Sahar und Lorca führen mit ihrer Tochter Tishka ein glückliches Familienleben. Als Tishkas Bett eines Morgens leer ist, obwohl alle Fenster und Türen fest verschlossen sind, verändert sich alles. Während Sahar sich zurückzieht und zunächst an eine Entführung glaubt, geht Lorca einer urbanen Legende nach: Er vermutet, dass Tishka bei den sogenannten Flüchtigen ist, Wesen, die angeblich unerkannt in den toten Winkeln unserer Wahrnehmung leben. Als merkwürdige Symbole an der Wand ihres Kinderzimmers erscheinen, steht fest: Tishka lebt, und sie versucht, zu kommunizieren. Gemeinsam mit Freunden und Weggefährten versuchen Sahar und Lorca Kontakt aufzunehmen, und dringen in eine fremdartige Welt vor, die sich immer dort befindet, wohin wir gerade nicht schauen. Doch je näher sie ihrer Tochter kommen, desto größer wird das öffentliche Interesse an dem Fall, denn bald wird klar, dass die Flüchtigen die Fähigkeit haben, vermeintliche Notwendigkeiten radikal umzudeuten. Tishka wird zur meistgesuchten Person des Landes. Ob sie überhaupt noch eine Person ist oder schon etwas ganz anderes, ist nicht klar.
Alain Damasio zeigt einen vom Lobbyismus geprägten Kapitalismus im Endstadium: Überwacht werden wir nicht, um unterdrückt zu werden, sondern damit man uns Dinge verkaufen kann, die uns das Leben in der Überwachung erträglicher machen. Allein die Flüchtigen weisen den Weg aus dem Konsumzwang. Ihre Wandel- und Formbarkeit bildet sich in der Typografie ab, hinter der der Text immer mehr zum Rätsel wird.
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Schwindelerregendes Feuerwerk der Ideen
Bewertung aus Hamburg am 04.01.2022
Bewertungsnummer: 1633040
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Damasio hat ein unglaublich vielseitiges, von Ideen nur so berstendes, monumentales Werk verfasst, das mich immer wieder aufs neue überrascht, über weite Passagen angestrengt, dann wieder tief in seinen Bann gezogen, mich emotional berührt und mich nachhaltig beschäftigt hat.
Die Geschichte spielt in der nahen Zukunft (2040). Zahlreiche Städte wurden von Konzernen gekauft, Überwachung und Konsum bestimmen das Leben der Menschen in Orange. Die Stadt ist in unterschiedliche Tarifbereiche unterteilt - nur wer über die entsprechenden finanziellen Möglichkeiten verfügt, hat Zugang zu bestimmten Straßen, Verkehrsmitteln und Plätzen.
Eines Tages verschwindet die kleine Tishka spurlos aus ihrem Kinderzimmer, zugleich tauchen seltsame Zeichen auf der Wand des Zimmers auf. Zwei Jahre später haben sich die Eltern Sahar und Lorca aufgrund ihrer unterschiedlichen Art mit Schmerz und Trauer umzugehen, auseinandergelebt. Sahar hat die Hoffnung, ihre Tochter zu finden längst aufgegeben, während Lorca besessen von der Idee ist, Tishka könnte zu einer Flüchtigen geworden sein. Bei einer kleinen militärischen Spezialeinheit lässt er sich zum Flüchtigen-Jäger ausbilden und erhofft sich dadurch einen Zugang zu diesen kaum greifbaren Wesen. Damasio nähert sich auf unterschiedliche Weise dem Phänomen der Flüchtigen, die sich der unmittelbaren Beobachtung stets entziehen, sehr wohl aber präsent und mit anderen Sinnen erfahrbar sind. Welchen Vorteil hat Flüchtigkeit in einem Überwachungsstaat? Was bedeutet Leben und Lebendigkeit? Klang, aber auch Haptik erweisen sich als wichtige Zugänge, Flüchtige zu begreifen. Einige Abschnitte lesen sich wie wissenschaftliche Abhandlungen, andere lassen uns eintauchen in die Welt der Philosophie, der Mythologie und der Legenden. Actiongeladene Szenen wechseln sich mit informativen Abrissen über die historische Entwicklung, bildlichen, manchmal skurrilen Alltagsszenen, populistischer Medienberichterstattung und Passagen voll leiser Poesie ab. Stück für Stück lässt Damasio eine dystopische Welt entstehen, die erschreckend, aber gar nicht so weit von unserer Gesellschaft entfernt erscheint. Neben der Suche nach Tishka rücken auch die vielfältigen Widerstandsgruppen und damit gesellschaftskritische Themen, Umgang mit Geflüchteten, Xenophobie, Konsumwahn, Gentrifizierung, Medienkritik, Klimawandel und Naturschutz immer wieder in den Fokus. Das Buch besticht durch seinen Ideenreichtum, seine ungewöhnliche Geschichte und eine Vielfalt der Perspektiven, durch die mehr als eine Deutung möglich ist. Die zahlreichen klugen Wortneuschöpfungen haben mich begeistert; sie eröffnen beim Lesen neue Sichtweisen. Alle Hauptprotagonist:innen haben eine individuelle Ausdrucksform, eine besondere Tonalität, die zeigt, wie versiert Damasio und auch die Übersetzerin mit Sprache umgehen können. Auch die Flüchtigen hinterlassen im Schriftbild und im Text ihre Spuren; sie schleichen sich als Punkte, Bögen, Sonderzeichen ins Schriftbild, fallen durch Wortverdrehungen auf. Die Fülle und Komplexität dieses Romans, die sich nicht nur inhaltlich, sondern auch in der Form und im Stil zeigen, macht dieses mehr als 800 Seiten dicke Buch zu einer anspruchsvollen, äußerst fordernden, teilweise sehr anstrengenden Lektüre, die konzentriertes Lesen erfordert. „Die Flüchtigen“ ist kein Buch für zwischendurch, aber ein Werk, das nachhallt und mich in seiner Kreativität, Neuartigkeit und Vielfalt begeistert hat.
