Der Theaterstar Tilla Durieux, die Schriftsteller Manès Sperber und Ernst Toller, der Dramatiker Franz Theodor Csokor, der Maler Richard Ziegler und viele andere - sie alle flohen vor Hitler nach Südosteuropa und fanden dort Unterschlupf. Doch diese erste Balkanroute ist heute so gut wie vergessen. Marie-Janine Calic ruft sie in Erinnerung und erzählt berührende Geschichten von Mut und Menschlichkeit, von Elend und Verrat, von Rettung und Untergang.
Bei Hitlers Machtübernahme lag der Balkan für viele Verfolgte und Bedrohte "irgendwo da unten". Trotzdem flohen sie nicht nur in den demokratischen Westen und die kommunistische Sowjetunion, sondern auch in den vermeintlich rückständigen Südosten Europas, mindestens 55.000 allein nach Jugoslawien. Und ihren waren Juden und Nichtjuden, Konservative und Kommunisten, Zionisten und Internationalisten, Widerstandskämpfer und Unpolitische. Die Flucht auf der Balkonroute begann gleich Anfang 1933 mit den ersten Verfolgungswellen der Nationalsozialisten. 1938 ließen der "Anschluss" Österreichs und das Novemberpogrom den Strom der Flüchtenden schlagartig anschwellen, weil kaum noch andere Routen offenstanden. Doch als Italien Ende Oktober 1940 das Königreich Griechenland überfiel und Hitler den Angriff auf die Balkanländer plante, war plötzlich auch dieser letzte Fluchtweg verschlossen. Tausende saßen in der Falle. In der griechischen Sage endete die abenteuerliche Irrfahrt für den Helden glücklich - für viele der Balkan-Flüchtlinge tat sie das nicht.
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Hohe Detaildichte – unbedingt lesenswerte Geschichte des Balkans
Bewertung aus Quickborn am 13.05.2026
Bewertungsnummer: 3137424
Bewertet: eBook (ePUB)
Auf der Rückseite des Covers ist folgendes zu lesen: „Der Theaterstar Tilla Durieux, die Schriftsteller Manès Sperber und Ernst Toller, der Dramatiker Franz Theodor Csokor, der Maler Richard Ziegler und viele andere - sie alle flohen vor Hitler nach Südosteuropa und fanden dort Unterschlupf. Doch diese erste Balkanroute ist heute so gut wie vergessen. Marie-Janine Calic ruft sie in Erinnerung und erzählt berührende Geschichten von Mut und Menschlichkeit, von Elend und Verrat, von Rettung und Untergang.“ Wahrscheinlich kann ich es weder kürzer noch treffender zu Beginn meiner Rezension formulieren, ich denke, dass der C.H.Beck Verlag mir dieses Zitat hier erlaubt.
Mein Interesse an der Zeit des Nationalsozialismus ist groß, regelmäßig finde ich neue Bücher, insbesondere auch bei C.H.Beck Verlag, die sich mit Details der Auswanderung, des Exils, des Widerstandes befassen. Beispiele jüngster Zeit wären die Bücher von Uwe Wittstock, Uwe Neumahr oder Helmut Kiesel, die sich insbesondere mit Literaten und Künstlern im Exil beschäftigten. Vorrangig sind aber bei diesen und anderen Büchern Auswanderungsziele im Westen Europas, in den USA, Kanada oder Südamerika zu finden, seltener in der Sowjetunion oder China, Auswanderungen über die Balkanroute werden kaum beschrieben. Die Alija ins Gelobte Land Palästina wurde aber gerade über diese Route tausendfach versucht.
Marie-Janine Calic hat sich die Recherche zu ihrem Buchthema nicht leicht gemacht, der Anhang (immerhin fast ein Drittel des gesamten Buches) zeigt dem Leser nicht nur die Archivquellen, sondern auch die literarischen Quellen, die eine Fundgrube für jeden Interessierten sind. Das Problem so gewaltiger Informationsquellen ist die Verarbeitung in einem Buch, dass ja doch in seinem Umfang begrenzt ist. Der Autorin ist es gelungen, ihr riesiges Detailwissen auf 383 Seiten (lt. Verlag) unterzubringen (zum Vergleich: Helmut Kiesels „Schreiben in finsteren Zeiten“ hat 1392 Seiten). Trotzdem hatte ich beim Lesen zeitweise das Gefühl, das die Detailtreue zu Abschweifungen führte und dadurch das Thema der Balkan-Odyssee etwas aus dem Fokus geriet. Als Beispiel dafür nenne ich das Kapitel Danzig, das die Vorgeschichte zu Felix Nasimows Flucht schilderte.
