"Norbert Gstrein ist ein Meister des 'zwielichtigen' Erzählens. Er setzt Zeichen um Zeichen. Man folgt seinem Konstrukt und seinem bewundernswert klaren Satzbau mit Spannung." Aus der Jurybegründung zur Verleihung des Österreichischen Buchpreises 2019
Am Anfang ist da nur ein Kuss. Aber gibt es das überhaupt, nur ein Kuss? Franz wächst im hintersten Tirol auf. Er fotografiert Paare "am schönsten Tag ihres Lebens", bis bei einer Hochzeitsfeier die Braut ums Leben kommt. Was hat das mit ihm zu tun? Was damit, dass er nur Wochen zuvor am selben Ort ein Mädchen geküsst hat? Vor diesen Fragen flieht er bis nach Amerika. Doch dann stirbt auch dort jemand: ein Freund, in dessen Leben sich ebenfalls mögliche Gewalt und mögliche Unschuld die Waage halten. Was wissen wir von den anderen? Was von uns selbst? Hungrig nach Leben und sehnsüchtig nach Glück findet sich Franz in Norbert Gstreins Roman auf Wegen, bei denen alle Gewissheiten fraglich werden.
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Bewertung am 19.05.2021
Bewertungsnummer: 1495222
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Es spielt anfangs in Tirol, Franz wächst in einem Tiroler Hotelbetrieb auf. Er erzählt von seiner Kindheit, von den Veranstaltungen und vor allem von den Hochzeiten, die in diesem Ambiente gefeiert werden. In der Familie sagt man zum eigenen Betrieb „Hochzeitsfabrik“. Franz fotografiert bei diversen Anlässen, die Fotos des Brautpaares sind unvergleichlich, da er das Positive der Menschen mit der Kamera einfangen kann wie kein anderer. Sein Vater, der das Hotel führt, glänzt in jeglicher Hinsicht, seine Mutter kocht für die Gäste und hat ein Alkoholproblem.
Das Hotel gibt ihm Sicherheit, er kann sein Studium abbrechen und hat immer einen Rückhalt, er arbeitet mit und fotografiert. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem eine Braut verschwindet und getötet aufgefunden wird. Rätselhaft bleiben die Ermittlungen zum Tod der Braut.
Kurz darauf geht Franz nach Jackson, Wyoming, ein Bekannter seines Vaters hat dort eine Skischule und er kann als Skilehrer arbeiten. Aus einer vorübergehenden Beschäftigung im Ausland werden dann 13 Jahre. Dort lebt er ein scheinbar unbeschwertes Leben, hat auch immer seine Leica dabei und lernt einen tschechischen Professor, den „traurigsten Menschen der Welt“ kennen. Jedes Jahr bucht der Professor einen Skiaufenthalt in Jackson und einen Privatskilehrer, er fährt mit Franz die Pisten ab, der Professor gönnt sich und Franz sogar einmal einen Hubschrauberflug. Franz ist einer der wichtigsten Menschen für den Professor, meint auch eine befreundete Barfrau zu wissen. Als sich der Professor auf einem alleinigen Skiausflug umbringt, gewinnt auf einmal der Roman an Spannung. Von anderen guten Beziehungen oder tiefen Freundschaften wird nichts erwähnt.
Franz erkennt nach dem Tod des Professors, dass er ihn eigentlich gar nicht kannte, er weiß nichts von seinen Verhältnis zu einer Frau, nicht einmal, dass der Professor verheiratet war. Seltsame Begebenheiten geschehen und man beginnt beim Lesen ebenfalls zu rätseln. Ist etwas an der Geschichte verdreht?
Nach einer schweren Verletzung beim Skifahren sieht sich Franz dann gezwungen, seinen Skilehrerjob aufzugeben und wieder nach Tirol, in das Hotel, das einst sein zu Hause war, zurück zu kehren. Seit dem Tod des Vaters führt sein Bruder Viktor nun den Betrieb, nimmt Franz zwar auf, ist aber nicht sonderlich begeistert von seinem Erscheinen. Mit der Vergangenheit setzt sich Franz wieder auseinander, die Geschichte über den Tod der Braut kommt erneut zur Sprache. Seine erste Liebe oder Schwärmerei zu Sarah, einer Musikerin, die bei den Hochzeiten in früheren Zeiten für die musikalische Umrahmung sorgte, spielt eine wichtige Rolle. Aus der Vergangenheit werden wieder Ereignisse thematisiert.
