Nach ihren gefeierten Romanen über Exil und postmigrantische Gegenwart legt Shida Bazyar eine literarische Archäologie der Heimat vor. In einer präzisen Tiefenbohrung der Provinz stellt sie die radikale Frage: Auf welchen Fundamenten bauen wir unsere Heimat?
Heimesbach im Hunsrück ist ein fiktiver Ort, an dem sich neunzig Jahre deutscher Geschichte in die Mauern und Biografien eingenistet haben. Es ist eine Gemeinde, die ihre Vergangenheit aktiv verschweigt und zugleich zum Zufluchtsort für diejenigen wird, die hier Geborgenheit suchen. Der Roman führt uns durch die Jahre und die Köpfe derer, die das Dorf prägten: von jüdischen Familien, die alles verloren, über NS-Profiteure, die sich als unschuldige Mitläufer neu erfanden, bis hin zu den Familien Sharifi und Karimpour, die Jahrzehnte später aus dem Iran flüchten. Shida Bazyar gelingt ein virtuoses Erzählmosaik über die Last der Geschichte, die Lüge des Neubeginns und den Wunsch, endlich eine Heimat zu finden.
»Shida Bazyar blättert pars pro toto die Zeitschichten eines Jahrhunderts zwischen Gehaichnis und Geheimnis auf. Fesselnd und erschreckend aktuell.« Annett Gröschner
Kundinnen und Kunden meinen
3.9/5.0
Hanna (text.reisen)
5/5
27.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Ort, der Zeuge ist - zwischen Gaumusterdorf und Kleinstadidyll
Ich habe dieses Jahr schon über 50 Bücher gelesen, wenn ich eines empfehlen könnte, wäre es wohl dieses - ein unglaublich starkes und wichtiges Buch, das jede:r lesen sollte!
Im Mittelpunkt des Romans steht der fiktive Ort Heimesbach im Hunsrück und seine Bewohner:innen. Was Shida Bazyar dabei besonders gut gelungen ist, ist es den Ort zu mehr als einem Schauplatz zu machen. Der Ort ist lebendig; er beobachtet, wird Zeuge von Ungerechtigkeiten, Gewalt, aber auch Neuanfängen und Zusammenhalt ... Der Ort wird vom Gaumusterdorf unter Hitler zu einer verschlafenen Kleinstadt, in der die wenigen Migrant:innen durchaus willkommen geheißen werden, ohne aber je wirklich dazu zu gehören. Was ist damals passiert? Welche Rolle spielten die Einwohner:innen? Was liegt dazwischen? Wie geht man mit der eigenen Geschichte um und inwiefern prägt die Vergangenheit die Gegenwart? All dem versucht die Autorin auf sehr einfühlsame Art und Weise mit einem breiten Figurenrepertoire nachzuspüren. Es geht um Schuld, Verantwortung und Vergessen. Der Einstieg in die Geschichte kann durchaus herausfordernd sein - es gibt zahlreiche Zeitsprünge und die Beziehungen zwischen den verschiedenen Personen, offenbaren sich erst nach und nach. Ich empfehle daher, das Buch ohne allzu lange Pausen zu lesen, um im Lesefluss zu bleiben und den Überblick zu behalten. Ich selbst konnte es ohnehin kaum aus der Hand legen - das lag aber nicht zuletzt, an Shida Bazyars wundervollem Schreibstil. Sie ist eine unglaubliche versierte Beobachterin und schafft es, das Alltägliche nicht nur in wunderschöne Sprache, sondern auch aussagekräftig Bilder zu verpacken, die sich in einen größeren gesellschaftlichen und politischen Kontext fügen. Dabei steht zwischen den Zeilen mindestens genauso viel wie im eigentlichen Text. In Anbetracht der aktuellen Wahlergebnisse in Deutschland hätte ich mir am Schluss ein etwas eindeutigeres „Nie wieder!“ gewunschen, aber davon abgesehen, dass der Roman ja bereits davor geschrieben wurde, hätte es bei genauerer Überlegung tatsächlich auch nicht dem Stil des Buches entsprochen ... Denn ich denke nicht, dass die Geschichte einen aktivistischen Anspruch erhebt, viel mehr ist sie ein Spiegel für uns; eine Erinnerung daran, dass auch Zuschauen und Schweigen Mittäterschaft sein kann und dass es an uns liegt, offen für verschiedene Erfahrungen und Lebensrealitäten zu sein, die unsere Gesellschaft in ihrer Vielfalt ausmachen.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
22.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Kollektives Schweigen
Werbung | Rezensionsexemplar
Schweigen.
