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Herbert Hofer Buchhandlung: Thalia Wien – Mariahilfer Straße
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Meine letzte Rezension Was das Valley herrschen nennt von Adrian Daub
Adrian Daub versammelt in diesem Buch Betrachtungen zu jener Macht, die die kalifornischen Tech-Konzerne innehaben, mit welchem Bewusstsein sie ausgeübt wird und wie sich dieses Bewusstsein in den letzten Jahren verändert hat. Ein großer Teil des Textes ist somit jenen Personen gewidmet, bei denen sich diese Macht bündelt, den Gründern (gendern nicht nötig, es sind nur Männer) ebenjener Konzerne, ihren Ideen, ihren Zielsetzungen und dem, was Douglas Rushkoff ihr Mindset genannt hat. Das sind Themen, die in letzter Zeit von vielen Autoren behandelt wurden und obwohl ich einige von ihnen gelesen habe fand ich bei Daub weiterhin interessante Aspekte und ebensolche Analysen. ____ Ich blättere noch in dem Buch herum, auch nachdem ich es bereits gelesen habe und finde immer noch Passagen, die ich mir markiere. Auch das scheint mir ein Qualitätskriterium zu sein!
ab 19,00 €
Produktbild Was das Valley herrschen nennt
4/5
  • Herbert Hofer
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4/5

Was das Valley herrschen nennt

Adrian Daub versammelt in diesem Buch Betrachtungen zu jener Macht, die die kalifornischen Tech-Konzerne innehaben, mit welchem Bewusstsein sie ausgeübt wird und wie sich dieses Bewusstsein in den letzten Jahren verändert hat. Ein großer Teil des Textes ist somit jenen Personen gewidmet, bei denen sich diese Macht bündelt, den Gründern (gendern nicht nötig, es sind nur Männer) ebenjener Konzerne, ihren Ideen, ihren Zielsetzungen und dem, was Douglas Rushkoff ihr Mindset genannt hat. Das sind Themen, die in letzter Zeit von vielen Autoren behandelt wurden und obwohl ich einige von ihnen gelesen habe fand ich bei Daub weiterhin interessante Aspekte und ebensolche Analysen. ____ Ich blättere noch in dem Buch herum, auch nachdem ich es bereits gelesen habe und finde immer noch Passagen, die ich mir markiere. Auch das scheint mir ein Qualitätskriterium zu sein!

Meine Lieblingswerke

  • Produktbild Propaganda
    • Herbert Hofer
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    5/5

