Das intensive und aufwühlende Debüt von Betty Boras 'über Herkunft, Mutterschaft und die Schönheitsideale, denen Frauen schon immer ausgeliefert waren.' Mareike Fallwickl
Kurz nach dem Sturz der Diktatur flieht Vio mit ihren Eltern aus dem rumänischen Banat nach Deutschland. Sich anpassen, bloß nicht auffallen - das ist der Preis des Ankommens. Fleiß und Schönheit seine Währung. Trotz aller Widerstände findet Vio ihren Platz in der Gesellschaft. Als jedoch Jahre später ihre zweijährige Tochter bei einem Unfall Narben davonträgt, droht sie, an ihren Selbstvorwürfen zu zerbrechen. Im 18. Jahrhundert muss Theresia einen hohen Preis dafür zahlen, als begehrenswert zu gelten. Sie gerät ins Visier der Keuschheitskommission, wird entrechtet und verschleppt.
Beiden Frauen ist die Banater Erde eingeschrieben, die zwischen den Jahrhunderten ein Band aus Schmerz und Schönheit spinnt.
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Intensiv
Reader1965 aus Hamburg am 05.04.2026
Bewertungsnummer: 3099972
Bewertet: eBook (ePUB)
Was für ein grossartiges & tiefgründiges Debüt. "Das schönste aller Leben" von Betty Boras ist ein Roman mit Sogwirkung. Einmal angefangen, konnte ich den Ebook-Reader nicht mehr aus der Hand legen - dabei hätte ich es aufgrund des für mich nicht ansprechenden Covers fast übersehen.
Betty Boras hat einen wundervollen Schreibstil: kraftvoll & intensiv. Vio & Theresia sind so einfühlsam & greifbar beschrieben, dass ich Bilder von ihnen & den jeweiligen Lebensumständen im Kopf hatte. Der Schmerz & die Schuldgefühle von Vio sind spürbar, auch das Leid von Theresia.
Es geht um Identität, Mütter & Schönheitsideale. Betty Boras verbindet dabei Familengeschichte mit der Fragestellung "Kommt mit der Schönheit auch das Glück?". Sie schreibt über die sichtbaren & die unsichtbaren Narben.
Ein bewegendes & nachdenklich machendes Buch für alle, die Geschichten aus dem Leben mögen.
Ruhige, aber kraftvolle Geschichte
Jürg K. am 18.02.2026
Bewertungsnummer: 3049989
Bewertet: eBook (ePUB)
Die Geschichte zeigt zwei Frauen, die durch Jahrhunderte voneinander getrennt sind und doch denselben Schmerz in sich tragen. Den Versuch, in einer Welt zu bestehen, die ihren Wert von aussen definiert. Vios Geschichte hat mich besonders bewegt. Die Flucht aus dem Banat, das Ankommen in Deutschland, dieses ständige Bemühen, nicht aufzufallen ich konnte die Enge, die Unsicherheit, aber auch den Trotz in ihr spüren. Fleiss und Schönheit als Währung, als Schutzschild, als Eintrittskarte in ein neues Leben. Und dann der Moment, in dem ihre Tochter verletzt wird, plötzlich bricht alles, worauf sie ihr Selbst gebaut hat, in sich zusammen. Ihre Selbstvorwürfe haben mich regelrecht mitgerissen, weil sie so menschlich, so schmerzhaft nachvollziehbar sind. Theresias Geschichte im 18. Jahrhundert wirkt, wie ein Echo aus einer anderen Zeit und doch ist, sie erschreckend nah. Die Keuschheitskommission, die Entrechtung, die Gewalt, die über sie kommt, nur weil sie begehrenswert ist. Ich habe beim Lesen oft gedacht, wie wenig sich manche Mechanismen wirklich verändert haben. Was beide Frauen verbindet, ist diese Banater Erde, die wie ein unsichtbares Band durch den Roman zieht. Ein Ort voller Schönheit und Härte, der sie prägt, trägt und zugleich verletzt. Für mich ist dieses Buch ein leises, aber kraftvolles Nachdenken über Herkunft, Körper, Schuld und die Frage, wie man sich selbst behauptet, wenn die Welt einen ständig neu definiert. Es bleibt lange im Herzen. Sehr zu empfehlen.
Im Debütroman „Das schönste aller Leben“ von Betty Boras geht es um Heimat(gefühl), den Wert von Schönheit, Mutterschaft und die Vererbung von Glaubenssätzen. Dass die Autorin selbst als Kind mit ihrer Familie von Rumänien nach Deutschland migriert ist, macht die Geschichte an vielen Stellen greifbarer und authentischer.
