Geht so
Roman. Der große Überraschungserfolg aus Spanien | »Klug und urkomisch, auch - oder gerade - weil man sich selbst darin wiedererkennt.« ELENA MEDEL
Marisa ist mit den Nerven am Ende. Ihr Bullshit-Job in einer Madrider Werbeagentur, in dem sie nur durch Zufall gelandet ist, langweilt sie zu Tode, und das tägliche Hamsterrad des Angestelltendaseins erträgt sie nur noch, indem sie ihre Sinne mit einer Mischung aus bizarren YouTube-Videos und Beruhigungsmitteln betäubt. Als ein Teambuilding-Wochenende ansteht, gerät Marisas Angststörung völlig außer Kontrolle. Allmählich zeigen sich Risse in ihrer sorgsam aufrechterhaltenen Fassade - und die Idee, auf den Firmenausflug diverse Drogen mitzunehmen, trägt vielleicht nicht unbedingt dazu bei, ihr Leben wieder in geordnetere Bahnen zu lenken ...
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Viel besser als „Geht so“
Micha_W am 31.03.2026
Bewertungsnummer: 3095283
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Beatriz Serrano ist nicht nur Spanierin, sondern auch eine Überraschung. Die studierte Journalistin und erfolgreiche Podcasterin hat mit „El descontento (Temas de hoy)“ einen grandiosen literarischen Treffer gelandet. „Unzufriedenheit (Themen von heute)“ wäre die eigentlich korrekte, aber doch recht sachliche und sperrige Titel-Übersetzung gewesen. Der Eichborn-Verlag hat daraus ein knackiges und flapsiges „Geht so“ gemacht und wird dem Inhalt in der Tat mehr gerecht.
Auch eine an dieser Stelle übliche Inhaltsangabe würde dem Buch wegen inadäquater Sachlichkeit in keiner Weise entsprechen. Aber muss ja wohl sein. Es geht um eine Marketing-Angestellte in einer Madrider Agentur, die im Frust über ihren sisyphoshaften Alltag in Sarkasmus, Isolation und Medikamente gegen Angststörungen und Panikattacken flüchtet. Und in eine Freundschaft mit gewissen Extras mit ihrem Nachbarn Pablo. Das ist sozusagen das Framing, das grobe Handlungsskript. Das Buch lebt jedoch in allererster Linie von den feinen Beobachtungen der Protagonistin Marisa in einer Vielzahl von mosaikartig aneinandergereihten Makro-Szenen eines ach so typischen Büroalltags. Wiedererkennungseffekte en masse garantiert. Die künstlichen Erregungen über Bagatellen, die Floskeln und Plattitüden im Umgang miteinander, die falsche Vorspiegelung von Kollegialität und Sympathie einerseits und gnadenlosem Karrierestreben auf der Hierarchieleiter andererseits. Durch all das schlängelt sich Marisa mit über Jahre antrainierten, instinktiven Verhaltensweisen und intuitivem Geschick, ist folgerichtig aufgestiegen, sollte also Genugtuung empfinden, das System zu ihren Gunsten durchschaut zu haben. Aber sie ist unglücklich. Mit ihrem Job, mit ihrem Leben, mit sich.
Seine absoluten Höhepunkte hat der Roman, wenn die Autorin ihre Leserschaft an Marisas Gedanken teilhaben lässt. Die folgenden Zitate sind nur ein marginaler Auszug aus der enormen humoristisch-ironischen Note, die letztendlich zum Erfolg des Buches entscheidend beigetragen hat.
