Der autobiografische Roman „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ wurde rund vor 100 Jahren von Mary McLane geschrieben und ist dem Genre der literarischen Fiktion zuzuordnen. Am 11.03.2020 erschien es im Reclam Verlag zusammen mit einem Essay von Juliane Liebert.
In diesem Werk geht es um die Selbstinszenierung einer 19-Jährigen Frau, welche sich nach einem besseren Leben sehnte als sie es hatte. Und wie konnte man (besonders damals und das als Frau) sein Unwohlsein besser ausdrücken, wenn nicht durch das Schreiben eines Tagebuchs. Dabei muss gesagt sein, dass man die Art von Tagebuch bestimmt noch nie gelesen hat.
Allein der Beginn des Buches ließ mich stutzig werden und ehrlich gesagt fragte ich mich: „Ist sie nicht ein wenig (sehr) arrogant und von sich selbst überzeugt?“. Je weiter ich las desto klarer wurde mir die Antwort: Ja das ist sie. Manch einem mag dies gefallen und er sagt, dass gerade das Marys Charme ausmacht. Doch ich muss an dieser Stelle widersprechen. Denn diese Form der Selbstdarstellung entspricht nicht meinem persönlichen Geschmack, jedoch mag sich da jeder selbst ein Bild davon machen.
Aber lasst uns einmal zum Literarischen kommen und, wenn wir uns diesen Punkt einmal genauer ansehen, stellen wir fest, dass da Mary McLanes größte Stärke lag. Die Art und Weise wie sie ihre Umwelt und ihre Gefühle beschrieb sind so auf den Punkt gebracht und verständlich. Es ist ein interessantes Bild welches da aus der Gefühlswelt einer Neunzehnjährigen des damaligen Jahrhunderts gezeichnet wird, welches ich so noch nirgendwo gelesen habe. Denn Mary wollte alles von der Welt und bis zum Teufel und darüber hinaus (so war zumindest mein Eindruck), was mich besonders erstaunte war, dass es ihr ihrer Meinung nach auch absolut zustand. Zugegeben dies brachte mich so manches Mal zum Schmunzeln.
Als ich das Buch zum ersten Mal in die Hand nahm war ich erstaunt wie leicht es sich lesen lässt. Die Satzstruktur und die angewandten stilistischen Mittel sind wunderbar zu verstehen und lesen sich sehr flüssig, sodass ich das Buch relativ zügig lesen konnte. Sodass jeder der Geschichtliches Interesse hat, aber keinen altertümlichen Text lesen möchte, hier gerade richtig ist.
Abschließend lässt sich sagen, dass dieses Buch einen interessanten Einblick in die Gedankenwelt einer jungen Frau des damaligen Zeitalters bietet. Ich lege es jedem ans Herz es auch im Hinblick auf die heutige Gesellschaft zu lesen, denn es ist nach wie vor aktuell und besonders empfehlen kann ich es jedem Menschen der es ebenso wie ich genießt etwas zu lesen was bildreich und wunderschön geschrieben worden ist, auf seine eigene ganz besondere Art und Weise.
Ganz selten einmal höre ich Musik beim Lesen. Meistens stört sie meinen Lesefluss.
Obwohl also auch beim Lesen dieses Werks keine physische Musik um mich herum lief, hörte ich trotzdem beim Lesen Stevie Nicks kraftvolle Stimme "You can go your own way..." in meinem Innenohr singen, weil Mary MacLanes Stimme ebenso kraftvoll, selbstbestimmt und voller Leben ist, voller Hunger nach Leben.
Dieser Text ist tatsächlich 111 Jahre alt? Unglaublich, wie zeitgeistig und heutig er wirkt, wie frisch und wütend und aufbegehrend. Besser als dieser passt kaum einer in die heutige Zeit der laut werdenden Jugendkulturen.
