Als Elsa im Sommer 1949 in Island ankommt, ist sie eine von vielen. Knapp dreihundert junge Frauen aus Deutschland sind dem Aufruf der isländischen Bauernpartei gefolgt, um dort ein Jahr auf Höfen zu arbeiten. Die Bauern hoffen auf Arbeitskräfte sowie Heiratskandidatinnen, nachdem viele Isländerinnen in die Städte abgewandert sind. Sprachkenntnisse können die Frauen nicht vorweisen, aber oft haben sie nichts zu verlieren. Auch Elsa schweigt. Sie ist nicht hier, um zu bleiben, sie trauert um ihre Freundin Sola, und mit den Bauersleuten kann sie sich zunächst ohnehin nicht verständigen. Dennoch entsteht zwischen Grassodenhaus, leuchtenden Wiesen und endlosem Meer ein Zusammenleben, das sich Elsa irgendwann nicht mehr vom Leibe halten kann. Allein ihre Anwesenheit verändert die Dynamik auf dem Hof – besonders die der Bauernsöhne. Es gibt Erwartungen, ausgesprochene und unausgesprochene. Und dann ist da auch noch die verschwundene Tochter der Familie, über die niemand spricht und die für Elsa immer wichtiger wird … Katrin Zipse erzählt einfühlsam und lebendig anhand eines fast vergessenen Stücks Geschichte, was es heißt, zu einer neuen Sprache zu finden.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
Bewertung
aus Quickborn
5/5
20.06.2026
Hörbuch-Download
Fremde kann Heimat werden
Bis vorgestern kannte ich weder Katrin Zipse als Autorin noch kannte ich den Roman „Moosland“. Es war diesmal kein Tipp auf Instagramm, der mich zum Kauf verleitete, es war die Rezension des Buches in der FAZ vom letzten Donnerstag (18.6.26). Mein SuB wächst ständig, aber bei Hörbüchern hatte ich noch ein Plätzchen frei und begann sofort nach der Zeitungslektüre mit dem Hören. Und war mit den ersten Sätzen im Bann dieser Geschichte, die schon fast 80 Jahre zurückliegt. Die Autorin gibt im Nachwort interessanten Einblick in die historischen Fakten, das Buch selbst ist eine Fiktion. Und doch hatte ich bei Hören das Gefühl, diese Geschichte wäre so oder ähnlich passiert. Nach Kriegsende baten die Bauern auf Island um Hilfe, der Krieg hatte die Demografie ordentlich durcheinandergerüttelt und sie hofften, dreihundert junge Frauen würden helfen, das Defizit zu verringern. Dass diese jungen Frauen aus Deutschland überhaupt nicht vorbereitet waren auf das Leben und Arbeiten auf Island, dass sie die Sprache nicht verstanden und nicht einmal dem Klima angemessene Kleidung besaßen, das interessierte weder die isländischen Bauern noch die deutschen Beamten, Hauptsache, die Frauen waren jung, gesund und entnazifiziert.
Elsa ist eine von diesen 300 Frauen, die nach dem Schiff Elsy, mit dem sie anlandeten, die Elsy-Frauen genannt wurden. Sie wurden verteilt auf weit voneinander entfernt liegende Gehöfte, der Empfang war nicht gerade herzerwärmend. Und so ist der erste Eindruck, den Elsa hat, nachdem sie von ihrer Freundin Gerda getrennt auf den Hof einer Familie gebracht wird: „Bauer, Bäuerin, zwei Söhne. So hat es geheißen. Und ein Knecht. Der hat sie hergebracht. Die Frau mustert sie kurz, dann dreht sie sich zurück zum Herd und rührt weiter in ihrer Pfanne. Die Männer am Tisch regen sich nicht.“
Es dauert eine Weile, bis Elsa überhaupt versteht, was sie tun und lassen soll, die Bäuerin wird bis weit in den Roman hinein immer nur „die Frau“ sein, der Bauer ein stieseliger Griesgram, die beiden Brüder heißen Ólafur und Skúli, der Knecht Halldór. Zwischen den Brüdern entsteht ein leiser Wettbewerb um Elsa, sie versucht, so gut es geht, beiden auszuweichen. Aber gar nicht selten braucht sie auch die Hilfe der zwei und nimmt sie auch freiwillig an. Das Sprache lernen ist so schwer, wie der Umgang mit den gefürchteten Hühnern, aber mit der Zeit gelingt Elsa der Spagat zwischen Angst und Durchhaltewillen immer besser, sie beginnt das Land zu mögen, den Himmel, die Weite, auch der Frau kommt sie näher.
