Als Elsa im Sommer 1949 in Island ankommt, ist sie eine von vielen. Knapp dreihundert junge Frauen aus Deutschland sind dem Aufruf der isländischen Bauernpartei gefolgt, um dort ein Jahr auf Höfen zu arbeiten. Die Bauern hoffen auf Arbeitskräfte sowie Heiratskandidatinnen, nachdem viele Isländerinnen in die Städte abgewandert sind. Sprachkenntnisse können die Frauen nicht vorweisen, aber oft haben sie nichts zu verlieren.
Auch Elsa schweigt. Sie ist nicht hier, um zu bleiben, sie trauert um ihre Freundin Sola, und mit den Bauersleuten kann sie sich zunächst ohnehin nicht verständigen. Dennoch entsteht zwischen Grassodenhaus, leuchtenden Wiesen und endlosem Meer ein Zusammenleben, das sich Elsa irgendwann nicht mehr vom Leibe halten kann. Allein ihre Anwesenheit verändert die Dynamik auf dem Hof - besonders die der Bauernsöhne. Es gibt Erwartungen, ausgesprochene und unausgesprochene. Und dann ist da auch noch die verschwundene Tochter der Familie, über die niemand spricht und die für Elsa immer wichtiger wird ...
Katrin Zipse erzählt einfühlsam und lebendig anhand eines fast vergessenen Stücks Geschichte, was es heißt, zu einer neuen Sprache zu finden.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
ReadingFoxy
aus Leipzig
5/5
08.06.2026
eBook (ePUB)
Vergessene Zeiten
Vergessene Zeiten
Wir denken, wir wissen viel über unsere Vergangenheit. Doch dieses Buch zeigt mal wieder, dass dem nicht so ist. Denn ich wusste nichts von den Mädchen und Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Island waren, um dort zu arbeiten.
Doch genau in diese Welt nimmt uns die Autorin mit.
Im Sommer 1949 reist die junge Deutsche Elsa nach Island, um wie viele andere Frauen für ein Jahr auf einem Bauernhof zu arbeiten. Während sie um ihre verstorbene Freundin Sola trauert und sich in der fremden Umgebung zunächst verloren fühlt, wächst sie langsam in das Leben auf dem Hof hinein. Dann wird Elsa zunehmend von dem Geheimnis um die verschwundene Tochter der Familie fasziniert, über die niemand sprechen möchte.
Ein Buch, das nicht laut ist, nicht auf Effekthascherei aus ist und auch nicht gefallen will. Es will uns die Geschichte rund um die etwa 300 bis 500 deutsche Frauen erzählen, die zwischen 1949 und 1951 nach Island gezogen sind. In Island fanden sie auf Bauernhöfen Arbeit und eine neue Perspektive, da dort viele Frauen fehlten.
Doch das war natürlich nicht leicht. Auch wenn es eine Perspektive gab, mussten Familie, Heimat und Freunde zurückgelassen werden. Und auch wenn man das durch den Krieg bereits verloren hatte, war da dieses komplett neue Land mit einer anderen Sprache.
All diese Emotionen und Erlebnisse erzählt uns also die Autorin aus der Perspektive von Elsa. Die am Ende für so viele Frauen steht, die das erlebt haben. Der Schreibstil ist angenehm und man kann die raue Landschaft und die Menschen dort fast schon greifen.
Auch die Protagonisten fand ich stimmig und ich habe sie beim Lesen eigentlich immer vor mir gesehen.
Ein Buch, nicht für jede Stimmung. Aber dennoch eins, das man gelesen haben sollte.
ISBN: 978-3755800712
Autor: Katrin Zipse
Verlag: Dumont
ET: 10.03.26
Umfang: 224 Seiten
Shilo
aus Ulm
5/5
10.03.2026
eBook (ePUB)
Außergewöhnlich und sehr lesenswert
Viele junge Frauen aus Deutschland machten sich kurz nach dem Krieg auf den Weg nach Island, um dort auf Bauernhöfen zu arbeiten. Auch Elsa gehört zu ihnen. Sie kommt im Sommer 1949 an, mit wenig Gepäck und mit einer Trauer, über die sie nicht spricht. Auf dem abgelegenen Hof trifft sie auf Menschen, deren Sprache sie nicht versteht, und auf eine Landschaft aus Wind, Licht und weiten Wiesen, die zunächst fremd wirkt.
Der Alltag auf dem Hof ist von Arbeit geprägt. Vieles läuft still und ohne viele Worte ab. Elsa versteht die Sprache der Menschen zunächst nicht, doch nach und nach entsteht ein vorsichtiges Miteinander. Mit der Zeit bekommt man beim Lesen ein klares Bild vom Leben auf diesem Hof und von dem einfachen Alltag dort. Auch die Landschaft spielt dabei eine große Rolle. Das weite Land, der Wind und das wechselnde Licht geben der Geschichte eine besondere Stimmung. Besonders im Mittelteil wird deutlich, wie der Alltag auf dem Hof aussieht und wie die Menschen miteinander umgehen.