Wenn Mary MacLane wütet: "Wäre ich als Mann geboren worden, hätte ich bereits einen tiefen Eindruck in der Welt hinterlassen..." und "Oh, es ist hart und bitter, eine Frau zu sein! [...] Ist eine Frau eine so abscheuliche Kreatur, dass sie durch diesen endlosen Schmerz geläutert werden muss?" und "Eine Menschenfrau wird [...] geboren, mit einem seltsamen, verpesteten Namen gebrandmarkt und in die Natur losgelassen; [...] Der Name [...] heißt Frau.", sagt das mehr über die immer noch notwendige Aktualität der Frauenbewegung aus, als vermutlich manch alter, weißer Mann wahrhaben möchte. Sie kritisiert die Art von Leuten, "die die Figur einer Frau ihre 'Form' nennen" ebenso, wie "Romanheldinnen", die sich methodisch in einen Mann verlieben, und tut genau das. Sie schwärmt für Bildnisse Napoleons, aber verzehrt sich nach seinem Gegenteil: einem charismatischen Teufel, eine Art Ur-Bad-Boy, dessen Ankunft sie mit all ihren Sinnen ersehnt.
Ihr niemals kindlich-staunendes, sondern sehr reifes, fast verstörend abgeklärtes, literarisches Ich schafft sprachgewaltige, wunderschöne Sätze, die man sich auf's innere Handgelenk ziselieren lassen möchte: "Ich mag mich strecken und recken, bis nur noch ein abgezehrter Nerv von mir übrig bleibt. [...] Aber ich werde mir ein Atom des Glaubens bewahren.", "Nimm irgendetwas, egal an welchem Punkt, und betrüge dich, indem du denkst, dass du damit glücklich bist...".
Ein erstaunliches Werk, das der Reclam-Verlag kompositorisch (allein die rötliche Farbgebung des Einbands passt ganz wunderbar zur mantraartigen Wiederholung von Rot im Text) hervorragend herausgegeben hat.
Ich könnte noch mehr Stellen zitieren (ich kam zum ersten Mal fast nicht hinterher mit dem Markieren beim Lesen), aber bitte: Wer sich noch an seine eigene Adoleszenz erinnert, an das schmerzvolle Sehnen, das Gefühl, allein und unverstanden und sonderlich zu sein, aber auch ein wenig größenwahnsinnig in seiner eigenen Abgeklärtheit, der lese dieses Buch!!
Bewertung
5/5
06.10.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was für eine Entdeckung! Bereits 1902 erschienen, kommen wir hierzulande erst jetzt in den Genuss dieser Kampfschrift gegen Isolation, Entfremdung und Bigotterie. Mary MacLanes Prosa ist scharf wie ein Seziermesser, ihr Hohn und Spott zuweilen kaum auszuhalten. Und doch fasziniert gerade ihr Biss und ihre gnadenlose Selbstüberzeugung. Sie zu lesen macht staunen und zittern, berührt und stößt ab. Eine Feier des freien, wilden Lebens und der rebellischen Jugend.
Magische Farbwelt
5/5
27.03.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Frau, die mehr vom Leben will
Am Ende des Buches weißt Du immer noch nicht so genau, wo die Reise jetzt hingegangen ist. Zumindest erging es mir so. Du weißt nur, dass Du in Deinen Händen ein Werk hältst, was niedergeschrieben wurde von einer scheinbar verzweifelten, jungen Frau in einer scheinbar verzweifelten Welt. „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ ist von Mary MacLane im Stil eines Tagebuches verfasst worden. Man spürt ihre Verzweifelung, denn sie scheint für Größeres geschaffen. Und ja, wenn man sich in eine Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts hineinversetzt, mag man Mary MacLane jedes Wort, und sei es noch so wirr, glauben. Denn als Frau ist sie scheinbar nicht viel wert, sei sie noch so klug, noch so hübsch, noch so genial. Ich bin übrigens sehr dankbar für das Nachwort der Übersetzerin Ann Cotten und den Ausführungen von Juliane Liebert. Denn somit kann man als Leser noch mehr in die Gefühlswelt der jungen Mary MacLane eintauchen. Einige Fragen nach dem Warum werden im Nachwort beantwortet. Und im Nachhinein habe ich das Gefühl, jetzt Einiges besser zu verstehen, und gleichzeitig müsste ich das Buch mit diesem Wissen noch einmal lesen für ein besseres Verständnis. Mary MacLane schreibt atemlos, teilweise widersprüchlich, so dass der Leser merkt, in welchem Zwiespalt sie sich befindet. Sie bezeichnet sich als Genie und gleichzeitig als Närrin. Und sie ist unheimlich einsam. Beinah lese ich Phasen depressiven Verhaltens aus ihrer Darstellung, so offenherzig gibt sie sich dem Leser. Für mich ist „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ mehr als nur eine Darstellung. Es ist ein Abbild, eine Reise in ein vergangenes, wahres Ich. Es zeigt die Gefühlswelt einer Frau von 1901, die mehr von ihrem Leben erwartet, als einfach nur Frau zu sein. Und Mary MacLane setzt mit ihrer Darstellung, wie sie es nennt, alles auf eine Karte und hat Erfolg. So lassen sich auch Analogien bis in die heutige Zeit ziehen: Nicht sein Dasein fristen, auch mal was riskieren, sich mal was trauen und aus sich herauskommen.
