Die knapp 300 Seiten sind eine Hommage an Mark Twain; aus seinem Klassiker wird eine Fortsetzung oder Vorlauf, zu “Huckleberry Finn”. Und ja, Huck und Tom (Sawyer) kommen darin auch vor, auch wenn es eigentlich die Geschichte der Nebenfigur Jim sein sollte. Mir kam es eher wie ein Mix aus Roman, Sachbuch (Philosophie), Politik und Linguistik vor. Linguistik? Ja, weil das Buch in 3 bzw. 4 Sprachformen (Dialekten) geschrieben ist: im Slang der Weissen der US-Südstaaten, dann im Slang der (unterwürfigen) Schwarzen/POCs (Sklaven), weiter in der Konversation der Schwarzen untereinander, dem modernen Alltagsenglisch vom Englisch der modernen Weissen nicht zu unterscheiden, und schliesslich im Narrativ – Roman ist aus Jims Perspektive, also in der Ich-Form geschrieben – moderner Sachbücher. Ob diese 4 “Dialekte” oder Sprachformen in der deutschen Übersetzung so deutlich werden wie im amerikanischen Original weiss ich nicht, ich weiss jetzt nur, dass und warum die USA zu Zeiten der Sklaverei 4 Sprachformen hatten. Deswegen war ich auch skeptisch, das Buch zu lesen, weil ich an diese Vierspurigkeit des Englisch nicht gewöhnt bin.
Story fängt wiederum in Hannibal/Missouri, also an Mark Twains Original-Schauplatz, an, mit den bekannten Protagonisten Becky Thatcher und ihrem Vater, dem Richter, dann Hucks Vater und Pflegemutter und Tom Sawyer und seiner Tante Polly – und natürlich Jim, dem Sklaven, der fliehen wird.
Obwohl in der Originalversion, ist es leicht für Nicht-Muttersprachler zu verstehen und der Clou: anhand der Sprachform weiss man, wer wann mit wem redet, gibt es doch viele Dialoge.
Fast gleichzeitig fliehen Jim, der nach New Orleans verkauft werden soll und damit von seiner Familie getrennt wird, und Huck, dessen trunksüchtiger Vater wieder auftaucht und Huck verprügelt. Beide treffen auf einer nahegelegenen Insel aufeinander, ihrem Zwischenhalt. Huck, ich schätze ihn auf höchstens 12, täuschte seinen Tod vor, und weiss nicht, dass sein Vater im Suff stirbt. Jim will nach Norden, um später seine Familie zu befreien. Die beiden werden zusammengeschweisst, aber anders als beim Original von Twain: Huck scheint dort 14- oder 15jährig, Tom 12jährig, hier aber ist Huck ein Kind, für Jim mehr Ballast als Begleiter. Damit beginnt quasi das Roadmovie mit Booten am Flussufer vom Süden nach Norden. Allerhand komische Gestalten kreuzen ihren Weg, mal sind es Schwindler, Gauner, mal Minstrelsingers (weisse Sänger, die sich schwarz anmalen und Schwarze nachmachen mit Singen und Tanzen). Jim, als der vernünftige, erwachsene Erzähler erleidet viel, weil er sich seiner Rolle als Sklave bewusst ist. In seinen Träumen begegnen ihm aber bekannte Philosophen und Humanisten wie Locke oder Voltaire, mit denen er über Gott, die Welt und das Schicksal debattiert. Manchmal redet er im Traum – im richtigen Englisch -, was Huck nicht versteht, und Jim sich ihm nicht offenbaren will. Sie treffen auch auf andere Sklaven, von denen ihn einer fragt, ob er was brauche. Jim antwortet gedankenlos, ja ein Bleistift wäre nicht schlecht. Und dieser Bleistift ist verhängnisvoll, quasi der rote Faden des (orangen) Buches, weil er einerseits Jims Gedanken befreit, die er niederschreibt, andererseits das Leben des “Schenkers” kostet: dieser wird gelyncht deswegen.
Man taucht sofort in die Vorkriegszeit des US-Bürgerkrieges (1861-1865) ein, wird quasi auf dem Strom des Mississippi mitgerissen, sieht die Schaufelraddampfer, die brutalen Sklavenaufseher, die Hierarchie der einzelnen Klassen (arme/reiche Weisse und helle/dunkle Schwarze bzw. Nigger und Neger). Auch lernt man über die Besitzverhältnisse der Sklavenhalter etwas, dass die Sklaven wie ein Pfand, eine Hypothek oder ein Hund gelten.
