Alles beginnt gut: Emmanuel Carrère erfreut sich eines gelungenen Lebens und plant ein feinsinniges Büchlein über Yoga. Heiter und sachkundig will er seine Erkenntnisse über die »inneren Kampfkünste« darlegen, die er er seit einem Vierteljahrhundert praktiziert. Bei seinen Recherchen in einem Meditationszentrum läuftt noch alles bestens, doch dann wird er eingeholt: vom Tod eines Freundes beim Anschlag auf Charlie Hebdo, von unkontrollierbarer Leidenschaft , Trennung und Verzweiflung. Sein Leben kippt, eine bipolare Störung wird diagnostiziert und Carrère verbringt vier quälende Monate in der Psychiatrie, wo er versucht, seinen Geist mit Gedichten an die Leine zu legen. Entlassen und verlassen lernt er auf Leros in einer Gruppe minderjähriger Geflüchteter ganz anders Haltlose kennen, aber findet auch Trost durch Musik und Gespräch. Zurück in Paris stirbt sein langjähriger Verleger, und doch gibt es am Ende auch wieder Licht. Denn Yoga ist die Erzählung vom mal beherrschten, mal entfesselten Schwanken zwischen den Gegensätzen. Durch eine schonungslose Selbstanalyse zwischen Autobiografie, Essay, Chronik und Roman gelingt Carrère der Zugang zu einer tieferen Wahrheit: was es heißt, ein in den Wahnsinn der heutigen Welt geworfener Mensch zu sein.
Kundinnen und Kunden meinen
3.4/5.0
Edith Berger
5/5
09.05.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
geht unter die Haut
Wer wollte ich sein? Ein geerdeter, in sich ruhender, heiterer Mensch, ein Mensch auf den man sich verlassen kann, ein guter Mensch, ein liebender Mensch. Ein Buch über Yoga wollte Emmanuel Carrere schreiben. Seine jahrzehntelangen Erfahrungen mit unterschiedlichen Techniken sollte es enthalten. Dramatische persönliche und auch öffentliche Ereignisse stürzen ihn in eine schwere, lebensbedrohende, psychische Krise. Und auch darüber erlaubt er schonungslos Einblick. „ Ergib dich, mein Herz, wir haben genug gekämpft. Und mein Leben soll stillstehn, wir waren nicht feige. Wir haben getan, was wir konnten“ zitiert Emmanuel Carrere Michaux und genauer kann man tiefste Verzweiflung nicht wiedergeben.
Gernsheimer
aus Hessen
4/5
25.10.2024
eBook (ePUB 3)
Emmanuel Carrères "Yoga" hat…
Emmanuel Carrères "Yoga" hat mich berührt. Als 40-jähriger, der oft über die Herausforderungen des Lebens nachdenkt, fand ich Carrères autofiktionalen Ansatz besonders spannend. Es geht nicht nur um Yoga als körperliche Praxis, sondern auch um die tiefere Auseinandersetzung mit Trauer und innerem Frieden. Dem meditativen Aspekt kommt dabei viel Bedeutung zu. Carrère teilt offen seine persönlichen Kämpfe, wie seine psychischen Herausforderungen. Diese Ehrlichkeit spricht einen direkt an und zeigt, dass man mit seinen Sorgen nicht allein ist. Sein Schreibstil ist so einladend, dass ich mich fühlte, als wenn ich mit einem Freund spreche der mir seine Gedanken anvertraut. In einer Gesellschaft, die oft emotionale Themen ignoriert, schafft Carrère einen Raum, in dem man sich sicher fühlen kann um über solche Dinge nachzudenken. Der Autor ist in Deutschland zu Unrecht noch nicht so bekannt wie in seiner Heimat Frankreich, wo er gefeierter Intellektueller ist und es lohnt sich, ihn zu lesen.
