Ohne Geld und mit wenig vorzuweisen nach seiner Ausbildung an der Kunsthochschule, nimmt Cal die Fähre nach Hause auf die Insel Harris und all das, vor dem er nach Edinburgh geflüchtet war, ist wieder da: das karge Leben auf den Hebriden, der windgepeitschte Kreislauf aus Schafzucht und Nächten am Webstuhl, die Enge der Inselgemeinschaft.Sein Vater hat ihn nach Hause in sein altes Leben beordert. John, dem er all sein Wissen über Farben und Wolle verdankt, dessen Hingabe als Tweed-Weber er liebt und dessen presbyterianische Strenge er hasst. Sie sind einander so nah und kennen sich so wenig, blind für das wohlgehütete Geheimnis des anderen. Niemals könnte Cal dem Vater von seiner Sehnsucht nach einem Partner erzählen, wo dieser schon seine langen Haare als Sünde ahndet. Stattdessen sucht Cal immer mehr die Nähe von Innes, Johns sanftem bestem Freund, während sich die Fäden, die ihre fragile Gemeinschaft zusammenhalten, immer dichter verweben.Ein großer Roman über Verpflichtung und Verblendung, Liebe und Scham und die verwandelnde Kraft der Wahrheit.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
buecherboy
5/5
02.11.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Familie, Heimat und die Sehnsucht nach einem Leben, in dem man sich nicht länger verstecken muss
John of John von Douglas Stuart ist ein sprachgewaltiger und tief berührender Roman über Familie, Heimat und die Sehnsucht nach einem Leben, in dem man sich nicht länger verstecken muss. Im Mittelpunkt steht Cal, der Anfang der 1990er-Jahre auf die schottische Hebrideninsel Harris zurückkehrt, aus Sorge um seine Großmutter Ella. Dort begegnet er nicht nur seinem streng religiösen Vater John wieder, sondern auch Menschen aus seiner Vergangenheit, deren Geschichten untrennbar mit seiner eigenen Familiengeschichte verwoben sind. In einer von Tradition, Armut und religiösen Dogmen geprägten Gemeinschaft erzählt Stuart eindrucksvoll davon, wie schwer es sein kann, den eigenen Platz im Leben zu finden, wenn Anderssein keinen Raum haben darf. Gleichzeitig eröffnet der Roman faszinierende Einblicke in das Leben auf der Insel, ihre sozialen Strukturen und das enge Zusammenleben einer Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt und Geheimnisse kaum verborgen bleiben.
Besonders beeindruckend ist, mit welcher Geduld Douglas Stuart seine Figuren entwickelt. Seine teils eigenwilligen, skurrilen und zugleich zutiefst menschlichen Charaktere gewinnen von Seite zu Seite an Tiefe, sodass ihre Sehnsüchte, Ängste und Widersprüche greifbar werden. Vor allem die vom Festland stammende Großmutter Ella ist eine unvergessliche Figur: scharfzüngig, lebensklug und auf ihre ganz eigene Weise zufrieden mit ihrer Einsamkeit. Gleichzeitig entfaltet sich nach und nach ein vielschichtiges Netz aus lange verborgenen Familiengeheimnissen und Beziehungen, das den Blick auf John, Cal und ihre Vergangenheit immer wieder verändert. Die raue Landschaft der Hebriden spiegelt dabei die emotionale Enge vieler Figuren wider, während die ruhige Erzählweise eine starke Sogwirkung entwickelt.
Mit großer erzählerischer Feinfühligkeit verbindet Douglas Stuart Themen wie Homosexualität, familiäre Erwartungen, Glaube, Zugehörigkeit und die Last unausgesprochener Wahrheiten zu einem bewegenden Familienroman. John of John ist ein leises, aber eindrucksvolles Werk, das lange nach der letzten Seite nachhallt und für mich Douglas Stuarts bislang stärkster Roman ist.
jr17
5/5
09.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Einfühlsame Familiengeschichte
Vater und Sohn könnten kaum unterschiedlicher sein: Während Sohn Cal auf dem Festland studiert hat und das Nachtleben der Großstadt schätzt, wohnt sein Vater John alleine, züchtet Schafe, webt Tweed und hat nur einen einzigen Sozialkontakt. Als es seiner Großmutter schlechter geht, kehrt Cal zurück auf die Hebriden - und taucht wieder ein in alte Strukturen. Großmutter und Vater sprechen nicht miteinander, aber beide sprechen mit ihm. Nur wenig Substanzielles kommt dabei rum. Seine Mutter wohnt am anderen Ende der Insel. Seine Halbgeschwister kennt er kaum. Und seine Homosexualität darf und kann er hier auf keinen Fall ausleben.
Douglas Stuart kann wie kaum ein andere einen Mikrokosmos erschaffen, der gleichermaßen realistisch und unwirklich scheint. Auch den Kampf der Charaktere mit sich selbst hat er perfektioniert. Was bleibt, wenn da niemand ist, zu dem man vollkommen ehrlich sein kann?