    Propaganda

    Was für ein Buch! Selbstverständlich alle 5 Sterne und einen sechsten noch oben drauf! ____ Steffen Kopetzky erschafft in „Propaganda“ mit souveräner Leichtigkeit einen sparchlichen und erzählerischen Sog, der buchstäblich von der ersten bis zur letzten Seite anhält. ____ Der Klappentext verspricht einen Handlungsbogen vom Zweiten Weltkrieg bis Vietnam und wie dieses Versprechen eingelöst wird, ist schlicht furios. ____ Die Hauptfigur ist der fiktive Charakter John Glueck, der als deutschstämmiger und auch -sprachiger Amerikaner zwei Wünsche hegt: Schriststeller zu werden und das Land seiner Vorfahren, dessen Kultur er verehrt, von den Nazís zu befreien. Eine Interessenslage, die ihn für die Propaganda Abteilung der US Armee interessant erscheinen lässt und wie geeignet er dafür ist und wie sehr er Begeisterung zu wecken in der Lage ist, erfährt der Leser ziemlich zu Beginn an einer Rede, die der Autor ihn halb betrunken in einer Bar seinen Freunden vortragen lässt! ____ Als Leutnant John Glueck vom Department of Psychological Warfare, kurz Sykewar, ziehen ihn seine Aufgaben ebensosehr wie seine persönliche Begeisterung immer wieder in das absolute Zentrum der Ereignisse. So trifft er in Frankreich Ernest Hemingway, dessen damalige Strahlkraft er für seine Propaganda nutzen möchte, um mit ihm die Befreiung von Paris mitzuerleben (und jede Menge Alkohol zu trinken). In der nächsten Etappe verschlägt es ihn und Hemingway (und übrigens auch J. D. Salinger) an die Front in die Schlacht am Hürtgenwald - für die Amerikaner aufgrund mangelnder Aufklärungsarbeit eine der katastrophalsten Schlachten ihrer gesamten Militärgeschichte! Und es ist ausgerechnet dieser Höllenort, wo er eine Begegnung hat, die ihm Jahrzehnte später zum moralischen Kompass bei der Beurteilung der Vorgehensweise der US Armee und auch der US Politik im Vietnam Krieg wird. ____ Dort, in Vietnam, erfährt John Glueck ein weiteres zentrales Erlebnis zu dem, was es bedeutet, Krieg zu führen, und übrigens auch jene Vergiftung, die zu einer unheilbaren Hautkrankheit mit abstoßend starker Schuppenbildung führt, die ihm den Spitznamen Snakeman einbringt. ____ All das erfahren wir aus einem Romanmanuskript, das John Glueck 1971 aufsetzt, während einer Haftstrafe, die in Zusammenhang mit den Pentagon Papers steht und die er auch zu seinem eigenen Schutz in Kauf nimmt. Und es ist wieder eine Rede, diesmal eine längere aber ebenso fulminante, in der John Glueck seine persönlichen Erlebnisse mit dem moralischen Verfall der US Politik in Verbindung setzt. ____ Neben dem klar erkenntlichen fiktiven Charakter ist der Text mit einer ungeheuren Menge historischer Fakten und Details angereichert sodass man das Buch eigentlich zweimal lesen sollte - einmal ohne und einmal mit begleitender Wikipedia Recherche. ____ Ich fand es unglaublich gut und halte das Zusatzsternchen weiterhin für gerechtfertigt: 6 von 5 möglichen!

  • Produktbild Das blinde Licht
    • Herbert Hofer
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    5/5

    Das blinde Licht

    Manche Bücher setzen mit einer Vehemenz an, durch die man sich unweigerlich an das Bekenntnis des amerikanischen Konzeptkünstlers Bruce Naumann erinnert fühlt, seine Kunst solle wirken wie ein Schlag ins Genick. 
 Einige erste Absätze der aktuelleren Literatur erfüllen diese Vorgabe umwerfend gut: Sterben von Knausgard, Karte und Gebiet von Houellebecq, Tyll von Kehlmann oder Die Tagesordnung von Vuillard beispielsweise. Und jetzt eben Das blinde Licht von Benjamin Labatut. Der hat mit dem letztgenanntem Vuillard nicht nur die Wucht präzise gewählter Details gemeinsam, sondern auch den konzeptuellen Zugang.
 Labatut versammelt in diesem seinem ersten auf Deutsch bei Suhrkamp erschienenen Buch biografische Erzählungen über herausragende Wissenschafter, die mit ihren außergewöhnlichen analytischen Fähigkeiten an gefährliche Grenzen gerieten. An die der eigenen geistigen und körperlichen Gesundheit zuallererst, vor Allem aber auch an jene, mit ihren Entdeckungen zwar das Wissen über die Welt bereichert, dabei aber der Menschheit Mittel in die Hand gelegt zu haben, die ihre massenhafte Vernichtung möglich machen. 
 Auch wenn manche wissenschaftliche Entstehungsgeschichte, die der Autor beschreibt, schon lange vor dem 20ten Jahrhundert, lange vor dessen technischen Möglichkeiten und menschlichen Abgründen begonnen hatte, in genau diesen Schrecken der Massenvernichtung - in den Versuch ihrer Vermeidung aber auch in ihre Umsetzung - darin münden, wie von einem Sog erfasst, alle hier versammelten Biografien und alle hier beschriebenen Entwicklungen. 
Dieses Thema und diese historischen Details bilden unbestreitbar eine überwältigende Ausgangslage für große Literatur. Sie erfordern - neben immenser Recherchearbeit - aber auch einen äusserst souveränen Autor, um ihnen gerecht zu werden. Und ein solcher ist Benjamin Labatut ganz unzweifelhaft! Deshalb ist meine ganz große Bitte an Sie: lesen Sie es!

