Eine Liebesgeschichte, so schön, so verwegen, wie nur Christine Wunnicke sie schreibt. Schauplatz ist Frankreich im 18. Jahrhundert, das vorrevolutionäre und das überaus revolutionäre. Und es lieben sich zwei Frauen, die verschiedener nicht sein könnten: Marie Biheron, die schon im zarten Alter Leichen seziert, um deren Innenleben aus Wachs zu modellieren; und Madeleine Basseporte, die zeichnend die Anatomie von Blumen aufs Papier zaubert, weil Menschen einen ja doch nur von der Arbeit abhalten und meist keine Ahnung haben. Männer kommen auch vor, in schönen Nebenrollen – ein nervöser Bestseller-Autor, ein junger Nichtsnutz und Diderot, der Kaffee trinkt und viel redet. Ein hinreißender Liebesroman, der hin und her schwingt zwischen der Zeit, als Küchenschellen friedlich am Wegesrand wachsen, und jenen Schreckenstagen, als nicht allein der Königin wie einer schönen Blume der Kopf abgeschlagen wurde.
Kundinnen und Kunden meinen
3.9/5.0
Bewertung
5/5
26.05.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Großartige Unterhaltung
Paris im Jahre 1733
Marie Biheron, die 14-jährige Tochter des Apothekers hegt den großen Wunsch, die Anatomie zu studieren und wünscht sich sehnlichst eine Leiche. Tatsächlich gelingt es ihr ihre wissenschaftlichen Studien vorzunehmen und ihre Erkenntnisse weiterzugeben. Dazu erstellt sie Wachsmodelle des Körpers und seiner Organe.
Marie geht in die Zeichenschule von Madeleine Basseport, die die Pflanzenzeichnerin im Jardin du Roi ist.
„Madeleine Basseporte war eine hochgewachsene Schönheit, von einer solchen Gattung und Art, dass sie Gegaffe, Gerede, Geseufze auf sich zog und im schlimmsten Fall auch Gefechte, (…)“
Die beiden Frauen werden ein Paar, leben ihr Leben gegen jede gesellschaftliche Norm, beide sind klug und selbstbewusst, forschen, die eine zeichnet und erfasst die Pflanzen, die andere die Anatomie der Menschen. Und während die beiden Frauen die Welt systematisch erfassen, zerfällt der Rest um sie.
Die 73- jährige Marie erlebt den Beginn der neuen Republik, sie war 4 1/2 Jahre bettlägerig, rappelt sich wieder auf, versteht jedoch die Welt nicht mehr.
In der Sprache einer Chronistin zieht uns die Autorin in die Welt des 18. Jahrhunderts, mitten ins Geschehen in das Leben dieser ungewöhnlichen Frauen aber auch den gesellschaftlichen Umbrüchen und Tumulten der Zeit.
Voller Phantasie und Poesie, entfaltet die Autorin ihre Erzählkunst, schildert skurrile Situationen, alles mit großartigem Feinsinn und Humor beobachtet.
Männer erscheinen in unwichtigen Nebenrollen, und wenn, dann sind sie schwach, auch Diderot, der große Denker der Revolution kommt nicht gut davon. Saint-Pierre mit seinem Roman „Paul und Virginie“ wird verrissen.
Kluge und witzige Dialoge zeigen die Intelligenz dieser beiden Frauen, die ihre Rolle in einer männerdominierten wissenschaftlichen Welt fordern.
Ein sprachliches Feuerwerk mit historischen Bezügen und doch neu zusammengefügt.
Ein Buch, das ich in einem Zug gelesen habe. Unbedingte Leseempfehlung
Berenberg 2025
Bewertung
Book Circle Community
5/5
05.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen Wachs und Blüten: Wissen und Verlangen
Marie Biheron und Madeleine Basseporte hat es wirklich gegeben, auch wenn wir heute kaum mehr etwas über ihr Leben wissen – eben weil sie „nur“ Frauen waren. Christine Wunnicke folgt den historischen Spuren, aber sie dichtet natürlich auch hinzu und schafft damit ein eigenwilliges, schillerndes Bild zweier Frauen, die sich für Wissenschaft und Kunst entschieden haben und, trotz aller Widerstände, ein Leben lang miteinander verbunden blieben.
Wer eine lineare, leicht zugängliche Erzählung erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein. Wunnicke erzählt sprunghaft, wechselt zwischen Szenen vor und nach der Französischen Revolution, ohne dass die Stränge klar miteinander verknüpft sind. Manchmal beginnt ein Kapitel scheinbar aus dem Nichts, und man muss sich wie auf neuem Terrain erst zurechtfinden. Dazu kommt die Fülle an wissenschaftlichen, lateinischen und veralteten Wörtern. Man kann sie ignorieren oder nachschlagen – in jedem Fall hemmen sie den Lesefluss. Aber vielleicht ist genau das beabsichtigt: Es geht hier nicht um eine Geschichte, die „von A nach B“ verläuft, sondern um Literatur als Erfahrung. Sprünge, Brüche, Leerstellen – all das zwingt dazu, immer wieder neu einzutauchen, immer wieder anders zu lesen. Für manche mag das mühsam sein, für mich war es die eigentliche Faszination.
Besonders beeindruckt hat mich eine Szene, in der die beiden Frauen zum ersten Mal intim werden. Wunnicke schreibt das ohne platt zu werden, ohne je das Wort „Sexualität“ in den Mund zu nehmen – und doch ist alles geladen mit Andeutungen, Bildern, einer fast mystischen Erotik. Ich erinnere mich nicht, je etwas Vergleichbares gelesen zu haben.
