Leo Trotzki, Revolutionär auf der Flucht, irrt durch die Welt und steigt schließlich in Mexiko von Bord eines norwegischen Tankers. In Frida Kahlos Garten betrachtet er indianische Skulpturen, tropische Farne und Kakteen in roten Tontöpfen und brütet über der Entgleisung der Russischen Revolution.
Währenddessen landet der mittellose Schriftsteller Malcolm Lowry in der Bucht von Acapulco. Er will nicht weniger, als die schönste Liebesgeschichte der Literatur erzählen. Zum Rhythmus des auf die Erde prasselnden Regens schreibt er sein Meisterwerk Unter dem Vulkan.
Patrick Deville folgt den Spuren jener Männer und Frauen, die unsterblich geworden sind, kreuzt ihre Wege und verwebt ihre Geschichten zu einem virtuosen Mosaik.
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
Almut Scheller-Mahmoud
5/5
28.01.2022
Buch (Taschenbuch)
Das Festmahl der Synapsen.
Der Gastgeber dieser üppigen Tafel ist Patrick Deville, der bereits in anderen Romanen fulminante Beispiele seiner Schreib- und Fabulierlust präsentierte.
Deville platziert seine illustren Gäste mit Platzkarten ganz comme il faut, lässt aber auch Platz am üppig gedeckten Tisch für „Zaungäste“. Deren Namen flattern en passant wie Appetizer umher. Delikatessen und Petitessen aus den überbordenden Biographien der Hauptgäste bilden die Essenz des Buches : die Curricula vitae sind wie ein Bouquet einer untergegangenen Welt, deren Kulminationspunkt Mexiko ist. Der Leser landet in einem Strudel aus biographischen, politisch-geschichtlichen und kulturellen Details: der Roman ist keine Heldenreise, aber auf jeden Fall eine Bildungsreise. Ein Menü gegen die Amnesie. Und regt an zum Recherchieren und Nachlesen – ach, wer was das noch?!
Leo Trotzki. Wir erleben seine Flucht nach Mexiko, von den Istanbuler Prinzeninseln kommend. Der Gründer der Roten Armee und der Favorit Lenins hat endlich nach Jahren der Verbannung und der Flucht seinen Ruhepunkt gefunden, der sich aber als Mausefalle entpuppt. Das zweite Attentat auf ihn in Frida Kahlos Blauem Haus misslingt nicht: Ramón Mercader schwingt den Eispickel gekonnt und gezielt. Zu Leo Trotzki fallen mir Szenen aus dem Film „Dr. Schiwago“ ein: Der mit einem gepanzerten Zug, die Fronten während des Bürgerkriegs abfährt. Zwei große schwarze Lokomotiven mit einem roten Stern und zahlreichen Waggons mit Druckerei und Telegraphenstation, mit Waffen, einem Lebensmitteldepot, Kleinlastern, Tankvorräten und sogar einem Lazarett. Sein Erzrivale Stalin lässt Trotzkis Namen aus allen Geschichtsbüchern löschen, sein Bild entfernen, seine Freunde und Familie auslöschen. Trotzki und Frida haben eine intensive leidenschaftliche Affäre, die Liebe zu seiner Frau aber siegt und die kurzen Auszüge ihrer Liebesbriefe sind etwas Berührendes.
Malcolm Lowry. Eine andere Liebesgeschichte, es sollte nach Willen ihres Autors die schönste Liebesgeschichte der Welt werden, hält den Leser in Bann. Lowry, Sohn eines reich gewordenen Liverpoolers Kaufmanns, erfindet sein Alter Ego, den Konsul, und dessen Frau Yvonne. Lowry lebt ein wildes Leben mit Rotwein und Mescal-Räuschen und doch vielen Jahren der Zurückgezogenheit in einer Hütte bei Vancouver. Seine Zeitgenossen wollen die Menschen und die Welt befreien, fallen in Kriegen, werden ermordet, er aber schreibt. 20 Jahre braucht er für die definitive Fertigstellung von „Unter dem Vulkan“. Ein Buch, das seit gut zwei Jahrzehnten in meinem Bücherregal steht und das ich wohl erst jetzt zum ersten Mal aufschlagen werde. Einer der größten Romane des 20. Jahrhunderts.
