Meine letzte RezensionDas Herz im Wintervon Kevin Barry
Bilderbücher zu rezensieren ist durchaus eine Herausforderung. In Worten den Stil von Illustrationen zu beschreiben, ohne dass das Gegenüber sie sehen kann, erfordert viel Kunstverständnis und Vermittlungsfähigkeit. Gar nicht so unähnlich verhält es sich mit dem literarischen Stil eines Romans; nicht zuletzt, wenn es sich um so einen besonderen handelt wie den von Kevin Barry. Daher meine Bitte: bevor Sie hier fortfahren, werfen Sie einen Blick in die Leseprobe und lassen sich faszinieren von diesem außergewöhnlichen Erzählton.
Wieder da? Sehr gut. War das nicht großartig? Und es wird im Verlauf immer nur noch besser.
„Das Herz im Winter“ spielt zur Zeit des langsam sich dem Ende entgegenneigenden Wilden Westens, irgendwo im Nirgendwo einer Kleinstadt in Montana.
Tom Rourke ist auf der Flucht. Vor dem Mann, dessen Frau er ihm kurz nach der Hochzeit ausgespannt hat und nun mit ihr durch die tiefen, verschneiten Wälder in Richtung San Francisco reitet. Ohne ihn wäre es auch eigentlich erst gar nicht zu dieser Hochzeit gekommen, denn er verdiente seine Geld indem er einerseits Songtexte für die Musiker der Saloons schrieb und andererseits Liebesbriefe für Männer verfasste, die entweder Analphabeten oder schlicht zu versoffen waren, um mit ihren Texten potenziell reiche Frauen aus der Großstadt anzulocken.
Und als beim Fotografen – noch so einer seiner Nebenjobs – ein frisch getrautes Paar abgelichtet wird, verliebt er sich Hals über Kopf in die Braut, die ihn bis dahin nur durch seine Briefe kannte.
Der irische Ausnahmeschriftsteller erschafft ein Kopfkino, das von intensivem Leben nur so überquillt; ständig changierend zwischen hoher Poesie und Groschenroman. Vielleicht vergleichbar mit der literarischen Variante von Quentin Tarantino.
Glück und Tragik, Leben und Tod, idyllische Einöde und klebrig stinkender Saloon liegen ständig nah beieinander und wirbeln einen beim Lesen in ein konstantes emotionales Durcheinander. Triefend vor Atmosphäre, vollgepackt mit Absätzen, die man sich sofort aufschreiben möchte – ein einziges Vergnügen.