Eine geheimnisvolle Bibliothek in einer ummauerten Stadt am Ende der Welt, die nur betreten kann, wer seinen eigenen Schatten zurücklässt: Hier lebt das wahre Ich des Mädchens, in das sich der namenlose Erzähler mit siebzehn Jahren unsterblich verliebt. Er macht sich auf die Suche nach ihr, gelangt in die geheimnisvolle Stadt, doch das Mädchen erkennt ihn nicht mehr.Der Erzähler gerät unter rätselhaften Umständen zurück in die Welt jenseits der Mauer. Er zieht nach Tokio, arbeitet im Buchhandel, hat wechselnde Freundinnen. Seine Eltern drängen ihn, endlich zu heiraten. Aber er kann das Mädchen nicht vergessen. Schließlich kündigt er und nimmt eine Stelle in einer alten Bücherei in der Präfektur Fukushima an. Hier trifft er auf Herrn Koyasu, der wie er den Verlust einer großen Liebe zu verwinden hat, und den mysteriösen Yellow-Submarine-Jungen. Die Erinnerung an die ummauerte Stadt kehrt mit aller Macht zurück, die Realität gerät knirschend ins Wanken – und der Erzähler muss sich fragen, was ihn an diese Welt bindet.›Die Stadt und ihre ungewisse Mauer‹ ist eine Liebesgeschichte, die Geschichte einer wundersamen Reise und zugleich eine Geschichte vom Werden.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Bewertung
3/5
27.08.2026
Buch (Taschenbuch)
Eine schöne Erkenntnis hinter einer sehr langen Mauer
Manche Bücher bleiben wegen ihrer Geschichte. Andere wegen ihrer Sprache. Und einige wegen eines einzigen Gedankens.
Die Stadt und ihre ungewisse Mauer gehört für mich zur dritten Gruppe.
Haruki Murakami erzählt von einem Mann, der als Jugendlicher seine erste große Liebe verliert – und mit ihr offenbar auch eine Zukunft, die er sich bereits vorgestellt hatte. Eine geheimnisvolle, ummauerte Stadt wird zum Ort, an dem dieses Verlorene weiterbestehen kann. Ein Schutzraum also.
Das hat mich interessiert.
Denn Murakami erzählt nicht die einfache Geschichte vom notwendigen Loslassen. Manchmal brauchen wir offenbar einen Ort, an dem etwas bewahrt werden darf, bevor wir stark genug sind, ohne diesen Schutz weiterzugehen. Problematisch wird eine solche Zuflucht erst dann, wenn sie nicht mehr schützt, sondern verhindert, dass Zukunft wieder möglich wird.
Die schönste Erkenntnis des Romans lautet für mich deshalb: Wir müssen die Vergangenheit nicht vergessen. Wir müssen nur irgendwann aufhören, unsere Zukunft für ihre Bewahrung zu begrenzen.
Das ist klug. Und überraschend erwachsen.
Nur braucht Murakami sehr lange, um dorthin zu gelangen.
Vielleicht liegt mein Problem auch an meinem persönlichen literarischen Maßstab. Bei Javier Marías kann ein einziger Gedanke über viele Seiten laufen und dabei immer gefährlicher werden. García Márquez lässt das Wunderbare so selbstverständlich in die Wirklichkeit treten, dass man irgendwann aufhört, zwischen beidem zu unterscheiden. Carlos Ruiz Zafón verwandelt Bücher, Häuser und Städte in Atmosphäre – und Atmosphäre in Sog. Und ein Autor wie Mohamed Mbougar Sarr zeigt, wie intellektuelle Literatur zugleich sprachlich elektrisieren kann.
Diesen Sog habe ich bei Murakami lange vermisst.
Seine Sprache bleibt ruhig, klar und beinahe absichtsvoll gleichförmig. Das kann meditativ wirken. Für mich wurde es jedoch häufig Wiederholung. Die Mauer, der Schatten, die Bibliothek, die Träume: schöne Bilder, zweifellos – aber nicht jede erneute Umkreisung lässt sie tiefer werden.
Erst im zweiten Teil, in der kleinen Bibliothek und in den Begegnungen mit Koyasu und dem Jungen im Yellow-Submarine-Parka, begann mich der Roman wirklich hineinzuziehen. Plötzlich bekamen seine Ideen Menschen, Alltag und Wärme. Dort hätte ich gern länger gelesen – und zuvor manches kürzer.
Auch die Einhörner haben mich weniger verzaubert als Murakami vermutlich gehofft hat. Zu seiner Verteidigung: Sie sind ein altes Motiv seines Werks und keine Erfindung für heutige Bücherregale. Dass sie inzwischen hervorragend hineinpassen, ist eine andere Geschichte.
Am Ende bleibt dennoch etwas.
Nicht die Stadt.
Nicht die Einhörner.
Ein Gedanke:
Vielleicht besteht Reife nicht darin, unsere inneren Mauern einzureißen. Vielleicht genügt es, irgendwann wieder durch das Tor gehen zu können – und das, was hinter uns liegt, trotzdem nicht zu verlieren.
