Der Geschäftsführer eines legendären Kaufhauses wird ermordet aufgefunden. Doch bis die Polizei am Tatort eintrifft, hat Leonora Bloch alle Spuren beseitigt, so diskret und gründlich, wie sie schon seit 45 Jahren als Reinigungskraft bei Dr. Bronstett jeder Form von Unordnung begegnet. Als die Ermittlungen in die Austernbar in der fünften Etage führen, ist man schon mittendrin im Mikrokosmos dieses Kaufhauses, das von der paradoxen Sehnsucht nach vergangener Pracht und erschwinglichem Luxus lebt. Und niemand scheint sich in dieser Welt, wo Glanz und Elend, Armut und Reichtum so entwaffnend aufeinandertreffen, besser auszukennen als die 73-jährige Leonora. Doch kennt sie wirklich alle Geheimnisse und welche hütet sie selbst? Die gefeierte Stilistin Yael Inokai inszeniert eine Kriminalgeschichte, die ein feingefügtes Netz menschlicher Schicksale birgt.
Kundinnen und Kunden meinen
3.7/5.0
Katrin
aus Kiel
5/5
17.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Glanz und Elend auf allen Etagen
Leonora Bloch arbeitet seit über 40 Jahren als Putzfrau, man könnte also sagen, sie weiß, was sie tut. Die meiste Zeit davon war sie in einem bekannten Berliner Kaufhaus beschäftigt, seit sie dort gegen ihren Willen in die Rente geschickt wurde, putzt sie nur noch zweimal die Woche bei dessen Geschäftsführer Dr. Bronstett. Doch eines Morgens liegt der tot in seinem Wohnzimmer. Vielleicht aus Schock oder purer Gewohnheit putzt Leonora wie gewohnt das Haus und vernichtet dabei natürlich auch etliche potenzielle Spuren. Entsprechend wenig begeistert ist die ermittelnde Kommissarin von ihrer Gründlichkeit. Doch wer nun einen klassischen Kriminalroman erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden, denn Yael Inokai geht es eher um das Kaufhaus als Mikrokosmos der Gesellschaft. Auch das einst so glamouröse Kaufhaus ist im Zuge der kapitalistischen Entwicklungen immer mehr verblasst, die Exklusivität verliert an Bedeutung, ebenso wie die Fähigkeiten der einzelnen Mitarbeiter*innen. Doch wer den einzelnen Menschen nicht erkennen kann, dem fehlt auch der Blick für Details. Und dann können ganz offensichtliche Dinge im Verborgenen bleiben. Leonora allerdings schaut hin, manchmal zu genau, und entdeckt so einiges, das vielleicht besser im Dunkeln geblieben wäre. Geheimnisse hat hier so ziemlich jede*r, ganz wie im echten Leben, Leonora selbst bildet da keine Ausnahme. *r, ganz wie im echten Leben, Leonora selbst bildet da keine Ausnahme.Die Autorin schreibt gleichzeitig distanziert und doch mit einem liebevollen Blick auf ihre Figuren, der Text wirkt wie ein zartes Gespinst, das man erst gegen das Licht halten muss, um es deutlich zu erkennen. Der Roman hat mich berührt und gut unterhalten.. Ein unerwartetes Highlight! Es geht um Klassismus, prekäre Arbeitsverhältnisse, die Nachwirkungen der Aids-Epidemie in den Achtziger- und Neunzigerjahren und noch so einiges mehr. Ein unerwartetes Highlight, dem ich noch viele Leser*innen wünsche!
Bewertung
aus Suhl
5/5
16.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Perle in der eigenen kleinen Welt
Die Auster von Yael Inokai (Hanser Berlin)
Dieser stille Roman, der so viel zu sagen hat, hat mich einfach gepackt! Skurril und auf den Punkt gebracht! Direkt, nüchtern, intensiv und gleichzeitig berührend schleicht sich die Autorin mit ihrem besonderen Schreibstil und den markanten Figuren an den Leser heran. Die Autorin beobachtet die Facetten unserer Gesellschaft, Luxus, Sehnsucht und Verlust, den nostalgische Hang der Vergangenheit sowie das Fortschreiten in die Andersartigkeit der Moderne durch die Augen ihrer 73-jährigen Protagonistin Leonora Bloch. In Gesprächen und feinsinnigen Beobachtungen schwelgt die Reinigungskraft in ihren Gedanken. Dabei zeigen sich Schicksalsschläge, Chancen und verpasste Momente, die das Leben bereit halten kann.
Neben diesen Alltäglichkeiten findet sich Leonora mit einer absurden Situation konfrontiert, der sie nur ihren Reinlichkeitsdrang entgegensetzen kann. Ein Toter mit abgetrennten Händen in einer Blutlache, der Geschäftsführer eines renomierten Kaufhauses, Dr. Bronstett. Somit ist er Leonoras Ex-Arbeitgeber und wir lernen ihn, auf den ersten Seiten, als Leiche kennen. Jahrelang putzte sie seine privaten Räumlichkeiten und kennt jede Faser seiner Einrichtung, seine Angewohnheiten und vielleicht auch die Geheimnisse seines Lebens. Darauf hofft zumindest die Polizei, die bei ihrer Ermittlungsarbeit auf diese Beziehung setzt. Doch Leonora weiß nicht alles und beginnt selbst zu recherchieren. Dabei hilft ihr Friedhelm Lösch seinerseits Kaufhausdedektiv.