Soulfire
Thalia Book Circle Community
5/5
20.07.2026
eBook (ePUB)
Wenn die Lüge zur Wahrheit wird
Wenn die Lüge zur Wahrheit wird - und diese am Leben hindert.
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Es geht in diesem Buch um Traditionen, um Glaubenssätze, um Konventionen unter streng gläubigen Inselbewohnern auf der schottischen Insel Haris. Und es geht vor allen Dingen um Lügen, die zur Wahrheit zu werden drohen und die Protagonisten am Leben hindern. Aber in erster Linie geht es um Liebe unter schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen auf einer abgeschiedenen Insel im Norden Schottlands.
Im Roman wird beschrieben, wie die Lebenslügen dreier Männer, und zwar von Innes, John und Cal nicht nur deren Leben zu zerstören drohen, sondern auch andere ihnen nahe stehende Menschen mit in Haftung nehmen.
Gleichzeitig zeigt es die seelische Not dieser Männer. die von innerer Zerrissenheit, Verpflichtungsgegühl und einem nicht besiegbarem Bedürfnis geprägt ist.
Gleichwohl ist es eine Ode an das Leben und die Möglichkeit innere Freiheiten auch im Aussen leben zu können.
Der Autor bedient sich einer bildreichen Sprache, aber lässt auch keine deutlichen Worte vermissen.
Mich hat das Buch sowohl berührt als auch mitfiebern und hoffen lassen.
Eine absolute Leseempfehlung.
Bewertung
aus Luckenwalde
5/5
20.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Karg und einsam
Manche Bücher brauchen keine große Action, um eine enorme Sogwirkung zu entfalten. "John of John" von Douglas Stuart ist genau so ein Werk: ruhig, langsam und doch absolut fesselnd. Stuarts Sprache ist von einer bildgewaltigen Schönheit, die die Kargheit der Natur und die Sprachlosigkeit der Figuren greifbar macht.
Als Cals Geld während des Studiums in Edinburgh aufgebraucht ist, ruft ihn sein Vater zurück nach Hause. Der Gesundheitszustand der Großmutter verschlechtert sich. Cal reist mit schwerem Herzen zurück, denn die Wiederbegegnung mit seinem Vater John ist konfliktreich. John ist ein strenger, gottesfürchtiger Mann, der trotz harter Arbeit in der Weberei und bei den Schafen kaum über die Runden kommt. Er liebt Cal, kann diese Liebe aber nicht zeigen – erstickt an den eigenen aufgegebenen Träumen und den starren gesellschaftlichen Konventionen der Gemeinschaft.
Douglas Stuart nimmt die Beziehung zwischen Vater und Sohn schonungslos unter die Lupe. Das Buch lebt von seinen lebensnahen, tiefgründigen Charakteren. Beim Lesen spürt man die Beklemmung förmlich und möchte den Figuren am liebsten zurufen, endlich miteinander zu sprechen. Ein zutiefst berührender Roman, der lange nachhallt.
wieporzellan
aus Köln
5/5
09.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Voneinander getrennt und doch untrennbar miteinander verbunden.
In John of John begleiten wir den Anfang zwanzigjährigen Cal, der in den 1990er-Jahren nach seinem Textilstudium in seine Heimat auf den schottischen Hebriden zurückkehrt. Dort lebt er wieder unter einem Dach mit seinem tief religiösen, aber ebenso einsamen Vater und seiner Großmutter.
Schon früh wird deutlich, dass Douglas Stuart erneut von Menschen erzählt, die in einer Gemeinschaft leben, in der sie nicht frei sie selbst sein können. Seine Figuren bewegen sich in einer Welt, die von Traditionen, religiösen Dogmen, unausgesprochenen Regeln, Geheimnissen und dem Druck geprägt ist, den Erwartungen anderer zu entsprechen. Es ist ein Geflecht aus Abhängigkeiten, aus dem auszubrechen kaum möglich scheint, weil zu viel auf dem Spiel steht. Die Insel ist dabei weit mehr als nur Schauplatz: Je länger man die Figuren begleitet, desto stärker entsteht der Eindruck, dass sie selbst zu Inseln geworden sind – voneinander getrennt und doch untrennbar mit ihrer Heimat verbunden.
Stuart nimmt sich viel Zeit, seine Figuren und ihre Beziehungen wachsen zu lassen. Das mag stellenweise etwas gemächlich wirken, für mich fühlte sich dieses Tempo jedoch genau richtig an. Auch wenn am Ende drei Männer im Mittelpunkt der Geschichte stehen, haben mich besonders die Frauenfiguren tief berührt.
Die Themen, die Stuart verhandelt, sind vielschichtig und oft alles andere als leicht. Dennoch ist dieser Roman am Ende so wechselhaft wie das schottische Wetter: Neben all dem Grau und der Schwere gibt es immer wieder Momente, in denen die Wolken aufreißen und Hoffnung durchscheint.
Ein Roman, den ich sehr gerne gelesen habe – und für mich Douglas Stuarts bislang stärkster.
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