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Profilbild von Lukas Bärwald Lukas Bärwald Buchhandlung: Thalia St. Pölten
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Meine letzte Rezension Echo von Thomas Olde Heuvelt
Horrorromane sind eigentlich nicht so mein Ding. Zu oft stehen die pure Handlung und ihre Schockmomente im Vordergrund, während man Figurenentwicklungen und sprachliche Finessen oftmals vergeblich sucht. So wurde ich neugierig, als eines Tages die Nachricht die Runde machte, in den Niederlanden gäbe es einen jungen Autoren, der quasi als literarisch anspruchsvoller Enkel Stephen Kings angepriesen wurde. So war der Weg für mich bereitet, um seinem neuesten Buch zumindest mal eine Chance zu geben – und ich wurde nicht enttäuscht. „Echo“ ist eine Mischung aus Bergsteiger- und Beziehungsdrama, verpackt in einen Schauerroman, mit deutlichen Wurzeln bei Klassikern wie H.P. Lovecraft oder Edgar Allan Poe. Es ist die Geschichte einer Besessenheit, der eine Mann besessen vom Bösen, der andere von der Liebe seines Lebens. Nick Grevers ist bei einer Extremklettertour am Mont Maudit in den französischen Alpen abgestürzt, sein Gesicht massiv zerstört und von kaum mehr als den mumienhaften Bandagen um seinen Kopf zusammengehalten. Sein Freund Sam Avery reist panisch zum Krankenhaus und erhält dort einen Zettel von Nick, „Glaube ihnen keinen Wort, es war kein Unfall.“ Und plötzlich beginnen zahlreiche Menschen um sie herum scheinbar den Verstand zu verlieren, stürzen sich in Scharen vom Dach des Krankenhauses, gezeichnet von Symptomen schwerster Höhenangst – und das mitten in Amsterdam. Thomas Olde Heuvelt legt den Roman so clever an, dass die verstörend tragischen Geschehnisse einerseits als Phänomene einer tatsächlichen übernatürlichen Besessenheit gedeutet werden können, andererseits sich aber auch als Bilder für eine psychische Erkrankung interpretieren lassen. Die vielschichtige Beziehung der beiden Protagonisten steht dabei im Mittelpunkt. Sam bekommt mit, wie sein Freund immer weiter die Kontrolle über sein Handeln verliert und dadurch scheinbar Erwachsene und selbst Kinder ernsthaft bedroht werden. Gleichzeitig wird er angetrieben von der großen Liebe zu seinem Freund und dem unbedingten Willen, ihn nicht im Stich und schon gar nicht aufgeben zu wollen. In Rückblenden wird die menschliche Entwicklung der beiden rund um prägende Ereignisse ihres Heranwachsens aufgedeckt, wodurch die Charaktere tatsächliche Tiefe erhalten und ihre Entscheidungen emotionalen Eindruck hinterlassen. Im Stile moderner Horrorfilme à la „Hereditary“ oder „Ring“ wird hier der Schrecken nicht über möglichst extreme Schockmomente erzeugt, sondern ein sich langsam einschleichendes Gefühl der konstanten Beunruhigung, dass man wie Nicks „Opfer“ Schritt für Schritt den festen Boden unter den Füßen verliert. Horrorromane sind eigentlich nicht so mein Ding – so allerdings absolut.
ab 17,90 €
Echo
4/5
4/5

