Buchhändler*innen im Portrait

Meine Lieblingsbuchhändler*innen

Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.

Profilbild von Lukas Bärwald Lukas Bärwald Buchhandlung: Thalia St. Pölten
0 Rezensionen 99+ Follower
Meine letzte Rezension Das Meer der endlosen Ruhe von Emily St. John Mandel
Kanada 1912: Edwin St. Andrew steht in einem abgelegenen Waldstück, als für einen kurzen Moment um ihn herum die Welt zusammenbricht. Alles wird schwarz und plötzlich scheint der Himmel ein Stück weit aufzureißen und den Blick in eine andere Welt freizugeben; ein Wiegenlied auf einer Geige gespielt, ein mechanischen Zischen - und schon ist alles wieder vorbei. Emily St. John Mandel erzählt in ihrem neuesten Roman die Geschichten einer Handvoll verschiedener Menschen aus ebenso vielen Jahrhunderten. In ihrem Zentrum steht Gaspery-Jacques Roberts, einem seelisch gestrandeten Hoteldetektiv aus dem 25. Jahrhundert, der auf dem mittlerweile kolonialisierten Mond lebt. Dort erhält er die Chance, für ein Institut zu arbeiten, welches Zeitreisen überwacht und gleichzeitig der Frage nachgeht, ob das gesamte Universum möglicherweise eine Matrix-ähnliche Simulation ist. So tritt er unter anderem in Kontakt mit Edwin St. Andrew aus dem 20. Jahrhundert, einer jungen Frau Namens Vincent aus dem 21. sowie einer Schriftstellerin aus dem 23. Jahrhundert. Und irgendwo zwischen ihnen scheint es diese Anomalie, eine Art Riss in der Zeit zu geben, der eventuell beweisen könnte, dass die gesamte Existenz nichts als Produkt einer unvorstellbaren Maschine sein könnte. Für einen Science Fiction-Roman nicht unbedingt üblich, liegt hier der Fokus nicht auf der Erkundung futuristischer Konzepte, außergewöhnlicher Technologien oder bewaffneter Auseinandersetzungen. Vielmehr stehen die Schicksale dieser über fünf Jahrhunderte verteilten Menschen im Mittelpunkt, ihr Sehnen und Hadern mit dem eigenen Schicksal und der unabwendbaren Sterblichkeit. Durch die verschachtelten Zeitebenen bewegt sich auch der Erzählfluss selten geradlinig und vor allem zu Beginn des Buches bleiben oft manche Bezüge und mysteriösen Vorkommnisse unklar. Diese Lücken werden jedoch im Voranschreiten der Handlung nach und nach gefüllt und fügen sich im großen Finale wunderbar ineinander. Wem der frühere Roman der kanadischen Autorin „Das Licht der letzten Tage“ (unter dem Titel „Station Eleven“ verfilmt) oder die herausragende Serie „Dark“ geschaut hat, dürfte auch hier seinen Spaß haben. Darüber hinaus ist es auch eine Empfehlung für all diejenigen, die sonst nie Science Fiction lesen würden oder aber den üblichen Genreklischees überdrüssig geworden sind.
ab 24,50 €
Das Meer der endlosen Ruhe
4/5
4/5

