Kurz nach dem Sturz der Diktatur flieht Vio mit ihren Eltern aus dem rumänischen Banat nach Deutschland. Trotz aller Widerstände findet Vio ihren Platz in der Gesellschaft. Als jedoch Jahre später ihre zweijährige Tochter bei einem Unfall Narben davonträgt, droht sie, an ihren Selbstvorwürfen zu zerbrechen. Im 18. Jahrhundert muss Theresia einen hohen Preis dafür zahlen, als begehrenswert zu gelten. Sie gerät ins Visier der Keuschheitskommission, wird entrechtet und verschleppt. Beiden Frauen ist die Banater Erde eingeschrieben, die zwischen den Jahrhunderten ein Band aus Schmerz und Schönheit spinnt.
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Ein bereicherndes und schmerzhaft ehrliches Debüt
nessabo (Mitglied der Thalia Book Circle Community) am 17.05.2026
Bewertungsnummer: 3140717
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Betty Boras ist wohl vielen in der Bookstagram-Bubble ein Begriff und umso höher waren auch meine Erwartungen an das Debüt der Autorin. Glücklicherweise konnten die in voller Höhe erfüllt werden.
Zuerst einmal bin ich begeistert davon, wie Boras mit ihrer Sprache umzugehen weiß. Ihre Worte sind bewusst gewählt und treffen präzise ins emotionale Zentrum ihrer Leser*innenschaft. Dabei wandert die Autorin sprachlich genau an der Grenze von feiner Poesie und direktem Ausdruck, was ich sehr genossen habe. Sie schweift nicht zu malerisch ab, hat mich aber dennoch zum aufmerksamen Lesen angehalten, woran sich ein anspruchsvolles Werk in meinen Augen erkennen lässt. Spätestens in der Danksagung wird klar, dass Boras sich hier sehr nah an ihrer eigenen Biografie bewegt und das spiegelte sich deutlich in der Authentizität der Erzählung wider. Auf zugängliche und interessante Weise habe ich so etwas gelernt über die Geschichte des Banat und damit auch des späteren Rumäniens. Nach der Lektüre hatte ich dann direkt Lust, noch mehr dazu zu recherchieren und genau dafür liebe ich Bücher.
Die feministische Komponente der Geschichte ist fein herausgearbeitet. Besonderes lobenswert finde ich jedoch, wie sich durchaus gängige Reflexionen zum gesellschaftlichen Schönheitsideal fließend verbinden mit Migrationsgeschichte, Rassismus und transgenerationaler Weitergabe. Vio ist als zentrale Figur der Gegenwart komplex und war für mich als Leserin enorm gut greifbar. Sie wird auf zwei Zeitebenen erzählt und macht so deutlich, wie ihre Kindheitserfahrungen und damit auch die Handlungen ihrer Eltern sich auf ihre eigene Mutterschaft auswirken, ohne dabei jemals scharf zu werten.
Ergänzt wird der Roman um die Perspektive Theresias, die im 18. Jhd. mit patriarchal-kirchlicher Objektifizierung und Entrechtung zu leben versucht, dabei aber auch weiblichen Zusammenhalt erfahren darf. Für ihre Kapitel habe ich eine Weile gebraucht, weil die Autorin auf jeden Fall mündige Leser*innen anspricht, die sich vom dosierten Einstreuen historischer Begriffe und Sprache nicht überfordern lassen. Dennoch schafft es Boras, stets verständlich zu bleiben und die beiden Frauen am Ende zart miteinander zu verknüpfen.
Meine einzige Kritik zielt darauf ab, dass die Wechsel der Perspektiven teils sehr rasant waren und ich einige Seiten lesen musste, bis ich verstanden habe, dass die Vio- und die Ich-Kapitel die gleiche Person an unterschiedlichen Zeitpunkten ihres Lebens betreffen. Doch insgesamt betrachtet ist das Werk sprachlich, inhaltlich und emotional so gut zusammengestellt, dass ich wirklich bereichert aus der Lektüre gehe und das Buch von Herzen empfehlen möchte.
