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Lukas Bärwald Buchhandlung: Thalia St. Pölten
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Meine letzte Rezension Bestie von Joana June
Lange Zeit hatte ich panische Angst vor Spiegellabyrinthen. Zu groß war die Befürchtung, sich in den scheinbar unendlichen Reflexionen meiner selbst und den ständig mit mir rotierenden Gängen in der Dunkelheit zu verlaufen. So viele Varianten von mir, doch welche davon bin tatsächlich ich? Ob in der Beziehung, Freundschaft, Familie, Beruf oder Social Media: Welchen Menschen präsentieren wir welche Facette unserer Identität; wo sind wir ungefiltert und real und wo eine inszenierte Variante von uns selbst? Lilly und Anouk haben auf ganz unterschiedliche Arten mit diesen Fragen zu kämpfen als sie sich das erste Mal als neue WG-Mitbewohnerinnen begegnen. Anouk als erfolgreiche Influencerin muss sich mit der immer größer werdenden Schere auseinandersetzen zwischen dem Leben, das sie in ihren Stories, Reels und Posts zur Schau stellt und der bedeutend weniger schillernd-idyllischen Realität jenseits der Kamera. Lilly nutzt die Chance, mit ihrem großen Idol zusammenziehen zu können, um sich eine neue Identität zuzulegen. Neuer Name, neue Familie, neuer Job – so einfach kann man sich neu erfinden und hat im Handumdrehen alles, von dem man immer geträumt hat. Fake it till you make it, und schließlich tut sie damit ja auch niemandem weh… Der Debütroman von Joana June passt damit wie angegossen in den erst 2024 als Imprint von Bastei Lübbe entstandenen pola Verlag. Dieser hat es sich auf die (Druck-) Fahnen geschrieben, die Lebensrealität junger erwachsener Frauen darzustellen. Auf der einen Seite jenseits der Happy End-Garantie von New Adult-Büchern, aber auf der anderen Seite auch mit mehr klassischem Unterhaltungsfaktor als beispielsweise die feministischen Gesellschaftsromane von Mareike Fallwickl oder Eva Reisinger. Unterhaltung mit Anspruch, Poesie und Leichtigkeit, aber auch der ernsthaften Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit von Frauen, Freundinnnen, Schwestern während der ersten, prägenden und sinnsuchenden Jahre als Erwachsene. Eines der antreibenden Leitmotive von „Bestie“ ist das Verhältnis von Sehnsucht und Angst: Sehnsucht nach einem anderen, „besseren“ Leben, in dem Job, Freundschaften, Beziehung und gesellschaftliches Ansehen genau so sind, wie man es sich immer erträumt hat. Und gleichzeitig die Angst, zu scheitern, fehlerhaft zu sein, ein Loser – für alle sichtbar. Die beiden Protagonistinnen fragen sich immer wieder, wie Andere sie wahrnehmen, was eigentlich nun das „erwünschte“ Verhalten und Auftreten ist und wo zwischen all dem eigentlich ihre tatsächliche Persönlichkeit bleibt. In einer Sprache, die zwischen unzweideutiger Klarheit und lyrischen Stimmungen changiert, erzählt die deutsche Autorin mit Hoffnung, Panik und Melancholie von zwei jungen Frauen auf der Suche nach sich selbst und ihrem Platz in der Welt – irgendwo verloren im Spiegellabyrinth.
ab 19,00 €
Produktbild Bestie
4/5
  • Lukas Bärwald
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4/5