Echo

Horrorromane sind eigentlich nicht so mein Ding. Zu oft stehen die pure Handlung und ihre Schockmomente im Vordergrund, während man Figurenentwicklungen und sprachliche Finessen oftmals vergeblich sucht. So wurde ich neugierig, als eines Tages die Nachricht die Runde machte, in den Niederlanden gäbe es einen jungen Autoren, der quasi als literarisch anspruchsvoller Enkel Stephen Kings angepriesen wurde. So war der Weg für mich bereitet, um seinem neuesten Buch zumindest mal eine Chance zu geben – und ich wurde nicht enttäuscht. „Echo“ ist eine Mischung aus Bergsteiger- und Beziehungsdrama, verpackt in einen Schauerroman, mit deutlichen Wurzeln bei Klassikern wie H.P. Lovecraft oder Edgar Allan Poe. Es ist die Geschichte einer Besessenheit, der eine Mann besessen vom Bösen, der andere von der Liebe seines Lebens. Nick Grevers ist bei einer Extremklettertour am Mont Maudit in den französischen Alpen abgestürzt, sein Gesicht massiv zerstört und von kaum mehr als den mumienhaften Bandagen um seinen Kopf zusammengehalten. Sein Freund Sam Avery reist panisch zum Krankenhaus und erhält dort einen Zettel von Nick, „Glaube ihnen keinen Wort, es war kein Unfall.“ Und plötzlich beginnen zahlreiche Menschen um sie herum scheinbar den Verstand zu verlieren, stürzen sich in Scharen vom Dach des Krankenhauses, gezeichnet von Symptomen schwerster Höhenangst – und das mitten in Amsterdam. Thomas Olde Heuvelt legt den Roman so clever an, dass die verstörend tragischen Geschehnisse einerseits als Phänomene einer tatsächlichen übernatürlichen Besessenheit gedeutet werden können, andererseits sich aber auch als Bilder für eine psychische Erkrankung interpretieren lassen. Die vielschichtige Beziehung der beiden Protagonisten steht dabei im Mittelpunkt. Sam bekommt mit, wie sein Freund immer weiter die Kontrolle über sein Handeln verliert und dadurch scheinbar Erwachsene und selbst Kinder ernsthaft bedroht werden. Gleichzeitig wird er angetrieben von der großen Liebe zu seinem Freund und dem unbedingten Willen, ihn nicht im Stich und schon gar nicht aufgeben zu wollen. In Rückblenden wird die menschliche Entwicklung der beiden rund um prägende Ereignisse ihres Heranwachsens aufgedeckt, wodurch die Charaktere tatsächliche Tiefe erhalten und ihre Entscheidungen emotionalen Eindruck hinterlassen. Im Stile moderner Horrorfilme à la „Hereditary“ oder „Ring“ wird hier der Schrecken nicht über möglichst extreme Schockmomente erzeugt, sondern ein sich langsam einschleichendes Gefühl der konstanten Beunruhigung, dass man wie Nicks „Opfer“ Schritt für Schritt den festen Boden unter den Füßen verliert. Horrorromane sind eigentlich nicht so mein Ding – so allerdings absolut.

Lukas Bärwald
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Echo von Thomas Olde Heuvelt

Meine Lieblingswerke

  • Die Karte meiner Träume von Reif Larsen
    5/5

    Die Karte meiner Träume

    Darf ich vorstellen: Tecumseh (großer Indianerhäuptling) Sparrow (engl.: Spatz) Spivet, 12 Jahre, wohnhaft in Montana, hochintelligent, zeichnerisch genial veranlagt und seit dem Tod seines Bruders mitunter von Schuldgefühlen und Einsamkeit verfolgt. Um es gleich vorneweg zu nehmen, dieser – bislang noch einzige – Roman von Reif Larsen gehört zu diesen raren Wunderwerken, die man in die Hand nimmt, vor Staunen, Lachen und Rührung kaum mehr zu etwas anderem kommt und nach der letzte Seite am liebsten gleich wieder von vorne damit anfängt. Ob es seine Schwester beim Mais säubern ist, der Formationsflug eines Vogelschwarms oder die variierende Mimik seines Vaters: T.S. zeichnet und kartografiert wo er geht und steht und versucht so, der kleinen und großen Welt um ihn herum ein Gerüst zu geben. Dr. Clair, wie er seine Mutter nennt, ist selber als Forscherin seit Jahrzehnten auf der Suche nach einem eventuell überhaupt nicht existierenden Käfer. Und so kommt er dazu, bereits vor einsetzendem Teenie-Alter für wissenschaftliche Fachzeitschriften Diagramme und Karten anzufertigen und wodurch er eines Tages unverhofft vom renommierten Smithsonian Institut im fernen Washington ein einjähriges Forschungsstipendium erhält. Dies markiert den Beginn einer Geschichte, die Elemente von Road Movie, historischem, Familien-, Initiationsroman und Comic in sich vereint. Ende 2013 erscheint die Verfilmung, in der unter anderem Helena Bonham Carter die forschende Mutter von T.S. verkörpert; der zweite Roman von Reif Larsen wird ebenfalls Ende 2013 oder im Frühjahr 2014 erscheinen. Aber bis dahin: Zugreifen und das große Glück des Romans namens „Die Karte meiner Träume“ selbst erleben.