Früher: Die schöne Theresia wird von der Keuschheitskommission aufgespürt und zur Zwangsarbeit nach Rumänien verschleppt. Sie galt immer schon als besonders schön und liebenswert. Eine nicht erlaubte Beziehung wird ihr jedoch zum Verhängnis und plötzlich wird ihre Schönheit gegen sie verwendet.
Heute: Vio, Nachfahrin von Theresia, ist mit ihren Eltern von Rumänien nach Deutschland abgewandert, um ein besseres Leben zu führen. Auch hier dreht sich vieles um Schönheit und als ein Unfall mit ihrer zweijährigen Tochter passiert, der ihr Gesicht entstellt, plagen Vio Selbstzweifel und die Frage, ob ihre Tochter nun jemals ein glückliches Leben führen kann.
Ich habe das Buch innerhalb eines Tages ausgelesen. Ich bin rasch in die Geschichte hineingekommen und die kurzen Kapitel sorgen dafür, dass man immer weiterlesen möchte. Am meisten fasziniert und schockiert hat mich Theresias Geschichte. Es wirkte auf mich fast surreal, dass plötzlich die Keuschheitskommission auftrat und Theresia vor Gericht brachte.
Die Verbindung zur Gegenwart war für mich nicht gut greifbar und nur dank der Palme aus Holz erkennbar. Sonst hätte es auch einfach die Geschichte von zwei Frauen sein können, die nicht miteinander verwandt sind.
Mit Viola, kurz Vio, konnte ich mich während ihrer Jugendzeit gut identifizieren. Ihren Wunsch nach Zugehörigkeit konnte ich nachvollziehen und als sie sich ins Korsett zwängen musste, habe ich mit ihr mitgelitten. Das hat sich aber im Laufe der Geschichte verändert. Die erwachsene Vio fand ich großteils anstrengend. Den Unfall ihrer Tochter hat sie selbst verursacht, natürlich nicht absichtlich, deshalb ist es nachvollziehbar, dass sie auch darunter leidet und sich darüber viele Gedanken macht. Ihre einzige Sorge ist die Schönheit der Tochter. Vio wirkte an vielen Stellen egoistisch und ich habe den Zugang zu ihr verloren. Es ist für mich zwar nachvollziehbar, dass Schönheit so einen hohen Wert in ihrer Familie hat, schließlich hat sie es von ihren Eltern nicht anders mitbekommen, aber für mich hat die Gewichtung nicht ganz gestimmt: Ich habe den Roman größtenteils als Leidensgeschichte einer zunehmend depressiven Mutter aufgefasst. Von Anfang an kristallisiert sich nämlich heraus, dass Vio psychologische Hilfe braucht, da sie nur mehr schlecht in der Lage ist, ihr Leben zu leben. Die Schlüsselszene des gesamten Buches findet bei der Psychotherapeutin statt, als diese Vio fragt, ob es in ihrer Familie wichtig war, was andere über einen denken, und Vio antwortet: „Das Allerwichtigste.“ Schade, dass sie in diesen vererbten Mustern gefangen war und ihre ganzen Ängste und Sorgen auf ihre Tochter übertragen hat. Die Autorin wirft die Frage auf, welche Glaubenssätze wir von früheren Generationen mitbekommen. Hier lohnt es sich hinzuschauen.
Besonders interessant fand ich die historischen Hintergründe. Ich kannte das Banat zuvor nicht und wusste demnach auch nicht, dass im 18. Jahrhundert Deutsche und Österreicher dahin ausgewandert sind, um letzten Endes – unter erschwerten Umständen – im 20. Jahrhundert zurückzukehren. Ich wusste auch nicht, dass sie dort eigene Dörfer gegründet haben, in denen Deutsch gesprochen wurde.
Was ich dann aber merkwürdig fand, war die Personifizierung des Banat. In den Kapiteln „Banater Erde“ meldet sich die Region selbst zu Wort und macht den Menschen unter anderem ein schlechtes Gewissen, weil sie wieder gegangen sind. Ich habe in anderen Rezensionen gelesen, dass diese Kapiteln dem Buch mehr Tiefe und fast etwas Mystisches gegeben hätten. Für mich war es nicht passend.
In Erinnerung bleibt mir auch die Thematisierung vom Ankommen in einem „fremden“ Land und der Wunsch nach Zugehörigkeit. Besonders denke ich an die Szene, in der sich Kinder über einen Mann lustig machen, der ein Rad schiebt: Vios Opa.
Das Buch hat mich bewegt, konnte mich insgesamt aber nicht so überzeugen wie andere Bücher, die ich mit vier Sternen bewertet habe.
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