Lange Zeit hatte ich panische Angst vor Spiegellabyrinthen. Zu groß war die Befürchtung, sich in den scheinbar unendlichen Reflexionen meiner selbst und den ständig mit mir rotierenden Gängen in der Dunkelheit zu verlaufen. So viele Varianten von mir, doch welche davon bin tatsächlich ich?
Ob in der Beziehung, Freundschaft, Familie, Beruf oder Social Media: Welchen Menschen präsentieren wir welche Facette unserer Identität; wo sind wir ungefiltert und real und wo eine inszenierte Variante von uns selbst? Lilly und Anouk haben auf ganz unterschiedliche Arten mit diesen Fragen zu kämpfen als sie sich das erste Mal als neue WG-Mitbewohnerinnen begegnen.
Anouk als erfolgreiche Influencerin muss sich mit der immer größer werdenden Schere auseinandersetzen zwischen dem Leben, das sie in ihren Stories, Reels und Posts zur Schau stellt und der bedeutend weniger schillernd-idyllischen Realität jenseits der Kamera. Lilly nutzt die Chance, mit ihrem großen Idol zusammenziehen zu können, um sich eine neue Identität zuzulegen. Neuer Name, neue Familie, neuer Job – so einfach kann man sich neu erfinden und hat im Handumdrehen alles, von dem man immer geträumt hat. Fake it till you make it, und schließlich tut sie damit ja auch niemandem weh…
Der Debütroman von Joana June passt damit wie angegossen in den erst 2024 als Imprint von Bastei Lübbe entstandenen pola Verlag. Dieser hat es sich auf die (Druck-) Fahnen geschrieben, die Lebensrealität junger erwachsener Frauen darzustellen. Auf der einen Seite jenseits der Happy End-Garantie von New Adult-Büchern, aber auf der anderen Seite auch mit mehr klassischem Unterhaltungsfaktor als beispielsweise die feministischen Gesellschaftsromane von Mareike Fallwickl oder Eva Reisinger. Unterhaltung mit Anspruch, Poesie und Leichtigkeit, aber auch der ernsthaften Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit von Frauen, Freundinnnen, Schwestern während der ersten, prägenden und sinnsuchenden Jahre als Erwachsene.
Eines der antreibenden Leitmotive von „Bestie“ ist das Verhältnis von Sehnsucht und Angst: Sehnsucht nach einem anderen, „besseren“ Leben, in dem Job, Freundschaften, Beziehung und gesellschaftliches Ansehen genau so sind, wie man es sich immer erträumt hat. Und gleichzeitig die Angst, zu scheitern, fehlerhaft zu sein, ein Loser – für alle sichtbar. Die beiden Protagonistinnen fragen sich immer wieder, wie Andere sie wahrnehmen, was eigentlich nun das „erwünschte“ Verhalten und Auftreten ist und wo zwischen all dem eigentlich ihre tatsächliche Persönlichkeit bleibt.
In einer Sprache, die zwischen unzweideutiger Klarheit und lyrischen Stimmungen changiert, erzählt die deutsche Autorin mit Hoffnung, Panik und Melancholie von zwei jungen Frauen auf der Suche nach sich selbst und ihrem Platz in der Welt – irgendwo verloren im Spiegellabyrinth.