  • Produktbild Trauriger Tiger
    • Herbert Hofer
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    5/5

    Trauriger Tiger

    Trauriger Tiger von Neige Sinno ist ein besonders beeindruckendes Buch - und übrigens das bislang erste, das ich, unmittelbar nachdem ich es beendet hatte, wieder von vorne zu lesen begonnen habe. Die Autorin schreibt darin über die regelmäßigen, systematischen und über Jahre wiederholten Vergewaltigungen, denen sie durch ihren Stiefvater ab ihrem 7ten oder 8ten Lebensalter bis nach der Pubertät ausgesetzt war. Auch wenn sie insbesondere im ersten Drittel des Textes die Gewalttaten teilweise sehr detailliert beschreibt, ist ihr Tonfall dabei ruhig, sehr persönlich und ganz sicher nicht von Selbstmitleid bestimmt. ___ Sie schreibt über die Ereignisse selbst und den Prozess zu dem es kam, nachdem sie sich entschlossen hatte, zum Schutz ihrer jüngeren Geschwister das Schweigen zu brechen und den Stiefvater anzuzeigen. Eigentlich ist der Text aber eine Art Essay in dem sie das Thema aus einer Vielzahl von Perspektiven umkreist. Sie führt soziologische Befunde und Statistiken ebenso an wie etwa Zeitungsartikel, die über sie erschienen sind. Dabei wirkt sie niemals theoretisierend oder abstrakt sondern geht immer von ihrem eigenen Erleben aus, geleitet von einer enormen Bedachtsamkeit und Sensibilität. Und ich denke, es ist diese Genauigkeit ihres Betrachtens und Differenzierens, die dieses Buch so einzigartig macht. Dabei ist immer klar, die Deformationen, die die Vergewaltigungen verursacht haben, die Albträume, die hören nicht auf, die gehen nicht weg! ___ Neige Sinno ist nicht nur Autorin sondern auch Literaturwissenschafterin und ihre Verweise auf Literatur, die sich diesem Thema widmet - allen voran natürlich Lolita von Nabokov - verleihen dem Buch eine zusätzliche Breite. In Frankreich war ihr Buch ein riesen Erfolg und man wünscht diesem Buch auch im deutschsprachigen Raum viele Leser (und vielen Lesern dieses Buch, ungeachtet des belastenden Themas) ___ Ein wichtiges, und dabei umwerfend gutes Buch!

  • Produktbild Aufbrechen
    • Herbert Hofer
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    5/5

    Aufbrechen

    Aufbrechen ist der erste Band der autobiografisch geprägtenTambudzai-Trilogie rund um eine junge Rhodesierin dieses Namens, die sich als junge Frau und als dunkelhäutige Person nach bestmöglicher Bildung sehnt - in einer von Männern und von Weißen geprägten Welt, die sich ihr gegenüber nie als gerecht erweisen wird. ____ Nachdem ihr Bruder überraschend verstorben war erhält die Ich-Erzählerin Tambu, so die zumeist verwendete Kurzform, die Möglichkeit eine Missionsschule zu besuchen, die von ihrem Onkel Babamukuru geleitet wird. Babamukuru und dessen Ehefrau Maiguru, in deren Haus Tambudzai künftig wohnen wird, zählen zu den ersten Afrikanern, die in England akademische Ausbildungen absolvieren konnten. ____ Sie war von ihrem Bruder, der stolz auf seine höhere Bildung gewesen war, immer wieder sehr demütigend behandelt worden, somit geht diese Veränderung, wie auch viele Folgende, für Tambu mit intensiven Gefühlen einher. Dangarembge lässt den Leser sehr genau und sehr nahe an diesen reichen Emotionen und oft ängstlichen und zweifelnden Selbstbetrachtungen der jungen Protagonistin teilhaben. Dabei gelingt es der Autorin, diese Gefühlsebene unmittelbar mit einer analytischeren Stimme zu begleiten, die die Ereignisse auf ganz reale Weise beschreibt. Eine Analyse, die vielleicht nicht die noch jugendliche Tambu in der jeweils aktuellen Situation vorgenommen haben könnte, die aber so etwas wie eine nachträgliche Betrachtung darstellen könnte. ____ Diese Welt, in der Tambu sich nach Bildung und Selbstbestimmung sehnt - das Rhodesien der 60er Jahre - ist nicht nur von Weißen dominiert, es ist auch die Gesellschaft der Shona, denen Tambus Familie angehört, extrem patriarchal und geradezu beklemmend hierarchisch strukturiert. Diese Themen werden anhand von Tambus Cousine Nyasha dargestellt, die mit ihren Eltern in England gelebt hatte und dieser patriarchalen Ordnung offen kritisch gegenübersteht. ____ „Aufbrechen“ von Tsitsi Dangarembge war für mich ein ganz besonders intensives und wirklich herausragendes Leseerlebnis, das einen Blick auf die Welt wiedergibt, der nach wie vor zu wenig Beachtung findet.