Ein Platz unter der Linde
nil_liest (Mitglied der Thalia Book Circle Community) am 02.05.2026
Bewertungsnummer: 3126807
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Was haben wir alle gemeinsam? Wir haben Mütter. Und viele von uns Töchtern werden auch wieder welche. Diese tiefe Verbundenheit ist das zentrale Thema des Debütromans von Betty Boras mit dem schönen Titel „Das schönste aller Leben“. Lasst euch vom Cover und dem Titel nicht in die Irre führen. Das Buch hat Tiefe, unerbittliche Wahrheiten und Schmerz in sich.
Die Autorin, die selbst in Rumänien zur Welt gekommen ist und mit ihren Eltern nach Deutschland kam als junges Mädchen gibt uns auch einen liebevollen, aber sehr ehrlichen Blick frei auf Eltern, die ihr eigenes Leben aufgeben um Freiheit und eine bessere Zukunft für die eigene Tochter zu erreichen. Spannend diese Erfahrung hier aus dieser Perspektive zu lesen. Hilflose Eltern, immer darauf bedacht nicht aufzufallen, sondern integriert zu wirken. Stolz, wenn die Tochter deutsche Freundinnen hat.
“Eine Vergebungskette, wie ein seltenes Erbstück, das weitergereicht wird und die Generationen verbindet.” S. 50
Es geht um drei Generationen. Theresa, die im 18. Jahrhundert das Fundament der Familie im Banat begründet. Eine Frau, die viel Leid ertragen musste. Dann Vios Eltern, die für ihre Tochter nach dem Sturz der Diktatur nach Deutschland gingen, da war Vio noch in der Grundschule. Dann die Gegenwart in der Vio selbst Mutter ist. Scheinbar die Generation, die es geschafft hat, aber dann durch einen tragischen Vorfall doch wieder in ein ganze eigenes Leiden zurück geworfen wird.
Betty Boras hat hier ein sehr persönliches Buch geschrieben, da hier sicherlich viel eingeflossen ist was sie kennt und zutiefst in sich trägt. Das macht dieses Buch so gut, aber auch ihr Schreiben ist extrem gut. Ein immer wiederkehrender Perspektivwechsel zwischen den Frauen. Selbst der Wechsel von Vio als Kind zu ihrem gegenwärtigen Ich ist äußerst gelungen. Es steckt so viel mehr im Text, nicht alles wird ausformuliert und doch schwingt der vieles mit was die Charaktere umgibt.
Ich freue mich auf jeden Fall auf weitere Romane der Autorin. Eine Entdeckung in diesem Jahr!
Im Debütroman „Das schönste aller Leben“ von Betty Boras geht es um Heimat(gefühl), den Wert von Schönheit, Mutterschaft und die Vererbung von Glaubenssätzen. Dass die Autorin selbst als Kind mit ihrer Familie von Rumänien nach Deutschland migriert ist, macht die Geschichte an vielen Stellen greifbarer und authentischer.
Früher: Die schöne Theresia wird von der Keuschheitskommission aufgespürt und zur Zwangsarbeit nach Rumänien verschleppt. Sie galt immer schon als besonders schön und liebenswert. Eine nicht erlaubte Beziehung wird ihr jedoch zum Verhängnis und plötzlich wird ihre Schönheit gegen sie verwendet.
Heute: Vio, Nachfahrin von Theresia, ist mit ihren Eltern von Rumänien nach Deutschland abgewandert, um ein besseres Leben zu führen. Auch hier dreht sich vieles um Schönheit und als ein Unfall mit ihrer zweijährigen Tochter passiert, der ihr Gesicht entstellt, plagen Vio Selbstzweifel und die Frage, ob ihre Tochter nun jemals ein glückliches Leben führen kann.