Juti
aus HD
3/5
02.10.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
bis zur Hälfte gut Von einem…
bis zur Hälfte gut Von einem Buch „Yoga“ erwartet der Leser von Carrère, dass er sich im Selbstversuch mit Yoga beschäftigt und ähnlich wie in seinem mich vollkommen überzeugenden Buch „Das Reich Gottes“ die Selbstwahrnehmung mit seinen Leserinnen teilt. Dies gelingt bis Seite 156, wo ein „junger Typ“ mitteilt, dass er beim Meditieren immer an „Titten!“ denken muss. Danach erfahren wir, dass der Autor wegen einer bipolaren Störung meditieren wollte. Dabei musste ich an Thomas Mette denken und sein Buch ist besser. Denn der Trip nach Bagdad, um den Blutkoran zu finden, ist zu weit hergeholt und die Flüchtlingsgeschichte nicht neu, zumal er korrekt darauf hinweist, dass der Migrant weiß, dass er Erzählungen hinzudichten muss, um in Europa Asyl zu erhalten. Erst auf S.304 kehrt er zur Definition von Meditation zurück, nachdem er auf S.171 einen unbekannten Mystiker zitiert hat: „Gott schaut mit seinen Augen der Barmherzigkeit nicht den an, der du bist, sondern den, der du sein wolltest.“ „Machen Sie gar nichts: Nur so kann Veränderung eintreten“ lässt er auf S.187 einen Therapeuten sagen und definiert dies als Meditation wie „still und unbewegt dazusitzen“ , „den Gedankenstrudel beobachte[n], ohne sich davon mitreißen zu lassen“, „sich von seiner Identität zu lösen“ (alles 304), „ins Innere des eigenen Ichs einzutauchen“, „alles anzunehmen, was auftaucht“, „lernen, nichts zu bewerten“ und „loszulassen, nichts mehr zu erwarten, nichts mehr zu tun zu versuchen.“ (alles 305) Diese verkürzte Definition ist Ergebnis einer geplanten 10tätigen Schweigemeditation ohne Abendessen, die der Autor aber abbrechen musste, weil ein Bekannter bei den Anschlägen auf „Charlie Hebido“ stirbt. Dabei fallen immer wieder nette Zitate: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen!“ (62) Nicht nur von seinem Hardcoreseminar erzählt der Franzose, auch wie er in Genf während einer Meditation mit einer Frau im siebten Himmel schwebt (82f). Schulz von Thun kennt er aber nicht, sonst würde er sich über das Ich anstatt du nicht beschweren (103) und fragt, ob Sex nicht wahrer sei als Meditation (109). So bin ich wieder in der Mitte des Buches mit: „Alles, was wirklich ist, ist per Definition wahr, aber manche Wahrnehmungen der Wirklichkeit haben einen höheren Wahrheitsgehalt als andere“. (154) Für den ersten Teil 5, für den zweiten Teil 1 Stern, macht 3 Sterne.
Bewertung
3/5
28.04.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Hier erzählt jemand mit viel Ahnung...
Hier erzählt jemand mit viel Ahnung über alles, was ihm so zu Yoga einfällt. Manchmal Kaugummi, manchmal "ja, gib mir gerade alles zu dem Thema, was es gibt, bitte!".
Bewertung
2/5
30.06.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schade
Ich habe mich so auf dieses Buch gefreut, besonders weil ich selbst auf der gleichen griechischen Insel als Freiwillige ausgeholfen habe. Leider hat mich der Narzißmus des Autors, der mir auf jeder Siete des Buches entgegengesprungen ist, so sehr genervt, dass ich das Buch tatsächlich nicht zuende lesen konnte.
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5/5
25.04.2022
eBook (ePUB 3)
Eine gelungene Meditation über den Zustand unserer Welt
Wie kommen wir klar, in einer Welt, die immer unverständlicher wird, in der psychische Krankheiten und Gewalt überhand nehmen? Können wir uns dekonditionieren und die Welt ändern, indem wir schweigend unsere Beine zum Lotussitz verschränken?
Der Erzähler ist sich da nicht immer ganz sicher. Die Frage ist auch, ob "man mehr über das leben erfährt, wenn man in Darkrooms geht oder Politik oder Firmenfusionen und übernahmen macht, als wenn man auf einem kleinen Kissen hockt und sich einredet, das Vitalste von der Welt zu sei, seine Atmung zu beobachten."
Kann es helfen, stundenlang über seine eigenen Nasenlöcher zu meditieren, sich auf den eigenem Atem zu konzentrieren, die Gedanken wertfrei zu beobachten, wie sie wie kleine Affen von Ast zu Ast springen?
Oder sind Gedanken da, um festgehalten, hinterfragt und diskutiert zu werden, wie es die Profession des Schriftstellers mit sich bringt?
Dürfen wir uns angesichts von Kriegen und Katastrophen in unser Inneres zurückziehen? Was ist mit der Welt da draußen, außerhalb des Yoga Centers, hinter den geschlossenen Lidern? Die äußere Wirklichkeit bringt sich in Form von terroristischen Anschlägen, Begegnungen mit Flüchtlingen in Erinnerung und das gleichmäßige Atmen immer wieder aus dem Takt.
Und dann sind da auch noch die inneren Dämonen, in diesem Fall eine diagnostizierte bipolare Störung des Erzählers, die den Mittelpunkt des zweiten Teils des Buches prägt: "Kann Meditation den Horror, der unter der Oberfläche meines Lebens lauert in Schach halten?"
Das Buch ist eine gelungene offene, autofiktional angelegte Meditation über den zustand unserer Welt, den Umgang mit der eigenen Psyche und die Frage nach der Möglichkeit sich wohl zu fühlen.
"Meditation ist zu pinkeln, wenn man pinkelt, und zu scheißen, wenn man scheißt. Da das auch mehr oder weniger alles ist, was ich zur Zeit tue, ohne das weiter ausführen zu wollen, denke ich manchmal amüsiert, dass ich nun endlich wirklich meditiere. Ich bin weder fröhlich noch traurig, ich werfe den guten alten Hunden ihre Stöckchen hin, das Stöckchen der Selbstgefälligkeit, das Stöckchen des Selbsthasses, das Stöckchen der verpassten Chance und des bitteren Geschmacks der verpassten Chance, und es ist ziemlich überraschend, aber Tatsache ist, ich fühle mich fast wohl."
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