  • Produktbild Das Meer der endlosen Ruhe
    • Herbert Hofer
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    5/5

    Das Meer der endlosen Ruhe

    Den Texten von Emily St. John Mandel gelingt es, den darin beschrieben Welten eine besondere Schönheit zu verleihen und mich besonders tief emotional zu berühren. Wie die Autorin diese Wirkung zustande bringt, vermag ich nicht zu beurteilen aber ich kann Dinge benennen, die mir beim Lesen bemerkenswert erschienen sind. ____ So wie zuvor auch „Station Eleven“ ist „Das Meer der endlosen Ruhe“ verblüffend gekonnt konstruiert. Man ist schon recht weit im Buch vorangekommen, hat die Ausgestaltung der Orte und Epochen, in denen es spielt, miterlebt, bis einem das eigentliche Thema des Buches allmählich klar wird. ____ Und als Zweites finde ich charakteristisch, dass alles aus einer gewissen Entrücktheit, aus Melancholie, aus der Distanz, aus Mittelbarkeit beschrieben ist. Da ist die Teilnahmslosigkeit mit der die Figuren Edwin St. John St. Andrew und Gaspery-Jacques Roberts - anfangs! - ihre Leben leben. Da ist die Beschreibung der Mondkolonie mit ihren Simulationen eines irdischen Himmels (samt Wolken und vorprogrammierten Regenfällen). Da ist das - mehrmals zitierte - Geigenspiel, das im Terminal einer Weltraumstation hallt. Da ist der Blick in die kalte Leblosigkeit des Weltalls in jener Kolonie, die ohne Himmelssimulation auskommen muss. Da sind die stets gleichen, nur unterschiedlich eingefärbten Hotelzimmer, in denen die Autorin Olive Llewellyn bei ihrer Lesereise unterkommt. All das ist in gewisser Weise schön oder vielleicht sogar strahlend beschrieben - aber eben, wie unter einer Glaskuppel oder als ob es nur eine Erinnerung wäre. ____ Dass man so lange keine genaue Idee vom eigentlichen Thema erhält, erhöht den Reiz des Buches sehr, weswegen hier nur verraten sei, dass über einen Zeitraum von ein paar hundert Jahren Anomalien beobachtet werden, die erschreckende Vermutungen über Manipulationen der menschlichen Wahrnehmung nahelegen. ____ Mich hat die Athmosphäre beider Bücher, die ich bislang von Emily St. John Mandel gelesen habe, zutiefst berührt und beeindruckt, entsprechend ist auch „Das Meer der endlosen Ruhe“ eine ganz besonders nachdrückliche Lesempfehlung - und zwar nicht nur für Science-Fiction Leser:innen sondern ganz sicher auch für Fans von gehobener Belletristik!

