Der Fährmann
Von Anfang an hat mich dieses Buch magisch angezogen und ich kann gar nicht genau sagen, wieso, aber sowohl das Cover als auch der Titel gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Und was soll ich sagen? Mein Instinkt war richtig, denn „Der Fährmann“ ist definitiv jetzt schon ein Jahreshighlight für mich.
Worum geht es?
Wir befinden uns kurz vor dem 1. Weltkrieg an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich. Die drei Freunde aus Kindertagen – Hannes, Elisabeth (Lisi) und Annemarie (Annemie) – werden gemeinsam erwachsen und erleben sowohl private als auch geschichtliche Dramen. Annemarie liebt Hannes, der liebt Lisi, die liebt ihn auch, wird aber mit Josef verheiratet, um die beiden Bauernhöfe zu verbinden. Es geht um Freundschaft, Liebe, Vertrauen, Tradition und Verpflichtungen, Neid, Eifersucht und Gewalt, immer vor der Kulisse des brodelnden Krieges.
Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von Hannes, Lisi, Annemarie und Josef erzählt, wobei zwischen den einzelnen Kapiteln Zeitsprünge passieren. Obwohl manchmal ein Jahr vergeht, hat man nicht das Gefühl, etwas versäumt zu haben oder etwas nicht zu verstehen. Durch die Zeitsprünge passiert sehr viel und ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, weil ich immer wissen wollte, wie es weitergeht.
Der Schreibstil ist besonders und Regina Denk eine Meisterin der Worte. Sie schreibt so bildhaft und atmosphärisch, dass es mich wie ein Sog in die Geschichte hineingezogen hat. Schon das erste Kapitel „Anderswo“ war mit seinen mystischen, bedrohlichen Beschreibungen des Wassers ein Highlight. Der Fluss wird so personifiziert, dass man meinen könnte, er träfe eigene Entscheidungen. Ein Merkmal des Schreibstils sind zeilenlange Sätze – ich will nicht Schachtelsätze dazu sagen, denn die sind für mich negativ behaftet. In „Der Fährmann“ macht es Spaß, den Sätzen zu folgen, sie sind nie kompliziert oder wirken gewollt; man folgt ihnen atemlos, wie einen die ganze Geschichte atemlos macht.
Obwohl der Titel des Buches „Der Fährmann“ lautet, erfährt man im Vergleich zu den anderen recht wenig über Hannes. Trotzdem ist er ein wichtiger Part, sozusagen der Mittelpunkt, um den alle anderen kreisen. Nur dank ihm sind die Menschen mobil, er kennt viele Geheimnisse, die er auf seinen zahlreichen Fahrten über die Salzach mitbekommt. (Der Beruf des Fährmannes war mir vorher nicht wirklich bekannt. Welchen Gefahren sich diese Männer ausgesetzt haben, ist unglaublich. Dazu immer erreichbar sein, keine eigene Familie haben dürfen ...) Und Hannes ist ein Sympathieträger, hilfsbereit, würde keinen anderen verletzen, schon gar nicht die Menschen, die ihm wichtig sind. Er nimmt einen neutralen Part ein, wenn alle anderen vom Fremdenhass aufgestachelt sind. Wie einfach das geht und dass es nicht wirklich einen Unterschied zwischen damals und heute gibt, zeigt dieses Buch deutlich auf. Es ist so erschreckend, dass Krieg immer noch mit dem Adjektiv „heldenhaft“ verbunden wird. Dass niemand als Held zurückkommt, macht die Geschichte deutlich.
Wie Frauen im Buch behandelt werden und welchen Wert sie haben, ist erschreckend. Wenn man bedenkt, dass nur etwas mehr als hundert Jahre vergangen sind. Dass es Annemarie und Lisi bis zum Schluss geschafft haben, gleicht einem Wunder. Besonders Lisi, die kurz nach der Hochzeit mit Josef schon nur mehr einem Geist gleicht, muss so viel ertragen. Ich habe selten mit einer Figur so mitgelitten. Auch die Ablehnung, die sie vom eigenen Elternhaus bzw. ihrer Mutter erfährt, als sie sich hilfesuchend an sie wendet, hat mir Gänsehaut beschert. Und dann noch die Tatsache, dass die Mutter um die schlechte Behandlung weiß, ihrer Tochter aber trotzdem rät, zu ihrem Mann zurückzugehen, macht einen sprachlos. Zusammenfassend für die Mütter im Text kann man sagen, dass sie alles wissen, aber nichts tun. Sie schicken ihre Töchter bewusst ins Elend oder sehen einfach nur zu. Das finde ich genauso schrecklich wie Josefs Taten.
Obwohl Josef das Gegenstück zu Hannes darstellt, kann man ihn an manchen Stellen verstehen. Er ist selbst mit Gewalt aufgewachsen, hat nie ein liebes Wort erfahren, was er möchte, interessiert den strengen Vater nicht. Irgendwann bleibt aus seiner Sicht nichts anderes übrig, als sich mit Gewalt Gehör zu verschaffen. Es ist ein schleichender Prozess, bis Josef wirklich zum Monster wird, aber die Szene mit dem Fuchs war ein Zeichen, dass es nicht gut enden wird mit ihm – und sehr emotional beim Lesen, wie auch folgende Szenen:
Annemarie wird nach Wilms gebracht,
Lisi verliert das Wichtigste,
der gesamte Showdown
und das letzte Kapitel „Anderswo“ (allein den letzten Satz habe ich mehrmals gelesen, da er so mächtig ist: „[...] es sprachen die Kinder nicht die Sprache des Wassers, verstanden nicht die Warnung und die Sorge, sahen nur das, was die Menschen sehen wollten, und glaubten nur das, was sie glauben konnten anstelle von dem, was war, und dem, was noch immer wahr ist.“)
Die Figur der Annemarie gibt immer wieder Hoffnung, da sie es zumindest teilweise schafft, unabhängig zu werden und das Leben so zu gestalten, wie sie das möchte. Dass die drei Freunde am Ende beschließen, alles anders zu machen, neu zu beginnen, aus den alten Mustern auszubrechen, ist ebenso ein hoffnungsvolles Bild.
Regina Denk hat mit „Der Fährmann“ ein zeitloses Werk geschaffen, das einen sowohl sprachlich als auch inhaltlich nicht mehr loslässt. Die Geschichte schockiert immer wieder, rührt einen immer wieder zu Tränen. Ich kann das Buch uneingeschränkt weiterempfehlen und werde die Botschaft weitertragen, wie es sich die Autorin in der Danksagung wünscht.