Das Meer der endlosen Ruhe

Kanada 1912: Edwin St. Andrew steht in einem abgelegenen Waldstück, als für einen kurzen Moment um ihn herum die Welt zusammenbricht. Alles wird schwarz und plötzlich scheint der Himmel ein Stück weit aufzureißen und den Blick in eine andere Welt freizugeben; ein Wiegenlied auf einer Geige gespielt, ein mechanischen Zischen - und schon ist alles wieder vorbei. Emily St. John Mandel erzählt in ihrem neuesten Roman die Geschichten einer Handvoll verschiedener Menschen aus ebenso vielen Jahrhunderten. In ihrem Zentrum steht Gaspery-Jacques Roberts, einem seelisch gestrandeten Hoteldetektiv aus dem 25. Jahrhundert, der auf dem mittlerweile kolonialisierten Mond lebt. Dort erhält er die Chance, für ein Institut zu arbeiten, welches Zeitreisen überwacht und gleichzeitig der Frage nachgeht, ob das gesamte Universum möglicherweise eine Matrix-ähnliche Simulation ist. So tritt er unter anderem in Kontakt mit Edwin St. Andrew aus dem 20. Jahrhundert, einer jungen Frau Namens Vincent aus dem 21. sowie einer Schriftstellerin aus dem 23. Jahrhundert. Und irgendwo zwischen ihnen scheint es diese Anomalie, eine Art Riss in der Zeit zu geben, der eventuell beweisen könnte, dass die gesamte Existenz nichts als Produkt einer unvorstellbaren Maschine sein könnte. Für einen Science Fiction-Roman nicht unbedingt üblich, liegt hier der Fokus nicht auf der Erkundung futuristischer Konzepte, außergewöhnlicher Technologien oder bewaffneter Auseinandersetzungen. Vielmehr stehen die Schicksale dieser über fünf Jahrhunderte verteilten Menschen im Mittelpunkt, ihr Sehnen und Hadern mit dem eigenen Schicksal und der unabwendbaren Sterblichkeit. Durch die verschachtelten Zeitebenen bewegt sich auch der Erzählfluss selten geradlinig und vor allem zu Beginn des Buches bleiben oft manche Bezüge und mysteriösen Vorkommnisse unklar. Diese Lücken werden jedoch im Voranschreiten der Handlung nach und nach gefüllt und fügen sich im großen Finale wunderbar ineinander. Wem der frühere Roman der kanadischen Autorin „Das Licht der letzten Tage“ (unter dem Titel „Station Eleven“ verfilmt) oder die herausragende Serie „Dark“ geschaut hat, dürfte auch hier seinen Spaß haben. Darüber hinaus ist es auch eine Empfehlung für all diejenigen, die sonst nie Science Fiction lesen würden oder aber den üblichen Genreklischees überdrüssig geworden sind.

Lukas Bärwald
  • Lukas Bärwald
  • Buchhändler*in

Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.

Das Meer der endlosen Ruhe von Emily St. John Mandel

Meine Lieblingswerke

  • Die Karte meiner Träume von Reif Larsen
    5/5

    Die Karte meiner Träume

    Darf ich vorstellen: Tecumseh (großer Indianerhäuptling) Sparrow (engl.: Spatz) Spivet, 12 Jahre, wohnhaft in Montana, hochintelligent, zeichnerisch genial veranlagt und seit dem Tod seines Bruders mitunter von Schuldgefühlen und Einsamkeit verfolgt. Um es gleich vorneweg zu nehmen, dieser – bislang noch einzige – Roman von Reif Larsen gehört zu diesen raren Wunderwerken, die man in die Hand nimmt, vor Staunen, Lachen und Rührung kaum mehr zu etwas anderem kommt und nach der letzte Seite am liebsten gleich wieder von vorne damit anfängt. Ob es seine Schwester beim Mais säubern ist, der Formationsflug eines Vogelschwarms oder die variierende Mimik seines Vaters: T.S. zeichnet und kartografiert wo er geht und steht und versucht so, der kleinen und großen Welt um ihn herum ein Gerüst zu geben. Dr. Clair, wie er seine Mutter nennt, ist selber als Forscherin seit Jahrzehnten auf der Suche nach einem eventuell überhaupt nicht existierenden Käfer. Und so kommt er dazu, bereits vor einsetzendem Teenie-Alter für wissenschaftliche Fachzeitschriften Diagramme und Karten anzufertigen und wodurch er eines Tages unverhofft vom renommierten Smithsonian Institut im fernen Washington ein einjähriges Forschungsstipendium erhält. Dies markiert den Beginn einer Geschichte, die Elemente von Road Movie, historischem, Familien-, Initiationsroman und Comic in sich vereint. Ende 2013 erscheint die Verfilmung, in der unter anderem Helena Bonham Carter die forschende Mutter von T.S. verkörpert; der zweite Roman von Reif Larsen wird ebenfalls Ende 2013 oder im Frühjahr 2014 erscheinen. Aber bis dahin: Zugreifen und das große Glück des Romans namens „Die Karte meiner Träume“ selbst erleben.

    Lukas Bärwald
    • Lukas Bärwald
    • Buchhändler*in Thalia St. Pölten

    Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.