Der Sprachstil der Autorin ist von ihrem wissenschaftlichen und präzisen Herangehen an die verschiedenen Situationen geprägt, ab und zu lockert sie den Ton, aber das passt aus meiner Sicht nicht so ganz in den Kontext. Ernst Tollers „Anleiern“ von Hilfsaktionen für die spanische Bevölkerung klingt schon sehr herablassend, und wenn die Nationalsozialisten Annemarie Wolff-Richter „auf dem Kieker“ hatten, verharmlost das die Lage etwas. Aber das sind auch schon die wenigen Kritikpunkte, die ich anzumerken habe.
Besonders gut gefiel mir hingegen die ausführliche Darstellung der Balkanstaaten, ihrer geschichtlichen Entwicklung bis hin zu ihrer Haltung gegenüber Deutschland, Italien oder Großbritannien. Ob Jugoslawien, Bulgarien, Rumänien oder Albanien, für mich waren die informativen Details zu diesen Ländern tatsächlich Neuland, wenn man von allgemeinem Wissen absieht, an das ich mich z. B. aus Götz Alys „Europa gegen die Juden“ erinnere. Dass insbesondere Jugoslawien kaum Judenhass und Antisemitismus entwickelte und erst nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht auf Hitlers Linie schwenkte, war mir so nicht bewusst. Die Machtspiele, die in den Balkanstaaten ausgetragen wurden, hatten eine Tragweite, die noch heute zu spüren ist. Auch die damaligen „Völkerverschiebungen“ sind nach wie vor präsent in den Köpfen der Betroffenen bzw. deren Nachfahren.
Die Schilderung der Balkan-Odyssee anhand von Einzelschicksalen von bekannten wie auch völlig unbekannten Juden (z. B. Tilly Durieux, Lutz Katzenellenbogen, Walter Klein oder Felix Nasimow) ist sehr eindringlich und erschütternd. Die sogenannte Kladowo-Gruppe ist das herausragende Beispiel, wie jüdische Menschen zum Spielball der Geschichte, von Geldgier, Hass und Missgunst, von Unvermögen und Bestechung, von Korruption und letztendlich von vollkommener Gleichgültigkeit wurden. Gerade die persönlichen Zeugnisse, vor allem die Briefe, die der junge Walter Klein in seiner Verzweiflung schrieb, zeichnen ein schreckliches Bild dieser Jahre. Andererseits ist die Betonung der menschlichen Hilfsbereitschaft selbst in den ärmsten Dörfern, in die die Juden kamen, ungeheuer erleichternd. Ja, es gab Menschen, die aus Menschlichkeit halfen. Auch das sollte man nicht vergessen. Wie viele Juden es auf der Balkan-Route geschafft haben, bis nach Palästina und in Sicherheit zu kommen, das weiß ich nicht, wie viele es nicht geschafft haben, das kann man in diesem Buch sehr deutlich nachlesen.
Ich habe das E-Book gelesen, der Vorteil besteht für mich nicht nur in der Anpassung der Schriftgröße an meine Wünsche, auch der schnelle Weg zu den Anmerkungen und zurück ist hilfreich. Der Titel „Balkan-Odyssee 1933 – 1945/ Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ ist punktgenau zutreffend, der Leser bekommt, was er erwartet. Das Cover zeigt mit Dubrovnik meine Lieblingsstadt auf dem Balkan, noch unberührt und unzerstört vom unbarmherzigen 20. Jahrhundert. All das war für mich ein guter Grund zuzugreifen.
Ich empfehle zusätzlich auf YouTube die Buchvorstellung mit Prof. Dr. Marie-Janine Calic durch die Südosteuropa-Gesellschaft. Mir imponieren das geballte Wissen und die souveräne Art der Autorin sehr.
Fazit: Eine anspruchsvolle und hochinteressante, weil auch hochaktuelle Lektüre für alle, die mehr über die Judenverfolgung und den Holocaust erfahren wollen. Dieses Buch sehe ich für die Zukunft als Standardwerk zur südosteuropäischen Geschichte. Die Auszeichnung mit dem Sachbuch-Preis der Leipziger Buchmesse 2026 ist absolut verdient. Leseempfehlung!