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    Die Karte meiner Träume von Reif Larsen
  • Vor dem Fest von Saša Stanišić
    5/5

    Vor dem Fest

    Saša Stanišić spinnt farblich ständig changierendes Erzählgarn und webt daraus dem knapp an der Moderne vorbeigeschrammten Städtchen Fürstenfelde einen Teppich seiner eigenen Geschichte. So wie sich im Webstuhl der Schussfaden durch die Kettfäden schlängelt um mit der Zeit ein immer dichter werdendes Geflecht entstehen zu lassen, so durchstreifen die Figuren des Romans die Nacht vor dem großen Annenfest und verflechten sich dadurch immer wieder mit der Geschichte des Dorfes. „Anno 1772 vor dem Annenfeste hat sich ergeben ein schrecklicher casus tragicus.“ Und genau solch ein „casus tragicus“ ereignet sich knapp zweieinhalb Jahrhunderte später, denn im eigentlich doch so betulichen ostdeutschen Ort an der Grenze zu Polen wird auf Zigarettenautomaten geschossen, ins Allerheiligste des Heimatmuseums eingebrochen und nicht zuletzt werden die Glocken des Kirchturms gestohlen, noch bevor der Glöcknerlehrling zu seiner Abschlussprüfung antreten kann. Der zweite Roman des aus Bosnien-Herzegowina stammenden Autors brilliert mit einem Level von Erzählkunst und Einfallsreichtum, der ihn zu einem der herausragenden Leseereignisse des Frühjahrs 2014 macht: Wenn Stanišić von Kapitel zu Kapitel zwischen den Handlungsfäden der unterschiedlichen ProtagonistInnen hin und her wechselt, in verschiedene Jahrhunderte der Dorfgeschichte springt oder die Fürstenfelder Variante von Humpty Dumpty auftreten lässt, passt er Sprache, Rhythmik und Rechtschreibung entsprechend an und verleiht dem Text dadurch eine ungemeine stilistische Bandbreite und Dynamik. Neben dem ernormen erzählerischen Talent, dass einem in den Kapiteln unablässig begegnet, ist es die kunstvolle Komposition, mit der Stanišić uns den verschiedenen DorfbewohnerInnen an die Hand gibt und sie als Schussfäden durch ihre eigenen Schicksale vor der Oberfläche der Fürstenfelder Stadtgeschichte führen. „Vor dem Fest“ ist ein Teppich aus Menschen, Mythen und Mustern, die immer wieder ihren Weg an die Oberfläche finden und einen zu staunen bringen, ob der literarischen Kunstfertigkeit dieses Autors. „’Und jetzt?’, fragt Anna von oben. ‚Märchenstunde’, sagt Herr Schramm.“

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    Vor dem Fest von Saša Stanišić
  • Rusty Brown von Chris Ware
    5/5

    Rusty Brown

    Chris Ware hat es einmal wieder getan: Sieben Jahre nach dem phänomenalen Erzählkonzept „Building Stories“ beweist er erneut, warum jedes Mal, wenn ein neues Buch von ihm erscheint, der überwiegende Teil der Kategorien bei den großen Comic-Preisverleihungen mit seinem Namen versehen sind. Thematisch nimmt er übergangslos den roten Faden auf, der inhaltlich annähernd sein gesamtes Werk durchzieht: Berührend-tragische Lebensgeschichten von Menschen zu erzählen, die auf ihre individuelle Art und Weise an den Anforderungen scheitern, die Familie oder Gesellschaft an sie zu stellen scheinen. Als Ausgangspunkt dient ihm eine christliche Privatschule in Omaha. Dort überschneiden sich die Biografien der Lehrerin Joanne Cole und ihrer Schüler Jordan Lint und dem titelgebenden Rusty Brown. Rusty scheint ein Seelenverwandter von Jimmy Corrigan zu sein, dem Protagonisten aus dem gleichnamigen ersten Buch von Chris Ware. Als klassischer Außenseiter ist er in sich selbst und seinen Superhelden-Fantasiewelten verschlossen, bis ein neu hinzugekommener Mitschüler beginnt, an seinem Panzer zu kraten. Jordan ist nicht mehr allzu weit vom Schulabschluss entfernt, entstammt einer wohlhabenden Familie und hat den Traum, Rockstar zu werden. Sein arrogant und bisweilen rüpelhaftes Benehmen scheinen ihn nach außen hin zu Rustys Gegenstück zu machen, doch wird auch er über die Jahre von seinen eigenen Dämonen heimgesucht. Die afroamerikanische Lehrerin Joanne hat zu kämpfen mit rassistischen Anfeindungen von Seiten der Schüler wie auch Eltern und trägt mit der Zeit immer schwerer an der in die Brüche gegangenen Beziehung zu ihrer Schwester und der Vereinsamung ohne Partner an ihrer Seite. Die grafische Umsetzung dieser ineinander verflochtenen Geschichten erfolgt im für Chris Ware typischen Stil: Klare Farben, klare Linien, wenige Texturen und ein auf allen Ebenen sich reduzieren auf die wesentlichen Merkmale und Eigenschaften der Figuren und ihrer Umwelt. Dieser reduzierte, cartoonhafte Zeichenstil in seiner extremen Präzision erlaubt ihm, den Leser umso tiefer in die größtenteils ja zerrütteten Seelenlandschaften seiner Protagonisten hinein zu ziehen. Denn eine der vielen Meisterschaften Wares besteht darin, das Medium Comic tatsächlich auszunutzen und die Bilder den Großteil der Handlung und vor allem die Emotionen kommunizieren zu lassen; Text wird fast schon nur als allerletztes Mittel eingesetzt. Eine weitere Besonderheit ist das allgemeine Panellayout der Seiten. Den überwiegenden Teil des Buchs bestimmen Seiten, die aus zahllosen briefmarkenkleinen bis noch winzigeren Bildern bestehen. Dabei verliert man jedoch nie die Orientierung, da Ware sicher den Blick des Betrachters lenkt. Dieses Stilmittel wird auch zu dramaturgischen Zwecken genutzt, wenn ein Höhepunkt in der Handlung auftritt und Ware plötzlich nach dem vielen Klein-Klein der vorherigen Seiten nach dem Umblättern die Szenerie weit öffnet und eine ganze Doppelseite mit einem einzigen Bild füllt – der Effekt ist atemberaubend. Comic-Neulingen sei als Einstieg vielleicht eher „Jimmy Corrigan“ empfohlen, allen Anderen jedoch sei dieser erste von zwei Teilen mehr als nachhaltig ans Herz gelegt.