Mit der Zeit wird spürbar, dass auf dem Hof nicht alles so ruhig ist, wie es zunächst scheint. Elsas Anwesenheit verändert das Zusammenleben, besonders im Umgang mit den beiden Bauernsöhnen. Erwartungen stehen im Raum, manche offen, andere unausgesprochen. Gleichzeitig liegt über der Familie ein Thema, über das niemand spricht. Die verschwundene Tochter des Hauses wird für Elsa immer mehr zu einer stillen Frage, die sich durch die Geschichte zieht.
Der Schreibstil wirkt am Anfang etwas ungewohnt. Die Sätze sind ruhig und oft knapp gehalten. Dadurch braucht die Geschichte etwas Zeit, bis man richtig hineinfindet. Nach und nach stellt sich jedoch ein ruhiger Lesefluss ein, der gut zu dieser Geschichte passt. Die Handlung entwickelt sich langsam und lässt Raum für die Gedanken und Gefühle der Figuren.
Die Geschichte lebt von leisen Momenten und von Menschen, die nach und nach greifbar werden. Zwischen Arbeit, Schweigen und vorsichtigen Annäherungen entsteht ein stilles Bild vom Leben auf dem Hof. Gleichzeitig bleibt die Frage nach der verschwundenen Tochter lange im Hintergrund spürbar. Am Ende bleibt eine ruhige und sehr stimmige Geschichte, die noch eine Weile nachklingt.
5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Bewertung
5/5
15.02.2026
eBook (ePUB)
Ein kleiner Teil deutscher Geschichte
Mit ihrem Roman "Moosland", erschienen im DuMont Buchverlag (ET am 10.03.2026), bringt uns die Autorin Katrin Zipse ein Stück deutsche Geschichte nahe, die heute wahrscheinlich nur noch sehr wenige Personen kennen.
Im Jahr 1949 fuhren knapp 300 Frauen mit dem Schiff nach Island, um für ein Jahr in der Landwirtschaft zu helfen. Dazu aufgerufen hatte der isländische Bauernverband, da gerade auf dem Land junge, heiratsfähige Frauen fehlten und man sich insgeheim erhoffte, dass die ein oder andere heiraten und bleiben würde.
Eine dieser Frauen ist Elsa. Elsa hat alles verloren, ihre Familie und ihre engste Freundin leben nicht mehr, was hat sie noch zu verlieren. In Island kommt sie auf einen Hof im Norden des Landes, auf dem Schafzucht betrieben wird. Es ist ein hartes Leben, dass von den Menschen viel abverlangt. Elsa ist traumatisiert, sie hat das sprechen nahezu aufgegeben und die isländische Sprache ist ihr fremd. Mit den Bauersleuten und den beiden Söhnen Oulawür und Skuhli findet keine Kommunikation statt, erst dem Knecht Haltdor gelingt es, ihr die ersten Worte auf isländisch zu entlocken.
Katrin Zipse hat für ihren Roman einen Schreibstil gewählt, der dieses karge und harte Leben widerspiegelt. Die Handlung wird eher thematisch als chronologisch erzählt und es gibt nur wenige Dialoge. Auch die Perspektive, aus der diese Geschichte erzählt wird, ist nicht eindeutig auszumachen. Und gerade diese Besonderheiten, und das Thema als solches, machen den Roman so interessant und haben mir gut gefallen.
Forti
4/5
19.03.2026
eBook (ePUB)
Bildhaft
Ein sehr stimmungsvolles Buch. Das Leben auf dem isländischen Bauernhof wurde in "Moosland" für mich lebendig und wirkte sehr authentisch. Die deutsche Gastarbeiterin Elsa verstummt auftreten zu lassen war ein guter Schachzug von Katrin Zipse. Das passte gut zum Setting in einem fremd(sprachig)en Land und war auch mit einem Kriegstraumata gut zu begründen. Aber für mich wurde dieses Konzept leider überstrapaziert, indem es keine Entwicklung gab. Weder erfährt man mehr über das Traumata, noch kommt man als Leserin Elsa wirklich nah. Sie bleibt für die Leserin genauso unnahbar wie für ihre isländische Familie. Das mag konsequent umgesetzt sein, ist aber etwas frustrierend zu lesen.
Die bildhafte, stimmungsvolle Szenerie hat für mich aber doch einige rausgerissen und insgesamt ist es eine gelungene Beschreibung dieser historischen Nische.
