Auf der Shortlist des Internationalen Literaturpreises 2026: Das schwindelerregende, preisgekrönte Debüt von Safae el Khannoussi – ein Taumel aus Wut, Schmerz und Hoffnung
»Oroppa« ist der europäische Roman der Stunde: Salomé Abergel, eine jüdisch-marokkanische Künstlerin und ehemalige politische Dissidentin, verschwindet überraschend auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Ein loser Kreis von Außenseitern mit ganz unterschiedlichen Migrationsgeschichten begibt sich auf ihre mysteriöse Spur. Von Salomés verlassenem Haus in Amsterdam führen die Wege nach Paris, Tunis, Casablanca – und tief ins Herz der eigenen Sehnsüchte. »Absolut originell, großartig und beeindruckend, voller markanter Charaktere und atemberaubender Prosa.« (Boekblad) »Oroppa« ist ein schwindelerregender, exzessiver Roman, der alle Grenzen ins Wanken bringt.
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Mit Oroppa beginnt eine neue europäische Geschichtsschreibung
Eva am 23.06.2026
Bewertungsnummer: 3175860
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Oroppa ist ein gefährlicher Ort. Es ist bunt, wild wie ein Dschungel, unberechenbar, spröde, zwielichtig und voller unerwarteter Abgründe oder aufragender Felswände. Es ist viel größer als Europa.
Oroppa ist die lautmalerische arabische Beschreibung für Europa. Es benennt einen Ort und bezieht die Distanz mit ein, aus der Safae el Khannoussi einen Blick auf den Kontinent wagt. In Oroppa wird die marokkanische Geschichte ein Teil der europäischen Erzählung, stellvertretend für eine Geschichtsschreibung, die Kapitel über Migration, Flucht, Diaspora, Exil und Widerspruch aushält.
Die Handlung ist schwer zu fassen, sie entzieht sich einer logischen Stringenz. Die Künstlerin Salomé Abergel ist kurz vor der Eröffnung ihrer wichtigsten Ausstellung verschwunden. Sie wurde 1957 geboren, als Tochter einer jüdischen marokkanischen Familie.
Jetzt, 2010 begeben sich mehrere Figuren auf die Suche nach ihr: die jüdische Galeristin Hannah Melger, Salmas Sohn Irad, der Gastronom Hbib Lebyad.
Im zweiten Teil der Handlung rekapituliert Yousuf Slaoui, Folterknecht in den Jahren unter Hassan II, wie Marxisten, Kommunisten, Linke, Intellektuelle, Studenten und weitere Gruppen verschleppt und brutal gefoltert wurden. Ein Opfer war Salomé, die im Gefängnis ihren Sohn bekam. In ihren Bildern stellt sie sich ihrem Trauma.
Der Roman quillt über vor Figuren, Geschichten, Nebenschauplätzen, Schauplätzen, Stimmungen. Safae el Khannoussi gelingt der Transfer der Handlung in die Form, sie öffnet Erzählräume, widerspricht den Gesetzen der Logik, erprobt neue Strukturen.
Sie erfindet das 21. Arrondisement als fiktiven Stadtteil von Amsterdam, den Bezirk der Ausgestoßenen, der Ausgegrenzten, der Migrant*innen. Allgegenwärtig protestiert er gegen die Selbstsicherheit des alten Kontinents, der von Angst regiert wird.
Mutig wagt Safae el Khannoussi, Althergebrachtes neu zu denken, mit den Geschichten der Ungesehenen anzureichern, führt gesellschaftliche Ordnungen und Zuschreibungen wie Herkunft, Religion und Status ad absurdum.
Oroppa ist aberwitzig, kritisch, überbordend, lässt Worte leuchten, gibt Sprachlosen eine Stimme, spielt mit Narrativen, Normen.
Ein zurecht preisgekrönter, großer europäischer Roman.
Außerordentliche Erzählkunst
MarieOn am 17.02.2026
Bewertungsnummer: 3048743
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Salomé Abergel liegt in dem Bett, in Hbibs Haus, die Arme erhoben und schreit. Es sieht aus, als würde sie den Sensemann persönlich würgen. Eigentlich müsste sie längst tot sein. Sie wiegt nur noch vierzig Kilo, der eine Lungenflügel ist zusammengefallen, der andere kämpft mit einem Bakterium. Aber dieses Schreien.