Ich habe das Buch innerhalb eines Tages ausgelesen. Ich bin rasch in die Geschichte hineingekommen und die kurzen Kapitel sorgen dafür, dass man immer weiterlesen möchte. Am meisten fasziniert und schockiert hat mich Theresias Geschichte. Es wirkte auf mich fast surreal, dass plötzlich die Keuschheitskommission auftrat und Theresia vor Gericht brachte.
Die Verbindung zur Gegenwart war für mich nicht gut greifbar und nur dank der Palme aus Holz erkennbar. Sonst hätte es auch einfach die Geschichte von zwei Frauen sein können, die nicht miteinander verwandt sind.
Mit Viola, kurz Vio, konnte ich mich während ihrer Jugendzeit gut identifizieren. Ihren Wunsch nach Zugehörigkeit konnte ich nachvollziehen und als sie sich ins Korsett zwängen musste, habe ich mit ihr mitgelitten. Das hat sich aber im Laufe der Geschichte verändert. Die erwachsene Vio fand ich großteils anstrengend. Den Unfall ihrer Tochter hat sie selbst verursacht, natürlich nicht absichtlich, deshalb ist es nachvollziehbar, dass sie auch darunter leidet und sich darüber viele Gedanken macht. Ihre einzige Sorge ist die Schönheit der Tochter. Vio wirkte an vielen Stellen egoistisch und ich habe den Zugang zu ihr verloren. Es ist für mich zwar nachvollziehbar, dass Schönheit so einen hohen Wert in ihrer Familie hat, schließlich hat sie es von ihren Eltern nicht anders mitbekommen, aber für mich hat die Gewichtung nicht ganz gestimmt: Ich habe den Roman größtenteils als Leidensgeschichte einer zunehmend depressiven Mutter aufgefasst. Von Anfang an kristallisiert sich nämlich heraus, dass Vio psychologische Hilfe braucht, da sie nur mehr schlecht in der Lage ist, ihr Leben zu leben. Die Schlüsselszene des gesamten Buches findet bei der Psychotherapeutin statt, als diese Vio fragt, ob es in ihrer Familie wichtig war, was andere über einen denken, und Vio antwortet: „Das Allerwichtigste.“ Schade, dass sie in diesen vererbten Mustern gefangen war und ihre ganzen Ängste und Sorgen auf ihre Tochter übertragen hat. Die Autorin wirft die Frage auf, welche Glaubenssätze wir von früheren Generationen mitbekommen. Hier lohnt es sich hinzuschauen.
Besonders interessant fand ich die historischen Hintergründe. Ich kannte das Banat zuvor nicht und wusste demnach auch nicht, dass im 18. Jahrhundert Deutsche und Österreicher dahin ausgewandert sind, um letzten Endes – unter erschwerten Umständen – im 20. Jahrhundert zurückzukehren. Ich wusste auch nicht, dass sie dort eigene Dörfer gegründet haben, in denen Deutsch gesprochen wurde.
Was ich dann aber merkwürdig fand, war die Personifizierung des Banat. In den Kapiteln „Banater Erde“ meldet sich die Region selbst zu Wort und macht den Menschen unter anderem ein schlechtes Gewissen, weil sie wieder gegangen sind. Ich habe in anderen Rezensionen gelesen, dass diese Kapiteln dem Buch mehr Tiefe und fast etwas Mystisches gegeben hätten. Für mich war es nicht passend.
In Erinnerung bleibt mir auch die Thematisierung vom Ankommen in einem „fremden“ Land und der Wunsch nach Zugehörigkeit. Besonders denke ich an die Szene, in der sich Kinder über einen Mann lustig machen, der ein Rad schiebt: Vios Opa.
Das Buch hat mich bewegt, konnte mich insgesamt aber nicht so überzeugen wie andere Bücher, die ich mit vier Sternen bewertet habe.
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