Die einzelnen Episoden sind kurzweilig und nachvollziehbar. Unglaublich jedoch, dass da plötzlich, als nach einem Unglück auf dem Strom Jim und Huck wieder vereint werden – Jim hört einerseits Hucks Stimme und andererseits jene seines Freundes vor dem Ertrinken -, Jim Huck gesteht, er sei sein leiblicher Vater! Und genau das wirkt unwahrscheinlich, obwohl Huck am Anfang des Romans erwähnt, Jim sei ja nicht viel dunkler als er. Aber dass der Autor daraus eine Vaterschaft spinnt, war nicht zu erwarten. Und dass sich Huck dann plötzlich als Sklave sieht – Jim hat ihm die Geheimnisse der Sprache anvertraut – und auch so redet, ist ein Twist, der nicht so recht passen will. Das Narrativ erklärt dann, ein Sklave sei dann ein Sklave, wenn er sich als Sklave sieht usw.
Fazit: Fiktive Fortsetzung von Twains Klassiker, als eine Art Roadmovie, 20 Jahre früher angesetzt (der Klassiker kam in den 1880ern raus), mit einem kindlichen Huck, der nichts von diesem jugendlichen, spindeldürren Freigeist an Toms Seite hat. Was die Philosophen da zu suchen haben, woher der Sklave Jim, der nie beschrieben wird, ausser, dass Huck am Anfang sagt, er sei ja nicht viel dunkler als Huck selbst, sein Wissen hat, bleibt im Dunklen. Ein Sklave, der Nächte statt mit Frau und Kind lieber in der Bibliothek des Richters verbringt, um sich Wissen anzueignen? Dabei muss er doch erschöpft sein von seiner Arbeit auf dem Feld oder wo auch immer. Unglaubwürdig, unvorstellbar! Ebenso kein Hinweis darauf, was für ein Sklave er war – Haussklave oder Feldsklave -, obwohl er kräftig und stark war. Alles in allem ein Persiflage auf Twains Klassiker, nüchtern erzählt, ohne Ironie und Humor. Und dafür bekam er den Pulizer-Preis!?
Irina B.
5/5
28.04.2025
Buch (Taschenbuch)
Worth reading
I've read the book in one setting, not because it's super short but because the story engaged me so much. It truly deserves to be shortlisted. More even: I would love the book to win The Booker Prize.
Änj
aus München
5/5
31.03.2025
Buch (Taschenbuch)
Everyone should read this
Everyone should read this, this book was amazing. From the story to the. writing this book was a 5/5.
I think this version of Huckleberry Finn should be the one that should be read in schools.
Frank Schlösser
aus Hürth
5/5
02.03.2025
Buch (Taschenbuch)
James actually Jim
Who doesn't know the wonderful story of Tom Sawyer and Huckleberry Finn and the slave named Jim who is always stumbling around in our brains? And this story is about Jim, actually James. Don't we remember how simple-minded he was, almost stupid? But now we have to realize that this stupidity helped him - James - and it will help him on his escape with Huck. He definitely doesn't want to be sold to New Orleans. He only wants one thing: freedom. And Huck is supposed to help him with that.
meerblick
5/5
16.04.2024
eBook (ePUB)
Hervorragende neue Auslegung…
Hervorragende neue Auslegung eines Klassikers Percival Everett gibt in seinem Roman -James- die Erzählstimme einem Sklaven, der verkauft werden soll und damit von seiner Frau und seinem Kind getrennt werden würde. James, der von allen Jim genannt wird, flieht in der Hoffnung seiner kleinen Familie auch eines Tages die Freiheit zu ermöglichen und trifft dabei auf Huck, der sich wiederum von seinem alkoholkranken, brutalen Vater befreien will. Beide begeben sich auf eine abenteuerliche Reise in Richtung Norden Nordamerikas entlang des Mississippi. Auf ihrem Weg sind sie unzähligen Stürmen und verheerenden Witterungsbedingungen ausgesetzt, aber auch humanistischen Herausforderungen infolge Missachtung grundlegender Menschenrechte. James oder Jim ist klug und weiß sich zu verstellen, vor dem weißen Mann, seiner größten Gefahr. Dieses Thema ist mit viel Feingefühl herausgearbeitet. Der Autor greift die Geschichte des Klassikers -Huckleberry Finn- von Mark Twain auf und schildert die Brutalität der menschenverachtenden Sklaverei, die Ausweglosigkeit eines freien, selbst bestimmten Lebens. Ausdrucksstark und emotional sehr berührend zeichnet er ein dunkles Kapitel der amerikanischen Geschichte, die durch ihre Klarheit und Deutlichkeit besticht.
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5/5
22.12.2024
Buch (Taschenbuch)
"Which would frighten you more? A slave who is crazy or a slave who is sane and sees you clearly?”
Everybody knows the story of Huckleberry Finn (most of us had to read it in school), but have you ever thought about Jim's perspective? In the tradition of Chinua Achebe, Jean Rhys or Aimé Césaire, Percival Everett gives the former voiceless slave from Mark Twains classic a story of his own. In typical Everett fashion, he does so with cynical humor as well as philosophical plot twists and characters you will want to punch in the face. But it's also holding up the mirror to our own internalized racism and challenges the prejudices everyone has within themselves. An important book, that also won the National Book Award for fiction 2024.
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