Diesen Gedanken nehme ich gern mit.
Für mehr als drei Sterne hätte ich mir allerdings gewünscht, dass Murakami mir auf dem langen Weg dorthin sprachlich häufiger das Gefühl gibt, unbedingt weitergehen zu wollen.
Bewertung
5/5
03.03.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Phantastisch und entschleunigt
Es gibt zwei Worte mit denen ich dieses Buch beschreiben kann: phantastisch und entschleunigt. In „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ geht es um einen Ich-Erzähler und die realistisch-erdachte Stadt ohne Namen. Auch der Ich-Erzähler bleibt uns oberflächlich betrachtet immer ein bisschen fremd. Wir kennen seinen Namen nicht und wissen nicht, in welcher Zeit er lebt. Nichtsdestoweniger lernen wir ihn kennen über die Dinge, die er denkt und tut, nach denen er sich sehnt und was ihn umtreibt. Die verlorene Liebe führt ihn tatsächlich in diese einst erdachte Stadt, wo seine Liebe lebt, doch wir müssen feststellen, dass sie ihn nicht mehr erkennt. Die Bedingung in diese Stadt zu reisen, ist es, seinen Schatten abzulegen. Wir wissen nicht, wie lange er in der Stadt verweilt, bis er auf die andere Seite der Welt zurückkehrt, denn in dieser Stadt gibt es keine Zeit. Jenseits der Mauer führt der Ich-Erzähler fortan ein bescheidenes Leben und wird Leiter einer Bibliothek weit entfernt von seiner Heimat Tokio.
Murakami versteht es sehr mit Worten umzugehen und entführt uns in eine phantastische Welt, die mit der Realität verschmilzt. Für mein Empfinden ist dieses Werk ganz klar kein Fantasy-Buch, sondern magischer Realismus, welcher voller Metaphern steckt. Irgendwie geht es letztendlich nicht darum feststellen zu wollen, ob es diese Stadt nun wirklich gibt oder nicht, sondern was sie mit dem Bewusstsein, das des Ich Erzählers und letztendlich auch mit dem unseren als Leser anstellt. Dabei ist die Stadt vor allem ein Zentrum dafür, um über die Zeit nachzudenken. Die Zeit als etwas Abwesendes in dieser Stadt, aber als etwas nur zu anwesendes, in unserer hektischen Gegenwart. Ebenso abwesend ist der Schatten in der Stadt. Doch was bedeutet Schatten überhaupt?
Und ja, es fällt wirklich auf, dass Murakami Franz Kafka als Vorbild sieht, aber ich sehe darin auch weitere phantastische Autoren wie beispielsweise Nikolaj Gogol.
Der Roman ist mit 630 Seiten durchaus kein kurzes Vergnügen. Es ist wirklich eine Reise, auf die man sich einlassen muss, die teilweise etwas langatmig erscheinen kann, aber wesentlich für die transportierte Entschleunigung ist.
Bewertung
5/5
26.01.2025
eBook (ePUB)
Ein Balsam für die Seele
Eine wunderbare Geschichte über Liebe und Selbstfindung, Freiheit und verschiedene Realitäten. Zärtlich und melancholisch zugleich. Der Anfang ist langsam, aber es lohnt sich auf jeden Fall, weiter zu lesen!
Eliza
5/5
12.01.2025
Hörbuch (Audio)
Gefühlvolle nachdenkliche Erzählung
“Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ von Haruki Murakami ist eine fesselnde Erzählung, die sich mit Themen wie Erinnerung, Isolation und der Suche nach Identität auseinandersetzt. Die Geschichte spielt in einer Stadt, die von einer mysteriösen Mauer umgeben ist, die sowohl Schutz als auch Einschränkung symbolisiert.
Der Protagonist, ein namenloser Erzähler, reflektiert über seine Erlebnisse in dieser Stadt und seine Beziehungen zu anderen Bewohnern. Im Laufe der Erzählung lernt er verschiedene Charaktere kennen, die alle ihre eigenen Geschichten, Ängste und Träume haben. Diese Begegnungen werfen Fragen über den Sinn des Lebens und die Natur der menschlichen Existenz auf.
Murakami webt in den Verlauf der Erzählung surrealistische Elemente ein, die das Vertraute hinterfragen und eine melancholische Atmosphäre schaffen. Die Erzählung ist geprägt von Murakamis typischem Stil, der Traum- und Realitätselemente miteinander vermischt. Mich persönlich hat das Hörbuch sehr berührt, ist es doch ein anderer Roman als man zuerst vermutet.
Der Sprecher macht seine Sache gut und erzählt mal ruhiger Mal eindringlicher und emotionaler je nach Situation. Die Surrealität gepaart mit der schrecklichen Wirklichkeit hat mich sehr interessiert und nachdenklich zurückgelassen. Vielleicht leben mehr Menschen von uns in einer Stadt mit einer ungewissen Mauer. Ein großartiges Hörbuch mit einer sehr intensiven Geschichte.