Bewertung
aus Quickborn
5/5
20.06.2026
Hörbuch-Download
Fremde kann Heimat werden
Bis vorgestern kannte ich weder Katrin Zipse als Autorin noch kannte ich den Roman „Moosland“. Es war diesmal kein Tipp auf Instagramm, der mich zum Kauf verleitete, es war die Rezension des Buches in der FAZ vom letzten Donnerstag (18.6.26). Mein SuB wächst ständig, aber bei Hörbüchern hatte ich noch ein Plätzchen frei und begann sofort nach der Zeitungslektüre mit dem Hören. Und war mit den ersten Sätzen im Bann dieser Geschichte, die schon fast 80 Jahre zurückliegt. Die Autorin gibt im Nachwort interessanten Einblick in die historischen Fakten, das Buch selbst ist eine Fiktion. Und doch hatte ich bei Hören das Gefühl, diese Geschichte wäre so oder ähnlich passiert. Nach Kriegsende baten die Bauern auf Island um Hilfe, der Krieg hatte die Demografie ordentlich durcheinandergerüttelt und sie hofften, dreihundert junge Frauen würden helfen, das Defizit zu verringern. Dass diese jungen Frauen aus Deutschland überhaupt nicht vorbereitet waren auf das Leben und Arbeiten auf Island, dass sie die Sprache nicht verstanden und nicht einmal dem Klima angemessene Kleidung besaßen, das interessierte weder die isländischen Bauern noch die deutschen Beamten, Hauptsache, die Frauen waren jung, gesund und entnazifiziert.
Elsa ist eine von diesen 300 Frauen, die nach dem Schiff Elsy, mit dem sie anlandeten, die Elsy-Frauen genannt wurden. Sie wurden verteilt auf weit voneinander entfernt liegende Gehöfte, der Empfang war nicht gerade herzerwärmend. Und so ist der erste Eindruck, den Elsa hat, nachdem sie von ihrer Freundin Gerda getrennt auf den Hof einer Familie gebracht wird: „Bauer, Bäuerin, zwei Söhne. So hat es geheißen. Und ein Knecht. Der hat sie hergebracht. Die Frau mustert sie kurz, dann dreht sie sich zurück zum Herd und rührt weiter in ihrer Pfanne. Die Männer am Tisch regen sich nicht.“
Es dauert eine Weile, bis Elsa überhaupt versteht, was sie tun und lassen soll, die Bäuerin wird bis weit in den Roman hinein immer nur „die Frau“ sein, der Bauer ein stieseliger Griesgram, die beiden Brüder heißen Ólafur und Skúli, der Knecht Halldór. Zwischen den Brüdern entsteht ein leiser Wettbewerb um Elsa, sie versucht, so gut es geht, beiden auszuweichen. Aber gar nicht selten braucht sie auch die Hilfe der zwei und nimmt sie auch freiwillig an. Das Sprache lernen ist so schwer, wie der Umgang mit den gefürchteten Hühnern, aber mit der Zeit gelingt Elsa der Spagat zwischen Angst und Durchhaltewillen immer besser, sie beginnt das Land zu mögen, den Himmel, die Weite, auch der Frau kommt sie näher.
Immer wieder erscheinen Elsa in der Nacht und auch in Tagträumen Bilder von Sola, die sie vermisst, was genau geschehen ist, kann man mehr erahnen als lesen, aber das ist nicht schlecht, die eigene Fantasie wird immer wieder mit ins Geschehen gezogen. Auch auf dem Bauernhof gibt es einen blinden Fleck, der nicht berührt werden darf, und das ist Steinunn, die Schwester von Ólafur und Skúli, von der nicht gesprochen wird. Elsa glaubt, sie sei tot, ertrunken beim Angriff der Deutschen auf einen Passagierdampfer vor Island.
Mehr will ich hier nicht preisgeben, obwohl es schon mindestens 150 Rezensionen im Internet gibt, von denen einige sehr freigiebig mit dem Inhalt umgehen. Spoilern nennt man das wohl, ich halte es so, dass ich spätestens ab der Mitte eines Buches schweige wie ein Grab.
Mir ist dieses Buch sehr nahe gegangen, das lag sicher auch an der Umsetzung ins Hörbuch, die Sprecherin Maike Wördemann ist fantastisch, ich kann Elsas „Hühnerhaut“ spüren und ihre eiskalten Hände und Füße, ich sehe sie reiten, stricken und Fisch essen, so ist ein echtes Kopfkino entstanden. Der erzählende Stil ist mit den vielen kurzen Sätzen, die manchmal stakkatoartig durch Absätze getrennt sind, lebhaft und nachvollziehbar. So spricht und denkt das Mädchen Elsa, selbst die Versuche, das Isländische über die Lippen zu bringen, sind glaubhaft, es hörte sich so echt an, wie nur irgend möglich. Und ich dachte beim Zuhören an meine Mutter, die als vierzehnjähriges, sehr zierliches Mädchen im Krieg zum Pflichtarbeitsdienst auf einen Bauernhof musste. Die Umstände könnten ähnlich gewesen sein.
Das Cover ist zurückhaltend gestaltet, mich spricht es mit den nordländischen Farben sehr an, das Buch sieht einfach schön aus, ist sogar mit einem Lesebändchen versehen. Hätte ich es nicht schon gehört, würde ich es sofort auch noch kaufen.
Fazit: Katrin Zipse macht mit einem unbekannten historischen Geschehen bekannt und hat gleichzeitig einen hinreißenden Roman geschrieben über Verluste, Liebe, Ablehnung und Zuneigung, Fremdsein und Ankommen in einer neuen Welt. Ich empfehle diese Lektüre sehr, als Hörbuch ist sie aus meiner Sicht noch authentischer.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
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