Der Goncourt-Preisträger Mathias Enard erzählt aus der Perspektive eines Scharfschützen über den Krieg und die Realität von Kriegsgewalt – eine mutige und radikale Geschichte. Auf Konzentration kommt es an, auf Geduld und Atemkontrolle. An einem guten Tag reicht ihm ein einziger perfekter Schuss. Er ist zwanzig, der beste Scharfschütze der belagerten Stadt. Wenn er von seinem Posten auf dem Dach heruntersteigt, genießt er die Angst, die er verbreitet. Furchtlos ist nur Myrna, das Mädchen, das für seine demente Mutter sorgt – das er beschützen und besitzen will. Dies ist ein Roman über den Krieg aus der Perspektive eines Mörders, der sein Selbstwertgefühl aus der Eleganz seiner Treffer zieht. Kalt spricht der Erzähler von seinem Handwerk, dem Töten, und offenbart eine Wahrnehmung, in der die Verbindung zwischen gelungenem Schuss und ausgelöschtem Leben gekappt ist. Ein erbarmungsloser Text über die sich verselbständigende Realität von Kriegsgewalt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.1/5.0
Bewertung
5/5
09.04.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Standpunkt eines Snipers
Wer es nicht aushalten möchte, in die hässlichen Seiten von Kriegen und in tiefste menschliche Abgründe zu schauen ohne die Hilfe einer moralischen Instanz, sollte einen Bogen um »Der perfekte Schuss« machen, die Liste der Triggerwarnungen wäre lang. Vor 20 Jahren erschien dieses provokante Debüt des Prix Goncourt Preisträgers Mathias Énard in Frankreich und ist erst jetzt ins Deutsche übersetzt worden. Waren 2003 die Kriege im Irak und die Aufarbeitung der Jugoslawienkriege im Fokus der Diskussionen, so sind es heute die Ukraine, Syrien, Iran.
Nüchtern, fast klinisch-distanziert erzählt Énard aus der Sicht eines Snipers, eines fähigen Soldaten, der gut im Töten ist. Wir kommen näher als uns lieb sein kann. Eine Zumutung, denn seine Ruhe und Professionalität sind eine Hülle, unter der eine anwachsende Gewalt und Zerstörung pulsiert, die ins Private überschwappt.
Seine Mutter ist dement, ihre schreiende Panik wird mit Tabletten gedämpft und es kommt vor, dass er auf sie einschlägt. Seine schüchtern-begehrende Seite spürt er bei einer 15jährigen Kriegswaisin, die seine Mutter betreut. Doch ihre passive Angst kränkt ihn, schlägt um in Scham und Gewalt.
Als Szenerie wählt Énard einen Bürgerkrieg mit Barrikaden, Fluchtbewegungen und umkämpften Dörfern. Dabei ist nicht zu erkennen, um welchen Krieg es sich handelt. Eine Einordnung durch den Kontext erfolgt auch nicht. Die Geschichte, die Geopolitik und die Frage, welche Kriegspartei auf der "richtigen Seite" steht, bleiben aus. Vom Standpunkt des Snipers her ist es auch nicht wichtig, er fügt sich in die Notwendigkeit des Krieges, der Leute braucht, die ihn führen. Énard nimmt damit eine wesentliche Instanz weg, die in aktuellen Diskussionen im Mittelpunkt steht und richtet abseits von allen politischen Linien den Blick auf den Schaden, den Kriege anrichten bei allen Beteiligten, auch den Tätern. Ohne sie explizit zu verhandeln, stößt uns »Der perfekte Schuss« auf eine schwierige Frage: Was passiert mit diesen Menschen, wenn der Krieg vorbei ist, wie leben sie weiter mit der eingeschrieben Angst, der Aggression, der Schuld und der Scham?