Immer wieder erscheinen Elsa in der Nacht und auch in Tagträumen Bilder von Sola, die sie vermisst, was genau geschehen ist, kann man mehr erahnen als lesen, aber das ist nicht schlecht, die eigene Fantasie wird immer wieder mit ins Geschehen gezogen. Auch auf dem Bauernhof gibt es einen blinden Fleck, der nicht berührt werden darf, und das ist Steinunn, die Schwester von Ólafur und Skúli, von der nicht gesprochen wird. Elsa glaubt, sie sei tot, ertrunken beim Angriff der Deutschen auf einen Passagierdampfer vor Island.
Mehr will ich hier nicht preisgeben, obwohl es schon mindestens 150 Rezensionen im Internet gibt, von denen einige sehr freigiebig mit dem Inhalt umgehen. Spoilern nennt man das wohl, ich halte es so, dass ich spätestens ab der Mitte eines Buches schweige wie ein Grab.
Mir ist dieses Buch sehr nahe gegangen, das lag sicher auch an der Umsetzung ins Hörbuch, die Sprecherin Maike Wördemann ist fantastisch, ich kann Elsas „Hühnerhaut“ spüren und ihre eiskalten Hände und Füße, ich sehe sie reiten, stricken und Fisch essen, so ist ein echtes Kopfkino entstanden. Der erzählende Stil ist mit den vielen kurzen Sätzen, die manchmal stakkatoartig durch Absätze getrennt sind, lebhaft und nachvollziehbar. So spricht und denkt das Mädchen Elsa, selbst die Versuche, das Isländische über die Lippen zu bringen, sind glaubhaft, es hörte sich so echt an, wie nur irgend möglich. Und ich dachte beim Zuhören an meine Mutter, die als vierzehnjähriges, sehr zierliches Mädchen im Krieg zum Pflichtarbeitsdienst auf einen Bauernhof musste. Die Umstände könnten ähnlich gewesen sein.
Das Cover ist zurückhaltend gestaltet, mich spricht es mit den nordländischen Farben sehr an, das Buch sieht einfach schön aus, ist sogar mit einem Lesebändchen versehen. Hätte ich es nicht schon gehört, würde ich es sofort auch noch kaufen.
Fazit: Katrin Zipse macht mit einem unbekannten historischen Geschehen bekannt und hat gleichzeitig einen hinreißenden Roman geschrieben über Verluste, Liebe, Ablehnung und Zuneigung, Fremdsein und Ankommen in einer neuen Welt. Ich empfehle diese Lektüre sehr, als Hörbuch ist sie aus meiner Sicht noch authentischer.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Johanna Zimmermann
4/5
13.05.2026
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Melancholie im Moosland
Okay, „Moosland“ war für mich so ein Hörbuch, das nicht direkt laut „Lieblingsbuch!“ schreit, aber sich ganz langsam anschleicht und dann doch irgendwie hängen bleibt.
Die Geschichte spielt 1949 und begleitet Elsa, die nach Island kommt. Sie ist eine von fast 300 jungen Frauen aus Deutschland, die dort für ein Jahr auf Bauernhöfen arbeiten sollen. Offiziell geht es um Hilfe auf den Höfen, aber ganz ehrlich: Die Männer dort hoffen natürlich auch auf potenzielle Ehefrauen, weil viele Isländerinnen längst in die Städte gezogen sind.
Elsa kommt also in ein Land, dessen Sprache sie nicht spricht, zu Menschen, die sie nicht kennt, und auf einen Hof, auf dem sehr viel geschwiegen wird. Sie selbst trägt auch einiges mit sich herum, vor allem die Trauer um ihre Freundin Sola. Und dann gibt es da noch die verschwundene Tochter der Familie, über die einfach niemand reden will. Natürlich war ich ab dem Moment direkt neugierig.
Was ich an dem Hörbuch richtig mochte, war die Stimmung. Dieses Island ist nicht cozy, nicht romantisch verklärt, sondern rau, kalt, einsam und irgendwie wunderschön. Beim Hören hatte ich die ganze Zeit Bilder von Wind, Meer, Gras, Moos und grauem Himmel im Kopf. Total atmosphärisch, aber eben eher auf die stille Art.