Ein wirklich außergewöhnliches Buch!
Sue aus Uelzen am 23.01.2023
Bewertungsnummer: 1865107
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
"Ich glaube an das Zuhören. Daran, sich der Welt zu öffnen. Denn sobald man zuhört, teilt man etwas mit demjenigen, der es geäußert hat, der sich zu erkennen gibt."
Mit "Die Flüchtigen" von Alain Damasio hielt ich ein Buch in den Händen, das ich so vorher noch nie gelesen habe. Es ist ein Buch über das Kämpfen. Das Kämpfen darum, niemals etwas aufzugeben, das uns wichtig ist: Liebe, Freiheit, Selbstbestimmung! (Übersetzt aus dem Französischen von Milena Adam)
Die Geschichte spielt 2041 in der französischen Stadt Orange, in der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur im Südosten von Frankreich. Sahar und Lorca Varèse finden eines Morgens das Bettchen ihrer kleinen Tochter Tishka leer vor. Doch wie kann in einer Welt, in der die absolute Überwachung herrscht, jemand einfach ungesehen und unbemerkt verschwinden? Lorca vermutet Tishka bei den Flüchtigen. Wesen, die unerkannt in den toten Winkeln unserer Wahrnehmung leben. Und ohne es zu ahnen treten Lorca und Sahar eine Lawine los, die unaufhaltbar über sie hinwegrollt...
"Er sieht mich durchdringend an, mit seiner mondstillen Art und seinen blaugrünen Augen, die eine tägliche Huldigung der Klugheit sind."
Damasio hat hier wirklich etwas Großes, vor allem aber sehr Interessantes geschaffen. Das Buch lässt sich für mich nicht klar in eine Kategorie einordnen: Es ist nicht wirklich dystopisch, jedoch zukunftsorientiert und vor allem gesellschaftskritisch.
Wie schon erwähnt, spielt die ganze Story im Jahr 2041. Die Welt befindet sich in einem stark vom Lobbyismus geprägtem Kapitalismus. Die Städte und Gebäude gehören einzelnen Firmen und sind zudem in verschiedene Zonen eingeteilt, je nach Zone dürfen diese nur von bestimmten Bürgern betreten werden. Es will ja niemand, dass sich ein Platinbürger mit dem Pöbel der Ringlosen abgeben muss bzw. dieser ihm über den Weg laufen könnte. Außerdem wird in dieser hoch technisierten Welt alles überwacht, was selbstverständlich wiederum den Firmen dient, die den Menschen jedweden Blödsinn verkaufen wollen, um sie noch mehr unter Kontrolle zu haben und noch mehr auszuspionieren. Die sogenannten Flüchtigen haben einen Weg aus dieser Konsumgesellschaft gefunden. Und dann gibt es natürlich auch noch die Ringlosen, die die Firmen piesacken wo es nur geht und ihre Städte zurückerobern wollen.
Mir hat das Buch wirklich sehr gefallen. Sowohl sprachlich, als auch inhaltlich.
Die Besonderheit im Buch entwickelt sich nach und nach, denn im Laufe der Geschichte passiert etwas mit den Buchstaben. Sie bekommen Sonderzeichen, es fehlen Striche, plötzlich gibt es Schnörkel oder Punkte ... Hiermit tauchen wir in die Welt der Fluchse, wie die Flüchtigen auch genannt werden, ein und kommen mit ihnen nach und nach in Berührung. Den Lesefluss hat das für mich absolut nicht gestört, jedoch nehme ich durchaus an, dass es den ein oder anderen stören kann. Auch so kann ich mir vorstellen, dass dieses Buch sicher nicht für jeden etwas ist. Es erfordert schon sehr viel Aufmerksamkeit und auch die Lust sich mit sprach- und musikwissenschaftlichen Thesen auseinanderzusetzen. Hier und da braucht das Buch auch einfach seine Zeit, um sich zu entwickeln, was natürlich vom Leser auch etwas Geduld erfordert.
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