Über den Verlust persönlicher und politischer Träume
Ende der achtziger Jahre: eine Gruppe von jungen Frauen studiert Russisch. Sie lesen Dostojewski, trinken Wodka und reisen durch die Sowjetunion, die sich gerade auflöst. Es ist eine Zeit des Aufbruchs, der Hoffnungen und Träume von einem demokratischen Russland und einem friedlichen Europa. Jahrzehnte später nimmt sich eine von ihnen das Leben. Es ist die Woche, in der Russland die Ukraine überfällt. Feinfühlig beobachtet und glänzend geschrieben, verbindet Christiane Hoffmann ein persönliches Schicksal mit den weltpolitischen Umbrüchen. Sie erzählt vom Unheil, das wir nicht kommen sahen, weil wir es nicht sehen wollten. Von unseren Träumen, die nicht wahr wurden und vielleicht nicht wahr werden konnten. Und sie erzählt die Geschichte einer Freundschaft, deren Bedeutung man erst dann ganz erfasst, wenn sie plötzlich fehlt. Eine Geschichte voll emotionaler Tiefe und eine tiefgründige Reflexion über den Umgang mit Schuld und Versäumnis – bewegend gelesen von Martina Gedeck. Mit russischen Originalversen, gesprochen von Alina Levshin.
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
Lesende
5/5
02.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Paralleles Erzählen
Dieses Buch habe ich nicht des Stoffes wegen ausgewählt, sondern, weil ich bereits Christiane Hoffmanns „Alles, was wir nicht erinnern- Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters“ mit Gewinn gelesen hatte und bis heute daran denke. Außerdem gefiel mir das Cover mit dem Gemälde von Paul Powis ausnehmend gut. Nun also zum aktuellen Buch mit dem Titel „Die Träume, die wir hatten- Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich“. Christiane Hoffmann verbindet die Geschichte einer Freundschaft mit der Geschichte der Länder, in denen sie stattfindet. So wechselt sie die Perspektive einer ratlosen Freundin mit Erinnerungen an die gemeinsame Jugend, das Studium in Russland und der Ukraine mit der gut recherchierten und ausgewogenen Einschätzung der Korrespondentin. Sie nimmt sich Zeit. Dieses parallele Erzählen und Bedenken eröffnet Parallelen und Einblicke, berührt und regt zum Denken und Erinnern an und zu Fragen. „Es heißt, man habe es nicht verhindern können. / Den Krieg nicht und/ auch nicht ihren Tod. […] Doch das ist gerade die Frage.“
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
02.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
ein Buch das nachhallt
Christiane Hoffmann ist Erste Stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung, der schon öfter interessiert bei Marcus Lanz zuhören durfte, hat ein Buch vorgelegt, das ich gerne empfehle.“ Die Träume, die wir hatten“ ist ein Buch das auch gut zu ihrer Familiengeschichte passt, denn Frau Hoffmann stammt aus einer Flüchtlingsfamilie, väterlicherseits aus Schlesien, mütterlicherseits aus Ostpreußen.
Das Buch das Einblicke in das Leben einiger junger Frauen in Russland gibt, aufgewachsen in gebildeten Familie , mit dem großen Wunsch in einer Demokratie zu leben.
Fantastisch recherchiert, erlebt der Leser hier eine Geschichte , die berührt, die historische Ereignisse mit persönlichen Erlebnisse kombiniert und dadurch noch überzeugender und nahbarer wird. Das Buch macht sensibel und weckt Verständnis für die russische Geschichte und die Bevölkerung dieses Landes, setzt aber schon politisches Interesse des Lesers voraus.
Der Schreibstil ist klar, flüssig und verständlich.
Ein empfehlenswertes Buch.
Bewertung
5/5
01.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Verflechtung von persönlicher Freundschaft mit weltpolitischen Entwicklungen
Ein persönliches Buch, dem die Verflechtung des Erzählens über eine tiefe Freundschaft und internationale politische Entwicklungen der letzten Jahrzehnte gelingt.
