Ein überraschender Roman über sexuelle Begierde, künstliche Befruchtung und ein Leben außerhalb sozialer Normen
Amane stellt mit Entsetzen fest, dass ihre Eltern 'kopuliert' haben, um sie zu zeugen, anstatt wie alle anderen die Vorteile künstlicher Befruchtung zu nutzen. Auch wenn ihre Mutter an der alten Welt festhält und das Konzept Liebe verzweifelt verteidigt, will Amane dazugehören in einer Gesellschaft, in der Sex und Romantik fast ganz verschwunden sind. Mit ihrem Mann Saku zieht Amane in die experimentelle Stadt in Chiba, wo auch Männer Kinder in künstlichen Gebärmüttern austragen und sich alle Menschen gleichermaßen um alle Kinder kümmern. Ist das die schöne neue Welt, nach der Amane sich gesehnt hat?
'Heiter, schräg und on point.' Sally Rooney
'Murata nimmt eine kindliche Idee und hält mit fantasievoller Inbrunst daran fest, wobei sie auf brillante Weise die Herzlosigkeit und Willkür der Konventionen entlarvt.' New Yorker
'Sayaka Murata zementiert ihre Position als Kafka unserer Generation.' Politics & Prose
Kundinnen und Kunden meinen
3.8/5.0
Bewertung
Orell Füssli Book Circle Community
5/5
24.04.2026
eBook (ePUB 3)
Systemrelevante Fortpflanzung: Ein Sog aus Entsetzen und Passivität
„Schwindende Welt“ von Sayaka Murata ist eines dieser seltenen Bücher, die man nicht aus der Hand legen kann, obwohl (oder gerade weil) man über das Gelesene zutiefst entsetzt ist.
Das Gedankenexperiment, das Murata hier aufmacht, ist brillant und radikal. Sie entwirft eine Gesellschaft, in der die biologischen Rollen von Mann und Frau sowie die Konzepte von Sex und Fortpflanzung komplett entkoppelt und staatlich neu geordnet wurden. Der „Ekelfaktor“ und die klinische Sterilität dieser Welt sind meisterhaft beschrieben. Ich war so schockiert von der Kälte dieses Systems, dass ich das Buch fast in einem Rutsch durchlesen musste – ich wollte unbedingt wissen, wie die Protagonistin Amane in dieser Umgebung überlebt. Es hat mich auf eine Art gepackt, wie man es sonst nur von richtig guten Horrorbüchern kennt.
Man begleitet Amane durch ihren Alltag und spürt förmlich, wie sich der Druck der Gesellschaft auf sie auswirkt. Während des Lesens baut sich eine enorme Spannung auf. Man fiebert unwillkürlich mit und möchte einfach nur wissen, wie sich diese eiskalte Welt weiterentwickelt und welchen Weg Amane wählt.
Ein absolut fesselndes Leseerlebnis mit einem genialen und verstörenden Worldbuilding, das noch lange nachhallt. Wer dystopische Gedankenexperimente mag, wird dieses Buch verschlingen. Murata bleibt ihrer harten Linie bis zum Schluss treu und zieht ihr Konzept gnadenlos durch – ein positiv-verstörendes Leseabenteuer, das im Gedächtnis bleibt.
5 von 5 Sternen – Wegen der grandiosen Grundidee und der enormen Sogwirkung.
Klaus
Thalia Book Circle Community
1/5
12.04.2026
eBook (ePUB 3)
Verstörende Vision
Amane lebt in einer Zeit, in der Kinder durch künstliche Befruchtung zur Welt kommen, Sex wird nur noch von Wenigen praktiziert, verliebt wird sich eher in Figuren aus Filmen, oder Animeserien, als in reale Personen und wenn doch, dann geschieht das außerhalb der eigenen Familie, passende Lebenspartner findet man auf Datingpartys, wenn es genügend Übereinstimmung gibt, wird geheiratet. Amane selbst ist allerdings ein Kind, dass noch auf normalem Weg gezeugt wurde, sie findet diese Vorstellung mehr als verstörend und kann die Entscheidung ihrer Mutter, zu der sie ein sehr angespanntes Verhältnis hat, nicht nachvollziehen.