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Fluchtraum Balkan - tragisch, dramatisch, ein berührendes Buch!
drawe aus Landau am 03.12.2025
Bewertungsnummer: 2668888
Bewertet: eBook (ePUB)
Mein Lese-Eindruck:
1933: Hitlers Machtergreifung führte zu großen Fluchtwellen, die sich auf den Routen nach Südfrankreich, Spanien und dann in die USA bewegten. Calic rückt hier eine eher vergessene bzw. weniger beachtete Route ins Zentrum: die Flucht über den Balkan mit dem Ziel, von einem der Seehäfen aus nach Palästina oder in überseeische sichere Länder zu gelangen. Die europäischen Länder verschlossen in den 30er Jahren ihre Grenzen für die Flüchtlinge bis auf Jugoslawien und Albanien – beides wenig entwickelte Staaten, die vor allem Wissenschaftler gerne aufnahmen, um den heimischen Nachwuchs auszubilden. Die ethnische und religiöse Zugehörigkeit spielte in diesen Staaten keine Rolle, weil sie in der Tradition des Osmanischen Reichs das Nebeneinander mehrerer Religionen und Ethnien gewohnt waren und Toleranz in der Verfassung verankert war.
Calic nimmt in ihrem Buch viele Einzelschicksale in den Blick, die sie akribisch aus einer unendlichen Fülle an Primärquellen zusammenstellt: aus Tagebüchern, Briefen und Zeitungsartikeln. Der Leser begegnet bekannten Namen wie Manès Sperber, der Schauspielerin Tilla Durieux, dem Maler Richard Ziegler, dem Literaten Ernst Toller, er liest von vielen hochdotierten Wissenschaftlern wie dem Krebsforscher Blumenthal, dem Philosophen Liebert und anderen, von Künstlern, Schriftstellern und Journalisten – aber er liest auch von Unbekannten wie z. B. von Annemarie Wolff-Richter, die mit einem ganzen Kinderheim die Flucht antritt. Oder von Walter Klein, dessen Biografie das ganze Elend des Flüchtigen spiegelt. Walter Klein, ein junger Wiener, sitzt mit Tausenden anderer Flüchtlinge in Kladovo auf einem Seelenverkäufer auf der Donau fest, getrennt von seiner Familie, die Weiterfahrt wird ständig verschoben, weil Schiffe fehlen, und als die Donau zufriert, ist an kein Entkommen mehr zu denken. Das Entkommen wird auch aus politischen Gründen schwieriger: Jugoslawien und Griechenland werden besetzt, und weil Deutschland das rumänische Erdöl braucht, schließt Rumänien seine Grenzen für die Flüchtlingen. Walter Klein wird schließlich von der Wehrmacht erschossen.
Mit solchen Einzelschicksalen zeigt Calic die Dramatik und Tragik der Flucht über den Balkan, die nur für wenige in Palästina endete. Gleichzeitig hat sie aber die Gesamtlage und die Zeitgeschichte im Blick, und es gelingt ihr hervorragend, die sehr verwirrende Gemengelage in klaren Zügen zu vermitteln und immer mit dem Schicksal der betroffenen Menschen zu verbinden.
Das Buch wendet sich an den historisch interessierten Laien, und gerade diese Verbindung aus berührenden Einzelschicksalen und de Zeitgeschichte ist es, die das Buch zu einer wichtigen, fesselnden Lektüre machen. Diesem Buch wünsche ich viele viele Leser.
Eine kaum bekannte Geschichte von Flucht und Exil.
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
In den meisten Büchern über die Flucht vor dem Nationalsozialismus wird (fast) ausschließlich die Route über den Westen Europas und dann weiter nach Übersee behandelt, der Südosten des Kontinents, also der Balkan, spielt hier meist kaum eine Rolle. Diese Lücke in der Literatur hat Marie-Janine Calic mit ihrem neuen Buch geschlossen. Es gab also bereits vor Jahrzehnten eine sogenannte Balkan-Route. Hier treffen wir ebenfalls auf prominente und unbekannte Flüchtlinge und erfahren, wie es ihnen auf ihrer dramatischen und oftmals lebensgefährlichen Reise erging. (Siehe auch: Calic, Südosteuropa)
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