  • Produktbild Anfänge
    • Herbert Hofer
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    5/5

    Anfänge

    Es ist schon einige Zeit her, dass ich „Anfänge“ von David Graeber und David Wendrow gelesen habe. Aber nachdem es für mich nach wie vor eines der wichtigsten und inspirierendsten Bücher der letzten Jahre ist, möchte ich doch unbedingt eine Empfehlung dafür abgeben (die notgedrungen etwas oberflächlicher ausfällt, als das Buch es verdienen würde). ____ Graeber und Wendrow unternehmen darin den Versuch einer detaillierteren Darstellung der frühen Formen menschlichen Zusammenlebens - und zwar eine, die auf archäologischen und anthropologischen Fakten sowie auf Berichten über und auch von indigene/n Völker/n beruht. Sie wenden sich dabei ganz explizit gegen die immer gleiche Wiederholung des Mythos beispielsweise durch Autoren wie Harari und Diamond, demzufolge Jäger und Sammler Gesellschaften alle gleich egalitär organisiert gewesen wären und erst die Entwicklung der Landwirtschaft Hierarchien und Spezialisierungen hervorgebracht hätte. ____ Eine Vielzahl an Befunden belegen verschiedenste politische Modelle, unter denen Menschen über Jahrtausende zusammen gelebt haben, darunter auch solche, die es dem gängigen Mythos zufolge gar nicht gegeben haben soll - Monumentalbauten, die von nichtsesshaften Menschen errichtet wurden, sesshafte Menschen, die Ansiedlungen ohne erkennbares (rituelles oder politisches) Zentrum errichtet haben und sogar Gesellschaften, die in unterschiedlichen Jahreszeiten unterschiedliche Organisationsformen gewählt haben. Und es ist ja tatsächlich schwer vorstellbar, dass die Menschheit - der moderne Mensch, aber auch seine ausgestorbenen Verwandten - über Jahrhunderttausende gelebt haben soll ohne je über Formen des Zusammenlebens nachgedacht und gesprochen zu haben - und einzig die „Erfindung“ der Landwirtschaft das plötzlich geändert haben soll. ____ Zum Thema der Entwicklung von Landwirtschaft gibt es übrigens auch Befunde, die diesen Prozess plastischer, und als weniger plötzlich und weniger zielgerichtet beschreiben. ____ Wie profund die beiden Wissenschater in Ihrem Werk vorgehen, zeigt sich für mich ziemlich zu Beginn des Buches an ihrem Umgang mit dem Begriff der Gleichheit. Während sich andere Autoren (darunter auch die oben erwähnten) gleich an die Beantwortung der Frage machen würden, wann in der Menschheitsgeschichte Gleichheit geherrscht haben soll und ab wann nicht mehr, betrachten Graeber und Wendrow zuerst einmal die Frage: was ist Gleichheit und was inkludiert sie? Ist das politische und wirtschaftliche Gleichheit, oder auch Gleichheit in der Rollenverteilung der Geschlechter? Und, in einem nächsten Schritt, wie gerät dasThema der Gleichheit/Ungleichheit im 18. Jahrhundert (durch Rousseau) überhaupt in die europäischen philosophischen Diskurse? In einer Epoche somit, in der jeder Aspekt der europäischen Gesellschaften zutiefst hierarchisch geprägt war? Die Beantwortung dieser Frage ist ein umfangreiches und faszinierendes Kapitel und hat mit indigenen Perspektiven zu tun, deren Habilitation den Autoren ein zentrales Anliegen ist. ____ In den frühen Formen menschlichen Zusammenlebens werden sich möglicherweise kaum Lösungsansätze finden, die einer heutigen Weltbevölkerung von über 8 Milliarden Menschen hilfreich sein können. Aber einer biologischen Spezies anzugehören, zu deren DNA es gehört, immer neue politische Ideen zu entwickeln, fühlt sich doch deutlich hoffnungsvoller an als die immer gleiche Darstellung eben dieser Gattung als einer, die vor 10.000 Jahren Entscheidungen getroffen haben soll, die eine immerwährende Unfreiheit zur Folge haben sollen. ___ Mich hat das Buch zutiefst beeindruckt und wohl auch geprägt und ich bin fest entschlossen, es irgendwann einmal erneut zu lesen!