Wiederholung.
Heimat.
Wow! Ich verstehe, warum dieses Buch der Favorit für den Deutschen Buchpreis 2026 ist.
Mit „Die Lücken" ist Shida Bazyar ein sensationeller Roman gelungen, der durch seine ruhige, fast nüchterne Schreibweise das Schweigen des Ortes über Generationen hinweg beinahe von den Seiten schreien lässt.
Das Buch spielt in einem unscheinbaren kleinen Dorf. Heimesbach. Keiner spricht über die Geschehnisse des letzten Jahrhunderts. Alles wird verschwiegen. Aber man kann schwer verschweigen, was in den Mauern steckt, in den Häusern, auf dem Friedhof. Ein Ort trägt in sich, was ausgelöscht werden sollte.
Die Synagoge niedergebrannt in der Reichskristallnacht. Jüdische Familien, Nachbarn, enteignet. Deportiert. Ausgelöscht. Ihr Besitz blieb zurück. Wurde umverteilt. Von anderen weitergenutzt. Jahrzehnte später kommen iranische Familien an. Flüchtlinge. Heimesbach soll nun ihr Zuhause werden. Es liegen Jahrzehnte zwischen den beiden Geschichten. Aber es wiederholt sich. Immer stellen sich die gleichen Fragen: Wer bleibt. Wer dazugehört. Wer ausgegrenzt wird.
Beim Martinsumzug ziehen die Geflüchteten mit Laternen durchs Dorf. Dazugehören oder nur mitlaufen? Und wer blickt da wie drauf? Wer entscheidet, was richtig und was falsch ist? Wann ist man wirklich integriert? Und wann ist man deutsch genug? Ausgrenzung fängt nicht erst da an, wo man sie sieht.
Es gibt keine Täter mehr. Alle waren nur mal Mitläufer. Es gibt keine Stimme mehr, die spricht. Alle schweigen. Der Mantel des Vergessens liegt darüber. Der ehemalige Nazi war höchstens Mitläufer. Er ist fröhlich bei Familienfeiern. Ist Vater, Großvater, Nachbar, Freund. Das macht es nicht leichter. Und wer wohnt in wessen Haus? Gehört das Bild an der Wand wirklich ihm? Kann ein friedliches Zusammenleben nach dem Krieg überhaupt stattfinden ohne kollektives Vergessen?
Alles wiederholt sich. Immer. Ein Ort, der verdrängt. Der die Vergangenheit nicht benennen kann. Alles steckt in den Personen. In den Orten. Orte überdauern Personen. Personen können schweigen, aber Orte vergessen nicht. Ein Zuhause, das auf Schweigen gebaut ist. Ein brüchiges Fundament. Dieses kollektive Vergessen-Wollen. Diese Erinnerungslücken. Genau diese Lücken schaffen ein löchriges Fundament. Und das bricht immer ein. Es ist nur eine Frage der Zeit.
Die Lücken, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, ist für mich ein sensationeller, gesellschaftskritischer Roman, der die fundamentalen Themen anspricht, auf denen unser Zusammenleben basiert, und ihre permanenten, fehlerhaften Wiederholungen offenlegt. Für mich ist das Buch ein klarer Favorit für den Deutschen Buchpreis 2026. Ein Highlight! Von mir gibt es eine absolute, uneingeschränkte Leseempfehlung.
