Selten habe ich einen Titel so stimmig gewählt gefunden. Mit Auster wird die Hauptfigur - Leonore Bloch - treffend charakterisiert. Sie ist verschlossen und wortkarg, bleibt bei und für sich und öffnet sich nur widerstrebend. Nicht einmal ihr nahestehende Menschen kommen wirklich an sie heran. Ihr Arbeitgeber, Chef eines großen Kaufhauses, für den sie privat als Putzfrau tätig ist, wird ermordet und sie ist es, die die Leiche findet. Augenscheinlich ändert dieser erschütternde Fund nichts für Leonore. Sie hält an ihren Gewohnheiten und Routinen fest, so sehr, dass sie sogar den Tatort reinigt. Schock? Oder gar Schuld? ____ Nicht nur die Protagonistin, auch der Text ist spröde, die Geschichte entfaltet sich nur zögerlich. Leonora kann sich nicht alle Menschen vom Leibe halten, es gibt Freundschaften und mittels dieser Freunde wird die Story vorangetrieben und Leonores Charakter erhellt - hinter ihrer undurchdringlichen Fassade blitzen Schlagfertigkeit und ein scharfer Verstand. Und man erfährt, dass ihrer selbstgewählten Isolation ein tragischer Verlust zugrunde liegt. ____ Eher beiläufig widmet sich Leonore dem Rätsel um den Mord und als sich in der Seafood-Abteilung des Kaufhauses - zwischen eisgekühlten Austern - die zweite abgetrennte Hand des Ermordeten findet, ist es der Fundort, der sie weiter auf die (richtige) Spur führt. ____ Die Auster ist nicht vordergründig ein Krimi, nicht vordergründig die Geschichte eines Betrugs. Es ist von beidem etwas und es ist noch mehr. Eine berührende Studie über Einsamkeit und Sehnsucht über Schmerz und dem Trotzdem - und - um bei dem Bild der Auster zu bleiben - eine literarische Perle!