  • Produktbild Wild wuchern
    • Herbert Hofer
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    5/5

    Wild wuchern

    Wahnsinns Buch, ganz ganz toll! Selbstermächtigung in den Tiroler Bergen, österreichische Umgangssprache als wuchtige, machtvolle, dennoch präzise Literatur! Unbedingte Leseempfehlung!

  • Produktbild Kesseltreiben
    • Herbert Hofer
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    5/5

    Kesseltreiben

    Dominique Manotti ist das Pseudonym der französischen Wirtschaftshistorikerin und Gewerkschafterin Marie-Noëlle Thibault, die mit 50 aus Enttäuschung über die Regierung Mitterand begonnen hat, Politthriller zu verfassen. Dabei folgt sie dem klaren Programm, sich von realen Polit- und Finanzskandalen inspirieren zu lassen und davon in einer raschen, harten, an Berichte erinnernden Sprache zu erzählen. Gelegentliche, abrupte Wechsel der Erzählperspektive erhöhen zusätzlich das Tempo. 
 Der Roman Kesseltreiben behandelt die Übernahme des französischen Konzerns Alstom durch den US-amerikanischen Konzern General Electric, im Buch ersetzt durch die Firmennamen Orstam und Power Energy. Wenn dabei ein ranghoher Orstam Manager bei der Einreise in die USA verhaftet wird, ist das nur die erste spürbare Maßnahme, Druck auf Repräsentanten des Konzerns auszuüben. Im Hintergrund hatten US Geheimdienste und Justiz schon längst begonnen, Druckmittel zu sammeln.
 Denn schliesslich sind in den oberen Etagen der Industrie die Eitelkeiten groß und der Versuchungen viele. Bestechung ist illegal aber systemimmanent, Kokain fast ebenso und beim Feiern gerät man schon mal an Mädchen, die deutlich jünger sind, als man gedacht - und der Gesetzgeber toleriert - hätte.
 Eine neu gegründete Abteilung für Wirtschaftliche Sicherheit wird auf Vorgänge bei Ostram aufmerksam und bringt sie mit anderen Vergehen in Verbindung - Geldwäsche, Mord, Korruption.
 Den Druck, der auf Kontrahenten ausgeübt wird, plastisch erlebbar zu machen ist eine besondere Spezialität von Manotti und den Manövern und Inszenierungen beizuwohnen, mit denen die Akteure zu Zusammenarbeit und Auskünften gezwungen werden, ein guter Teil des Vergnügens, sie zu lesen. Unweigerlich erhält man den Eindruck, Manotti kenne Details solcher Vorgänge aus erster Hand und es ist gerade die Kenntnis vieler unbedeutender Kleinigkeiten, die der Autorin solche Glaubwürdigkeit verleiht. Man glaubt Manotti mit jedem Wort, dass sich manche Deals in der Hochfinanz so oder sehr ähnlich zutragen! Die Bedeutung dieser Autorin geht weit über das Krimi/Thriller Genre hinaus, wer wissen will, in welch einer Welt er/sie lebt, sollte Manotti lesen. Kesseltreiben ist meiner Meinung nach ihr bislang brilliantestes Buch. Bitte lesen Sie es, es ist toll!

  • Produktbild Das Lied des Propheten
    • Herbert Hofer
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    5/5