Kata_____Lović
aus Bremen
5/5
09.04.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wer es nicht aushalten…
Wer es nicht aushalten möchte, in die hässlichen Seiten von Kriegen und in tiefste menschliche Abgründe zu schauen ohne die Hilfe einer moralischen Instanz, sollte einen Bogen um »Der perfekte Schuss« machen, die Liste der Triggerwarnungen wäre lang. Vor 20 Jahren erschien dieses provokante Debüt des Prix Goncourt Preisträgers Mathias Énard in Frankreich und ist erst jetzt ins Deutsche übersetzt worden. Waren 2003 die Kriege im Irak und die Aufarbeitung der Jugoslawienkriege im Fokus der Diskussionen, so sind es heute die Ukraine, Syrien, Iran. Nüchtern, fast klinisch-distanziert erzählt Énard aus der Sicht eines Snipers, eines fähigen Soldaten, der gut im Töten ist. Wir kommen näher als uns lieb sein kann. Eine Zumutung, denn seine Ruhe und Professionalität sind eine Hülle, unter der eine anwachsende Gewalt und Zerstörung pulsiert, die ins Private überschwappt. Seine Mutter ist dement, ihre schreiende Panik wird mit Tabletten gedämpft und es kommt vor, dass er auf sie einschlägt. Seine schüchtern-begehrende Seite spürt er bei einer 15jährigen Kriegswaisin, die seine Mutter betreut. Doch ihre passive Angst kränkt ihn, schlägt um in Scham und Gewalt. Als Szenerie wählt Énard einen Bürgerkrieg mit Barrikaden, Fluchtbewegungen und umkämpften Dörfern. Dabei ist nicht zu erkennen, um welchen Krieg es sich handelt. Eine Einordnung durch den Kontext erfolgt auch nicht. Die Geschichte, die Geopolitik und die Frage, welche Kriegspartei auf der "richtigen Seite" steht, bleiben aus. Vom Standpunkt des Snipers her ist es auch nicht wichtig, er fügt sich in die Notwendigkeit des Krieges, der Leute braucht, die ihn führen. Énard nimmt damit eine wesentliche Instanz weg, die in aktuellen Diskussionen im Mittelpunkt steht und richtet abseits von allen politischen Linien den Blick auf den Schaden, den Kriege anrichten bei allen Beteiligten, auch den Tätern. Ohne sie explizit zu verhandeln, stößt uns »Der perfekte Schuss« auf eine schwierige Frage: Was passiert mit diesen Menschen, wenn der Krieg vorbei ist, wie leben sie weiter mit der eingeschrieben Angst, der Aggression, der Schuld und der Scham?
dracoma
aus LANDAU
5/5
04.04.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Gleich vorneweg: das ist kein…
Gleich vorneweg: das ist kein Buch für ein zartes Gemüt, und wer damit geschlagen ist, kann dieses Buch nur in kleinen Dosen lesen. Ein provozierendes Buch, und ein lesenswertes Buch. Der Ich-Erzähler ist ein junger Mensch, der gerade dem Gymnasium entwachsen ist. Er wird Soldat und lernt hier seine Begabung für das Schießen kennen, sodass er überwiegend als Scharfschütze eingesetzt wird. Er liegt auf einem Dach, späht die feindlichen Wohnungen aus und wartet geduldig auf den Moment, in dem er den perfekten Schuss abgeben kann. Ort und Zeit dieses Krieges, offenbar eines Bürgerkrieges, bleiben offen. Wir lesen zwar vom Blick aufs Meer und von Düften nach Thymian, Salbei und anderen mediterranen Kräutern, es ist am Nachmittag unerträglich heiß, das Gestein ist weiß und blendet in der Sonne – wir sind also in Südeuropa, aber der Autor lässt sich nicht genauer festlegen und erreicht damit eine beklemmende Präsenz der Ereignisse. Der Krieg selber wird wie ein Automatismus geschildert oder wie ein Naturereignis, das sich wie ein Unwetter über den Menschen entlädt; manche Stellen lassen einen daher an Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ denken. Der Ich-Erzähler ist kein Sympathieträger, ganz im Gegenteil: er ist monströs. Er hat den Ehrgeiz, nur perfekte Schüsse abzugeben und räsoniert darüber, dass das blendungsfreie Licht des Morgens dafür am besten geeignet sei. Zu dieser Tageszeit gelingen ihm die besten Abschüsse, und ein perfekter Schuss ist ein Kopfschuss. Das Töten ist für ihn ein sportlich-ästhetisches Ereignis, auf das er stolz ist, und er verschwendet keinen einzigen Gedanken daran, dass er eine junge Frau getötet hat oder ein Schulmädchen. Einige der erzählten Szenen sind schwer auszuhalten; wir nehmen durch die Augen des Ich-Erzählers teil an Massakern an der Zivilbevölkerung, an Übergriffen auf Flüchtlinge, an Folterungen und anderen Gräueltaten, bei denen der Ich-Erzähler einmal auch mäßigend einschreitet. Der Ich-Erzähler ist aber nicht nur ein Monstrum, sondern zeigt sich zugleich als ein reflektierender und zutiefst unglücklicher Mensch, der den Krieg als Schicksal sieht, als „Göttin mit Schlangenhaar“, die Gewalt über ihn bekommen hat und ihn und alle anderen verändert. Durch den Krieg wird Gewalt der bestimmende Faktor in seinem Leben. Wie sehr Gewalt sein Leben auch im Privaten bestimmt, wird besonders deutlich an seinem Verhältnis zu Myrna, einer jungen Waise, die sich um seine demente Mutter kümmern soll. Er begehrt sie, beobachtet sie heimlich, sorgt für sie, versucht sich ihr zu nähern – und hier zeigt sich die subtile Sprachgewalt des Autors: auch in der Ich-Perspektive erlebt man als Leser die wachsende Angst des jungen Mädchens und ihr Gefühl der Bedrohung mit. Die Zurückweisung durch Myrna lässt ihn jedoch leiden – und dieses Leiden entlädt sich wiederum in neuen soldatischen „Heldentaten“. Es geht in dem Buch nicht eigentlich um den Krieg, sondern es geht darum, was der Krieg in der Seele eines Menschen anrichtet: wie er die Seele verroht. Ein beklemmendes und aufwühlendes Buch.