MEva
aus Düsseldorf
5/5
04.09.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Murakami's Greatest Hits?
Ich mochte "Hardboiled Wonderland und das Ende der Welt". Für mich war es emotional schlüssig und hätte keiner weiteren Erklärung bedurft. Doch während sich durch meine Vorkenntnis des Ursprungsromans die ersten Kapitel der "Stadt und ihrer ungewissen Mauer" geradezu "runterlesen" ließen wurde die Welt in der sie spielt immer klarer und tiefer. Murakamis Werke sind voller Interpretationsmöglichkeiten - und viele davon führen zu einem tiefen inneren Verständnis. Während ich zwischendurch dachte dies sei eine Aneinanderreihung von "Murakami's Greatest Hits" muss ich nach der Beendung sagen dass dieses Buch trotzdem für sich steht und wieder einen neuen tiefgründigen Eindruck hinterlässt.
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5/5
17.01.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Glaub an deinen Gefährten.
Murakamis Erzählstil ist wie immer einfach (speziell). Sehr detailliert, äußerst intensiv, ausgesprochen mystisch. Fantasievoll, nimmt uns Murakami in die Bibliothek der alten Träume, hinter der Stadt, die mit einer Mauer umgeben ist, mit. Fabelwesen, wie Einhörner und Bewohner ohne Schatten sowie Wächter treffen wir, wenn sich zwei Geschichten zu einer verschmelzen. Dies muss man möge und sich auf diese einlassen, ist man Fan dieser faszinierenden Art zu erzählen wird man vollauf begeistert sein.
Zitat:
Wer einen Teller am Kopf hat, soll nicht in den Himmel schauen.
Glaub an deinen Gefährten. Eine gelungene literarische Doppelvorstellung. Die hier gelungen ist. Empfehlung.
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4/5
22.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Bekannte Idee in neuem Gewand
Haruki Murakami verfasst keine Nachwörter zu seinen Geschichten. Das schreibt er selbst im Nachwort zu seinem neuesten Werk.
Warum es der Autor diesmal doch getan hat, ist schnell erklärt: passionierten Leser:innen dürfte die Geschichte rund um eine Stadt, in welcher die Menschen ohne ihren Schatten leben, merkwürdig vertraut vorkommen. Kein Wunder, hat Murakami diese Idee doch tatsächlich schon einmal in einem seiner frühen Werke behandelt.
Diese neue Interpretation und Erweiterung seiner ursprünglichen Idee ist trotz, oder vielleicht sogar genau wegen diesem Umstand aber umso lesenswerter.
Mit jeder Seite spürt man, dass diese Geschichte Zeit hatte zu reifen, sich zu entwickeln um schließlich nach all den Jahren erneut zu Papier gebracht zu werden.
Oft tragisch, mal melancholisch und doch immer ergreifend hat Murakami hier ein Werk geschaffen, das als meisterhaftes Beispiel für sein Oeuvre betrachtet werden kann.
Fans greifen sowieso zu, aber auch Neueinsteiger dürfen sich über einen geradezu klassischen Murakami freuen.
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4/5
20.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Vom Verlust seines Schattens; perfekter Einsteiger-Murakami
Der namenlose Protagonist will das wahre Ich seiner ersten große Liebe finden. Sie offenbart ihm, dass sie eigentlich in einer ummauerten Stadt lebt, die man nur betreten kann, wenn man seinen Schatten zurücklässt. Durch Umstände gelangt er in besagte Stadt und trifft das Mädchen, doch sie kann sich nicht an ihn erinnern. Und von diesem Tag an gerät seine Realität ins Wanken.
Für mich ist das der perfekte Einstieg, wenn man Murakami lesen möchte. Das Buch hat definitiv einen fantastischen Anteil. Vor allem wenn es eben um diese Stadt und ihren Aufbau geht. Ich fand diese Passagen aber total spannend und wollte immer wissen, was sich der Autor noch hat einfallen lassen. Über das Buch hinweg zieht sich außerdem auch eine melancholische und nostalgische Stimmung, die mir total gut gefallen hat! Die Sprache des Autors bringt auf der einen Seite eine gewisse Leichtigkeit und auf der anderen Seite sind aber auch wahnsinnig schöne und durchdachte Sätze/Passagen zu finden. Es werden hier zudem auch noch Themen angesprochen, die einen automatisch dazu bewegen, sich mit dem eigenen Glück oder auch dem Sinn des Lebens zu beschäftigen - aber nicht auf eine kitschige Art und Weise. Oder man spielt mit dem Gedanken, wie man denn in einer anderen Realität leben würde. Wie glücklich man dort wäre, wenn die Umstände und grundsätzlichen Regeln der Welt anders wären.
Alles in allem kann ich es wirklich nur empfehlen! Ich bin durch diese 600 Seiten geflogen und habe ein Stück von mir in der ummauerten Stadt gelassen.
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