwar nicht aus der Hand legen, weil ich auf die Lösung gespannt war, die Charaktere selbst habe es jedoch nie geschafft mich emotional zu erreichen. Ich finde das durchaus spannend, denn Kuang widmet unter anderem Letty und Victoire zwei Kapitel in denen ihre Beweggründe und Geschichten erzählt werden. Sie werden jedoch "erzählt" - auf der Gefühlsebene erreichen sie mich nicht . Während Rowling und Martin meisterlich mit den Emotionen der Leserschaft spielen, kann ich hier nicht mal aufrichtig behaupten, Robin Swift sonderlich zu mögen. Was ging da bei der Charakterbildung schief?
"Babel" bleibt für mich auf intellektuellem Level und mit all der eingewobenen Geschichte des Kolonialismus, Feminismus, Gewerkschaften etc. herausragend - aber verkopft ohne Ende. Dennoch gebe ich eine Leseempfehlung und harre gespannt der Dinge, die von Frau Kuang noch kommen werden.
P.S.: Wie schade, dass uns der deutsche Verlag den Untertitel über "Die Notwendigkeit der Gewalt" nicht zugemutet hat. Das Thema zieht sich durchs ganze Buch und trägt nicht unwesentlich zu den Schlusskapiteln bei.
sehr gut
Bewertung am 18.01.2026
Bewertungsnummer: 2984039
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Man muss es mögen, auf der Meta-Ebene zu lesen und nicht auf der reinen Story-Ebene. Man muss auch offen sein für bestimmte politische Themen (wie Kolonialisierung, strukturelle Benachteiligung etc). Ich habe es sehr genossen.
Meinung aus der Buchhandlung
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"Translation means doing violence upon the original, means warping and distorting it for foreign, unintended eyes."
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
One of the best books I've ever read! This isn't just part of the fantasy genre but delves way deeper into history and colonialism. R. F. Kuang manages to create a unique reading experience, full of suspense and anger for the oppressed ethnicities shown in the character cast. A must read for dark academia lovers and everyone who likes to reflect on every sentence they encounter.
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„Babel“ ist eine auf mehrere Arten sehr ungewöhnliche Fantasygeschichte.
Erstens einmal ist sie stand-alone, was in Zeiten der Fantasyserienwut fast schon einem Wunder gleichkommt.
Zweitens lässt sich der Roman, zumindest für mich, sehr schwer in ein Subgenre einordnen. Den Roman könnte man irgendwo ansiedeln zwischen pseudohistorischer, low und social Fantasy, es gibt auch sehr starke Anteile von „Dark Academia“. Dieser Mix hat das Lesen sehr spannend gemacht, denn auch in der Fantasy werden ja sehr oft (Fantasy)Klischees bedient und ich würde sagen, das ist bei „Babel“ so gut wie überhaupt nicht der Fall.
Und drittens: Wenn man komplett ahnungslos in das Buch einsteigt, dann ist lange Zeit überhaupt nicht klar, dass es sich in Richtung Fantasy entwickeln wird. Nur ganz zu Beginn des Buches gibt es einen kleinen Hinweis, den man aber 100 Seiten später fast schon vergessen hat. Die Wendung in der Geschichte kommt erst nach gut einem Sechstel des Buches, und auch da ist sie zunächst eher subtil. Einige sind in Erwartung phantastischer Geschehnisse zu diesem Zeitpunkt vielleicht schon halb ausgestiegen – aber ich garantiere: dranbleiben lohnt sich!
Die Magie in Babel liegt in der Macht der Worte. Zunächst lässt sich das schwer nachvollziehen, auch nachdem die 4 neuen Studierenden einer kleinen Vorführung dieses magischen Wunders beiwohnen dürfen.
Rebecca Kuang versteht es meisterhaft, diese Geheimnisse nacheinander zu entfalten und hält den Spannungsbogen damit konstant aufrecht. In die Geschichte werden auch viele andere Themen kunstvoll eingeflochten und zum Teil auch kritisch beleuchtet, z.B. Rassismus oder die Auswirkungen von Kolonialismus. Sehr passend zur Geschichte hat die gelernte Übersetzerin auch viel zur Entstehung der Sprache und der Kunst des Übersetzens in „Babel“ eingewebt.
„Babel“ ist mehr als nur ein Fantasyroman: der Roman ist klug, kritisch und wird auch Leute ansprechen, die mit den klassischen Subgenres High, Dark, Low oder Urban Fantasy nicht viel anfangen können. „Babel“ liest sich auf Englisch nicht so leicht wie viele andere Fantasyromane, wer nicht ganz sattelfest ist im Englischen, kann aber guten Gewissens zur sehr gelungenen, deutschen Übersetzung greifen.
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