Hind stolpert mit ihrem Koffer und einem Beutel die Rivierenburt entlang, high wie drei Piloten. Sie war eine halbe Stunde zu spät und Hbib Lebyard war nirgends zu sehen. An der Haustür steckte der Schlüssel, so ein Glück, aber er ließ sich nicht drehen. Er hatte ihr das Haus einer Freundin angeboten, einer Künstlerin, Salomé Abergel. Hild arbeitete schon eine Weile in seiner Imbissbude. Zuerst war sie skeptisch, auch weil das Bewohnen sie nichts kostete. Sie sollte bloß ein bisschen sauber machen, die Blumen gießen und den Keller meiden. Hind wollte unbedingt aus dem Dachgeschoss bei Coy Mudden raus, die ihr einen Gott nahebringen wollte, der keine Nordafrikaner mochte und so nahm sie das Angebot an.
Nachdem sie eine Weile am Türschloss rumgefummelt hatte, trat sie doch in das Innere des großen alten Backsteinhauses ein und spürte direkt Beklemmungen. Nach den knarzenden Flurdielen stieß sie auf ein riesiges Bücherregal und dicke Vorhänge, die jedes Licht absorbierten. Auf dem Couchtisch eine Hand aus Glas, die sich ihr fordernd entgegenstreckte. Das Hauptschlafzimmer sah aus, als sei es gerade verlassen worden. Papiere und Kleidung auf dem Boden verteilt. Sie wird bald Hbib anrufen müssen und ein paar Fragen klären.
Fazit: Safae El Khannoussi schleift mich in ihrem mehrfach ausgezeichneten Romandebüt in rasantem Tempo durch unterschiedliche Szenerien. Gleich einem Puppenspieler hält sie mehrere Fäden in der Hand, die sie bis zum Ende souverän übers Parkett führt, das ist schon große Kunst. Sie lässt mich eine Menge Menschen kennenlernen, die allesamt richtig gut gezeichnet sind. Die Geschichte ist düster, führt mich in die Folterkeller Marokkos, der späten 70-er-Jahre, nach Paris und Amsterdam. Da ist die jüdisch-marokkanische Malerin Salomé, auf der Flucht vor einer zweifelhaften Galeristin, ihr Sohn, der im marokkanischen Gefängnis zur Welt kam und sich für einen großen Abstand zur Mutter entschieden hat. Salomés ehemaliger Folterknecht, sucht sie kurz vor seinem Tod persönlich auf. Da sind die „sieben Schläfer“, die sich regelmäßig im Rainblow City, dem Coffeeshop, im orangefarbenen Schein zweier lebensgroßer Lavalampen treffen. Was wie ein Mystery-Roman beginnt, entpuppt sich zu einer Odyssee, ähnlich des Films „Short Cuts“ von Robert Altman, in dem ich blitzartige Eingebungen erhalte, die zum Ende hin miteinander verbunden werden und Sinn ergeben. Die Autorin schreibt über die Auswirkungen des Postkolonialismus, Europa als Auffanglager traumatisierter und mehr oder weniger gescheiterter Existenzen. Darüber, wie es sich anfühlt, jahrelang ohne Papiere leben zu müssen, also keine nachweisbare Identität zu haben. Ich muss gestehen, dass die Geschichte mich herausgefordert hat, weil mir lange nicht klar wurde, wohin die Reise geht. Wer allerdings in der Lage ist, das Gelesene wie ein Puzzle zusammenzusetzen, der wird mit einer außerordentlichen Erzählkunst belohnt, die etwas mitzuteilen hat.
Meinung aus der Buchhandlung
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Selten hat mich ein Debütroman derart begeistert - wie das gut gewählte Cover schon erahnen lässt, folgen wir einer bunten Zusammensetzung verschiedenster Charaktere durch unterschiedliche Lebensabschnitte. Allesamt befinden sie sich zwischen Europa (hier vor allem Amsterdam), Marokko und Tunesien, Mal örtlich, Mal nur in ihren teils fragmentierten Erinnerungen. Eine wirklich greifbare Hauptprotagonistin gibt es nicht, auch wenn alle durch die Künstlerin Salma alias Salomé Abergel verbunden sind. Auch an literarischen Anspielungen und Verweisen mangelt es nicht, der Text wirkt dabei aber keinesfalls prätentiös. Die von El Khannoussi heraufbeschworenen Geschichten haben sich auch ob ihrer Authentizität tief in mein Bewusstsein eingegraben und werden mich wohl noch eine ganze Weile begleiten. Für mich bereits jetzt eines meiner Lesehighlights 2026!
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