Veit Kolbe verbringt ein paar Monate am Mondsee, unter der Drachenwand, und trifft hier zwei junge Frauen. Doch Veit ist Soldat auf Urlaub, in Russland verwundet. Was Margot und Margarete mit ihm teilen, ist seine Hoffnung, dass irgendwann wieder das Leben beginnt. Es ist 1944, der Weltkrieg verloren, doch wie lang dauert er noch? Arno Geiger erzählt von Veits Alpträumen, vom "Brasilianer", der von der Rückkehr nach Rio de Janeiro träumt, von der seltsamen Normalität in diesem Dorf in Österreich - und von der Liebe. Ein herausragender Roman über den einzelnen Menschen und die Macht der Geschichte, über das Persönlichste und den Krieg, über die Toten und die Überlebenden.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Lesepartie
aus Bielefeld
5/5
02.06.2021
eBook (ePUB)
Berührender Roman über den Kriegsalltag
1944 läutet das Ende des Krieges ein. Doch wann kommt das Ende und wie wird es aussehen? Veit Kolbe, ein junger Soldat, verwundet in Russland, ist auf Heimaturlaub, um sich auszukurieren. Fünf Jahre Front haben ihm alle Illusionen geraubt. Wird er jemals ein eigenes Leben führen, in dem er eigene Entscheidungen treffen kann?
Nach seiner schweren Verwundung bekommt Veit Kolbe Heimaturlaub und fährt zu seinen Eltern nach Wien. Seit fünf Jahren ist er Soldat. Zuvor war er Schüler. Mittlerweile zweifelt er an einer selbstbestimmten Zukunft, fühlt sich um diese Jahre betrogen. Die Erfahrungen an der Front lassen ihn an dem Regime zweifeln. Häufig gerät er mit seinem Vater, einem überzeugten Nationalsozialist, aneinander. Deshalb beschließt Veit in das kleine Dorf Mondsee umzusiedeln. Dort ist sein Onkel Polizist und beschafft ihm eine Unterkunft. In diesen Monaten in Mondsee erfährt Veit erstmals so etwas wie ein normales, erwachsenes Leben. Er findet einen Freund, den „Brasilianer“, welcher davon träumt ein weiteres Mal nach Südamerika zu reisen, um dann dort zu bleiben. Und Veit findet eine Frau, Margot aus Darmstadt, die er lieben lernt. Im Laufe 1944 rückt die Front näher heran. Das letzte soldatische Aufgebot wird verpflichtet. Wie lange kann er sich noch auf seine Verletzung berufen?
Eindringlich schildert Arno Geiger die Gefühlswelt dieses jungen Mannes, der es leid ist, sein Leben für eine Sache zu opfern, an die er längst nicht mehr glaubt. Er fühlt sich um sein Leben und seine Träume betrogen. Geplagt von schrecklichen Bildern des Erlebten, kämpft er mit Angstzustände und Panikattacken.
Neben Veit Kolbes tagebuchähnlichen Erzählungen, geben auch die Briefe von Margots Mutter aus Darmstadt Einblicke in das tägliche Leben. 1944 verstärken sich die Luftangriffe und die Front kommt näher.
Auch über das tragische Schicksal eines aus Wien stammenden, verschickten Mädchens und dessen Familie berichtet der Roman.
Die Briefe des Wiener Juden Oskar Meyer, der nach Budapest flieht und dort vom Nationalsozialismus wieder eingeholt wird, stechen aus der Erzählung heraus und haben sich mir nicht erschlossen. Oskar Meyer steht für mich in keinerlei Verbindung zu den anderen Figuren. Natürlich ist auch sein Schicksal es wert erzählt zu werden, doch sein Auftauchen in dem Roman erklärt sich nicht. Somit ist es jedes Mal eine Unterbrechung des Erzählflusses, wenn er zu Wort kommt.
Die einzige Verbindung, die ich erkennen konnte, ist der gleiche Wiener Bezirk, aus dem die meisten Figuren stammen.
Mich hat die Geschichte tief berührt. Sich bewusst zu machen, wie sehr der Lauf der Geschichte einzelne Lebensläufe beeinflusst hat. Veit Kolbes Angstzustände und seine Hoffnung auf das Kriegsende, sind eindringlich und realistisch geschildert. Ich habe mit ihm gehofft, dass er es schafft sich weiter „zu drücken“. In den Bemerkungen auf den letzten Romanseiten erfährt der Leser, was aus den Protagonisten geworden ist.
Alles in allem ein empfehlenswerter und berührender Roman, der vom Alltag, mit all seiner Brutalität und Normalität, der Menschen im Jahr 1944 erzählt.
