Triest, 1920. Mattia ist ein Faschist der ersten Stunde. Sein Gesicht ist noch bartlos, weshalb man ihn Bambino nennt, aber seine Schläge sind so hart, dass die halbe Stadt sich vor ihm fürchtet. Mattia weiß nicht, wer seine Mutter ist. Gar eine von drüben? Eine Slowenin? Sein Vater, der Antifaschist und Uhrmacher, will es ihm nicht verraten. Im Schlamm und Schmutz des Zweiten Weltkriegs verliert Mattia schließlich alle Gewissheiten, und er muss erfahren, dass der Gewinner von heute der Verlierer von morgen sein kann.
Kundinnen und Kunden meinen
4.6/5.0
Shilo
aus Ulm
5/5
21.01.2026
eBook (ePUB)
Ein Roman, der keine Schonung kennt
Triest nach dem Ersten Weltkrieg ist ein Ort voller Brüche. Grenzen verschieben sich, alte Gewissheiten lösen sich auf, Gewalt liegt in der Luft. In diese Stadt stellt Marco Balzano eine Figur, die schwer auszuhalten ist und genau deshalb lange nachwirkt.
Mattia, von allen nur Bambino genannt, ist jung, brutal und schon früh Teil der faschistischen Bewegung. Sein Spitzname täuscht, denn hinter dem jungen Gesicht steckt eine erschreckende Härte. Gewalt wird für ihn zur Sprache, Macht zum Halt. Auffällig ist die Kälte seines Handelns und die Leere, die ihn antreibt. Entschuldigungen gibt es keine, nur Gründe.
Die Geschichte entfaltet sich schnell und konzentriert. Szenen wechseln abrupt, fast atemlos. Immer wieder blitzen Hinweise auf Mattias’ Herkunft auf, auf das Schweigen des Vaters, auf die fehlende Mutter. Diese Suche zieht sich sanft durch den Roman und gibt der Figur eine zusätzliche Tiefe. Es geht nicht um Rechtfertigung, sondern um Verletzungen, die nie ausgesprochen wurden und sich in Gewalt verwandeln.
Besonders eindrücklich ist der Umgang mit Geschichte. Krieg, Faschismus, Besatzung und Schuld werden nicht erklärt oder eingeordnet. Sie sind einfach da, roh und unausweichlich. Triest wird zu einem Schauplatz, an dem sichtbar wird, wie schnell Täterrollen entstehen und wie flüchtig jede Form von Macht ist. Vieles bleibt bewusst offen.
Die Sprache ist klar, hart und schnörkellos. Gefühle werden nicht ausformuliert, sondern entstehen zwischen den Zeilen. Gerade dadurch wirkt vieles beklemmend nah. Bambino bleibt eine Figur, die abstößt und zugleich fesselt, weil sie nicht vereinfacht wird. Am Ende steht kein Trost, keine Erlösung, sondern die Erkenntnis, dass Geschichte Menschen formt und verformt und dass Schuld selten eindeutig beginnt.
Dieses Buch hinterlässt Unruhe. Es zwingt dazu, länger darüber nachzudenken, wie aus Orientierungslosigkeit Überzeugung wird und wie leicht Gewalt zur Identität werden kann. Ein Roman, der nicht gefallen will, sondern etwas offenlegt.
Fünf Sterne und eine klare Leseempfehlung für alle, die literarische Romane schätzen, die fordern, verstören und lange nachwirken.
Bewertung
aus Heek
4/5
18.02.2026
eBook (ePUB)
heftig
"Bambino" so lautet der Titel von dem Buch. Wegen seines kindlichen Aussehens wird ein junger Mann so genannt. Doch die außere Erscheinung täuscht. Bambino kann sehr gewalttätig sein. Von seiner Mutter hat er kurz vor ihrem Tod erfahren, dass sie nicht seine biologische Mutter ist. Vom Vater, einem Uhrmacher, bekommt er hierzu keine Antwort. Bambino sucht Halt und versucht seine Mutter zu finden und gerät dabei an die falschen "Freunde". Er kommt in eine Szene, die sehr brutal und menschenverachtend vorgeht. Das Buch lässt ein beklemmendes Gefühl und viel Stoff zum Nachdenken zurück.
Bewertung
5/5
16.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schockierend
Marco Balzano greift in seinen Romanen immer ein Thema aus der Geschichte Italiens heraus. Diesmal aus der Zeit des Faschismus.