Im Laufe der Geschichte ist der Kriminalfall unterschwellig immer präsent und wandelt sich am Ende zu einer Lösung mit Überraschungseffekt.
Fazit: Ich finde, diese Mischung funktioniert sehr gut. Ich habe diesen Roman sehr gern gelesen. Ein kurzweiliges Portrait, eine feine Beobachtungsgabe, Worte die Treffen und nachhallen.
Wenn das mal kein schönes Cover ist! Eine blau-gelbe Kaufhaus Szenerie, vielleicht ist es aber auch ein Kaffeehaus, im besten Sinne impressionistisch, mit kräftig gelbem Titel, dem Namen der Schriftstellerin in Hager Blau und dann noch passend in hellem Mauve das Wort Roman. Perfekt, besser hätte kein Cover zu dem Inhalt des Buches gepasst. Eigentlich passiert nicht viel, aber in kräftigen Worten, detaillierten Beschreibungen wird ein Mord, ein Berliner Kaufhaus und die darin verwickelten Personen beschrieben. Die 73-jährige Reinigungskraft Leonora, ihr Chef Dr. Bronstett, die Leiche ohne Hände- und das alles in einem Berliner Luxuskaufhaus. Es ist extrem lustig zu lesen, wie - ohne die Polizei zu involvieren, Spuren beseitigt werden und das Kaufhaus als Welt in sich einfach weiter funktioiniert, mit Darstellern, die wie auf einer Bühne agieren.
ninzi-jh
aus Bayern
5/5
08.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Spannung mit literarischem Tiefgang
»Die Auster« von Yael Inokai fand ich wirklich begeisternd. Selten habe ich einen Kriminalroman gelesen, der so leise erzählt ist und mich trotzdem so gefesselt hat.
Wer hier einen klassischen Krimi mit vielen spektakulären Plot-Twists erwartet, wird überrascht werden, denn dieses Buch spielt ein ganz anderes Spiel: Eigentlich liegt alles offen vor den Augen der Leserinnen und Leser. Die wichtigen Hinweise sind da, die Lösung versteckt sich die ganze Zeit zwischen den Zeilen. Trotzdem hat mich die Auflösung völlig überrascht. Im Nachhinein ergibt alles Sinn, während des Lesens wäre ich aber nie darauf gekommen.
Auch die Hauptfigur hat mich »irgendwie überrascht«. Sie ist keine klassische Ermittlerin, sondern beobachtet einfach aufmerksam ihre Umgebung und die Menschen um sich herum. Sie nimmt die kleinsten Details wahr und erkennt Zusammenhänge, lange bevor sie selbst bewusst versteht, was sie da entdeckt hat. Dadurch entsteht eine ganz eigene, leise Spannung, die mich bis zum Schluss nicht losgelassen hat.
Die Sprache ist ebenfalls eine Stärke des Buches. Immer wieder beschreibt Yael Inokai kleine Beobachtungen aus dem Alltag, die so unscheinbar sind und sich trotzdem unglaublich wahr anfühlen. Mehr als einmal musste ich beim Lesen innehalten und dachte: Genau so ist es. Gerade diese feinen Momente machen das Buch für mich zu etwas Besonderem.
Für mich ist »Die Auster« weit mehr als ein Kriminalroman. Die Geschichte verbindet Spannung mit feinen Beobachtungen, schöner Sprache und einer ganz besonderen Atmosphäre. Ein ruhiges, kluges Buch, das mich noch lange nach dem Lesen beschäftigt hat.
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5/5
01.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine literarische Perle
Selten habe ich einen Titel so stimmig gewählt gefunden. Mit Auster wird die Hauptfigur - Leonore Bloch - treffend charakterisiert. Sie ist verschlossen und wortkarg, bleibt bei und für sich und öffnet sich nur widerstrebend. Nicht einmal ihr nahestehende Menschen kommen wirklich an sie heran. Ihr Arbeitgeber, Chef eines großen Kaufhauses, für den sie privat als Putzfrau tätig ist, wird ermordet und sie ist es, die die Leiche findet. Augenscheinlich ändert dieser erschütternde Fund nichts für Leonore. Sie hält an ihren Gewohnheiten und Routinen fest, so sehr, dass sie sogar den Tatort reinigt. Schock? Oder gar Schuld? ____ Nicht nur die Protagonistin, auch der Text ist spröde, die Geschichte entfaltet sich nur zögerlich. Leonora kann sich nicht alle Menschen vom Leibe halten, es gibt Freundschaften und mittels dieser Freunde wird die Story vorangetrieben und Leonores Charakter erhellt - hinter ihrer undurchdringlichen Fassade blitzen Schlagfertigkeit und ein scharfer Verstand. Und man erfährt, dass ihrer selbstgewählten Isolation ein tragischer Verlust zugrunde liegt. ____ Eher beiläufig widmet sich Leonore dem Rätsel um den Mord und als sich in der Seafood-Abteilung des Kaufhauses - zwischen eisgekühlten Austern - die zweite abgetrennte Hand des Ermordeten findet, ist es der Fundort, der sie weiter auf die (richtige) Spur führt. ____ Die Auster ist nicht vordergründig ein Krimi, nicht vordergründig die Geschichte eines Betrugs. Es ist von beidem etwas und es ist noch mehr. Eine berührende Studie über Einsamkeit und Sehnsucht über Schmerz und dem Trotzdem - und - um bei dem Bild der Auster zu bleiben - eine literarische Perle!
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