    Die Karte meiner Träume von Reif Larsen
  • Vor dem Fest von Saša Stanišić
    5/5

    Vor dem Fest

    Saša Stanišić spinnt farblich ständig changierendes Erzählgarn und webt daraus dem knapp an der Moderne vorbeigeschrammten Städtchen Fürstenfelde einen Teppich seiner eigenen Geschichte. So wie sich im Webstuhl der Schussfaden durch die Kettfäden schlängelt um mit der Zeit ein immer dichter werdendes Geflecht entstehen zu lassen, so durchstreifen die Figuren des Romans die Nacht vor dem großen Annenfest und verflechten sich dadurch immer wieder mit der Geschichte des Dorfes. „Anno 1772 vor dem Annenfeste hat sich ergeben ein schrecklicher casus tragicus.“ Und genau solch ein „casus tragicus“ ereignet sich knapp zweieinhalb Jahrhunderte später, denn im eigentlich doch so betulichen ostdeutschen Ort an der Grenze zu Polen wird auf Zigarettenautomaten geschossen, ins Allerheiligste des Heimatmuseums eingebrochen und nicht zuletzt werden die Glocken des Kirchturms gestohlen, noch bevor der Glöcknerlehrling zu seiner Abschlussprüfung antreten kann. Der zweite Roman des aus Bosnien-Herzegowina stammenden Autors brilliert mit einem Level von Erzählkunst und Einfallsreichtum, der ihn zu einem der herausragenden Leseereignisse des Frühjahrs 2014 macht: Wenn Stanišić von Kapitel zu Kapitel zwischen den Handlungsfäden der unterschiedlichen ProtagonistInnen hin und her wechselt, in verschiedene Jahrhunderte der Dorfgeschichte springt oder die Fürstenfelder Variante von Humpty Dumpty auftreten lässt, passt er Sprache, Rhythmik und Rechtschreibung entsprechend an und verleiht dem Text dadurch eine ungemeine stilistische Bandbreite und Dynamik. Neben dem ernormen erzählerischen Talent, dass einem in den Kapiteln unablässig begegnet, ist es die kunstvolle Komposition, mit der Stanišić uns den verschiedenen DorfbewohnerInnen an die Hand gibt und sie als Schussfäden durch ihre eigenen Schicksale vor der Oberfläche der Fürstenfelder Stadtgeschichte führen. „Vor dem Fest“ ist ein Teppich aus Menschen, Mythen und Mustern, die immer wieder ihren Weg an die Oberfläche finden und einen zu staunen bringen, ob der literarischen Kunstfertigkeit dieses Autors. „’Und jetzt?’, fragt Anna von oben. ‚Märchenstunde’, sagt Herr Schramm.“

    Lukas Bärwald
    • Lukas Bärwald
    • Buchhändler*in Thalia St. Pölten

    Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.

    Vor dem Fest von Saša Stanišić
  • Rusty Brown von Chris Ware
    5/5

    Rusty Brown

    Chris Ware hat es einmal wieder getan: Sieben Jahre nach dem phänomenalen Erzählkonzept „Building Stories“ beweist er erneut, warum jedes Mal, wenn ein neues Buch von ihm erscheint, der überwiegende Teil der Kategorien bei den großen Comic-Preisverleihungen mit seinem Namen versehen sind. Thematisch nimmt er übergangslos den roten Faden auf, der inhaltlich annähernd sein gesamtes Werk durchzieht: Berührend-tragische Lebensgeschichten von Menschen zu erzählen, die auf ihre individuelle Art und Weise an den Anforderungen scheitern, die Familie oder Gesellschaft an sie zu stellen scheinen. Als Ausgangspunkt dient ihm eine christliche Privatschule in Omaha. Dort überschneiden sich die Biografien der Lehrerin Joanne Cole und ihrer Schüler Jordan Lint und dem titelgebenden Rusty Brown. Rusty scheint ein Seelenverwandter von Jimmy Corrigan zu sein, dem Protagonisten aus dem gleichnamigen ersten Buch von Chris Ware. Als klassischer Außenseiter ist er in sich selbst und seinen Superhelden-Fantasiewelten verschlossen, bis ein neu hinzugekommener Mitschüler beginnt, an seinem Panzer zu kraten. Jordan ist nicht mehr allzu weit vom Schulabschluss entfernt, entstammt einer wohlhabenden Familie und hat den Traum, Rockstar zu werden. Sein arrogant und bisweilen rüpelhaftes Benehmen scheinen ihn nach außen hin zu Rustys Gegenstück zu machen, doch wird auch er über die Jahre von seinen eigenen Dämonen heimgesucht. Die afroamerikanische Lehrerin Joanne hat zu kämpfen mit rassistischen Anfeindungen von Seiten der Schüler wie auch Eltern und trägt mit der Zeit immer schwerer an der in die Brüche gegangenen Beziehung zu ihrer Schwester und der Vereinsamung ohne Partner an ihrer Seite. Die grafische Umsetzung dieser ineinander verflochtenen Geschichten erfolgt im für Chris Ware typischen Stil: Klare Farben, klare Linien, wenige Texturen und ein auf allen Ebenen sich reduzieren auf die wesentlichen Merkmale und Eigenschaften der Figuren und ihrer Umwelt. Dieser reduzierte, cartoonhafte Zeichenstil in seiner extremen Präzision erlaubt ihm, den Leser umso tiefer in die größtenteils ja zerrütteten Seelenlandschaften seiner Protagonisten hinein zu ziehen. Denn eine der vielen Meisterschaften Wares besteht darin, das Medium Comic tatsächlich auszunutzen und die Bilder den Großteil der Handlung und vor allem die Emotionen kommunizieren zu lassen; Text wird fast schon nur als allerletztes Mittel eingesetzt. Eine weitere Besonderheit ist das allgemeine Panellayout der Seiten. Den überwiegenden Teil des Buchs bestimmen Seiten, die aus zahllosen briefmarkenkleinen bis noch winzigeren Bildern bestehen. Dabei verliert man jedoch nie die Orientierung, da Ware sicher den Blick des Betrachters lenkt. Dieses Stilmittel wird auch zu dramaturgischen Zwecken genutzt, wenn ein Höhepunkt in der Handlung auftritt und Ware plötzlich nach dem vielen Klein-Klein der vorherigen Seiten nach dem Umblättern die Szenerie weit öffnet und eine ganze Doppelseite mit einem einzigen Bild füllt – der Effekt ist atemberaubend. Comic-Neulingen sei als Einstieg vielleicht eher „Jimmy Corrigan“ empfohlen, allen Anderen jedoch sei dieser erste von zwei Teilen mehr als nachhaltig ans Herz gelegt.