Es ist ein ungewöhnlich hartes schockierendes Buch und trotzdem will man die Geschichte bis zum Ende lesen....
Eva
5/5
16.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Leben, eine Stadt, ein Jahrhundert
Marco Balzano ist so ein begnadeter Geschichtenerzähler, dass ich trotz der Gewalt, der Abgründe, die sich auftun und der entsetzlichen Entbehrungen im Triest in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts völlig fasziniert jede Seite umblättere.
Er erzählt die Geschichte von Mattia, genannt Bambino, enthusiastischer Faschist der ersten Stunde. Sein Leben ist so eng mit dem Schicksal der Stadt verbunden, dass die Geschichte von Mattia ohne die Geschichte Triests nicht geschrieben werden kann.
Als Triest Stützpunkt der faschistischen Bewegung wird, entwickelt sich Bambino zum glühenden Faschisten. Er ist maßgeblich daran beteiligt, als das slowenische Gemeindezentrum Narodni Dom niederbrennt. Er zieht als Soldat in den Krieg und wird ab 1943 Spitzel für die deutschen Besatzer. Als Opportunist bewegt er sich zwischen den Welten, rücksichtslos, gewaltbereit und immer getrieben von der Hoffnung auf Liebe.
Die Suche nach der Mutter wird zum Inbegriff für die Suche nach Zugehörigkeit mit drastischen Maßnahmen. Die persönliche Erfahrung macht aus dem harten Jungen einen skrupellosen Kämpfer gegen das Fremde. Doch was bedeutet es, dass die vermisste Mutter gar keine Italienerin ist? Erst als er zunehmender Lebenserfahrung die politischen Ideologien hinter sich lässt, erkennt Mattia, dass die Vergangenheit unabänderlich die Zukunft bedingt. Jedes Handeln hat Konsequenzen, Frieden findet nur, wer Gnade walten lässt.
Marco Balzano springt hinein in das Herz einer gebeutelten Region, in der das Überleben von Verrat und dem Verlust der Würde abhängt. Wie kein Zweiter lässt er sprachlich eine literarische Welt entstehen, die die Schrecken der Epoche greifbar macht und das unsägliche, unverzeihliche Handeln seiner Protagonist*innen als zutiefst menschlich beschreibt. Wer sind wir, zu urteilen? Wie ist es möglich, sich selbst anzuerkennen, wenn jede Entscheidung existenziell ist? Wie kann das Überleben ein Leben werden, ohne an der Schuld zu zerbrechen? Wenn Menschen Spielbälle der Ideologien werden?
Wie auch schon nach “Ich bleibe hier“, das mich zur Recherche an den Reschensee führte, möchte ich nun nach Triest und mich auf historische Spurensuche begeben.
SimoneF
5/5
01.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
schonungslos und eindrücklich
Mattia, geboren 1900 in Triest als Sohn eines Uhrmachers, ist schon früh ein Außenseiter. Er schwänzt die Schule und kann wenig mit anderen Menschen anfangen. Als seine Mutter ihm kurz vor ihrem Tod eröffnet, dass er nicht ihr leiblicher Sohn ist, sein Vater ihm aber nicht verraten möchte, wer ihn geboren hat, entwickelt sich die Suche nach seiner Mutter zu einer Obsession. Er ist gekränkt, entwickelt eine immer größer werdende Wut auf seine Mitmenschen und lebt diese in Gewaltexzessen aus. Bald schließt Mattia sich den faschistischen Schwarzhemden an und verbreitet mit ihnen Angst und Schrecken unter der Bevölkerung. Später zieht er freiwillig gegen Griechenland in den Krieg und wird im Kriegswinter in den Bergen zermürbt. Langsam bröckeln seine Überzeugungen, doch zu viel ist bereits passiert, als dass Mattia das Geschehene hinter sich lassen könnte.
Marco Balzano erzählt aus Mattias Perspektive, in nüchternem, beinahe sachlichem Stil. Man kann Mattia nicht mögen, und auch die Ungewissheit bezüglich seiner Herkunft, die Weigerung des Vaters, ihm mehr über seine Mutter zu offenbaren, dient glücklicherweise niemals als Entschuldigung für seine zügellose Gewalt, seine Bindungsunfähigkeit und seine tiefe Abneigung gegen Menschen. „Bambino“ wird er wegen seines glatten, bartlosen Gesichts von den Faschisten genannt, und ein Kind bleibt Mattia in gewisser Weise sein Leben lang. Er wirkt unreif, nicht fähig zu Verantwortung und Reflexion, seine tiefe Verunsicherung lässt ihn umso stärker zuschlagen und begründet seine Faszination für die Faschisten, die für ihn Stärke verkörpern. Einzig sein Vater hält sein Leben lang zu ihm, ist jedoch auch nicht in der Lage, eine tiefgehende Beziehung zu ihm aufzubauen, ihn emotional zu stützen und mit ihm zu kommunizieren. Wenn die beiden reden, reden sie aneinander vorbei.