Vielen Dank an Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt davon wie immer unbeeinflusst
Sarah
4/5
30.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine interessante, aber anspruchsvolle Geschichte
Shida Bazyars „Die Lücken“ hat mich vor allem durch die ungewöhnliche Erzählweise und die Verbindung verschiedener Lebensgeschichten und Zeitebenen beeindruckt. Der Roman beschäftigt sich mit Themen wie Familie, Erinnerung, Flucht, Ausgrenzung und dem Umgang mit der Vergangenheit. Dabei wird deutlich, dass historische Ereignisse nicht einfach abgeschlossen sind, sondern auch spätere Generationen und das Zusammenleben in einer Gemeinschaft beeinflussen können. Besonders gut gefallen hat mir, dass die Geschichte nicht nur aus einer Perspektive erzählt wird. Durch die verschiedenen Figuren bekommt man unterschiedliche Sichtweisen auf den Ort und seine Vergangenheit. Dadurch wirkt die Geschichte vielschichtig und man wird dazu gebracht, über die einzelnen Figuren und ihre Entscheidungen nachzudenken. Auch die Verbindung zwischen persönlichen Schicksalen und größeren gesellschaftlichen Entwicklungen fand ich interessant. Gleichzeitig musste ich mich zunächst an die Erzählweise gewöhnen. Die häufigen Wechsel zwischen Personen und Zeiten haben das Lesen teilweise etwas erschwert. An einigen Stellen hatte ich deshalb das Gefühl, dass ich mich erst wieder orientieren musste. Auch die Handlung ist nicht besonders schnelllebig, weshalb das Buch für mich nicht durchgehend spannend war. Trotzdem finde ich gerade die ruhigeren und nachdenklicheren Stellen wichtig für den Roman. Besonders interessant fand ich, wie Bazyar zeigt, dass Erinnerungen subjektiv sein können und dass es oft Lücken in der eigenen Familien- und Ortsgeschichte gibt. Der Titel „Die Lücken“ passt deshalb meiner Meinung nach sehr gut zum Inhalt. Insgesamt hat mir der Roman gut gefallen, auch wenn ich ihn stellenweise anspruchsvoll zu lesen fand. Ich mochte besonders die ungewöhnliche Perspektive und die Art, wie persönliche Geschichten mit historischen und gesellschaftlichen Themen verbunden werden. Wer eine geradlinige und actionreiche Handlung erwartet, könnte von dem Buch eher enttäuscht sein. Für mich war es aber vor allem ein Buch, das noch nach dem Lesen zum Nachdenken über Vergangenheit, Erinnerung und die eigene Geschichte angeregt hat.
Bewertung
aus Lorsch
4/5
25.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das große Schweigen
Shida Bazyar arbeitet mit diesem Buch die NS-Vergangenheit des fiktiven Dorfes Heimesbach im Hunsrück auf, als Beispiel dient ihr eigener Heimatort Hermeskeil. Sie verknüpft diese Aufarbeitung mit Geflüchteten der Gegenwart, was nochmal einen ganz anderen Blickwinkel aufwirft.
Das Cover von "Die Lücken" zeigt ein Miniaturdorf und ist in Schwarz-Weiß-Grau-Tönen gehalten. Das passt sehr gut zu der oftmals diffusen, grauen Stimmung, in der die Vergangenheit beschrieben wird. Auch der Titel ist sehr gut gewählt, er weist direkt auf die Lücken hin, die entstehen, wenn Menschen "verschwinden" und Lücken hinterlassen.
Shida Bazyar hat kein einfach zu lesendes Buch geschrieben, was jedoch bei diesem Thema nicht zu erwarten war. Die unterschiedlichen Kapitel springen zwischen den unterschiedlichen Protagonisten und Jahren von den 1920er Jahren bis ins Jahr 2011, scheinbar wahllos, weshalb man sich auf jedes Kapitel zunächst einlassen muss und sich erst in Erinnerung rufen muss, wer hier "spricht". Es ist kein Buch, das man in einem durchlesen kann, man muss es zwischendurch zuklappen und darüber nachdenken. Für mich hätte es den "Geist", die verstorbene Erzählerin nicht geben müssen, aber das empfindet vermutlich jeder anders. Auf jeden Fall ist der Autorin ein besonderes Buch gelungen, weshalb ich ihr die Daumen drücke für die Buchpreisverleihung!