In Christiane Hoffmanns Buch geht es um Träume, viel um die 90er Jahre, in denen sie und ihre Kommilitoninnen noch das ganze Leben vor sich haben, so viele Möglichkeiten und Wege sich eröffnen. Es ist auch das Jahrzehnt nach dem Ende der Sowjetunion, eine Zeit der Umbrüche, als für die baltischen Staaten oder die Ukraine plötzlich eine Abkapselung von Russland möglich zu werden scheint. Und es sind die Jahre, in denen in der internationalen Politik neue Weltordnungen und Ost-West-Beziehungen gedacht werden können – in denen dann aber Entscheidendes nicht umgesetzt wird, vielleicht nicht umgesetzt werden kann? Schließlich blickt man auf historisch gewachsene Argumentationsmuster sowie von früher belastete Beziehungen zurück und stellt angesichts einer mit dem politischen Umbruch aufkommenden Orientierungslosigkeit widerstreitende Meinungen innerhalb von Staaten, Parteien und Regionen fest.
Die große Frage, die das Buch umtreibt, ist, wie viel am Verlauf der Geschichte seitdem hätte beeinflusst werden können, wie viel jemals in der Macht des Westens, Russlands, Deutschlands und auch – auf der Ebene der persönlichen Freundschaft – Hoffmanns gelegen hat.
Die historische Perspektive schildert Hoffmann viel durch persönliche Erlebnisse und Begegnungen während ihres Slawistikstudiums und zahlreicher Aufenthalte in Leningrad, Moskau und Kyiw – zuerst als Studentin und Praktikantin beim Hörfunk, später als Journalistin. Dabei steht vor allem die Freundschaft zu einer Kommilitonin im Fokus, die das Interesse für Slawistik, Wissenschaft, russische Kunst, Literatur und Kultur teilt. Die Verbindung verändert sich im Laufe der Jahre auf natürliche Weise, bricht aber nie ab.
Durch die Schilderungen, die zugleich politische Entwicklungen und Kontakte mit den Kulturen auf persönlicher Ebene umfassen, habe ich viel gelernt und das Gefühl, einen Eindruck von der Atmosphäre der Ungewissheit und der neueröffneten Möglichkeiten jener Zeit bekommen zu haben. Der sanfte Wechsel zwischen dem weltpolitischen und individuellen Fokus sowie das positive eingestellte, offene Erzählen haben das Lesen dieses Teils zu einem Vergnügen gemacht.
Doch die dunklen Wolken lauern am Horizont: Im Falle Russlands und der Ukraine die nie endgültig gelöste Frage der Zusammengehörigkeit versus Abkapselung und die holprige, durch verschiedene Akteure und gesellschaftliche Gegebenheiten gefährdete Entwicklung der
Demokratien in beiden Ländern; im Falle der Freundin eine zunehmende Depression. Im letzten Fünftel überwiegen so vor allem retrospektive Abwägungen, Gefühle der Hilf- und Machtlosigkeit, die Suche nach einem produktiven, leistbaren und letztendlich erfolgreichen Umgang mit Konflikten, die zu groß für einen einzelnen Menschen scheinen. Hier gibt Hoffmann einen sehr persönlichen, aber nicht pathetischen Einblick in den immer einseitiger werdenden Kontakt mit der mittlerweile suizidgefährdeten Freundin, bis beide Konflikte – auf der Weltbühne wie im Privaten – synchron in der gefürchteten Katastrophe enden. Der Versuch, die Rolle aller Beteiligten einzuordnen, ist der stark von Zweifeln, Schuldgefühlen und einer leisen, wehmütigen Hoffnung auf alte Träume geprägt. So bleibt am Ende auch für den Leser ein Gefühl des Verlusts.
Insgesamt: Eine kluge, nuancierte und persönliche Einordnung der Russlandpolitik der vergangenen Jahrzehnte, die Verständnis für die gesellschaftlichen Strömungen in der Ukraine und in Russland schafft und Erklärungsansätze, aber keine klaren Lösungen bieten möchte. Für mich eine Leseempfehlung mit Tiefgang!
