Ein großer Sportplatz, freundliche Klassenzimmer und getrennte Schlafsäle für Jungen und Mädchen - auf den ersten Blick scheint Hailsham ein ganz gewöhnliches englisches Internat zu sein. Aber die Lehrer, so engagiert und freundlich sie auch sind, heißen hier Aufseher, und sie lassen die Kinder früh spüren, dass sie für eine besondere Zukunft ausersehen sind. Dieses Gefühl hält Kathy, Ruth und Tommy durch alle Stürme der Pubertät und Verwirrungen der Liebe zusammen - bis es an der Zeit ist, ihrer wahren Bestimmung zu folgen.
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In der Sachlichkeit liegt das Entsetzen
LiSa aus Stuttgart am 19.10.2025
Bewertungsnummer: 2629640
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
In Kazuo Ishiguros Roman "Alles, was wir geben mussten" erzählt Kathy aus der Rückschau von ihrer Kindheit und Jugend gemeinsam mit ihren Freunden Ruth und Tommy in einer Einrichtung namens Hailsham bis zu ihrem erwachsenen Leben.
Zuerst scheint es, als besuche Kathy ein gewöhnliches Internat, doch von Anfang an spürt man eine eigentümliche Spannung. Kathy schildert ihre Erlebnisse aus der Sicht eines jungen Mädchens, aber in der ruhigen, abgeklärten Sprache einer erwachsenen Frau, die sich erinnert. Diese doppelte Perspektive verleiht der Erzählung einen distanzierten Ton, der sowohl Vertrauen schafft als auch Unbehagen erzeugt: Würde man sich nicht emotionaler erinnern?
Kathy spricht die Leserinnen und Leser immer wieder direkt an. Zu Beginn wirkt das harmlos, wenn Kathy etwa über harmlose Kindheitserinnerungen spricht und fragt, ob man selbst auch etwas gesammelt habe. Diese scheinbar vertraulichen Passagen schaffen Nähe, werden aber mit zunehmender Handlung immer befremdlicher, denn die Welt, von der erzählt wird, wirft immer mehr Irritationen auf. Diese leisen Andeutungen wecken früh den Verdacht, dass hinter der heilen Fassade etwas Dunkles steckt.
Die Freunde bewegen sich ihr ganzes Leben in einem eher abgeschlossenen System, fern der normalen Welt, und versuchen, sich in diesem engen Rahmen kleine Freiräume zu bewahren. Freundschaften, Eifersucht, Liebe – all das wird zwar geschildert, aber immer mit einer kühlen Stimme. Man fühlt mit Kathy, aber man kann sich nicht völlig mit ihr identifizieren. Und so bleiben auch die Leser:innen fern von den Dreien.
Kathys Gefühle erscheinen kontrolliert, ihre Erinnerungen geordnet. Lesende wünschen sich an der ein oder anderen Stelle ein bisschen mehr Abenteuer; man könnte sagen, dass einige Passagen einfach langweilig sind. Auch wenn sich für die Lesenden bereits im ersten Drittel das Ausmaß dessen erschließt, was Hailsham tatsächlich ist, reagiert die Erzählerin kaum emotional. Sie berichtet ruhig, beobachtend von ihren unaufgeregten Erinnerungen ihrer Jugend.
In der Rückschau macht gerade diese nüchterne Erzählweise den Roman so eindringlich: Ishiguro verzichtet auf Empörung oder moralische Wertung, und doch wird gerade dadurch die Kritik an der dargestellten Welt deutlich.