Zu ihrer eigenen Rolle: „Ich werde mich für die nächsten acht Stunden in das verwandeln, was der Kapitalismus unter Feminismus versteht. In jenes konstruierte Monstrum von Vollfrau, die einfach alles schafft.“
Über ihre Kollegen: „Wie wohl sie sich fühlen in der Wiederholung, im Immer-wieder-Aufwärmen derselben Gedanken und Floskeln, in der Kommunikation der Oberfläche.“
„… der bescheuerte Tanz der Gemeinplätze, der jedes Meeting in allen Unternehmen der Welt einläutet …“
„… diese Pflicht-Pantomime im Büro …“
… ob man diese eisernen Überzeugungen nur hat, weil man sie immer und immer wieder wiederholt.“
Über ihre Kolleginnen, die nach der Schwangerschaft an den Arbeitsplatz zurückkehren: „Ein Kind ist immer eine große Freude, aber die Mutter fängt schnell an zu rosten und hält das ganze System auf.“
Das klingt teilweise düsterer, als es ist. Denn hat man aus dem eigenen Leben all diese realistischen Bilder vor Augen, wird der Roman zur erheiternden Parodie, bei der man mehr als einmal vor Lachen herausprusten muss. Wer kennt sie nicht, all diese nervigen Gesten und sinnentleerten Worthülsen bis hin zum allmittäglichen „Maaahlzeit“ vor und in der Kantine, wo es einen immer wieder wundert, dass hier nicht mehr psychiatrische Notfälle generiert werden.
Wie es einen guten belletristischen Roman ausmacht, liegen aber Lachen und Weinen dicht beieinander. Spätestens wenn man sich fragt, warum Marisa nicht aus diesem Alltag flieht, nicht einen anderen Lebensweg einschlägt, wo sie doch so unzufrieden scheint. Zwei Freundinnen sind mehr oder weniger beim Ausbruch aus dem System gescheitert. Eine verübt auf einem Bahnhof Suizid, die andere verdient ihr Geld nach diversen plastischen Operationen durch reiche Liebhaber, weigert sich aber standhaft, dies sich selbst gegenüber als Prostitution zu deklarieren.
Am leider recht melodramatischen Schluss des Buches findet Marisa unfreiwillig eine sich von außen ergebende Lösung, also wieder nicht aktiv, sondern passiv zugeflogen. Aber es kann wohl eher nicht der Ausweg für alle Menschen in dieser Lage sein. An dieser Stelle wird einem spätestens bewusst, dass die Lebensphilosophie der Protagonistin (und der Autorin?) eigentlich schon im einleitenden Zitat des bulgarischen Schriftstellers Georgi Gospodinow aus „Physik der Schwermut“ deutlich wurde: „Unternimmt man gewisse Anstrengungen, normal zu erscheinen, spart man sich ziemlich viel Zeit, während der man so sein kann, wie man sein will.“ Das schränkt den Aktivitätsgrad in Richtung verändernder Maßnahmen schon einmal sehr ein.
Aber diese lebensphilosophischen Fragezeichen im finalen Teil geben allenfalls Abzüge in der B-Note. Oll over ist Beatriz Serrano ein sehr kurzweiliges und durchweg unterhaltsames Buch gelungen, das einen ein ums andere Mal in den Spiegel schauen lässt.
Zum Schluss ein ganz großes Lob an die Übersetzerin Christiane Quandt, die die Pointen mit sicherlich schwierigen spanischen Original-Termini perfekt treffend ins Deutsche transferiert hat und in beiden Sprachen über einen unglaublichen Wortschatz verfügen muss. Wer kommt denn sonst beim Übersetzen auf Begriffe wie „veritabler Schwengel“? Qué bueno!
Böse ehrlich
Katie am 05.08.2025
Bewertungsnummer: 2559038
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Buch begeistert vom Cover bis zur letzten Seite.
Es ist einfach nur gut. Man kann das Büroleben so gut nachvollziehen und hasst sich danach etwas selber, weil man in manchen Momenten auch so ist.
Meinung aus der Buchhandlung
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Marisa geht es von außen betrachtet gut. Sie arbeitet in einer Madrider Marketing Werbeagentur, verdient so gut, dass sie sich ein kleines Appartement mit Dachterrasse und Einkäufe in der Delikatessenabteilung leisten kann. Allerdings langweilt sie ihr Job zu Tode. Sinnlose Meetings und Gespräche mit ihren Kolleg*innen erträgt sie nur mit Hilfe von Beruhigungsmitteln und dem Schauen von sinnbefreiten YouTube-Videos.