Lesemadi
5/5
28.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
sehr berührend
Mit einem klaren, wunderschönen und respektvollen Schreibstil widmet sich Christiane Hoffmann in ihrem sehr persönlichen Buch einer verstorbenen Freundin. Das Werk verbindet eine berührende Annäherung an das Leben und die Träume der Freundin mit einer faszinierenden Faszination für die russische Kultur, die beide Frauen durch Studium und Berufsleben begleitete. Vor dem Hintergrund des eigenen journalistischen Hintergrunds der Autorin spannt das Buch einen weiten Bogen: von der hoffnungsvollen Aufbruchstimmung zu Zeiten Gorbatschows über trügerische Jahre bis hin zum schockierenden Überfall auf die Ukraine. Diese historischen und politischen Entwicklungen spiegeln sich fast wie ein roter Faden im Schicksal der so klugen wie starken Freundin wider.
Das Buch behandelt universelle Themen wie Freundschaft, Erinnerung und den Umgang mit radikalen Lebensveränderungen. Der allgegenwärtige Schatten des Krieges und individueller Schicksalsschläge verdeutlicht eindringlich, dass niemand sich die Lasten der Vergangenheit aussuchen kann. Dennoch entfaltet die Lektüre bei aller Traurigkeit eine tröstliche Botschaft: Sie erinnert daran, dass Hoffnung nicht bedeutet, dass sofort alles gut wird, sondern dass es darum geht, weiterzumachen und niemals den kleinen Funken Licht zu verlieren. Ein bereicherndes, zutiefst emotionales Werk, das eine wunderbare Würdigung für einen geliebten Menschen darstellt.
leukam
aus Baden-Baden
5/5
23.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Weltpolitik und private Geschichte
Christiane Hoffmann, studierte Slawistin und Osteuropa -Expertin, hat mit „ Die Träume, die wir hatten“ ihr zweites Buch vorgelegt. 2022, damals war sie noch stellvertretende Regierungssprecherin unter Bundeskanzler Scholz, landete sie einen Bestseller mit dem Buch „Alles, was wir nicht erinnern Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters“. Darin verbindet sie ihre eigene Familiengeschichte mit der allgemeinen Historie von Flucht und Vertreibung.
Auch in „Die Träume, die wir hatten“ verknüpft sie Persönliches und die große Weltpolitik.
Am 24. Februar 2022 überfällt Russland die Ukraine. Das ist aber nicht die einzige Schreckensnachricht, die Christiane Hoffmann an diesem Tag ereilt. Sie erfährt gleichzeitig vom Suizid ihrer langjährigen Freundin. Sie kennen sich seit Studientagen, beide haben Slawistik studiert, beide lieben die russische Literatur, gemeinsam haben sie Russland bereist.
Und die zufällige Koinzidenz dieser beiden Ereignisse lösen bei Christiane Hoffmann dieselben Fragen aus:
Hätte sie den Tod ihrer Freundin verhindern können? Hätte sie rechtzeitig die Anzeichen der Depression bei ihrer Freundin sehen und sich vermehrt um sie kümmern müssen?
Hätten wir, der Westen, die Politik, sie als Journalistin viel früher die Warnzeichen erkennen müssen und hätten wir den Krieg verhindern können?
Um Antworten auf ihre Fragen zu bekommen, geht die Autorin zurück in die späten 80er und frühen 90er Jahre.
In jener Zeit war Christiane Hoffmann als Studentin in Leningrad, später arbeitet sie als Praktikantin bei einer staatlichen Rundfunk- und Fernsehanstalt in Kiew. Hautnah erlebt sie den oft schwierigen Alltag der Sowjetbürger, trifft russische und ukrainische Freunde, spricht mit vielen unterschiedlichen Menschen im Land.