Beim Lesen empfand ich besonders zum Ende hin Verwirrung. Macht sich der Hauptprotagonist etwas vor, hat er eine andere Wahrnehmung oder dreht er sich seine Machenschaften vor seinem Inneren zu recht?
Dieses Buch von Norbert Gstrein muss man lesen, ein paar Tage darüber nachdenken, die Geschichten ein wenig sacken lassen, damit man eventuelle Zusammenhänge erkennt. Zurecht wurde dem Autor der Österreichische Buchpreis 2019 überreicht. Danke!
Norbert Gstrein – Als ich jung war
Miss.mesmerized am 18.02.2021
Bewertungsnummer: 1250425
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Franz wächst in den Tiroler Bergen auf, wo seine Eltern ein Hotel haben, in dem regelmäßig Hochzeiten ausgerichtet werden. Dass die Kinder mithelfen müssen, steht außer Frage und so wird der Junge schon früh zum Hochzeitsfotograf, der den schönsten Tag im Leben der Verliebten für immer festhalten soll. Ein mysteriöser Suizid einer Braut lässt ihn jedoch aus der Enge der Berge nach Jackson, Wyoming, flüchten, wo er sich als Skilehrer durchschlägt. Ach in der Ferne kann er jedoch Sarah nicht vergessen, offenbar seine große Liebe. Dem tschechischen Professor, der ihn engagiert hat, erzählt er von ihr, kurz bevor dieser verunglückt. Überhaupt häufen sich seltsame Todesfälle in Franz‘ Umgebung, so dass auf beiden Seiten des Atlantik ermittelt wird. Doch Franz kann sich die Vorkommnisse nicht erklären, Zufälle wohl, und kehrt nach einer schweren Verletzung zurück in die Heimat und das Familienhotel, wo er erneut mit der Vergangenheit konfrontiert wird.
Man muss Norbert Gstreins Roman erst sacken lassen, bevor man das, was man da gelesen hat, so richtig begreifen kann. Die Nominierung für den österreichischen Buchpreis verwundert zunächst, je weiter die Gedanken jedoch um die Geschichte kreisen, desto klarer sieht man jedoch, welch genialer Einfall hier literarisch umgesetzt wurde. In Romanen geht es immer darum, was erzählt wird, bei Gstrein geht es jedoch viel mehr um das, was nicht erzählt wird, die Leerstellen sind es, die besonders interessant sind, die Lücken in der Erinnerung bzw. auch die bewussten Verdrängungen in der eignen Biografie.
Der Ich-Erzähler schildert seine zunächst eher unspektakuläre Kindheit und die unzähligen Hochzeiten, die er erlebt und für die Ewigkeit festhält. Was er hier einfängt, weist schon daraufhin, dass ihm auch als Erzähler nicht zu trauen ist, denn nicht alles, was man sieht, entspricht der Wirklichkeit hinter dem Bild:
„sie wollten alle auf den Fotos besser dastehen als in Wirklichkeit, aber dazu brauchte es nicht viel, dazu brauchte ich nur die billigsten Tricks anzuwenden, oder ich fotografierte an ihren Unvollkommenheiten und Menschlichkeiten vorbei.“
So wie er die Frischvermählten im besten Licht einfängt, schildert er auch sein eigenes Leben, das voller Unschuld zu sein scheint, bis am Rand die Zweifel ins Bild drängen. Der Tod der Braut, das Verschwinden einer Frau in den USA, die vermeintlich unschuldige Schwärmerei für Sarah, die sich jedoch dramatisch in eine ganz andere Richtung entwickelt - Franz erzählt sein Leben, wie er es sich zurechtgerückt hat. Doch Wesentliches scheint er dabei auszulassen.
So wird der Roman fast zu einem Krimi und das Unbehagen beim Leser wächst. Mit was für einem Erzähler hat man es da zu tun, was hat er getan? So wie Franz nach dem Tod des Professors erkennt, dass er diesen eigentlich gar nicht kannte und nichts über ihn wusste, geht es einem mit dem Protagonisten ebenfalls. Ob er sich und die Welt bewusst täuscht und sich seine Realität so erschafft, wie er sie gerne hätte, oder ob seine Wahrnehmung tatsächlich so ist, bleibt ebenso offen wie vieles andere auch. Das nicht Gesagte, die Fragezeichen, die bleiben, machen den Reiz der Geschichte aus, deren klare Sprache eine Eindeutigkeit suggeriert, die jedoch keineswegs vorhanden ist. Und so muss man als Leser selbst die Ereignisse konstruieren und steckt damit mitten in der Geschichte.
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