Die Geschichte Amanes wird in drei Teilen erzählt, man lernt sie als junges Mädchen kennen, erlebt ihre erste Verliebtheit, das Entecken ihrer Sexualität, ihre inneren Konflikte beim Heranwachsen und erhält schon einen ersten verwirrenden Blick auf die Welt in der Amane lebt. Im zweiten Teil dann ist Amane eine junge Frau, die immer mehr den Wunsch nach einer eigenen Familie spürt, die selbst Mutter werden möchte und dafür einen Partner auswählt. Der dritte Teil dann ist der wohl verstörendste des Buches, denn hier wird Amane Mutter, aber auf eine gänzlich andere Art, als es der Leser und Amane selbst erwartet hat.
Schon direkt zu Beginn habe ich sehr mit dem Stil des Buches gehadert, die Erzählweise ist so distanziert, so emotionslos, so ohne wirkliche Tiefe, dass ich mich teilweise sehr zwingen musste weiterzulesen. Selbst in Szenen, in denen Amane von ihrer Verliebtheit erzählt, kam nichts bei mir an, oftmals war das Beschriebene nüchtern und einschläfernd wie der Text in einem Aufklärungsbuch für den Sexualkundeunterricht. Wahrscheinlich soll das als Stilmittel wirken, das die Gesellschaft beschreibt, in der Amane lebt, aber bei mir hat das nichts ausgelöst. Im zweiten Teil wurde das dann etwas besser, hier habe ich langsam das Gefühl bekommen, dass sich die Geschichte in eine Richtung entwickeln könnte, wie ich sie mir eigentlich vom Klappentext her erwartet habe. Eine Dystopie vielleicht im Stil von “Report der Magd”, oder auch “Die geschützten Männer”, aber was dann am Ende auf mich gewartet hat, hat damit eher wenig zu tun.
Wer jetzt allerdings glaubt das Ende der Geschichte wäre keine heftige, verstörende und absolut beängstigende Zukunftsvision, täuscht sich gewaltig. All dies ist es, aber eben ganz anders als erwartet und leider auch ganz anders, als ich es als Leser bereit bin hinzunehmen, denn für mich überschreitet die Autorin hier eindeutig eine tief, tief rote Linie. Ich habe wie gesagt bis kurz vor Schluss in eine bestimmte Richtung gedacht, was das Ende des Buches betrifft, die Autorin hat mich hier etwas überrascht, aber tatsächlich hätte ich sogar damit leben können. Was allerdings dann wenige Seiten vor Schluss passiert, ist ein No-Go für mich. Irgendwie hatte ich da direkt ein Szenario im Kopf, mein Wunschszenario vielleicht, eines das mich etwas mit der Story versöhnt hätte, aber ich wusste schon nach wenigen Worten wohin das tatsächlich gehen wird und trozdem habe ich echt gehofft ich würde mich irren. Ich will hier natürlich nicht spoilern, obwohl es in diesem Fall vielleicht das Richtige wäre, ich kann nur sagen das mir übel geworden ist, bei dem was die Autorin da so nüchtern und emotionslos in den letzten Zeilen ihres Buches beschreibt.
Wer die Rezensionen zu diesem Buch liest, wird sich vielleicht wundern, denn viele davon sind sehr positiv und ja, vielleicht auch zu Recht, denn vielleicht verstehe ich hier den tieferen Sinn nicht, die Botschaft, was auch immer, vielleicht geht die Bedeutung des Ganzen schlicht an mir vorbei und normalerweise würde ich in so einem Fall sagen - bitte selber lesen, bitte eigene Meinung bilden. In diesem Fall allerdings nicht!
Bewertung
Book Circle Community
5/5
07.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Fortpflanzung ohne Sex – die neue Normalität
Mit Schwindende Welt legt Sayaka Murata ihren dritten auf Deutsch erschienenen Roman vor. Und wieder zieht sich das Thema wie ein roter Faden durch ihr Werk: Was ist eigentlich „normal“?
Diesmal steht nicht nur eine Außenseiterin im Zentrum, sondern eine ganze Gesellschaft. Amane lebt in einer Welt, in der Sex, Liebe und Familie radikal neu gedacht sind. Kinder entstehen durch künstliche Befruchtung oder sogar in männlichen Gebärmüttern. Ehen sind Zweckgemeinschaften, nicht Orte für romantische Gefühle. Verlieben darf man sich – aber am liebsten in Comicfiguren oder Filmheld*innen. Das, was für uns völlig unvorstellbar scheint, ist hier das Normale.
Gerade das fand ich so faszinierend: Murata zeigt mit großer Konsequenz, dass Normalität nichts Festes ist, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt. Was heute selbstverständlich erscheint, kann morgen schon Abweichung sein – und umgekehrt. In dieser Welt ist es „abnormal“, wenn ein Ehemann plötzlich Intimität mit seiner Frau sucht.