Dabei beobachtet Christiane Hoffmann das politische Geschehen und sieht im Rückblick jene Jahre als die entscheidenden. Hier nahm die Entwicklung ihren Lauf, an deren Ende der russisch-ukrainische Krieg steht. „Diese frühen neunziger Jahre entscheiden über das künftige Verhältnis zwischen Russland und dem Westen, und damit langfristig über die Sicherheit Europas. Was in diesen Jahren getan und versäumt wird, wirkt lange nach.“
Der Westen hat zu lange auf Jelzin gesetzt, erhoffte sich von ihm Stabilität und sah deshalb über vieles hinweg. Auch die russischen Oligarchen unterstützen Jelzin und so „stirbt die russische Demokratie still an einer Überdosis Kapitalismus.“ „In dieser Zeit vollzieht sich jene Synthese von politischer und wirtschaftlicher Macht, die Russland von nun an prägen wird.“
Entscheidend aber auch für das zunehmend schlechtere Verhältnis zwischen Russland und dem Westen ist sicherlich der Konflikt über die Nato-Osterweiterung. Eine umstrittene Erweiterung, man sah die Nachteile und die Gefahren, verstand aber auch die Staaten, die um die Aufnahme in die Nato betteln. Christiane Hoffmann kritisiert den Schlingerkurs des Westens. „Man umarmt die Russen mit dem einen Arm, während der andere den Ostmitteleuropäern die Tür zur Nato öffnet.“
Eindeutig beantworten lässt sich die Frage nach der Schuld oder Mitverantwortung des Westens an der jetzigen Situation nicht. Sicher ist: Die Aggression geht von Putin aus, und sein Vorgehen lässt sich durch nichts rechtfertigen. Das steht für die Autorin außer Frage. Sie sieht und zeigt jedoch die Versäumnisse des Westens, die verpassten Chancen, das ungenutzte Zeitfenster, den fehlenden Mut.
Dann aber fragt sie sich wieder, ob es nicht vermessen ist zu glauben, der Westen könne tatsächlich die Entwicklung Russlands beeinflussen.
„So wie es vielleicht größenwahnsinnig ist zu glauben, ich hätte meine Freundin davon abhalten können, sich das Leben zu nehmen.“
Immer wieder kehrt Christiane Hoffmann zu ihrer Freundin zurück, beschreibt deren privaten und beruflichen Werdegang, erzählt von gemeinsamen Erlebnissen und von ihrer Trauer über den Verlust. Das alles auf sehr einfühlsame und berührende Weise, wobei auch hier Selbstzweifel anklingen: „Wieso nehme ich mir das heraus, die Deutungshoheit über Dein Leben? Über Deinen Tod?“
Eine zentrale Position im Buch nimmt die russisch-ukrainische Dichterin Anna Achmatowa ein. Sie ist ein Verbindungsglied zwischen der Autorin und ihrer Freundin. Beide lieben ihre Gedichte; die Freundin hat sich sowohl in ihrer Magister- als auch in ihrer Doktorarbeit mit Achmatowa beschäftigt. Gleichzeitig verkörpert die russische Dichterin durch ihr langes Leben und mit ihrem Schaffen russische Historie und russische Kultur.
„Die Träume, die wir hatten“, das sind die Träume von einem Leben in Frieden und Freiheit in einem ungeteilten Europa, „von gemeinsamer Sicherheit und Demokratie in Russland und überall , von „Nie wieder Krieg“. Das waren und sind auch meine Träume und deshalb verstehe ich den Schmerz und die Trauer der Autorin über eine Wirklichkeit, die so weit entfernt ist von unseren Hoffnungen und Wünschen.
Dieses Buch ist einerseits ein zutiefst berührender Bericht über eine langjährige Freundschaft, über Verlust und Trauer und zugleich eine kluge und fundierte Analyse der russisch-ukrainischen Beziehung und der Stellung des Westens. Auf der Folie eigener Erfahrungen und mit dem scharfen Blick einer kompetenten Journalistin zeigt die Autorin Hintergründe auf und macht komplexe Zusammenhänge deutlich.
Christiane Hofmann ist hier ein ganz wunderbares Buch gelungen, das ich jedem empfehlen kann. Auch damit dieser unsägliche Krieg, der bereits über vier Jahre andauert, und unendlich viel Leid gebracht hat, bei uns nicht in Vergessenheit gerät.
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