Elsa habe ich dabei nicht super nah erlebt, sondern eher wie von außen beobachtet. Am Anfang dachte ich kurz: Hm, komme ich da emotional überhaupt richtig rein? Aber je länger ich gehört habe, desto mehr fand ich es eigentlich passend. Elsa ist selbst verschlossen, verloren und irgendwie nicht ganz da. Diese Distanz passt also total zu ihr und zu ihrer Situation.
Richtig spannend fand ich auch den historischen Hintergrund mit den sogenannten Esja-Mädchen. Ich hatte davon vorher honestly noch nie gehört, und genau sowas liebe ich an historischen Romanen: wenn man nebenbei etwas entdeckt, das total interessant ist, ohne dass es sich wie Geschichtsunterricht anfühlt.
Die Sprecherin Maria Wördemann hat für mich super zur Geschichte gepasst. Ihre Stimme ist ruhig, angenehm und ein bisschen melancholisch, ohne dramatisch zu werden. Genau der richtige Vibe für dieses Hörbuch. Besonders die isländischen Begriffe klangen bei ihr richtig schön und nicht irgendwie aufgesetzt.
„Moosland" lebt nicht von krassen Plot-Twists oder großem Drama, sondern von Stimmung, Landschaft und all dem, was nicht ausgesprochen wird. Es ist eher ein Hörbuch für langsamere Tage, für Kopfhörer, Tee und das Gefühl, sich komplett in eine raue, fremde Welt ziehen zu lassen. Wer genau solche leisen, historischen Geschichten mag, wird hier wahrscheinlich ziemlich viel finden.
Für mich war „Moosland" kein Hörbuch, das ich gesuchtet habe, sondern eins, das ich langsam gehört habe – und genau so hat es auch funktioniert. Still, rau, besonders und irgendwie sehr eigen.
gst
aus Pirna
4/5
29.04.2026
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Ankommen im fremden Land
Elsa ist eine von 500 deutschen Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Island gingen, um ein Jahr auf einem Hof mitzuhelfen. In diesem Buch begleiten wir sie vom Tag ihrer Ankunft in der Fremde und erleben hautnah, wie schwer es ist, sich einzuleben.
Die einzelnen Episoden sind sehr ruhig und gemächlich erzählt und vermittelt dem Leser/Hörer das Gefühl, selbst die Einsamkeit und Verlassenheit auf dem kargen Land zu fühlen. Elsa ist der Sprache nicht mächtig und daher sehr still. Doch die Autorin versteht es, uns die Umgebung durch Elsas Augen zu zeigen, lässt uns schlaflos helle Sommernächte erleben und die Kälte vieler Tage spüren. Wir begleiten Elsa beim Reiten lernen und erforschen zusammen mit ihr die Gewohnheiten des isländischen Lebens.
Der Autorin gelingt es hervorragend, uns die Eigenheiten des kargen Landes näher zu bringen. Ein ganzes Jahr erleben wir an Elsas Seite, erfahren vom Fernweh der jungen Leute ebenso, wie von der Heimatverbundenheit anderer. Sehr gut ist es ihr gelungen, zu zeigen, dass das Leben im fremden Land einfacher wird, wenn man sich voll darauf einlässt.
Maria Wördemann hat dieses Hörbuch mit einer Stimme eingelesen, die neutral klingt und gerade deshalb die vielen Emotionen besonders gut zur Geltung bringt.
Fazit: Empfehlenswert für alle, die einen tiefen Einblick in fremde Lebenswelten bekommen möchten.
