Ein klassischer Whodunit, tolle Atmosphäre, japanische Mythen und ein schräger Ermittler
Igelmanu66 aus Mülheim am 29.09.2024
Bewertungsnummer: 2304083
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
»Die Verkettung unglücklicher Umstände hatte selbst dem vernünftigsten Beamten den Verstand vernebelt, so dass sie in mir eine Art abartiges Ungeheuer sahen … Schließlich hatte ich einen so schrecklichen Vater. Sein gewalttätiges Blut musste auch durch meine Adern fließen, aber es unterschied sich auch von seinem. Statt feurig rot war es blass und zurückhaltend und machte mich zu einem kaltblütigen, hinterhältigen Giftmörder.«
Japan, 1946. Ein kleines, abgelegenes Dorf in den Bergen ist der Schauplatz dieses Krimis. Ein junger Mann namens Tatsuya glaubt zunächst, dass er das große Los gezogen hat. Seine Mutter starb früh, über seinen leiblichen Vater hat sie stets geschwiegen. Nun aber nimmt ein Anwalt im Auftrag einer wohlhabenden Familie Kontakt zu ihm auf, ein großes Vermögen winkt. Allerdings hat die Sache auch einen mächtigen Haken, denn der bislang unbekannte Vater entpuppt sich als grausamer Massenmörder, weshalb Tatsuya in dem Dorf eine Welle von Hass entgegenschwappt. Als sein Großvater gleich beim ersten Treffen tot zusammenbricht, wird das nicht besser – in Tatsuyas Adern fließt schließlich das Blut eines Mörders, nichts anderes konnte man von ihm erwarten. Leider folgen diesem ersten Todesfall in Kürze weitere und auch für den ermittelnden Kommissar rückt der junge Erbe immer mehr ins Zentrum der Verdächtigen. Gut, dass es außerdem noch den Privatermittler Kosuke Kindaichi gibt…
Ich war sehr gespannt auf diesen Klassiker der japanischen Krimiliteratur und wurde nicht enttäuscht. Auf den Leser wartet ein gelungener klassischer Detektivroman mit einem schrägen und unkonventionellen Ermittler, eingebettet in eine dichte Atmosphäre, geprägt von japanischer Kultur und Mythen. Der ausgeprägte Aberglauben der Dorfgemeinschaft bezieht auch einen alten Fluch aus dem 16. Jahrhundert mit ein, ich war froh über das Glossar am Ende.
Erzählt wird aus der Perspektive von Tatsuya, der folglich nie mehr weiß, als Kosuke Kindaichi ihm mitteilt. Er selbst versucht sich auch an eigenen Ermittlungen, was ihn mehr als einmal in große Gefahr bringt. Nach und nach konnte ich gemeinsam mit den Detektiven beim Lesen die Puzzleteile zusammensetzen, das machte viel Spaß. Der Autor ließ Kosuke Kindaichi in allein 77 Büchern ermitteln, bislang sind davon drei ins Deutsche übersetzt. Ich setze gleich mal den nächsten auf meine Liste.
Fazit: Ein klassischer Whodunit, tolle Atmosphäre, japanische Mythen und ein schräger Ermittler. Dieses Buch machte einfach Spaß!
Ein fesselnder japanischer Krimi-Klassiker
bookloving am 13.09.2024
Bewertungsnummer: 2291782
Bewertet: eBook (ePUB 3)
„Das Dorf der acht Gräber“ ist der dritte Band der fesselnden Krimiklassiker-Reihe aus der Feder des in Japan beliebten und vielfach ausgezeichneten Kriminalautors Seishi Yokomizo (1902 – 1981), in deren Mittelpunkt der junge Privatermittler Kosuke Kindaichi steht.
Der bereits 1971 in Japan erschienene Krimiklassiker bietet eine gelungene Mischung aus raffiniertem Kriminalfall, gruseligen Mystery-Elementen, psychologischer Spannung und faszinierenden Einblicken in die japanische Kultur, Mythologie und Geschichte.
Yokomizo beweist erneut sein besonderes Talent im Aufbau einer vielschichtigen und äußerst packenden Handlung mit einem faszinierenden Setting. Gekonnt entführt er uns erneut in eine geheimnisvolle Welt voller rätselhafter Bräuche und japanischer Traditionen.
Die im Nachkriegsjapan spielende Geschichte ist in einem abgelegenen Bergdorf angesiedelt, dessen Name auf einer düsteren Legende aus dem 16. Jahrhundert beruht. Acht Samurai wurden damals auf der Flucht vor ihren Verfolgern von den Dorfbewohnern ermordet und der Ort angeblich mit einem fatalen Fluch belegt. Als Jahrhunderte später der junge Ich-Erzähler Tatsuya Terada aus Kobe in das Dorf kommt, um ein Familienerbe anzutreten, ereignet sich eine Reihe mysteriöser Giftmorde. Rasch wird Tatsuya von den misstrauischen Dorfbewohnern verdächtigt, für die Mordfälle verantwortlich zu sein. Glücklicherweise wird der zufällig anwesende Privatdetektiv Kosuke Kindaichi hinzugezogen und ermittelt unauffällig im Hintergrund.
Passend zur unheilvollen Geschichte des Dorf versteht es Yokomizo eine mystische, beklemmende Atmosphäre und gruseligen Thrill heraufzubeschwören. Es entfaltet sich schon bald eine äußerst komplexe Geschichte mit etlichen undurchsichtigen Akteuren und einigen höchst unerwarteten Wendungen und Enthüllungen, die uns mehrfach in die Irre führen. Die vielschichtige und packende Handlung lässt uns miträtseln und spekulieren und hält uns bis zur letzten Seite in Atem!