Dies alles wird noch getoppt durch das Teambuilding Event für Führungskräfte, an dem sie nicht nur teilnehmen, sondern auch einen Beitrag vorbereiten muss. Ob es eine gute Idee von ihr ist, verschiedene Drogen mit zu der Veranstaltung zu nehmen, um ihre Angstzustände zu bekämpfen, wird sich noch herausstellen.
Beatriz Serrano gelingt es in diesem Buch ihre Leser*innen gleichzeitig zum Lachen zu bringen und parallel dazu, dass ihnen dieses Lachen im Halse stecken bleibt. Auf der einen Seite beschreibt sie die ewig gleichen Tagesabläufe, unnötige Meetings und unwichtige Absprachen und den Kampf um die Pole Position auf der Aufmerksamkeitsskala der Chefetage so witzig und bissig, dass man sich kugeln könnte, um auf der anderen Seite die tiefe Traurigkeit und Verzweiflung der jungen Frau zu spüren. Gefangen in einem sinnlosen Job, in dem nur der schöne Schein zählt, ist Marisa zu schwach, um etwas daran zu ändern. Sie ist ausgebrannt vor lauter Langeweile, etwas das es in vielen Jobs gibt. Sie erledigt langweilige Aufgaben und hat nichts, mit dem sie wirklich etwas erreichen kann, ein Phänomen unserer Zeit.
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Es schildert die Geschichte Marisas, Mitte 30, die ihren Job als Head of Creative in einer Madrider Werbeagentur nicht mehr erträgt. Erfolgreich, strahlend, selbstbewusst, geschätzt und respektiert, kämpft Marisa aber im täglichen Hamsterrad um zu überleben. Die Realität ihres Inneren scheint aber ganz anders zu sein… Damit sie ihre Arbeitsleistung erbringt, wird sie von Beruhigungsmitteln und Drogen abhängig. Das Thema des Buches findet sich genau hier: wo zieht man die Grenzen zwischen Arbeit und psychischer Gesundheit, wenn die beiden gegeneinander sprechen?
Marisa hat das Gefühl eine (sehr gute) Rolle zu spielen. Sie beschreibt wie oberflächlich die Unterhaltungen zwischen Kollegen klingen, wie hypokritisch man in einer Firma wirken kann – dafür nimmt sie das Beispiel einer ehemaligen Kollegin, die sehr einsam im Büro war, die sich nach ein paar Monaten umgebracht hat. Alle Mitarbeiter schienen traurig, aber beschwerten sich, da sie wegen ihres Todes mehr Aufgaben hatten.
Serrano bietet eine Gesellschaftskritik mit einer humorvollen und sarkastischen Stimme. Der witzige und überspitzte Schreibstil hat mich sofort abgeholt, da die Autorin es schafft über Themen wie Feminismus, Trauer, Einsamkeit und Freundschaft in einer modernen Perspektive zu erzählen. Marisa schaut Youtube um sich abzulenken und vieles kennt meine Generation sicher auch, sodass ich mich der Protagonistin näher gefühlt habe – obwohl eine gute Menge ihrer Entscheidungen sehr fragwürdig waren und ihr „alles ist es mir egal“ Verhalten oft unsympathisch rüberkam.
Ich muss aber sagen, dass der letzte Teil mich ein bisschen enttäuscht hat. Die Teambuilding Veranstaltung, präsentiert als der Höhepunkt des Buches, war eine Irre. Ich kann es kaum fassen, alles kam mir so irreal vor und war fast wie ein Albtraum von Marisa. Und ganz am Schluss, indem sie sich freut, verletzt zu sein, damit sie nicht am nächsten Tag in die Arbeit muss, war zwar eine interessante Idee, da sie zeigt, wie sehr Marisa am Ende ist, aber mmn übertrieben oder zu wenig reflektiert.
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