Monsieur
Thalia Book Circle Community
4/5
19.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die tief verwurzelten Täterstrukturen eines deutschen Dorfes
Deutsche Romane, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzen, tragen fast immer eine immense moralische und historische Verantwortung in sich, doch während die meisten von ihnen die Metropolen oder die großen politischen Umwälzungen ins Zentrum rücken, wählt Shida Bazyars viel beachteter Beitrag zur deutschen Erinnerungskultur »Die Lücken« einen erfrischend anderen Weg, indem er das Augenmerk ganz bewusst auf das kleine Dorf Heimesbach richtet und dort wie unter einem Brennglas den konkreten, oft erschreckend alltäglichen Umgang mit der jüdischen Bevölkerung seziert. Die Struktur des Romans erweist sich dabei als ebenso komplex wie faszinierend, da eine bereits verstorbene Erzählfigur wie mit einem Röntgenblick mosaikartig über die verschiedenen Menschen und Schicksale der damaligen Dorfbewohner blickt und deren geheimste Gedanken kennt, während das ständige Springen zwischen den Zeitebenen nicht nur dazu dient, das Vorher und Nachher zu illustrieren, sondern vor allem das schleichende Ändern des Denkens – oder vielmehr das Fehlen jeglichen Umdenkens – eindringlich zu beschreiben, wobei die Autorin ein Kernpersonal aus mehreren Protagonisten anführt, aber auch zahlreichen Randfiguren eine unüberhörbare Stimme verleiht.
Im Zentrum dieses dichten Beziehungsgeflechts stehen Figuren der Täter- und Opferperspektive, deren Lebensstationen exemplarisch für die Zerrissenheit des Ortes stehen: Da ist die jüdische Händlertochter Johanna, die sich in den 1920er-Jhren unglücklich in den ernsthaften Hans verliebt; ihre beste Freundin Lore, eine stolze und übermütige Bauerntochter, die sich früh den Nationalsozialisten verschreibt und später zur Leiterin der NS-Frauenschaft aufsteigt; deren kränkliche Schwester Anni, die nach einer von Schikane geprägten Kindheit den herrischen Reinhard heiratet und als überzeugte BDM-Führerin selbst vor nächtlichen Steinwürfen auf jüdische Häuser nicht zurückschreckt; sowie der ehrgeizige, aus dem Saargebiet zugezogene Lehrersohn Gustav Simon, der sich bei den lokalen Eisenbahnern anbiedert und schließlich bis zum mächtigen NSDAP-Gauleiter aufsteigt. Neben ihnen stehen Joseph, der den Krieg als vermeintlich unpolitischer Bote und hungernder junger Mann erlebt, und der jüdische Tierarzt Dr. Moritz Kahn, dessen Familie trotz seiner unermüdlichen Hilfsbereitschaft im Dorf verhaftet und schließlich in Auschwitz ermordet wird.
Der Roman verfolgt hierbei die grundlegende Prämisse, dass der Geist der Erzählerin ein zutiefst düsteres Fazit über die Natur Heimesbachs zieht, da dieser Ort weder über ein echtes Gerechtigkeitsempfinden noch über nennenswerte Verlustängste verfügt, die Vertriebenen mit erschreckender Schnelligkeit vergisst und sich stattdessen gleichgültig an jede neue Epoche, an neue Straßennamen und veränderte politische Begriffe gewöhnt. Er illustriert schonungslos die Vertreibung und den Mord an fast allen Heimesbacher Juden und zeigt das vollkommene Fehlen von Reue bei den Tätern auf, was sich plastisch am Beispiel des alten Joseph zeigt, der noch Jahrzehnte später im Gespräch mit seinem Enkel die Geschichte verharmlost, oder an Lore, die das Schicksal ihrer einstigen besten Freundin Johanna einfach aus ihrem Bewusstsein tilgt, um ungestört ihr Leben weiterzuführen.