Die Charaktere sind vielschichtig angelegt und tragen mit ihren Hintergrundgeschichten enorm zur Spannung bei. Besonders gelungen ist die ambivalente Figur des undurchsichtigen Ich-Erzählers Tatsuya, den man abwechselnd als Opfer und dann wieder als potentiellen Täter wahrnimmt.
Mit seinem sympathischen Privatdetektiv Kosuke Kindaichi hat Yokomizo einen interessanten, authentisch wirkenden Charakter geschaffen, der in diesem Band allerdings nicht im Mittelpunkt der Handlung steht. Trotz seiner verschrobenen und etwas unbedarften Art glänzt er schließlich wieder mit seiner guten Beobachtungsgabe und seinem brillantem Spürsinn bei der Aufklärung des mysteriösen Falls. Mit seiner akribischen Detailarbeit und cleveren Schlussfolgerungen erinnert er an den legendären Meisterdetektiv Hercule Poirot.
FAZIT
Eine fesselnde Fortsetzung der interessanten Krimiklassiker-Reihe, die in Japan Kultstatus genießt. Mit seiner atmosphärischen Schilderungen, komplexen Charakteren und raffinierten Plottwists beweist Yokomizo erneut sein Können als Krimi-Autor. Für Fans klassischer Detektivgeschichten und Japan-Liebhaber gleichermaßen ein Muss.
Meinung aus der Buchhandlung
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In diesem Band gibt es eine andere Erzählerfigur und der eigentliche Ermittler Kosuke tritt komplett in den Hintergrund. Ein überraschender, aber durchaus interessanter Ansatz, leider liegt dadurch der Fokus nicht wie üblich auf den Ermittlungen. Der Fall an sich war trotzdem detailliert, umfangreich und spannend bis zum Ende.
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„Kosuke Kondaichi ermittelt“ lautet der Reihentitel der bislang drei aus dem Japanischen übersetzten Kriminalromane. Dabei handelt es sich um den genialen Privatermittler, der ähnlich wie Hercule Poirot, Sherlock Holmes oder Gideon Fell mit Hilfe von scheinbar unzusammenhängenden und vollkommen lapidaren Detailfragen jedes noch so mordschwere Rätsel zu lösen vermag.
Verwunderlich ist, dass während seine berühmten Kollegen in ihren Büchern jeweils im Zentrum der Handlung stehen, der stotternde Kondaichi mit dem wirr zerzauselten Haar in „Das Dorf der acht Gräber“ im besten Fall als prominentere Nebenfigur zu bezeichnen ist.
Das Scheinwerferlicht nimmt dafür Tatsuya Terada ein. Nach Jahrzehnten reist er zum ersten Mal in das mythenumrankte Dorf seiner Kindheit zurück, wo sein Vater vor vielen Jahren auf dramatische Weise über 30 Menschen in einer Nacht tötete und darauf in den Wald verschwand um niemals wieder gesehen zu werden. Doch seine Rückkehr steht unter einem düsteren Stern, denn schon bald ereignet sich erneut ein Todesfall im engeren Kreis seiner Familie, dann noch einer, und noch einer, und plötzlich beginnen die Bewohner*innen hinter vorgehaltener Hand zu reden, ob der Teufel in neuer Gestalt zu ihnen zurückgekehrt ist.
Mit dem Eintreffen der Polizei betritt nun auch Detektiv Kondaichi die Bühne und konfrontiert den Erzähler mit Fragen, die überhaupt nicht auf den Kern der erschreckenden Geschehnisse einzugehen scheinen und doch scheint es, als hätte er einen Plan. Auf der Suche nach dem Mörder verstrickt sich Terada immer tiefer in die Beziehungsgeflechte des kleinen Dorfes und deckt dabei auch schrittweise die Geheimnisse um seine eigene Herkunft auf.
Die neue Mordserie wird schaurig untermalt von der alten Sage, dass am gleichen Ort Jahrhunderte vorher acht Samurais von der Dorfbevölkerung ihrem ehemaligen Lehnsherren blutig ausgeliefert wurden. Die Krieger sprachen sterbend einen Fluch aus, dass sich von nun an über viele Generationen eine Gräueltat an die nächste reihen würde – ist erneut der Zeitpunkt gekommen?
Ein Figurenregister hilft beim Einstieg in die oftmals ungewohnte Welt der japanischen Personennamen und schon bald steckt man tief in den Mutmaßungen, wem zu trauen ist, wer das potenziell nächste Opfer und welches wahnsinnige Genie hinter den Todesfällen steckt. Das ist dann auch einer der erzählerischen Wermutstropfen: Trotz der 400 Seiten Länge kommt die Aufklärung am Ende etwas knapp und wortkarg daher. Wer es ist, macht Sinn (und lässt sich im Vorhinein eventuell sogar schon erraten), die Motivation ist erklärt, jedoch gestaltet sich das alles sehr minimal und hätte gerne auch noch einmal 10 Seiten mehr vertragen können. Darüber hinaus liest sich der dritte Fall von Kosuke Kondaichi unterhaltsam, actionreich und durch den besonderen Handlungsschauplatz sowie die eingebundene japanische Mythologie erfreulich anders als die gewohnte Krimikost.
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