„Popóm“ von Johanna Sebauer ist ein Roman darüber, was passiert, wenn wir uns in eine Sache verbeißen und darüber das Leben, unsere Freunde und unsere Familie aus den Augen verlieren. Und vor allem: vergessen zu leben.
Eines Tages sieht Hendrik ihn beim Einkaufen: Der Mann trägt einen gelben Mantel, ist einige Jahre älter als er und kauft Dosenpfirsiche. Hendrik weiß sofort, dieser Mann ist er selbst. Nur älter. Von da an setzt Hendrik alles daran, seinen Doppelgänger kennenzulernen. Er verfolgt ihn, lauert ihm auf, beschäftigt sich mit nichts anderem mehr. Da seine Freundin Anja gerade mit ihm Schluss gemacht hat, stürzt er sich auf das Leben seines Doppelgängers, um sich nicht mit seinem eigenen zu beschäftigen.
Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen und war sofort mitten im Geschehen. Wie auch Hendrik wollte ich alles über den Doppelgänger erfahren und wie dieser sein Leben lebt. Allgemein habe ich ein Faible für Doppelgänger und ihre Funktionen in der Literatur.
Hendrik beschreibt sich selbst an einer Stelle sehr gut und liefert eigentlich die Lösung dafür, warum er seinem Doppelgänger so hinterherhechtet und sich nicht auf die Welt einlassen kann: „Zu der Zeit, als all das passierte, war ich einer, ja, wie soll ich das beschreiben, ich war ständig auf dem Sprung, ohne zu wissen, wohin genau. Einer, der, wenn er hier war, lieber dort sein wollte, der, wenn er dieses tat, lieber jenes tun wollte. Ich war einer gewesen, der Ruhe nur empfand, wenn er die Gewissheit hatte, dass das, was war, jederzeit auch anders sein könnte. [...] Das Internet diagnostizierte mir diesbezüglich eine durch innere Blockaden ausgelöste Unfähigkeit, mich auf die Welt einzulassen.“ Die Funktion des Doppelgängers in Johanna Sebauers Roman wird nach und nach deutlich: Er bringt Hendrik dazu, sich mehr auf sein Leben einzulassen und aus der Opferrolle herauszufinden. Der Doppelgänger fordert Hendrik immer mehr heraus und wird abweisender, je weiter das Buch voranschreitet. Mit der Zeit wirkt es beinahe so, als wäre er zunehmend genervt von Hendrik, weil dieser nicht erkennt, dass das Leben an ihm vorbeizieht.
Das Buch hat mich an einigen Stellen dazu gebracht, innezuhalten und über mein eigenes Leben nachzudenken, beispielsweise hier: „Das Leben ist scheiß unvorhersehbar, und wir Menschen müssen irgendwie schauen, wie wir damit halbwegs zurechtkommen, ohne durchzudrehen.“ Diesen Satz sagt Hendrik zu seiner Arbeitskollegin Fritzi, sie ist die Einzige, mit der Hendrik seine Gedanken und was wirklich in seinem Leben passiert, teilt. Auch das nächste Zitat stammt aus einem Gespräch zwischen den beiden: „Willst du nicht ein bisschen weniger bei dir sein und dafür mehr in der Welt? Sonst gehst du der Welt verloren und das wäre schade.“ Fritzi stupst Hendrik immer wieder sanft in die richtige Richtung, ohne ihn für verrückt zu halten oder eine Sichtweise aufzuzwingen. So kann nach und nach auch ein Umdenken in Hendrik stattfinden.
Und zu guter Letzt der für mich vielleicht stärkste Satz des Buches: „Alle, die uns lieb sind, werden irgendwann sterben, ob wir wollen oder nicht. Manche davon werden wir beim Sterben begleiten, andere werden uns begleiten.“
Es gab zwar keine großen Überraschungen oder spektakulären Wendungen, trotzdem kann ich das Buch wärmstens weiterempfehlen. Hendriks Suche nach sich selbst war interessant zu lesen und es gab sogar einige Momente zum Schmunzeln, wobei für mich die Ernsthaftigkeit des Romans deutlich überwog. Und schließlich ist das passiert, was ich mir von Literatur wünsche: Ich habe etwas für mein eigenes Leben mitgenommen.