Nach seinen, mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten, Buch "Kompass", schreibt Mathias Enard in seinem neuen Roman über die Herausforderungen des Landlebens und die Beharrlichkeit der menschlichen Existenz.
Für eine Dissertation über das Leben auf dem Land im 21. Jahrhundert zieht der Pariser Anthropologe David aufs Dorf, um Sitten und Bräuche der Landbevölkerung zu beobachten. Die Stille, die ständige Anwesenheit von Tieren aller Art, vor allem aber die überraschende Unangepasstheit sämtlicher Dorfcharaktere ziehen ihn in ihren Bann, und bald ist er viel involvierter in das Landleben, als er es sich je hätte träumen lassen. Doch nie wird er all die weitverzweigten Vorgeschichten kennen, die Mathias Enard in kühner Fahrt durch Raum und Zeit mit komödiantischer Lust erzählt. Das neue Buch von Mathias Enard ist mehr als ein Roman, es ist ein atemberaubendes literarisches Erlebnis.
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Wenn der Tot ein Fest gibt…
Kristall86 aus an der Nordseeküste am 20.08.2021
Bewertungsnummer: 1553070
Bewertet: eBook (ePUB)
Klappentext:
„Für eine Dissertation über das Leben auf dem Land im 21. Jahrhundert zieht der Pariser Anthropologe David aufs Dorf, um Sitten und Bräuche der Landbevölkerung zu beobachten. Die Stille, die ständige Anwesenheit von Tieren aller Art, vor allem aber die überraschende Unangepasstheit sämtlicher Dorfcharaktere ziehen ihn in ihren Bann, und bald ist er viel involvierter in das Landleben, als er es sich je hätte träumen lassen. Doch nie wird er all die weitverzweigten Vorgeschichten kennen, die Mathias Enard in kühner Fahrt durch Raum und Zeit mit komödiantischer Lust erzählt. Das neue Buch von Mathias Enard ist mehr als ein Roman, es ist ein atemberaubendes literarisches Erlebnis.“
Mal wieder ein Buch welches schon durch den skurrilen Titel auffällt und das auch völlig zurecht! Dem Leser springt hier eine Wortwahl und eine Geschichte entgegen, die außergewöhnlicher nicht sein könnten. Sie wird nicht nur Fans haben, das ist klar, denn hier bedarf es wiedermal ein wenig Sinn für sprachliche Ästhetik, Kenntnis im Fremdwort-Bereich, analytisches denken, einer gewissen Auffassungsgabe und eben Spaß an der Schwadroniererei und Jongliererei der deutschen Sprachkultur und Geschichte der Sprache weltweit - ein Hoch auf diese Übersetzung!
Hauptprotagonist David hat eine Aufgabe zu erledigen, einen Titel zu erlangen und ihm begegnen neben Menschen auch Tiere, die alles irgendwie auf den Kopf stellen - von Ekel bis hin zu Liebe und Gefühl. Das Landleben, welches er näher untersuchen möchte, nimmt ihn regelrecht gefangen und er begreift allmählich den Sinn zwischen dem Zusammenleben der Tiere und dem der Menschen. Oder doch nicht? Mathias Enard ist ein Meister der Wortwahl und schmeißt hier mit diesen regelrecht um sich das es nur so ein Fest ist. Was die Totengräber damit zu haben und ihrem Bankett müssen Sie schon selbst herausfinden - es lohnt sich jedenfalls! Ich sage nur: ein Betriebsfest artet so aus, das es eine sehr geniale Beobachtungsgabe des Autors brauch sowie herrlichen schwarzen Humor um so etwas in Worte zu packen! Das der Tod einem so ein Fest bescheren kann, scheint unmöglich? Lesen Sie Enard! Der macht selbst noch den Tod zum Fress-Fest!
David‘s Suche nach dem Sinn der Sinne wird der rote Faden und wir begleiten ihn auf seinen Recherchen. Es wird spannend und ob er seine Dissertation schaffen wird, verrate ich natürlich nicht. Egal, aber ob oder ob nicht: Enard zeigt auf, egal welchen Titel wir hinterher eifern, wir dürfen den Blick auf das Wesentliche und die dazugehörigen Details nicht vergessen! 5 von 5 Sterne für dieses besondere Werk!
Ein wilder Ritt durch Raum und Zeit
Bewertung aus Zürich am 20.08.2022
Bewertungsnummer: 1770554
Bewertet: eBook (ePUB)
Alles beginnt recht harmlos mit den Einträgen in das Feldtagebuchs des selbstgefälligen Paris Anthropologen David Mazon, der ins Gebiet zwischen Loire und Gironde auszog, um die Eigenarten der Dörfler im Rahmen seiner Dissertation zu beobachten und festzuhalten. Dieser erste Teil wird durch ein «Chanson» abgeschlossen, in dem sich die Erzählperspektive ändert.
… und dann folgt Kapitel II «Der Zeh des Gehenkten»:
«Zwei Jahre zuvor, bei der Geburt des Ebers, der die Seele Pater Largeaus aufnahm, und zwar genau in dem Augenblick, als dieses noble Tier auf dem moosigen Grund einer Mulde zwischen zwei Wurzeln einer Eiche an den rosigen Zitzen seiner Mutter quiekte, fand Mathilde den seelenlosen Körper des alten Priesters, dessen Herz einige Minuten zuvor ohne Todeskampf zu schlagen aufgehört hatte, und weinte heiße Tränen, kniete vor ihm nieder, hielt seine Hand im Wissen, dass er tot war, und betete.»