Die Sprache insgesamt ist poetisch und literarisch, zugleich unterhaltsam, oft auch humorvoll. Gerade diese Mischung aus Ernst und Witz, aus Anatomie und Andacht, aus Politik und Intimität macht das Buch so besonders. Wachs ist kein Buch zum bloßen Konsumieren. Es ist eine Herausforderung – und gerade deshalb lohnend.
Weitere Rezensionen auf Deutsch findest du auf meinem Goodreads- und LovelyBooks-Profil.
musicartsandbooks
5/5
09.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwei bemerkenswerte Frauenleben
Zwei historische Figuren erwachen hier zum Leben - und wie!
Christine Wunnicke entführt uns ins Frankreich des 18 Jahrhunderts, das Jahrhundert der französischen Revolution. Die Apothekerstochter Marie Biheron, die schon als junges Mädchen Leichen seziert, um anatomische Wachsmodelle zu bilden und die deutlich ältere Madeleine Basseporte, botanische Zeichnerin und Maries Lehrerin verlieben sich ineinander und werden ein Paar. Und von der Verbundenheit dieser beiden konträren und sich zugleich perfekt ergänzenden Frauen erzählt die Geschichte in chronologisch wechselnden Kapiteln. Wir erfahren viel über das Leben Maries und Madeleines und ihrer künstlerischen und wissenschaftlichen Tätigkeiten immer im Angesicht einer vollends männlich dominierten Gesellschaft und vor dem Hintergrund dieses Tod en masse bringenden 18.Jahrhunderts.
Für diesen Roman braucht es trotz seines relativ geringen Umfangs eine gewisse Konzentration, denn der Text ist durchaus anspruchsvoll, belässt es manchmal nur in hingetupften Andeutungen, erzeugt dadurch von der ersten Seite an eine wahnsinnig intensive Atmosphäre und macht Lust, ihn immer weiter und weiter zu inhalieren. Ich liebe es, wenn die Erzählsprache zur Zeit des Geschehens passt und finde es besonders wertvoll, wenn alte Begriffe und Wörter gepflegt werden, und genau das bietet dieser Roman.
"Wachs" ist ein schmaler Band, er ist aber umso gehaltvoller, erzählt eine wunderschöne Geschichte in grausiger Zeit, und er steht völlig zu Recht auf der Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises.
yellowdog
5/5
31.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Elegant und raffiniert
Manchmal gibt es Bücher, die haben so einen tollen Anfang, das man sie nicht vergisst. Wunnickes Wachs gehört dazu. Das erste Kapitel ist grandios geschrieben und hat einen Witz, der zugleich auch dazu dient, die eindrucksvolle Hauptfigur vorzustellen. Marie Biheron, die in Frankreich des 18.Jahrhunderts lebte. Sie war Künstlerin und machte anatomische Wachsmodellation.
Mit der Blumenmalerin Madeleine Basseport kommt eine weitere wunderbare Figur hinzu. Erst war sie Maries Zeichenlehrerin, dann hatten sie eine lang andauernde Beziehung.
Es gibt eine zweite Zeitebene, in der der junge Edmé sich um die inzwischen alte Marie kümmert. Auch das ist eine enge Beziehung.
Christine Wunnicke, die schon lange ein literarischer Geheimtipp ist, gestaltet ihr Buch stilistisch sehr elegant. Ihre Sprache ist raffiniert.
Bewertung
aus Villach
5/5
30.05.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Tolle Doppelfrauenbiografie - Paris 18. Jahrhundert
Paris 1733-1795
Die hochinteressante Biografie zweier Frauen, die im 18. Jahrhundert eine lesbische Beziehung hatten: Marie Biheron und Madeleine Basseport.
Marie Biheron war die Tochter eines Apothekers, der starb als sie noch jung war. Sie wollte Anatom werden. Das war als Frau in jener Zeit nicht möglich. In der ersten Szene des Romans geht die 15-jährige Marie in eine Militärkaserne und fragt dort um eine Leiche an, da sie davon ausgeht, dass diese dort gelagert würden. Bereits in diesem Alter begann sie also schon Leichen zu sezieren.
In einem Zeichenmalkurs begegnet sie der fast um 20 Jahre älteren, wunderschönen Madeleine Basseport, ihres Zeichens Blumen - und Pflanzenmalerin. Sie gibt Unterricht für Mädchen, um ihnen das Blumenmalen zu lehren und wird die Lebenspartnerin von Marie Biheron.
Marie entwickelt eine Technik, aus gehärteten Wachs originalgetreue anatomische Modelle herzustellen, und verkauft diese auch – an die Königin und an Wissenschaftler, um sich so ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Der Roman verfolgt zwei Zeitstränge: einmal das Leben der beiden jungen Frauen und dann im zweiten Strang die alte Marie Biheron, nachdem Madeleine Basseport bereits verstorben ist.
Christine Wunnicke hat eine Doppelbiografie zweier Frauen vorgelegt, über die wenig bekannt ist. Sie hat die Geschichte der beiden Frauen wunderbar und interessant aufs Papier gebracht. Mit witzigen Details der damaligen Zeit anschaulich geschmückt, ist dies ein großartiger Roman, der gerne mehr Seiten umfassen hätte können.
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