Bestie

Lange Zeit hatte ich panische Angst vor Spiegellabyrinthen. Zu groß war die Befürchtung, sich in den scheinbar unendlichen Reflexionen meiner selbst und den ständig mit mir rotierenden Gängen in der Dunkelheit zu verlaufen. So viele Varianten von mir, doch welche davon bin tatsächlich ich? Ob in der Beziehung, Freundschaft, Familie, Beruf oder Social Media: Welchen Menschen präsentieren wir welche Facette unserer Identität; wo sind wir ungefiltert und real und wo eine inszenierte Variante von uns selbst? Lilly und Anouk haben auf ganz unterschiedliche Arten mit diesen Fragen zu kämpfen als sie sich das erste Mal als neue WG-Mitbewohnerinnen begegnen. Anouk als erfolgreiche Influencerin muss sich mit der immer größer werdenden Schere auseinandersetzen zwischen dem Leben, das sie in ihren Stories, Reels und Posts zur Schau stellt und der bedeutend weniger schillernd-idyllischen Realität jenseits der Kamera. Lilly nutzt die Chance, mit ihrem großen Idol zusammenziehen zu können, um sich eine neue Identität zuzulegen. Neuer Name, neue Familie, neuer Job – so einfach kann man sich neu erfinden und hat im Handumdrehen alles, von dem man immer geträumt hat. Fake it till you make it, und schließlich tut sie damit ja auch niemandem weh… Der Debütroman von Joana June passt damit wie angegossen in den erst 2024 als Imprint von Bastei Lübbe entstandenen pola Verlag. Dieser hat es sich auf die (Druck-) Fahnen geschrieben, die Lebensrealität junger erwachsener Frauen darzustellen. Auf der einen Seite jenseits der Happy End-Garantie von New Adult-Büchern, aber auf der anderen Seite auch mit mehr klassischem Unterhaltungsfaktor als beispielsweise die feministischen Gesellschaftsromane von Mareike Fallwickl oder Eva Reisinger. Unterhaltung mit Anspruch, Poesie und Leichtigkeit, aber auch der ernsthaften Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit von Frauen, Freundinnnen, Schwestern während der ersten, prägenden und sinnsuchenden Jahre als Erwachsene. Eines der antreibenden Leitmotive von „Bestie“ ist das Verhältnis von Sehnsucht und Angst: Sehnsucht nach einem anderen, „besseren“ Leben, in dem Job, Freundschaften, Beziehung und gesellschaftliches Ansehen genau so sind, wie man es sich immer erträumt hat. Und gleichzeitig die Angst, zu scheitern, fehlerhaft zu sein, ein Loser – für alle sichtbar. Die beiden Protagonistinnen fragen sich immer wieder, wie Andere sie wahrnehmen, was eigentlich nun das „erwünschte“ Verhalten und Auftreten ist und wo zwischen all dem eigentlich ihre tatsächliche Persönlichkeit bleibt. In einer Sprache, die zwischen unzweideutiger Klarheit und lyrischen Stimmungen changiert, erzählt die deutsche Autorin mit Hoffnung, Panik und Melancholie von zwei jungen Frauen auf der Suche nach sich selbst und ihrem Platz in der Welt – irgendwo verloren im Spiegellabyrinth.

Meine Lieblingswerke

  • Produktbild Vor dem Fest
    • Lukas Bärwald
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    5/5

    Vor dem Fest

    Saša Stanišić spinnt farblich ständig changierendes Erzählgarn und webt daraus dem knapp an der Moderne vorbeigeschrammten Städtchen Fürstenfelde einen Teppich seiner eigenen Geschichte. So wie sich im Webstuhl der Schussfaden durch die Kettfäden schlängelt um mit der Zeit ein immer dichter werdendes Geflecht entstehen zu lassen, so durchstreifen die Figuren des Romans die Nacht vor dem großen Annenfest und verflechten sich dadurch immer wieder mit der Geschichte des Dorfes. „Anno 1772 vor dem Annenfeste hat sich ergeben ein schrecklicher casus tragicus.“ Und genau solch ein „casus tragicus“ ereignet sich knapp zweieinhalb Jahrhunderte später, denn im eigentlich doch so betulichen ostdeutschen Ort an der Grenze zu Polen wird auf Zigarettenautomaten geschossen, ins Allerheiligste des Heimatmuseums eingebrochen und nicht zuletzt werden die Glocken des Kirchturms gestohlen, noch bevor der Glöcknerlehrling zu seiner Abschlussprüfung antreten kann. Der zweite Roman des aus Bosnien-Herzegowina stammenden Autors brilliert mit einem Level von Erzählkunst und Einfallsreichtum, der ihn zu einem der herausragenden Leseereignisse des Frühjahrs 2014 macht: Wenn Stanišić von Kapitel zu Kapitel zwischen den Handlungsfäden der unterschiedlichen ProtagonistInnen hin und her wechselt, in verschiedene Jahrhunderte der Dorfgeschichte springt oder die Fürstenfelder Variante von Humpty Dumpty auftreten lässt, passt er Sprache, Rhythmik und Rechtschreibung entsprechend an und verleiht dem Text dadurch eine ungemeine stilistische Bandbreite und Dynamik. Neben dem ernormen erzählerischen Talent, dass einem in den Kapiteln unablässig begegnet, ist es die kunstvolle Komposition, mit der Stanišić uns den verschiedenen DorfbewohnerInnen an die Hand gibt und sie als Schussfäden durch ihre eigenen Schicksale vor der Oberfläche der Fürstenfelder Stadtgeschichte führen. „Vor dem Fest“ ist ein Teppich aus Menschen, Mythen und Mustern, die immer wieder ihren Weg an die Oberfläche finden und einen zu staunen bringen, ob der literarischen Kunstfertigkeit dieses Autors. „’Und jetzt?’, fragt Anna von oben. ‚Märchenstunde’, sagt Herr Schramm.“

