Zwei Frauen in Paris, wie sie verschiedener nicht sein könnten: Marie Biheron, die schon im Mädchenalter nach Leichen sucht, um das Innenleben menschlicher Körper zu studieren und zu verstehen; und Madeleine Basseporte, die sich ganz der Anatomie von Blumen verschrieben hat, weil Menschen einen nur von der Arbeit abhalten und meist keine Ahnung haben, was vermehrt auf Männer zutrifft. Auch sie kommen vor, in teils erheiternden Nebenrollen – ein nervöser Bestseller-Autor, ein junger Nichtsnutz und Diderot, der Kaffee trinkt und viel redet.
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Großartige Unterhaltung
Bewertung am 26.05.2026
Bewertungsnummer: 3149199
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Paris im Jahre 1733
Marie Biheron, die 14-jährige Tochter des Apothekers hegt den großen Wunsch, die Anatomie zu studieren und wünscht sich sehnlichst eine Leiche. Tatsächlich gelingt es ihr ihre wissenschaftlichen Studien vorzunehmen und ihre Erkenntnisse weiterzugeben. Dazu erstellt sie Wachsmodelle des Körpers und seiner Organe.
Marie geht in die Zeichenschule von Madeleine Basseport, die die Pflanzenzeichnerin im Jardin du Roi ist.
„Madeleine Basseporte war eine hochgewachsene Schönheit, von einer solchen Gattung und Art, dass sie Gegaffe, Gerede, Geseufze auf sich zog und im schlimmsten Fall auch Gefechte, (…)“
Die beiden Frauen werden ein Paar, leben ihr Leben gegen jede gesellschaftliche Norm, beide sind klug und selbstbewusst, forschen, die eine zeichnet und erfasst die Pflanzen, die andere die Anatomie der Menschen. Und während die beiden Frauen die Welt systematisch erfassen, zerfällt der Rest um sie.
Die 73- jährige Marie erlebt den Beginn der neuen Republik, sie war 4 1/2 Jahre bettlägerig, rappelt sich wieder auf, versteht jedoch die Welt nicht mehr.
In der Sprache einer Chronistin zieht uns die Autorin in die Welt des 18. Jahrhunderts, mitten ins Geschehen in das Leben dieser ungewöhnlichen Frauen aber auch den gesellschaftlichen Umbrüchen und Tumulten der Zeit.
Voller Phantasie und Poesie, entfaltet die Autorin ihre Erzählkunst, schildert skurrile Situationen, alles mit großartigem Feinsinn und Humor beobachtet.
Männer erscheinen in unwichtigen Nebenrollen, und wenn, dann sind sie schwach, auch Diderot, der große Denker der Revolution kommt nicht gut davon. Saint-Pierre mit seinem Roman „Paul und Virginie“ wird verrissen.
Kluge und witzige Dialoge zeigen die Intelligenz dieser beiden Frauen, die ihre Rolle in einer männerdominierten wissenschaftlichen Welt fordern.
Ein sprachliches Feuerwerk mit historischen Bezügen und doch neu zusammengefügt.
Ein Buch, das ich in einem Zug gelesen habe. Unbedingte Leseempfehlung
Berenberg 2025
Zwischen Wachs und Blüten: Wissen und Verlangen
Bewertung (Mitglied der Book Circle Community) am 05.12.2025
Bewertungsnummer: 2670793
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Marie Biheron und Madeleine Basseporte hat es wirklich gegeben, auch wenn wir heute kaum mehr etwas über ihr Leben wissen – eben weil sie „nur“ Frauen waren. Christine Wunnicke folgt den historischen Spuren, aber sie dichtet natürlich auch hinzu und schafft damit ein eigenwilliges, schillerndes Bild zweier Frauen, die sich für Wissenschaft und Kunst entschieden haben und, trotz aller Widerstände, ein Leben lang miteinander verbunden blieben.
Wer eine lineare, leicht zugängliche Erzählung erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein. Wunnicke erzählt sprunghaft, wechselt zwischen Szenen vor und nach der Französischen Revolution, ohne dass die Stränge klar miteinander verknüpft sind. Manchmal beginnt ein Kapitel scheinbar aus dem Nichts, und man muss sich wie auf neuem Terrain erst zurechtfinden. Dazu kommt die Fülle an wissenschaftlichen, lateinischen und veralteten Wörtern. Man kann sie ignorieren oder nachschlagen – in jedem Fall hemmen sie den Lesefluss. Aber vielleicht ist genau das beabsichtigt: Es geht hier nicht um eine Geschichte, die „von A nach B“ verläuft, sondern um Literatur als Erfahrung. Sprünge, Brüche, Leerstellen – all das zwingt dazu, immer wieder neu einzutauchen, immer wieder anders zu lesen. Für manche mag das mühsam sein, für mich war es die eigentliche Faszination.
Besonders beeindruckt hat mich eine Szene, in der die beiden Frauen zum ersten Mal intim werden. Wunnicke schreibt das ohne platt zu werden, ohne je das Wort „Sexualität“ in den Mund zu nehmen – und doch ist alles geladen mit Andeutungen, Bildern, einer fast mystischen Erotik. Ich erinnere mich nicht, je etwas Vergleichbares gelesen zu haben.
Die Sprache insgesamt ist poetisch und literarisch, zugleich unterhaltsam, oft auch humorvoll. Gerade diese Mischung aus Ernst und Witz, aus Anatomie und Andacht, aus Politik und Intimität macht das Buch so besonders. Wachs ist kein Buch zum bloßen Konsumieren. Es ist eine Herausforderung – und gerade deshalb lohnend.
Weitere Rezensionen auf Deutsch findest du auf meinem Goodreads- und LovelyBooks-Profil.
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