In Großbritannien, Ende des…
Caro_liest am 19.07.2025
Bewertungsnummer: 2949538
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
In Großbritannien, Ende des 20. Jahrhunderts, werden Klone gezüchtet, um als Organersatzlager ausgeschlachtet zu werden. Der Roman begleitet das Aufwachsen dreier solcher Klone von ihrer Kindheit in einem Internat bis zum jungen Erwachsenenalter, wo sie mit dem „Spenden“ anfangen sollen. Das klingt wie der Auftakt zu einem spannenden SF-Thriller. Typischerweise würde die brutale Ausbeutung der Klone in allen Farben gezeigt werden und die Klone würden gegen ihre grausamen Unterdrücker aufbegehren. Nichts davon in diesem Buch. Was das Buch stattdessen zeigt, ist das Mitmachen. Das stillschweigende Einverständnis. Dass Menschen diese Vorgänge so selbstverständlich finden, dass sie nicht einmal anfangen, etwas zu kritisieren. Weder sind die Ärzte, Krankenpfleger oder die Erzieher der Kinder besonders grausam, sondern einfach nur Menschen, die ihren Job machen. (Auch wenn eine Erzieherin Probleme damit hat.) Noch rebellieren die Klone, sondern fügen sich in ihr Schicksal, erkennen es als ihre Bestimmung an. Gezeigt werden lauter gute Menschen, die nur Gutes wollen, und am Ende kommt die massenhafte Ermordung von Menschen dabei heraus, was euphemistisch als „Abschließen“ bezeichnet wird. Als ich das Buch zum ersten Mal las, fand ich das schwer vorstellbar. Mittlerweile halte ich es für ein passendes Abbild der bürgerlichen Gesellschaft, wo auch niemand jemals etwas Böses will. Komischerweise gibt es dann eben Armut, Obdachlosigkeit oder den ein oder anderen Massenmord, für den scheinbar niemand verantwortlich ist. Im Buch wird nie genauer erklärt, wie es zu dem Einverständnis kommt. Die Beteiligten halten einfach alle für richtig, was sie tun, und wollen ihren Beitrag zum Gemeinwesen leisten. Außerdem werden den Kindern im Heim Informationen bruchstückweise immer dann gefüttert, wenn sie noch zu jung sind, um sie wirklich zu verstehen. Zu einer kleinen Rebellion kommt es dann aber doch, allerdings nur innerhalb des Systems. Unter den Klonen geht nämlich das Gerücht um, dass ein Junge und ein Mädchen einen Aufschub des Organspendens beantragen können, wenn sie einander wirklich lieben (das scheint nur für hetero Paare zu gelten). Das Gerücht weckt bei Ruth, Kathy und Tommy die Hoffnung, den Versuch zu wagen. Unglücklicherweise sind die drei in ein Liebesdreieck verstrickt, sodass sie erst nach Sortieren ihrer Beziehungen diesen Weg gehen können. Scheinbar viel zu spät. Dabei geht es viel um die zwischenmenschlichen Beobachtungen. Die Ich-Erzählerin Kathy beobachtet genau das Verhalten anderer, während sie über ihre eigenen Gefühle wenig sagt. Diese muss man zwischen den Zeilen lesen und sie treffen dafür umso heftiger. Es geht auch um die Frage, ob man an Beziehungen wieder anknüpfen kann, die durch verletzende Worte zerbrochen wurden, oder ob es irgendwann zu spät dafür ist. Die Sprache ist auf einem sehr hohen Niveau, lange Sätze, fast schon etwas altmodisch, was aber gut zur Stimmung passt. Insgesamt ein Buch, das lange nachhallt.
Meinung aus der Buchhandlung
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Ein Buch, das sich zu Anfang leicht liest - das gegen Ende, einen mit seiner Aussage konfrontiert und wenn man darüber redet, erst seine ganze Schrecklichkeit enthüllt.
In dieser Parallel-Realität, begleitet man 3 Klone - Ruth, Kathy und Tommy, durch Ruths Augen. Sie wachsen behütet und intellektuell gefördert auf. In dieser Institution, die eigentlich eine Art Experiment ist, will anzeigen, dass Klone wie Menschen sind - Gefühle haben und eine Seele besitzen - doch wofür, wenn ihr einziger Lebenszweck ist, ihre Organe zu spenden und für die "normalen" Menschen zu sterben...
Sie wachsen mit diesem Wissen auf, ihr Schicksal wird ihnen nicht verheimlicht...
Doch fragt man sich, wie sie es so einfach annehmen können, warum sie den ureigenen Überlebensinstinkt des Menschen nicht besitzen....
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