    Lukas Bärwald
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    Rusty Brown von Chris Ware
  • Der Allesforscher von Heinrich Steinfest
    5/5

    Der Allesforscher

    Sixten Braun war aufstrebender IT-Jungmanager und wurde zum leidenschaftlichen Bademeister. Das scheint ein weiter Weg und eine sonderbare Wandlung zu sein, doch schien ihm das Leben deutliche Zeichen zu geben, dass es Zeit für einen grundlegenden Neuanfänge. Die Zeichen waren (auszugsweise): In Taiwan wird er an einer Straßenkreuzung von Walinnereien erschlagen, überlebt einen Flugzeugabsturz samt nachfolgendem Angriff eines streitlustigen Passagiers und erblickt aus dem Koma erwacht die Frau – und Gehirnchirurgin – seines Lebens. All dies bringt ihn dazu, sich von den Bindungen seines bisherigen Lebens zu lösen und im fernen Stuttgart eine Stelle als Bademeister anzunehmen. Das alles wäre als Handlung im Grunde schon genug, doch für Heinrich Steinfest und seinen Protagonisten ist dies nur der Auftakt für das eigentliche einschneidende Erlebnis: Knapp ein Jahrzehnt nach den Ereignissen in Asien erreicht ihn ein Anruf und kurze Zeit darauf tritt Simon in sein Leben. Simon, Sohn seiner tragisch verstorbenen Liebe aus Taiwan, dessen Geburtstermin zeitlich durchaus Sixten als Vater identifizieren könnte. Und so erhält sein Leben eine erneute, nachhaltige Wendung. An der Seite des Jungens, der ausschließlich in einer von ihm selbst entwickelten und keinem anderen Menschen verständlichen Sprache kommuniziert, entdeckt er neue Tiefen und – wortwörtliche – Höhen des Lebens kennen, wird vom Höhenängstler zum Bergsteiger und nähert sich endlich der Bewältigung des Todes seiner vor Jahren verstorbenen Schwester an. Heinrich Steinfests Roman ist nicht nur reich an erinnernswerten Handlungspunkten und einfallsreichen Sprachbildern, sondern brilliert durch seine gleichzeitig glaubwürdigen wie auch ironisch pointierten Dialogsequenzen. „Der Allesforscher“ ist ein erzählerischer Genuss, dem eine gesunde Balance aus kurzweilig-humroistischen und tiefgründig-emotionalen Momenten gelingt.

