"Im überaus reichen Repertoire schauerlicher, lasterhafter und prunkvoller Wechselfälle aus der dekadenten römischen Spätzeit ist das Leben des Heliogabal ein Grenzfall: Gottkaiser mit vierzehn Jahren, umgebracht und in eine Kloake geworfen mit achtzehn, Priester und Wüstling, bewusster Verwalter von Zerfall und Anarchie inmitten der grandiosesten politischen Ordnung, die die klassische Welt hervorgebracht hat, und alles, was wir von seinem Leben wissen, steht bereits per se im Zeichen der Zuspitzung aller Kontraste, es ist eine Biografie, die nur aus Exzessen besteht." Roberto Calasso
In dieser Romanbiografie gibt Antonin Artaud zu Beginn der Dreißigerjahre alles an Wut und Verzweiflung hinein, die er selbst gegen die Welt seiner Zeit hegt, in einer wuchtigen Sprache voller Gewalt und Übertreibung revoltiert er damit gegen die Gesellschaft, indem er sich in Heliogabal spiegelt.
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14.07.2020
Buch (Taschenbuch)
Gezeigtes und Erfundenes
Zum Glück finden sich vereinzelte Verlage immer wieder bereit, sogenannte „Klassiker“ der Literatur erneut aufzulegen bzw. zu übersetzen. Obwohl diese „Klassiker“ zum Teil immensen Einfluss auf ihre Leser und Leserinnen hatten, verschwinden sie ständig aus den Verlagsprogrammen wie aus den Regalen der Buchhandlungen.
Ein Verlag, der sich – neben einigen anderen – bemüht, dem entgegenzuwirken, ist der Matthes & Seitz Verlag. Stets erstaunt er aufs Neue mit seinen Grabungen in der Literaturgeschichte.
Diesmal ist es Antonin Artaud, dem er sich widmet, dessen Buch „Heliogabal oder der Anarchist auf dem Thron“ nun nach 40 Jahren wieder publiziert wird.
Mit seinen theoretischen Schriften zum Theater (Stichworte: Theater der Grausamkeit, Theater und sein Double, Mimesis, Atem, Schrei, Inszenierung) gewann Antonin Artaud beträchtlichen Einfluss auf die Theater- und Filmpraxis, aber auch auf die Literatur und Philosophie. Zu seinen bekannten Lesern und Leserinnen gehörten Paulhan, Gide, Dubuffet, Barrault, Balthus, Derrida, Deleuze, Guattari, Foucault, Fassbinder, Kane, Sontag, Brook, Shepard, Rihm, Zorn u.a.
Vielleicht kann sich der eine oder die andere noch an die Artaud-Ausstellung im Mumok im Jahr 2002 in Wien erinnern.
Das Buch „Heliogabal oder der Anarchist auf dem Thron“ handelt vom römischen Kaiser Heliogabal (auch: Elagabal), dessen Hang zum sexuellen Laster, zur Dekadenz und Brutalität in die Geschichtsbücher einging. Seine Herrschaft war geprägt von Korruption, Intrigen und politischen Morden. Als ein weiterer Skandal seiner Herrschaft galt seine Religionspolitik, die orientalische Kulte und Bräuche in Rom zu etablieren versuchte. Letztlich fiel er selbst einem politischen Komplott zum Opfer, wurde ermordet, geschändet und in den Tiber geworfen.
In seinem essayistischen Roman stellte Antonin Artaud die abgründigen Grausamkeiten in den Mittelpunkt seiner Ausführungen, die sich um den römischen Kaiser ranken: samt den sexuellen „Perversionen“ und politischen Brutalitäten.
Jean Paulhan bemerkt zum Buch: „Ob es nun wahr ist oder nicht was hat […] das zu interessieren, wenn es denn schön ist und in diesem Buch die Vorstellung eines Wahren und eines Höheren Wirklichen zu finden sind – die Daten sind wahr, alle geschichtlichen Ereignisse, deren Ausgangspunkt wahr ist, sind interpretiert, viele Einzelheiten erfunden; […] es gibt Überspitzungen und Übertreibungen in den Bildern, maßlose Behauptungen; aber so kommt es zu einer Atmosphäre panischer Verwirrung, die dem Rationalen den Boden unter den Füßen wegzieht, in welcher der Geist aber in voller Montur vorankommt.“
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