    Lukas Bärwald
    • Lukas Bärwald
    • Buchhändler*in Thalia St. Pölten

    Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.

    Rusty Brown von Chris Ware
  • Der Allesforscher von Heinrich Steinfest
    5/5

    Der Allesforscher

    Sixten Braun war aufstrebender IT-Jungmanager und wurde zum leidenschaftlichen Bademeister. Das scheint ein weiter Weg und eine sonderbare Wandlung zu sein, doch schien ihm das Leben deutliche Zeichen zu geben, dass es Zeit für einen grundlegenden Neuanfänge. Die Zeichen waren (auszugsweise): In Taiwan wird er an einer Straßenkreuzung von Walinnereien erschlagen, überlebt einen Flugzeugabsturz samt nachfolgendem Angriff eines streitlustigen Passagiers und erblickt aus dem Koma erwacht die Frau – und Gehirnchirurgin – seines Lebens. All dies bringt ihn dazu, sich von den Bindungen seines bisherigen Lebens zu lösen und im fernen Stuttgart eine Stelle als Bademeister anzunehmen. Das alles wäre als Handlung im Grunde schon genug, doch für Heinrich Steinfest und seinen Protagonisten ist dies nur der Auftakt für das eigentliche einschneidende Erlebnis: Knapp ein Jahrzehnt nach den Ereignissen in Asien erreicht ihn ein Anruf und kurze Zeit darauf tritt Simon in sein Leben. Simon, Sohn seiner tragisch verstorbenen Liebe aus Taiwan, dessen Geburtstermin zeitlich durchaus Sixten als Vater identifizieren könnte. Und so erhält sein Leben eine erneute, nachhaltige Wendung. An der Seite des Jungens, der ausschließlich in einer von ihm selbst entwickelten und keinem anderen Menschen verständlichen Sprache kommuniziert, entdeckt er neue Tiefen und – wortwörtliche – Höhen des Lebens kennen, wird vom Höhenängstler zum Bergsteiger und nähert sich endlich der Bewältigung des Todes seiner vor Jahren verstorbenen Schwester an. Heinrich Steinfests Roman ist nicht nur reich an erinnernswerten Handlungspunkten und einfallsreichen Sprachbildern, sondern brilliert durch seine gleichzeitig glaubwürdigen wie auch ironisch pointierten Dialogsequenzen. „Der Allesforscher“ ist ein erzählerischer Genuss, dem eine gesunde Balance aus kurzweilig-humroistischen und tiefgründig-emotionalen Momenten gelingt.

    Lukas Bärwald
    • Lukas Bärwald
    • Buchhändler*in Thalia St. Pölten

    Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.

    Der Allesforscher von Heinrich Steinfest

Meine Rezensionen

Rezensionen

Rezensionsdatum: absteigend

Filter

Kategorie

Autor

Altersempfehlung

Sterne

Rezensionsdatum: absteigend