  • Produktbild Rusty Brown
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    5/5

    Rusty Brown

    Chris Ware hat es einmal wieder getan: Sieben Jahre nach dem phänomenalen Erzählkonzept „Building Stories“ beweist er erneut, warum jedes Mal, wenn ein neues Buch von ihm erscheint, der überwiegende Teil der Kategorien bei den großen Comic-Preisverleihungen mit seinem Namen versehen sind. Thematisch nimmt er übergangslos den roten Faden auf, der inhaltlich annähernd sein gesamtes Werk durchzieht: Berührend-tragische Lebensgeschichten von Menschen zu erzählen, die auf ihre individuelle Art und Weise an den Anforderungen scheitern, die Familie oder Gesellschaft an sie zu stellen scheinen. Als Ausgangspunkt dient ihm eine christliche Privatschule in Omaha. Dort überschneiden sich die Biografien der Lehrerin Joanne Cole und ihrer Schüler Jordan Lint und dem titelgebenden Rusty Brown. Rusty scheint ein Seelenverwandter von Jimmy Corrigan zu sein, dem Protagonisten aus dem gleichnamigen ersten Buch von Chris Ware. Als klassischer Außenseiter ist er in sich selbst und seinen Superhelden-Fantasiewelten verschlossen, bis ein neu hinzugekommener Mitschüler beginnt, an seinem Panzer zu kraten. Jordan ist nicht mehr allzu weit vom Schulabschluss entfernt, entstammt einer wohlhabenden Familie und hat den Traum, Rockstar zu werden. Sein arrogant und bisweilen rüpelhaftes Benehmen scheinen ihn nach außen hin zu Rustys Gegenstück zu machen, doch wird auch er über die Jahre von seinen eigenen Dämonen heimgesucht. Die afroamerikanische Lehrerin Joanne hat zu kämpfen mit rassistischen Anfeindungen von Seiten der Schüler wie auch Eltern und trägt mit der Zeit immer schwerer an der in die Brüche gegangenen Beziehung zu ihrer Schwester und der Vereinsamung ohne Partner an ihrer Seite. Die grafische Umsetzung dieser ineinander verflochtenen Geschichten erfolgt im für Chris Ware typischen Stil: Klare Farben, klare Linien, wenige Texturen und ein auf allen Ebenen sich reduzieren auf die wesentlichen Merkmale und Eigenschaften der Figuren und ihrer Umwelt. Dieser reduzierte, cartoonhafte Zeichenstil in seiner extremen Präzision erlaubt ihm, den Leser umso tiefer in die größtenteils ja zerrütteten Seelenlandschaften seiner Protagonisten hinein zu ziehen. Denn eine der vielen Meisterschaften Wares besteht darin, das Medium Comic tatsächlich auszunutzen und die Bilder den Großteil der Handlung und vor allem die Emotionen kommunizieren zu lassen; Text wird fast schon nur als allerletztes Mittel eingesetzt. Eine weitere Besonderheit ist das allgemeine Panellayout der Seiten. Den überwiegenden Teil des Buchs bestimmen Seiten, die aus zahllosen briefmarkenkleinen bis noch winzigeren Bildern bestehen. Dabei verliert man jedoch nie die Orientierung, da Ware sicher den Blick des Betrachters lenkt. Dieses Stilmittel wird auch zu dramaturgischen Zwecken genutzt, wenn ein Höhepunkt in der Handlung auftritt und Ware plötzlich nach dem vielen Klein-Klein der vorherigen Seiten nach dem Umblättern die Szenerie weit öffnet und eine ganze Doppelseite mit einem einzigen Bild füllt – der Effekt ist atemberaubend. Comic-Neulingen sei als Einstieg vielleicht eher „Jimmy Corrigan“ empfohlen, allen Anderen jedoch sei dieser erste von zwei Teilen mehr als nachhaltig ans Herz gelegt.