Bewertung
4/5
06.04.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Nichts für empfindsame Gemüter!
Es ist Krieg und er holt das schlechteste im Menschen hervor.
Dies ist der Einblick in das Leben eines Scharfschützen, der sich vor seinen Problemen, Ängsten, Sehnsüchten und seiner Wut auf die Dächer der Stadt flüchtet, wo er sich beim Zielen selbst zentrieren kann.
Calimero
3/5
28.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Langatmig
Das Leben eines Snipers im Balkankrieg in seiner ganzen Brutalität schildert dieses Buch eindrücklich. Allerdings besteht dieses Leben fast nur aus Auflauern und töten, der Protagonist des Autors reflektiert nicht viel und auch die Liebe (oder besser das Verlangen nach Sex und Besitz) zu einer Minderjährigen sowie die demente Mutter sind nur von Brutalität geprägte Nebenhandlungen. Das wäre Stoff für eine kürzere Novelle, aber auf den fast 200 Seiten verlieren sich Spannung und Betroffenheit.
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5/5
28.03.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Wut hinter der Traurigkeit
Goncourt-Preisträger Mathias Enard über die enthemmte Brutalität des Krieges am Beispiel eines durchgedrehten Scharfschützen, der zwischen Allmachtsphantasien und Wahnsinn pendelt und das eigene Leiden mit Mitleidlosigkeit bekämpft.
„Von all diesen vermischten Erinnerungen und dem seltsamen Gefühl, dass Myrna sich mir wieder entziehen würde, dass ich sie nie besitzen würde, wurde ich zum Weinen traurig, … und wie immer machte sich hinter der Traurigkeit die Wut bemerkbar wie ein Schatten, und ich fing an, ihr weh tun zu wollen, mich rächen zu wollen für diese blöde Sehnsucht und die Tränen, die sie in mir aufsteigen ließ.“
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4/5
22.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Abgrund des Tötens
Mathias Enards erster Roman handelt von jemanden, der tötet. Es ist kein Krimi. Der Roman spielt während des Krieges. Mathias Enard erzählt das Töten aus der Perspektive eines jungen Soldaten, eines Scharfschützens: kühl und distanziert. So wie der Kriminalroman das "Handwerk" des Tötens im Übermaß behandelt, so gibt es eine Vielzahl von Romanen, die das Töten im Kriegsgeschehen schildern und reflektieren. Diese "Kriegsromane" bzw. "Anti-Kriegsromane" können die Abläufe des Tötens natürlich auf unterschiedliche Weise schildern und erzählen. Einige werden dem Leser und der Leserin bekannt sein, womöglich die von Remarque, Mailer, Vonnegut, Celine, Jünger, Lenz, Littell und Hosseini. Bemerkenswert ist bei Mathias Enard vielleicht der "nüchterne" und auf Distanz gehaltene Schreibstil, der die Handlungsweise und Beweggründe des Protagonisten beschreibt. Mathias Enard "bemüht" sich das Töten als Arbeit und Job zu schildern, so wie der Protagonist seine Tätigkeit selbst betrachtet: ohne Mitleid, ohne Verantwortung, ohne Moralität, aber auch ohne jene Stilisierungen und Ästhetisierungen, die von Jünger und Celine bekannt sind. Dass, was Mathias Énard mit seinem Buch wohlmöglich tatsächlich gelingt, ist die Beschreibung des Aufwandes, den der Protagonist betreibt und betreiben muss, um sein "Handwerk" auszuüben: die Kultivierung der Einsamkeit, das Beiseiteschieben der Ablehnungsängste, der sich vom Stillstand aus bewegende bis zum Ausbruch gesteigerte aggressive Frauenhass, die verdrängte Homoerotik und die Mühsamkeit alles von sich fern zu halten. Denn das, was das "Handwerk" des Tötens ausmacht, ist nicht die bloße Tätigkeit, sondern vor allem das Sich-Einreden rationaler Beweggründe. Der Abgrund der Handlungen muss stets hinweggeredet werden. So erweitert Mathias Énards literarische Studie die Reihe von "Männerphantasien", die Klaus Theweleit in sein Buch analysiert hat.
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