Bewertung
aus Essen
5/5
27.03.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
historisches Tagebuch eines rebellischen Teenies von 1901
Das Buch „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ von Mary MacLane beinhaltet die authentischen Tagebuch-Aufzeichnungen einer 19-jährigen im Jahr 1901. Mary lebt mit ihrer Familie in einer Bergarbeiterstadt in Montana, die vom Arbeiterleben ohne gesellschaftliche oder kulturelle Höhepunkte geprägt ist.
Das Tagebuch bildet zum einen die gesellschaftlichen Zwänge, denen insbesondere die Frauen im Amerika des fin de siècle unterworfen waren, ab. Zum anderen lässt die Gedankenwelt der Autorin aber auch interessante Rückschlüsse auf ihre Persönlichkeit zu. So zeigt Mary typische Merkmale einer pubertierenden Jugendlichen, die zwischen gefühlsbezogenen Extremen hin- und herspringt. Auch ihr völlig überzogenes Selbstbild der Überlegenheit lässt Rückschlüsse auf ihr Alter zu. Im Zentrum ihres Daseins steht die unendliche Langweile und intellektuelle Unterforderung, auf die sie mit Provokation reagiert. Tatsächlich wurde ihr Tagebuch damals veröffentlicht, was einen Skandal heraufbeschwor. Letztlich gelang es ihr dadurch, ihrem Leben eine andere Richtung als dem vorgezeichneten Weg zu geben.
Mein Fazit:
Ein hochspannendes Psychogramm einer Jugendlichen, die zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort unter anderen gesellschaftlichen Randbedingungen gelebt hat. Mir hat es sehr gefallen. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung für alle, die gerne Biographien oder Individualschicksale lesen oder geschichtlich interessiert sind. Ich wünsche dem Verlag viel Erfolg!
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5/5
03.05.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Frech, kraftvoll und unverschämt
Meine zwanzigste Empfehlung für die Quarantäne-Tage soll das Buch von Mary MacLane sein: Es trägt den hochtrabenden Titel „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“.
Ich muss zugeben, dass mich das Buch schon mit den ersten Sätzen überrollte. Das Tempo des Überfalls hält sie bis zum Ende des Buches durch.
Über sich selbst notiert sie in dem Buch, das einem Tagebuch gleicht: „Ich habe die Kunst, die Poesie meines feinen, femininen Körpers erfasst.“
Man möchte ihr zustimmen, denn sie feiert sich, ihre Jugend, ihren Körper und ihre Weiblichkeit: Der Teufel „hat mir unter anderem meinen bewunderungswürdigen jungen Frauenkörper gegeben, den ich durch und durch genieße und den ich leidenschaftlich gerne mag.“
Sie ist belesen, urteilt schnell und grundlos, hört mit Genuss Musik und kommt ohne jeden Zweifel zum Schluss, dass niemand – weder Mann noch Frau, weder jung noch alt – ihr das Wasser reichen kann. Und man glaubt es ihr, wenn sie von sich sagt, dass sie einen „reinen Egoismus“ besitzt. Sie scheint von jener Klasse zu sein, die sich nicht vergleichen lässt. Am ehesten erinnert mich dieser gesunde Hochmut an Friedrich Nietzsche. Oder aber auch an Gertrude Stein. Frech und unverschämt wie Rousseau.
Geschrieben hat sie das Buch mit neunzehn Jahren, das dann 1902 verlegt wurde und außerordentlichen Erfolg verbuchte. Mary MacLane lebte in der Provinz von Montana, erst in Great Falls, dann in Butte.
Das alles macht das Buch unglaublich. Es ist kraftvoll. Das womit sie sich messen lassen will, sind nicht die anderen Menschen: es ist der Tod, über den sie triumphiert, wie über das Leiden und die Ödnis.
Übersetzt wurde das Buch von Ann Cotten. Das hat was! Danke!
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