    Das Lied des Propheten

    Das Lied des Propheten ist durchaus fordernde und emotional belastende und dabei umso wichtigere Lektüre. In Folge einer nicht näher definierten Krise wird das Land, in dem der Roman spielt, per Notverordnungen regiert und entwickelt sich zusendends autoritärer und diktatorischer. Nun hat Paul Lynch dieses Szenario nicht in eine unbestimmte Zukunft oder Weltgegend verlagert sondern in ein Irland das zwar zweifelllos fiktiv aber dennoch im heutigen Europa angesiedelt ist. Ganz deutlich wird dem Leser damit vermittelt wie wenig weit es von einer funktionierenden Demokratie zu einer Diktatur sein kann und ein Rundumblick jetzt, im Oktober 2024, wird diesen Befund nur unterstreichen können! ___ Das Buch beschreibt das subjektive Erleben Eilish Stack's, Mutter von vier Kindern und Ehefrau von Larry. Die Ereignisse beginnen, als Larry, Funktionär der Lehrergewerkschaft, erst zu einer Befragung geladen und kurz danach verhaftet wird und und in der Folge unauffindbar ist. Die machthabende Partei erhöht den Druck, Ausgrenzungen, Drohungen, Säuberungen, behördliche Schikanen setzen Eilish nicht nur psychisch zu sondern machen ihren Alltag - als Ehefrau eines Regimegegners - mit den Kindern und dem demenzkranken Vater zusehends schwieriger. Rebellen leisten Widerstand, die Lage verschärft sich weiter, Hinrichtungen, Folter, Bürgerkrieg sind die unweigerlichen Folgen, Eilish und ihre Kinder in unterschiedlicher Weise von alledem betroffen, sie selbst als Mutter stets versuchend, den Kindern Zuversicht zu geben. ___ Paul Lynch’s Text hat sehr wenige Absätze, direkte Reden sind nicht durch Anführungszeichen gekennzeichnet, es gibt unkommentierte Zeitsprünge in der Handlung und es vermischen sich oft Träume und Fantasien mit den Handlungselementen. Das sind Kunstgriffe, die die Lektüre möglicherweise schwieriger machen, aber sie sorgen auch für eine Permanenz des Drucks und erhöhen die Emotionalität des Textes noch einmal deutlich - bis zu wirklich schwer erträglichen Szenen! ___ Paul Lynch wurde für dieses Buch mit dem Booker-Preis ausgezeichnet, es wurde mit so vielen Superlativen bedacht, dass es schwerfällt noch eigene Attribute dafür zu finden: ich fand es eindringlich und intensiv und es ist von einer beklemmenden Aktualität!

  • Produktbild America Fantastica
    • Herbert Hofer
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    5/5

    America Fantastica

    Ein großes Lesevergnügen in einem Mix aus Krimi und Polit- / Gesellschaftssatire, eine Tour de force durch keine Ahnung wieviele Bundesstaaten und einer sicherlich dreistelligen Anzahl an Straftaten, bis zum Schluß spannend und amüsant und dabei sogar - auf eine zugegeben etwas spröde Art - ein bißchen romantisch! ____ In den Vereinigten Staaten von Amerika grassiert eine Epidemie! Es ist allerdings nicht das Corona Virus - obwohl auch dieses seine Rolle spielen wird - es ist eine Epidemie des Lügens, der Fake News, der alternative facts: in der Hotline der Steuerbehörde sitzen Echsenmenschen, die exhumierten Knochen früherer Sklaven weisen auf einen gesunden und angenehmen Lebensstil hin und bei der Antrittsrede des Präsidenten (ja, genau dieses Präsidenten) ist die größte Menschenmenge der amerikanischen Geschichte zusammengetroffen. ____ Und man hat den Eindruck, dass der Autor sich bemüht hat, eine Gruppe handelnder Personen aus allen Gesellschaftsschichten zusammenzustellen, die sich eines solchen Präsidenten auch als würdig erweisen würde: so gut wie alle sind mit der allergrößten Selbstverständlichkeit kriminell, sodass Boyd Halversons Straftat, mit der die Handlung beginnt (Bankraub mit einhergehender Geiselnahme), geradezu eine Bagatelle darstellt! ____ Ein Parforceritt durch ein moralisch verwahrlostes Amerika, dem die Betrügereien seines Präsidenten den letzten Rest geben, geschrieben in einem Jargon der an Quentin Tarantino oder Ross Thomas erinnert (falls Sie den nicht kennen: auch eine Empfehlung) und dem Tom Waits als Soundtrack gut anstünde: and if you think that you can tell a bigger tale I swear to God you’d have to tell a lie ...! ____ Ich fand es toll, ganz klar fünf Sterne, eigentlich sogar eher sechs!

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