Allerdings muss ich auch sagen: So sehr mich die Grundidee begeistert hat, so sehr hat mich die Lektüre manchmal ermüdet. Obwohl Sex eigentlich kaum mehr eine Rolle für die Fortpflanzung spielt, dreht sich der Roman fast ausschließlich um Sexualität – um ihre Abwesenheit, ihr Verbot, ihre Umwege. Das wiederholt sich mit der Zeit, und ich hatte Phasen, in denen ich dachte: Ja, ich habe es verstanden.
Und doch: Ich konnte nicht loslassen. Immer wieder musste ich Pausen machen, nachdenken, mir Fragen stellen. Ich habe selten ein Buch gelesen, das meine Gedankenwelt so sehr in Bewegung gebracht hat.
Besonders der Teil in der experimentellen Stadt „Experimenta“ ist für mich eine regelrechte Dystopie des Grauens: Kinder ohne Eltern, alle gleich, aufgezogen von Institutionen; Menschen, die ihre Individualität zugunsten der kollektiven Ordnung verlieren. Und gleichzeitig bleibt diese Welt erschreckend vorstellbar.
Am Ende bleibt für mich die Erkenntnis: Den sexuellen Trieb kann man nicht einfach abschaffen. Murata versucht es, indem sie ihn in „Clean Rooms“ und Fantasiewelten umlenkt. Doch für mich wirkt das nicht ganz konsequent: Solange der Trieb existiert, bleibt auch der Sex zwischen Menschen eine Möglichkeit – und in meinen Augen wird er immer Teil der Gesellschaft sein. Genau an diesem Punkt hadere ich mit dem Roman. Aber gerade weil Murata hier so radikal entwirft, zwingt sie mich, über diese Fragen nachzudenken. Und das ist vielleicht die größte Stärke dieses Buches
Weitere Rezensionen auf Deutsch findest du auf meinem Goodreads- und LovelyBooks-Profil.
hallobuch, Silke Schröder
aus Hannover
5/5
11.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Dystopie oder Utopie?
Ist es eine Dystopie oder eine Utopie, von der Sayaka Murata in “Schwindende Welt” erzählt? Immerhin stellt sie darin mal eben das gesamte Konzept des Zusammenlebens von Frauen und Männern (oder auch anderen) radikal infrage. Und doch scheint auch ein bisschen Realität dabei zu sein, wenn man sich die sinkenden Geburtenraten und das wachsende Single-Dasein in den asiatischen und auch westlichen Industriestaaten anschaut. Konsequent denkt Sayaka Murata dies in “Schwindende Welt” weiter: Kinder kommen aus Reagenzgläsern, Sex und Romantik sind in digitale Fantasiewelten oder Kurzzeit-Partnerschaften ausgelagert, in der Ehe dagegen stehen Freundschaft, Schutz, Gleichberechtigung und Heimeligkeit an erster Stelle. Mit unerschütterlicher Logik verschiebt sie die Normen und ethischen Grundlagen ihrer Roman-Gesellschaft, ohne dass ihre Protagonist:innen darüber sonderlich irritiert wären. So ist “Schwindende Welt” von Sayaka Murata eine schlüssig, direkt und sehr unterhaltsam erzählte Projektion in eine mögliche Zukunft unseres Zusammenlebens. Bestens gelesen von Uta Simone.
shizu_reads
5/5
13.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Surreal grandios
Mein erstes Buch der Autorin. Ich hatte bereits viel Gutes von ihr gehört, und so wurde es Zeit, endlich etwas von ihr zu lesen.
Ich bin sofort gut in Schreibstil und Geschichte hineingekommen und konnte gar nicht mehr aufhören. Innerhalb von 24 Stunden war ich durch!
Der Schreibstil ist kühl, distanziert und fast schon steril – absolut passend zur Handlung. Auch die Geschichte selbst bleibt im Umgang mit Se*ualität bewusst nüchtern und unnahbar. Genau das macht ihren Reiz aus. In einer Zeit, in der in Büchern oft Gefühle und ️ im Vordergrund stehen, ist das ein erfrischend anderer Blickwinkel.
Das Buch stellt so einiges infrage: das Konzept von Beziehungen, Familie, Kinderbekommen, den Umgang mit Gefühlen und Se*, und noch vieles mehr. Alles wird dabei – fast schon unangenehm – auf die Spitze und ins Surreale getrieben. Gerade dadurch regt es gekonnt zum Nachdenken an.