    Lukas Bärwald
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    Der Allesforscher von Heinrich Steinfest
  • Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall von Domenico Dara
    5/5

    Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall

    Man könnte sich für den Beginn dieser Rezension eine intelligente, innovative oder humorvolle Einleitung fallen, um dann elegant zum eigentlichen Thema überzuleiten. Doch in Wirklichkeit brauchen wir das hier nicht, denn zu diesem Buch bleibt schlicht zu sagen: Lassen Sie sich gefangen nehmen von den faszinierenden Figuren, verlieren Sie ihr Herz an die zahlreichen Schicksale des Dorfes und verlieben Sie sich in die Eleganz und Weisheit der Sprache – sprich, lesen Sie dieses Buch. Sie sind noch nicht ganz überzeugt? Gerne: In Domenico Daras mehrfach ausgezeichnetem Debütroman (eigentlich fast schon unverschämt, dass ein Mensch bei seinem ersten gedruckten Werk bereits dermaßen gut ist) wird die Geschichte eines kleinen Ortes tief zwischen den Wäldern Kalabriens Ende der 1960er Jahre erzählt. Steuermann der Geschichte ist der Postbote, welcher eines Tages entschied, die ihm überantworteten Briefe zu öffnen. Und nicht nur das; er liest, kopiert und archiviert sie und greift als erweiterter Arm des Schicksals in die Leben seiner Mitmenschen ein. So wartet eine leidende Mutter schon lange auf einen erlösenden Brief ihres in Bulgarien arbeitenden Sohn, doch was der Briefträger zur Zustellung an die Frau erhält, ist die Meldung, dass eben jener Sohn gestorben ist. Um der geplagten Mutter dieses Leid zu ersparen, verfasst er in der Handschrift ihres Jungen eine Nachricht, dass er nun sein Glück in Argentinien gefunden habe und sich vielleicht nicht mehr melden könne, aber er seine Mutter immer lieben werde. „Irgendwo auf der Welt, womöglich nur wenige Meter von uns entfernt, gibt es jemanden, der für uns sorgt, und wenn wir das nicht merken, liegt es daran, dass unser Wohl nicht immer mit unserem sofortigen Glück zusammenfällt.“ Auf diese Art und Weise folgen wir dem lange Zeit namenlos bleibenden Erzähler bei seiner Odyssee durch die verwinkelten Straßen seiner Stadt und erfahren von Sehnsüchten, Ängsten, Träumen, Ehre, Missgunst, Liebe und Verrat – dem Leben seiner Bewohner. Als roter Faden dient dem Roman das gebrochene Herz seines Protagonisten. Zum Einen plagt ihn der frühzeitige Verlust seines Vaters, den er nie kennenlernte, zum Anderen bedrückt ihn die Erinnerung an Rosa, Liebe seines Lebens, die er vor vielen Jahren durch eine Verkettung tragischer Zufälle verlor. Eben jene Zufälle machen eines der Leitmotive dieses Buches aus. Der Postbote will nicht an die Willkürlichkeit dieser Welt glauben und notiert akribisch jeden scheinbaren Zufall den er bemerkt, hinter dem er das Wirken schicksalhafter Mächte erkennt. Sein gezieltes Eingreifen in die Mühlen ebenjenes Schicksals ist somit auch ein Ankämpfen gegen sein immer wieder zwischen den Zeilen durchscheinendes Gefühl des verloren seins in einer Welt, in der er nur der Überbringer zu sein scheint, niemals Absender, niemals Empfänger, niemals dort wo das Leben geschieht. „Und so endete der Tag des Postboten wie so oft genau da, wo er begonnen hatte, mitten im Traum von einem Leben, das anderen gehörte.“ Domenico Dara hat einen philosophischen, bisweilen heiteren, oftmals melancholischen Roman über die Dinge geschrieben, welche die Menschen durch ihr Leben bewegen. Entlang der Hauptgeschichte seines Protagonisten mäandert er erzählerisch wie durch die Straßen Girifalcos und gewährt uns Einblick in die Seelen der dort wohnenden. Sein Ton ist warm, poetisch und intelligent, ohne jemals mit dem belehrenden Zeigefinger der Erkenntnis daherzukommen. Wer Autoren wie Alessandro Baricco und Michael Köhlmeier mag, kann sich an dieser Stelle eine schriftstellerische Vermischung daraus vorstellen. Wenn Ihnen dies oder Teile davon interessant erschienen haben, lassen Sie sich verleiten: lesen Sie dieses Buch.

    Lukas Bärwald
    • Lukas Bärwald
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    Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall von Domenico Dara
    • Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall
    • Domenico Dara
    • ab 23,90 €

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