Obwohl es bereits viele Romane gibt, die diese Thematik behandeln, setzt Bazyar völlig neue Schwerpunkte: Zum einen bricht der Fokus auf die kleine Dorfgemeinschaft die Anonymität des Genozids auf, indem gezeigt wird, wie Menschen, die sich von Kindheit an kennen, sich im Zuge des Holocausts gegenseitig ans Messer liefern, was besonders in der detaillierten Beschreibung der Kristallnacht deutlich wird, die auf dem Land eben nicht als anonymes Großstadtereignis, sondern als brutaler, von den eigenen Nachbarn und lokalen SA-Männern koordinierter Terror gegen ganz konkrete Häuser ablief. Zum anderen erweitert der Roman die Perspektive auf den Nationalsozialismus auf innovative Weise durch iranische Einflüsse, indem er aus der Sicht von Einwanderern wie Parvaneh, Azad und deren Kindern Asrin und Farhad den mühsamen, von eigenen Traumata und Ausgrenzung geprägten Weg zur Integration beschreibt, der selbst im Jahr 2010 noch lange nicht abgeschlossen ist und eine Parallele zu den früheren Ausgrenzungen zieht.
Dieses ständige und bisweilen atemlose Springen zwischen den Figuren und Epochen macht das Werk zwar streckenweise anstrengend zu lesen, erlaubt jedoch einen ungemein interessanten Blick auf das Handeln während der Kriegsjahre und weit darüber hinaus. Bazyar illustriert dabei die eklatanten Mängel in der historischen Aufbereitung nicht nur am Fehlen von Reuebewusstsein bei den Tätern, sondern auch am Beispiel der Lehrerin Petra, in deren Schulklasse die deutsche Geschichte bei den Mitschülern oftmals nur noch Halbwissen und offene Langeweile hervorruft, sodass die Jugendlichen die pädagogisch wertvoll gedachte Fernsehserie abfällig als »das mit den Juden« betiteln, während am Beispiel des Modehauses Wagner gezeigt wird, wie die wahre, jüdische Historie der Geschäftsgründung durch die nachfolgenden Generationen konsequent totgeschwiegen wird. Symbolisch verdichtet wird dieses kollektive Verdrängen durch das Vergraben und die achtzig Jahre spätere, rein zufällige Ausgrabung eines mit Zetteln gefütterten Stahlrohrs der Hitlerjugend, die bei den heutigen Arbeitern und der Gemeinde jedoch keine echte Aufarbeitung, sondern lediglich historische Distanz und ein tiefes, schnell beiseite geschobenes Unbehagen hervorruft.
»Die Lücken« ist insgesamt ein ungemein ambitionierter Roman, der sich vorgenommen hat, eine Vielzahl von Facetten abzubilden, einen gegenseitigen Austausch des historischen wie modernen Denkens zu ermöglichen und dabei die damaligen Verhältnisse ebenso wie die heutigen Mängel in der Erinnerungskultur anzuklagen. Mit seiner Fülle an Denkanstößen kann das Werk durchaus überzeugen, und auch das Konzept einer Erzählfigur, die im wahrsten Sinne des Wortes »durch Wände und Menschen« blicken kann, wird gelungen umgesetzt; letztlich ist »Die Lücken« aber kein Roman, der zu meinen liebsten Werken dieses Themas werden wird, und mich persönlich am Ende vielleicht auch weniger begeistern konnte, was wohl daran liegt, dass ich vor einigen Wochen den Roman »Geteiltes Haus« von Alice Horáčková gelesen habe, der aus tschechischer Sicht auf die Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs blickt, ebenfalls ein breites Figurenensemble anführt und viele Facetten detailreich illustriert, mich aber beim Lesen mit seiner Machart deutlich mehr mitreißen konnte.
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