Das «Lebensrad» dreht, es folgt ein zunehmend wilder werdender Ritt durch Raum und Zeit, der schliesslich in Kapitel IV «Das Jahresbankett der Totengräber» gipfelt. Die Schilderungen sind von einer masslosen, barocken Fülle. Kapitel VII führt den Leser zurück zum Feldtagebuch von David Mazon, der sich vom verkopften Stadtmenschen zum Retter des Planeten entwickelt.
Enard tischt in den Kapiteln II bis VI opulent auf. Er erzählt die Geschichte der Region über die vergangenen Jahrhunderte, alles hängt miteinander zusammen. Die Fülle des vermittelten Wissens ist geradezu masslos. Wie er dies erzählt, dürfte selbst bei Lesern, welche die nichtlineare Erzählform schätzen, zu einer Übersättigung führen.
«Das Jahresbankett der Totengräber» war für mich wie eine anspruchsvolle Bergtour: Beglückende Momente wechseln mit anstrengenden Passagen. Die Begeisterung im Nachhinein, es geschafft zu haben, war aber mindestens so gross wie diejenige während der Tour.
Meinung aus der Buchhandlung
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Ich halte ja nichts von der These, dass (gute) Literatur die Welt zu spiegeln hat, wie es ein Rezensent des Buches nahelegt. Auch interessiert mich keine überladene Erzählweise, wenn sie mit ihren Verweisen ausufert und eine wuchtige und farbige Welt erschaffen kann. Ein Freund empfahl mir Mathias Enards letztes Buch "Der Kompass", weil es klug geschrieben ist, komplexe Gedanken entfaltet und historische Beziehungen aufzeigt. Leider las ich das Buch dann doch nicht, jedoch nahm ich nun die Gelegenheit wahr, seinen neuen Roman zu lesen.
Das neue Buch beginn mit einem Studenten, der seinen Abschluss in der Ethnologie vorbereitet. Als Leser bzw. Leserin begleiten wir ihn in der Feldforschung und lesen sein dazugehöriges Tagebuch. Da mir das Metier nicht gänzlich unvertraut ist, gefiel mir der satirische, parodistische Ton der Erzählung. Mit einigen Verweisen auf Levi-Strauss, Malinowski, Bourdieu und anderen Persönlichkeiten der Sozialanthropologie, wird das Missverhältnis von beobachtender und beobachteter Personen durchgespielt.
Im Fortlauf des Buches kippt die Erzählweise und Mathias Enard fängt an mit der Wiedergeburt seiner Protagonisten zu spielen, wodurch er seine Erzählstränge vervielfältigen kann. Getrost kann man als Leser oder Leserin annehmen, dass Mathias Enard keinesfalls den Glauben an die Wiedergeburt bzw. an eine Palingenese preisen möchte. Allerdings erlaubt ihn dieser rhetorische Kunstgriff ein glaubhaftes Panorama eines Welttheaters zu inszenieren, worauf sein Gilles Deleuze-Zitat hinweist: "Was kann ein Mensch herausschreien, der an die Vernunft glaubt? Er kann nur eines herausschreien: Was auch immer geschieht und was auch immer man mir zeigt, all das muss einen Grund haben."
Die Seelen seiner erzählten Personen wechseln nicht nur die Jahrhunderte und das soziale und politische Beziehungsgeflecht, sondern können auch ihr sexuelles Geschlecht austauschen und andere tierische Daseinsformen annehmen. So durchwanderten die Seelen der Dorfbewohner im Laufe der Jahrhunderte die Körper von Bäuerinnen, Tagelöhnern, Müttern, Füchsen, Royalisten, Nachtfaltern, Kriegsheimkehrern, Wildschweinen usw. Durch diesen rhetorischen Kunstgriff gelingt es Mathias Enard aber nicht nur die Erzählstränge zu multiplizieren, sondern alles miteinander zu verweben. So erweist sich sein Spiel mit der buddhistischen Wiedergeburt als ein deleuzianisches Rhizom, das als ein Netz wandernder Seelen durch die Körper der Gezeiten reist. Alles steht in Beziehung zueinander, alles wird vom Rad des Lebens und des Todes durchpflügt.
Nach dem verspielten Ausflug in die ewige Wiederkehr des Gleichen (und des doch anderen) wird das Bankett der Totengräber wollüstig von Mathias Enard aufgetischt: Ein Rausch von Kulinarik gepaart mit der Gerechtigkeit der Geschlechterfrage im Berufsstand der Totengräber und einer obszön-orgiastischen Interpretation von Rabelais' Figur des Riesen Gargantua. Natürlich hängt über all dieser Lust nach Ausschweifung die Angst vor dem Tod. Vor allem bindet sich an dieser Angst jede Menge und jede Form von Gewalt, daraus macht Enard keinen Hehl. So dreht sich sein Rad der ewigen Wiederkehr durch eine Geschichte des Leidens und Sterbens, bis sich das Leben gänzlich ins Leblose auflöst, um womöglich ein erneuertes Samsara beginnen zu lassen.
Keine Frage: Enards Buch zeugt von einer großen Belesenheit, Wortgewandtheit und einer ausführlichen Recherchearbeit. Der rhetorische Trick mit der Seelenwanderung, den Enard benutzt, um seinen Roman zu einem Weltenpanorama zu entfalten, ist aber nicht meine Sache!
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