Der Verlauf der Geschichte war für mich nicht vorhersehbar und hat mich immer wieder überrascht. Ich war fasziniert und gleichzeitig oft leicht irritiert.
Die Charaktere wirken bewusst unnahbar, fast schon oberflächlich. Doch genau das unterstreicht die Thematik und lässt einen erneut nachdenken: Was bleibt, wenn man Beziehungen von tiefen Gefühlen und Intimität trennt? Oder wenn man sich nicht mehr in reale Menschen, sondern nur noch in fiktive Figuren verliebt?
Das Ende war noch einmal komplett surreal und ließ mich ungläubig zurück. Ich war platt – und fand es zugleich einfach großartig.
Es war überraschend, hat mich zum Grübeln gebracht, und insgesamt hatte ich großen Spaß beim Lesen.
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5/5
06.01.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Über künstliche Befruchtungen, Dazugehörigkeit und... gebärende Männer?
Sayaka Murata ist für mich zu einer Autorin geworden, die ich sofort lese, sobald etwas Neues erscheint. In all ihren Büchern hat sie eine andere Seite von ihrem Können und ihren Ideen unter Beweis gestellt und ist ihrer Linie dabei trotzdem treu geblieben. So auch hier wieder. Mit "Schwindende Welt" hat sie eine Dystopie geschaffen, in der die Fortpflanzung nur noch über künstliche Befruchtung vonstattengeht. Es geht um Dazugehörigkeit, Liebe und Lust und neuen Konzepten von Mutter-/Vaterschaft. Auch wenn sich das Konzept des Romans schräg oder absurd anhört, schafft Murata es, ihre Ideen so umzusetzen, dass es sich plötzlich doch erschreckend realistisch anfühlt. Die Art, wie die Protagonistin versucht, sich in eine Gesellschaft einzugliedern und deren Überzeugungen anzunehmen, war so authentisch beschrieben. Wie sie sich ständig Streitereien mit ihrer Mutter stellt, die an dem alten Konzept von Liebe und Lust festhält, was auch total verständlich war. Es ist definitiv ein besonderes Buch, das einen schockiert, teils verstört, teils zum Lachen bringt, weil das der einzige Weg ist, mit manchen ihrer nicht fernen Ideen umzugehen. Und manchmal fühlt es sich dann wieder befremdlich an. Aber danach ist man einfach froh, es dennoch gelesen zu haben. Murata definiert mit jedem Buch ihre Grenzen neu und das ist das, was ich an ihr schätze! Große Empfehlung.
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5/5
14.09.2025
eBook (ePUB 3)
Eine hoffentlich doch nicht schwindende Welt
Ohne mich zuvor über Sayaka Muratas bisherige Arbeiten informiert zu haben habe ich den Text anfangs als eher satirisch empfunden, mit Fortschreiten der Handlung wird die beschriebene Welt allerdings deutlich dystopischer und beklemmender. ____ Die Autorin beschreibt eine Welt in der Sex mehr und mehr zu verschwinden droht. Menschliche Fortpflanzung geschieht ausschliesslich künstlich, die Institution der Ehe dient der Betreuung der Kinder und der gegenseitigen Unterstützung, Sex in der Ehe hingegen gilt als abscheulicher Inzest. Man hat sehr wohl ein Liebesleben - durchwegs ein aussereheliches mit Wissen und eben auch Unterstützung des Ehepartners - aber auch diese Beziehungen sind zunehmend asexuell. Und man verliebt sich in Serienhelden oder Mangafiguren ebenso wie in reale Menschen - für die Hauptfigur Amane ist dabei Sex mit einem realen Menschen nicht von Masturbation zu Bildern virtueller Figuren zu unterschieden. ____ Obwohl Amane der herrschenden Lebensweise durchaus angepasst ist, ist sie durch ihre natürliche Zeugung durch ehelichen Sex und durch den Einfluß ihrer Mutter, die weiterhin die frühere Lebensform verteidigt, zu einer dissidenten Haltung gedrängt und sucht weiterhin Sex mit anderen. Sie und ihr Ehemann Saku, dem hingegen sexuelle Handlungen mit seiner Geliebten zunehmend zu einer Belastung werden, beschliessen, sich einem Experiment anzuschliessen, in dem noch neuere Formen des Zusammenlebens entwickelt werden sollen und Männer mit künstlichen Gebärmüttern in der Lage sein werden, Kinder zur Welt zu bringen. Hier wird Amanes Unbehagen allmählich auch für sie selbst deutlich. ____ Murata kritisiert in ihrem Buch nicht einzelne, konkret benennbare Zustände unserer heutigen Welt. Sie schafft aber sehr wohl einprägsame Bilder zu unserem deutlichen Wegdriften von einer unmittelbaren Auseinandersetzung mit uns selbst und unseren Bedürfnissen hin zu einer Welt die auch in diesem Bereich von technischen Möglichkeiten geprägt ist. ____ Nachdem ich es schon vor ein paar Tagen ausgelesen habe, merke ich jetzt, dass das Buch - gerade weil seine Kritik so wenig spezifisch ist - mich weiterhin sehr dazu anregt, über diesen weiten Themenkomplex nachzudenken und Parallelen zu unserer heutigen Welt aufzuspüren. Das ist schliesslich das wertvollste, was Literatur bewirken kann!