Bewertung
aus Arnfels
5/5
02.06.2021
eBook (ePUB)
Unter der Drachenwand
Lesenswert !
Als in dieser schlimmen Zeit Geborener
und mit den örtlichen Verhältnissen in
Mondsee gut Vertrauter ein Rat an die junge
Generation : Seid wachsam,und achtet darauf,dass diese Zeit nie wieder kommt.
Bewertung
5/5
28.02.2018
eBook (ePUB)
Ich bestehe darauf, dass meine Geschichte am schönsten ist...
"Und ich weiß, es sind schon ereignisreichere Geschichten von der Liebe erzählt worden, und doch bestehe ich darauf, dass meine Geschichte eine der schönsten ist. Nimm es oder lass es."
Veit Kolbe ist Soldat. Vielleicht nicht unbedingt aus tiefster Überzeugung, aber dennoch sympathisiert er zunächst durchaus mit den Großmachtvorstellungen des deutschen Reiches. Dann wird er in Russland verwundert, verliert Unmengen an Blut und gelangt nach einem Lazarett im Saarland zur Erholung an den Mondsee. Unter die Drachenwand. Veit beginnt an dem tieferen Sinn des Krieges zu zweifeln und trifft auf zwei jungen Frauen, mit denen er es wagt, gemeinsam auf eine friedliche Zukunft zu hoffen.
Bücher über den Krieg gibt es viele.
Bücher, die uns das Grauen und das vollständige Verschwinden der Menschlichkeit vor Augen führen - all den Hass, den Großmut und vor allem das Wegsehen. Das gänzliche Ausschalten des Gewissens, der Humanität. Den Verlust jeglicher Moral und allen Anstands.
Es gibt sie in einer Vielzahl, diese Schilderungen der dunkelsten Stunde der deutschen Geschichte, diese Bücher, die man eigentlich gar nicht lesen möchte, die aber gerade aus diesem Grund so beispiellos notwendig und lesenswert sind.
Und dennoch - "Unter der Drachenwand" ist anders.
Dabei gibt es sie auch in Geigers Roman, die grausamen Schicksale, die Hoffnungslosigkeit und den Schmerz. Auch in "Unter der Drachenwand" geht der Tod ein und aus, zerbersten Leben in die kleinsten Bruchstücke und Menschen verlieren alles, was sie haben. Doch all das ist eingebettet, in den beharrlichen Glauben an eine bessere Zukunft. An ein normales Leben. Es ist vor allem Geigers Sprache, die diesen Roman zu seiner ganz besonderen Atmosphäre verhilft. Er schreibt klar und eindringlich, führt uns präzise vor Augen wie sich das individuelle Schweigen langsam in kollektive Schuld verwandelt. Geiger beschönigt nicht, weder als er über das Schicksal eines jungen Juden schreibt, der Frau und Kinder verliert, noch als er Veits Panikattacken immer wieder aufs Neue aufleben lässt. Und doch ist seine Sprache so ausdrucksvoll, so gewaltig, dass es beinahe an Poesie grenzt. Sein Stil ist leise und dennoch leichtfüßig, mit wenigen Worten mauert er massive Gebäude aus Empathie und Mitgefühl. Die Natur, den Wechsel der Jahreszeiten, Schnee, Eis und Kälte, lässt er als tobenden Gegenspieler auftreten. Denn so idyllisch die Atmosphäre am Mondsee auch sein mag, über allem schwebt das gewaltige Massiv der bedrohlichen Drachenwand, genauso wie jede von Veits Handlungen, jede neuen Hoffnung unter dem schweren Baldachin der letzten Kriegsjahre zu bewerten ist.
Geigers Protagonisten sind überwiegend namenlos - da gibt es den Brasilianer und die Darmstädterin, den Onkel, die Lehrerin und die Quartiersfrau. Er lässt sie alle verschwimmen, in der Anonymität des NS-Regimes, in der langen Liste der unerkannten Schuldigen.
Und trotzdem ist "Unter der Drachenwand" vor allem eines - ein Buch über die Hoffnung. Über diesen kleinen, zarten Funken der Zuversicht, der sich selbst in düsteren Tagen nicht geschlagen gibt und der unermüdlich weiterkämpft, für die Zukunft, für die Liebe. Für das Leben.
Hat man die letzten Seiten gelesen und den Mondsee schließlich verlassen, muss man zunächst für einen Moment innehalten - durchatmen, Luft holen, da man sonst von seinen Gefühlen übermannt wird. Denn es gelingt Arno Geiger wie keinem zweiten, einfache Sätze in distanzlose Empathie zu verwandeln.