Nebenbei erzählt der Roman die leid- und wechselvolle Geschichte von Triest und Julisch Venetien und thematisiert die nationalistisch motivierten Angriffe auf slowenische und kroatische Minderheiten. Der Autor hat reale historische Figuren und Ereignisse wie die Stürmung des Narodni dom oder den Angriff paramilitärischer faschistischer Horden auf eine Gruppe von Eltern, die auf die Rückkehr ihrer 1500 Kinder aus einem Ferienlager der Arbeitergenossenschaft warteten, in den Roman verwoben. Im Anhang finden sich hierzu nähere Erläuterungen.
Ein eindrücklicher, schonungsloser und sehr lesenswerter Roman.
Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.
5/5
31.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein bewegendes Leseerlebnis
Marco Balzano ist ein wunderbarer Erzähler. Die Geschichte des mutterlosen Bambino, der glaubt bei den Faschisten seine Einsamkeit endlich hinter sich lassen zu können und zu deren brutalen Handlanger wird, hat mich lange bewegt. Und am Ende dieser Geschichte weiß man eines ganz sicher: im Krieg gibt es nur Verlierer!
Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.
5/5
10.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
„Trink noch, Bambino, trink. Der Tag wird kommen, an dem wir trinken werden, um den Tod von Leuten wie dir zu feiern.“
Mattia Gregori ist ein Taugenichts, ein Gewalttäter und ein gewissenloser Denunziant: eine Triestiner „Karriere“ in hasserfüllten Zeiten von Faschismus, Krieg und Besatzung.
„Ich habe getötet und mitgeholfen, dass getötet wurde. Ich habe immer versucht, auf der Seite der Stärkeren zu stehen, und bin immer auf der falschen Seite gelandet. Das soll keine Rechtfertigung sein: Niemand hat mich gezwungen, ich bin aus eigenem Antrieb zu denen gegangen, die Böses taten. Ich dachte, so wäre ich in Sicherheit.“
Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.
4/5
07.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
„Nein. Es war der einzige Weg, um mich zu retten.“
Ein eindrucksvoller Roman, der Italien während des Aufstiegs des Faschismus bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in all seinen Facetten beleuchtet.
Der Protagonist Bambino stellt sich im Laufe der Jahre immer wieder auf die Seite der Mächtigen - und findet sich doch jedes Mal auf der falschen Seite der Geschichte wieder.
Balzano gelingt es meisterhaft, die Schrecken und moralischen Abgründe dieser Zeit lebendig werden zu lassen, während sein nicht gerade sympathischer, aber interessanter Protagonist sich mit bemerkenswerter Anpassungsgabe durch die Wirren der Geschichte schlägt.
Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.
4/5
23.01.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
"Jeder markiert seine Grenzen mit dem Blut des anderen."
Dieser Roman lässt einen nicht leicht los. Zum einen hat man es mit einem Protagonisten zu tun, der alles andere als ein Sympathieträger ist und man bekommt alles aus seiner Perspektive (Ich-Perspektive) erzählt. Zum anderen schreibt der Autor bildhaft, verschwendet keine Zeit und zieht einen durch diese zwanzig Jahre mit - das ist wirklich richtig gut gelungen. Ich finde es außerdem sehr spannend, die Zeit 1920-1945 aus der italienischen Perspektive zu betrachten: das Aufkommen des Faschismus in Italien, die Ressentiments gegen Slowenen und Kroaten, Gewalt etc. Außerdem: Die Verschiebung der Macht, die immer andere Täter in eine dominante Position setzt, zeigt, dass Gewalt auch als Vergeltung immer nur Gewalt ist. Ein Satz, der mir aus dem Buch in Erinnerung geblieben ist, trifft es gut: "Jeder markiert seine Grenzen mit dem Blut des anderen."
Manchmal war es mir ein wenig zu unglaubwürdig, wie genau der Protagonist sich selbst analysieren kann, deswegen ein Stern Abzug. Ansonsten absolut empfehlenswertes Eintauchen in ein apokalyptisches Triest.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.