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4/5
24.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Gesellschaftliche Entfremdung und die Veränderungen in der Sexualität und Ehe
Es ist ein dystopischer Roman, der die Zukunft einer Gesellschaft beschreibt, in der künstliche Befruchtung die Norm geworden und die Sexualität fast ganz verschwunden ist. Hauptprotagonistin Amane erfährt, dass ihre Eltern sie auf normalem Weg gezeugt haben, was sie beschämt, und deswegen wird sie von ihren Mitschülern ausgelacht. Verheiratete Paare sind Familie, darum wird in dieser Gesellschaft der sexuelle Akt als Inzest angesehen. Amane flüchtet sich in geistige Beziehungen zu künstlichen Charakteren aus Animes, was in dieser Gesellschaft normal zu sein scheint. Trotz allem hat sie sexuelle Begegnungen mit ihren Mitschülern und Lehrern.
Im Verlauf der Erzählung erfährt man von Amanes Leben nach ihrer Heirat mit dem sensiblen Saku und deren Umzug nach Experimenta. Dort wird das Leben durch künstliche Befruchtung geregelt. Amane und Saku, der einen künstlichen Beutel außerhalb des Körpers bekommt, werden beide künstlich befruchtet.
Es ist eine interessante, aber verstörende Darstellung der Zukunft.
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4/5
01.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenn das Gefährlichste die Normalität ist
Was wenn einem alles genommen wird, was einen zum Menschen macht? Wenn Individualität ein Makel ist? Wenn die Gesellschaft sich schneller entwickelt, als man hinterherkommt?
Würdest du dich fügen? Würdest du dich wehren? Würdest du zerbrechen?
Sayaka Murata entführt die Leserschaft in ihrem neuesten Roman in eine wohl nicht allzu ferne Zukunft, in ein "Was wäre wenn"-Szenario, dass einem erschreckend nah erscheint.
Dabei geht es um eine junge Frau, die Probleme hat sich in diese schöne neue Welt einzufügen, in der Ehen nur mehr aus Vernunft geschlossen werden und Babys nur mehr durch künstliche Befruchtung entstehen. Mehr als einmal in ihrem Leben eckt sie dabei an, korrigiert den Kurs, wird immer mehr zu der Frau, die sie sein soll, statt jener, die sie sein will, und zahlt am Ende dafür einen ebenso tragischen wie verstörenden Preis.
Zart besaitete Gemüter seien somit gewarnt: denn was sich hier nach und nach entspinnt, ist eine Geschichte, die einem unter die Haut geht, die einen noch lange beschäftigt, die sich dabei aber nie ganz greifen lässt.
Somit beweist Murata abermals, dass sie eine Meisterin darin ist, scheinbar unaufgeregte Geschichten zu erzählen, die unter der Fassade allerdings einem brodelnden Vulkan gleichen - und am Ende geht dann alles hoch!
Eine absurd-komische Zukunftsvision, wie ich sie noch nie gelesen habe. Der Mensch wird auf eine Art entsexualisiert, die abstrus und fast abstoßend wirkt. Kapitel für Kapitel wird die Geschichte immer verstörender, und doch blitzt vermehrt die Erkenntnis auf, wie die Autorin von unserer heutigen Welt auf diese „schöne neue“ schließen konnte. Ebenso wird klar, dass die Autorin in diesem Roman ihr persönliches Unverständnis für aktuelle Entwicklungen im Bezug auf Sexualität und Familie verarbeitet.
Für mich war es etwas zu viel des Guten, aber es gibt bestimmt Leser:innen, die sich mehr dafür begeistern können.
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