Bei ihm sind es die Gefühle, die von Bedeutung sind. Und so hat es dann beinahe den Anschein, als verliere man einen Freund, wenn man zusammen mit Veit die Drachenwand verlässt - und es bleibt zunächst nichts als Leere und die Hoffnung, noch einmal zurückzukehren.
Zurück zum Mondsee. Zurück unter die Drachenwand.
yellowdog
4/5
02.06.2021
eBook (ePUB)
Am Mondsee
Arno Geiger hat viel Aufmerksamkeit für sein Werk erhalten. Es war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Sicher zu recht, auch wenn das mächtige Werk in seiner Detailliertheit Geduld vom Leser erfordert.
Der mittelschwer verletzte Soldat Veit Kolbe verbringt seine Konvalenzzeit am Ende des Zweiten Weltkrieges in einem Bergdorf am Mondsee in Österreich. Dort ist auch die Drachenwand, eine hohe Felswand. Eine Umgebung, die ihren Teil zur Atmosphäre des Buches beiträgt.
Kolbes Eindrücke vermitteln ein Bild dieser Zeit, 1944, die wirklich keine einfache war. Die Kriegszeit verletzte die Menschen manchmal körperlich, oft aber auch emotional. Haltlosigkeit und Zerrissenheit sind die Folge.
Arno Geiger hat sich durch Briefe aus dieser Zeit zu dem Roman inspirieren lassen und ihm gelingt eine Sprache, die glaubwürdig ist.
Neben Veit Kolbes Erzählperspektive sind weitere Figuren wichtig, die briefartig erzählen. Lange Briefe sind auch in das Buch integriert.
Im Vordergrund ist der Alltag, Kriegspassagen gibt es nur wenige.
Ein Buch, dass man nicht so schnell vergisst.
Clara
5/5
01.09.2025
Buch (Taschenbuch)
Geschichte(n)buch
Besser kann Literatur nicht sein!
Die Sterne reichen für dieses außergewöhnliche Buch wohl nicht aus.
Absolute Leseempfehlung - nicht nur heute.
P.S. Zum Inhalt sind bereits genügend Angaben vorhanden.
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5/5
14.03.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch sollte man gelesen...
Dieses Buch sollte man gelesen haben. Geiger verbindet meisterhaft unterschiedliche Perspektiven und Erzählweisen. Ein grandios poetischer Roman über die letzten Kriegsjahre, der einen regelrecht gefangen nimmt.
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5/5
08.05.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Für mich das beste Buch von Arno Geiger
Der 2. Weltkrieg aus der Sicht eines heimgekehrten Soldaten besticht durch die Sprache und durch die Nachvollziehbarkeit der Gefühle des jungen Veit.
Für mich auf jeden Fall unter meinen Top 30!
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5/5
08.05.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Liebe in Zeiten des Krieges
Der Roman spielt im Jahr 1944, das Ende des Krieges naht, die Zukunft ist voller Ungewissheit. Die Protagonisten versuchen sich ein kleines Stück Normalität zu schaffen. Geiger erzählt in diesem Roman über den Alltag, die Sorgen und auch die Hoffnungen der Menschen in dieser Zeit. Schauplatz ist die Gegend um die Drachenwand in Mondsee, wo Veit Kolbe seine Kriegsverletzung auskuriert. Dort lernt er Margot, ebenfalls eine Gestrandete des Krieges, kennen und lieben.
Obwohl die Geschichte, was die Protagonisten betrifft, fiktiv ist, hat man in jedem Augenblick des Lesens das Gefühl, genauso könnte es sich zugetragen haben. Eine Geschichte über Gefühle die auch der Krieg nicht abtöten kann: Liebe, Mitgefühl und Hoffnung. Zutiefst menschlich geschrieben.
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5/5
01.02.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Über den Alltag im Krieg
Arno Geigers neuer Roman wird zu Recht von allen in den Himmel gelobt! Das Buch ist trotz beklemmender Thematik leicht zu lesen, wird dabei allerdings niemals seicht. Der junge Soldat Veit, durch den 2. Weltkrieg seiner Jugend beraubt, ist ein äußerst plastischer und sympathischer Charakter. Wie der Krieg Menschen, Gedanken und Taten verändert ist der Grundtenor des Buches. Dieses Buch kann niemanden kalt lassen!
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4/5
19.04.2026
Buch (Taschenbuch)
Geschichte so nah
Wie immer schreibt Geiger unheimlich authentisch, viel aus echten Leben gegriffen. Man sieht sich selbst praktisch unter der Drachenwand sitzen, kann die Menschen direkt neben sich stehen sehen. Ein kleines Stück österreichische Geschichte verpackt in einen in einen kurzweiligen Roman.
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