  • Produktbild Der Allesforscher
    • Lukas Bärwald
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    5/5

    Der Allesforscher

    Sixten Braun war aufstrebender IT-Jungmanager und wurde zum leidenschaftlichen Bademeister. Das scheint ein weiter Weg und eine sonderbare Wandlung zu sein, doch schien ihm das Leben deutliche Zeichen zu geben, dass es Zeit für einen grundlegenden Neuanfänge. Die Zeichen waren (auszugsweise): In Taiwan wird er an einer Straßenkreuzung von Walinnereien erschlagen, überlebt einen Flugzeugabsturz samt nachfolgendem Angriff eines streitlustigen Passagiers und erblickt aus dem Koma erwacht die Frau – und Gehirnchirurgin – seines Lebens. All dies bringt ihn dazu, sich von den Bindungen seines bisherigen Lebens zu lösen und im fernen Stuttgart eine Stelle als Bademeister anzunehmen. Das alles wäre als Handlung im Grunde schon genug, doch für Heinrich Steinfest und seinen Protagonisten ist dies nur der Auftakt für das eigentliche einschneidende Erlebnis: Knapp ein Jahrzehnt nach den Ereignissen in Asien erreicht ihn ein Anruf und kurze Zeit darauf tritt Simon in sein Leben. Simon, Sohn seiner tragisch verstorbenen Liebe aus Taiwan, dessen Geburtstermin zeitlich durchaus Sixten als Vater identifizieren könnte. Und so erhält sein Leben eine erneute, nachhaltige Wendung. An der Seite des Jungens, der ausschließlich in einer von ihm selbst entwickelten und keinem anderen Menschen verständlichen Sprache kommuniziert, entdeckt er neue Tiefen und – wortwörtliche – Höhen des Lebens kennen, wird vom Höhenängstler zum Bergsteiger und nähert sich endlich der Bewältigung des Todes seiner vor Jahren verstorbenen Schwester an. Heinrich Steinfests Roman ist nicht nur reich an erinnernswerten Handlungspunkten und einfallsreichen Sprachbildern, sondern brilliert durch seine gleichzeitig glaubwürdigen wie auch ironisch pointierten Dialogsequenzen. „Der Allesforscher“ ist ein erzählerischer Genuss, dem eine gesunde Balance aus kurzweilig-humroistischen und tiefgründig-emotionalen Momenten gelingt.

  • Produktbild Dunkle Stadt Bohane
    • Lukas Bärwald
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    5/5

    Dunkle Stadt Bohane

    Bohane: Eine dunkle, gefährliche, Leidenschaften stillende wie Leben zerquetschende Stadt an der Westküste Irlands. In den labyrinthischen Gassen der Altstadt, den Schluchten der Hochhausbaracken bis hin in das Villenviertel am aufsteigenden Hügel der Stadt herrscht Krieg. Auf der einen Seite die jahrzehntealte Fehde zwischen verfeindeten Clans um die territoriale Vorherrschaft, auf der anderen Seite der Kampf aufstrebender Kämpfer um die Nachfolge von Logan Hartnett, des scheinbar schwächelnden Oberhauptes der aktuell tonangebenden Hartnett Fancy. Und damit nicht genug: Logan Hartnetts Erzfeind ist nach zwei Jahrzehnten wieder aus den trostlosen Weiten der umliegenden Steppe zurückgekehrt und damit scheinen auch die Gefühle von Logans in Unruhe gebracht zu sein. Kevin Barry mischt in seinem mehrfach preisgekrönten Debütroman Elemente des Westerns und Gangsterfilms, flechtet eine romantische Dreiecksbeziehung wie auch Vendetta ein und erschafft mit Bohane einen dermaßen facettenreichen wie tief-/abgründigen literarischen Ort, der noch Potenzial für eine ganze Romanreihe offen lässt. Doch nicht nur der Einfallsreichstum der einzelnen Handlungsfäden und das sie bevölkernde facettenreiche Figureninventar weiß zu begeistern: Um soziale und geografische Hintergründe oder Statusunterschiede „hörbar“ zu machen, werden verschiedene Sozio- und Dialekte eingesetzt; ob jemand zur Standardsprache tendiert oder vermehrt Ausdrücke aus dem Rotwelsch einsetzt, kennzeichnet ihn in seinem Charakter und verleiht zugleich dem Roman einen einzigartigen Ton, der seinesgleichen sucht. „Dunkle Stadt Bohane“ ist ein erzählerisches Meisterwerk, das noch lange nach der Lektüre in Erinnerung bleibt. Handlungsführung, Figurenkonzeption und Sprache fügen sich hier zu einer Einheit, die ebenso wie die Stadt Bohane auf faszinierende Art in tiefster Schwärze schillert.

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