Lesemone
4/5
23.03.2026
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Hilfskräfte
Katrin Zipse befasst sich in dem Buch Moosland mit historisch belegten Ereignissen, die sich nach dem 2. Weltkrieg zugetragen haben. Die isländische Bauernpartei hat einen Aufruf gestartet, um junge Arbeitskräfte und Heiratskandidatinnen für isländische Bauern zu bekommen. Die einheimischen Frauen sind zahlreich ausgewandert oder den Soldaten nach Amerika gefolgt. Unter ihnen ist Elsa, die kein Wort Isländisch spricht und sehr um ihre Freundin Sola trauert. Die Geschichte beschreibt, wie sie sich im neuen Land, unter fremden Menschen und einer ganz anderen Lebensweise, wie sie es gewohnt war, zurechtfinden muss. Erzählt wird komplett aus der Sicht von Elsa. Daher empfand ich eine gewisse Distanz zur Geschichte, weil so keine Dialoge zustande kamen. Außerdem wird immer von der Frau und dem Bauer gesprochen. Hier werden keine Namen genannt, obwohl es die Arbeitgeber von Elsa sind. Die Hörbuchsprecherin trägt die Geschichte eher melancholisch und sachlich vor. Ich fand es aber sehr interessant, wie sich Elsa unter den erschwerten Bedingungen entwickelt hat. Man kann mitverfolgen, wie sie sich zuerst gegen alles sperrt und dann aber Stück für Stück immer offener wird. Die Autorin hat gut die Lebensweise in Island eingefangen. Sie beschreibt, was es heißt, in diesem kargen Land zu arbeiten, dem Wetter zu trotzen und sich mit der Mentalität der Menschen zu beschäftigen. Mir hat der Einblick in das Leben sehr gefallen. Eine lesenswerte Geschichte!
drawe
aus Landau
3/5
23.03.2026
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Für Island-Fans!
Mein Hör-Eindruck:
Katrin Zipse greift mit ihrem Buch ein interessantes und wenig bekanntes Kapitel der jüngeren Geschichte auf, und zwar das von deutschen Migrantinnen. Nach Ende des II. Weltkriegs warb Island junge deutsche Frauen als „Dienstmädchen für Landhaushalte“ an, um im bevölkerungsarmen Island das Überleben vieler Höfe zu sichern. Die meisten der jungen Frauen wurden mit dem Schiff „Esja“ nach Island gebracht, und so bürgerte sich die Bezeichnung „Esja-Mädchen“ ein.
Eines dieser Esja-Mädchen ist Elsa, die Protagonistin des Buches. Elsa ist durch die Kriegserlebnisse in Deutschland deutlich traumatisiert. Sie hat offensichtlich ihre Familie verloren, aber der Tod ihrer Freundin scheint sie mehr mitgenommen zu haben. Sie ist verstummt und leidet unter Schlafstörungen und flashbacks, und es ist schade, dass wir als Leser keine Auflösung erfahren, es hätte die Figur der Elsa abgerundet.
Wie alle Esja-Mädchen muss Elsa sich anpassen, was ihr deutlich schwerer fällt als ihren Gefährtinnen. Sie gliedert sich nur zögerlich in die Bauernfamilie ein, die ihr freundlich und verständnisvoll entgegenkommt und sie sogar vor dem hasserfüllten Angriff eines Knechts schützt, der sie mit den Opfern eines deutschen U-Boot-Angriffs konfrontiert. Die Familie zeigt auch Verständnis für Elsas panikartige Angst vor Hühnern, deren Ursache auch großenteils offen bleibt. Das beharrliche Schweigen Elsas wird allmählich aufgebrochen und sie öffnet sich in kleinen Schritten der isländischen Sprache. Immer wieder aber lesen wir von irritierenden Situationen, in denen sich Elsa trotz der Freundlichkeit der Familie sehr übergriffig, teils sogar rücksichtslos und unangemessen eigenmächtig verhält. Die Notwendigkeit der Integration sickert nur sehr langsam in ihr Bewusstsein.
Die Stärke des Romans liegt in den schönen Beschreibungen der isländischen bäuerlichen Kultur und vor allem der Natur. Jeder, der Island einmal bereist hat, wird die schroffen Landschaften wiedererkennen, den kilometerweiten Blick durch die glasklare Luft, die steilen Klippen, das schwarze Lavagestein etc. Dazu erfährt man als Leser viel über das kleinbäuerliche Leben auf Island. Die Bedeutung des Fischfangs, die dunklen und langen Winter und die Aufbruchstimmung im Frühjahr, die Isolation im schneereichen Winter, der arbeits- und entbehrungsreiche Alltag einer isländischen Kleinbauernfamilie, und auch die Gefahren der Berge und des Meers: das alles wird sehr schön beschrieben, in immer ruhigem Ton, wie es zu der Landschaft passt. Diese Schilderungen machen das Buch lesenswert, und die angenehme Stimme von Maria Wördemann macht das Zuhören zu einer Freude.
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