B. Traven. „Das Totenschiff“ ist wohl das berühmteste seiner vielen Werke, war für sehr lange Zeit ein „Nobody“. Niemand wusste, wer sich hinter diesem Namen verbarg. Angeblich soll er Ret Marut sein, ein aktiver Revolutionär der Münchner Räterepublik. Ihm gelang die Flucht nach deren Scheitern und er landete 1924 in Mexiko, wo er auch 1969 verstarb. Er geht nach Chiapas, lebt unter den Indige-
nen, beschreibt ihr Leben und ihre Mythen. Sein Roman „Der Schatz der Sierra Madre“ wurde von John Huston verfilmt und mit 3 Oscars prämiert. Für B. Traven bedeutete auf anarchistische Art zu leben: frei von Identitäten – man könne sich Eltern, Alter und Vaterland frei aussuchen.
Frida Kahlo. Leidet mit 6 Jahren an Kinderlähmung. Bei einem Busunglück durchdringt eine Metallstange ihr Becken. Sie muss ein Stahlkorsett tragen, verbringt viel Zeit eingegipst im Bett, immer wieder OPs. Im Bett beginnt sie zu malen. Sie heiratet Diego Rivera, den 20 Jahre älteren Malerfürsten. Sie leidet seelisch und körperlich unter den Folgen des Unfalls, was sich auch in ihren Bildern und der Motivwahl niederschlägt. 55 Selbstbildnisse, oft mit ihren Tieren. Immer wieder Affären, immer wieder Alkohol, immer wieder malend. Scheidung von Rivera, den sie dann trotz seiner permanenten Untreue zum zweiten Mal heiratet. Sie stilisiert sich selbst zum nationalen Kulturgut, immer in traditioneller Tracht mit traditionellem Schmuck. Ihr Schnurrbart und die zusammengewachsenen Augenbrauen würde man heute als Markenzeichen etikettieren.
Tina Modotti. Schauspielerin, Fotografin und Revolutionärin italienischer Ab- stammung. Sie geht mit ihrem Geliebten, dem Fotografen Edward Weston, nach Mexiko, das sie fasziniert: „ein lichterfülltes“ Land in revolutionärem Aufbruch. Sie bewegt sich in Kreisen der ansässigen Bohéme und der kommunistischen Partei, lebt von Portraits und dokumentiert das Leben der einfachen Leute. Die politische Brisanz dieser Fotos erregt Aufsehen. Sie wird ausgewiesen, geht mit ihrem Geliebten Vittorio Vidali nach Moskau und erlebt den Spanischen Bürgerkrieg Krankenpflegerin. Cardenas hebt ihre Ausweisung auf und sie kehrt nach Mexiko zurück, wo sie 1942 an einem Herzanfall in einem Taxi stirbt.
Diego Rivera. Rivera ist ein Mythos, allein durch seine Ehen mit Frida Kahlo, seine zahlreichen Geliebten und seine Kontakte zu wichtigen Persönlichkeiten in kulturellem und politischem Bereich. Der Mythos wird von ihm selbst alimen- tiert. Er entwickelt seinen eigenen Stil, berühmt sind seine Industriemalereien (Detroit) und Murales. Neben Siqueiros und Orozco der „Dritte im Bunde“ der Muralistas. „Das Epos des mexikanischen Volkes“ ist eines seiner wichtigsten Werke. Die Kombination von Freskotechnik, indianisch-mythischen und sozia- listischen Motiven geben seinem Werk ein eigenes Gesicht und sind unver- kennbar „ Rivera“.
Und last not least eine kurze Hommage an Lázaro Cardenas. Er nahm Flüchtlinge und Verbannte auf, aus dem Spanischen Bürgerkrieg, aber auch viele Deutsche. Initiierte Reformen, verstaatlichte die Ölindustrie. Heute wäre er ein Präsident fernab des politischen Mainstreams.
Und hier einige der „Zaungäste“: Sandino. Zapata. Picabia. Blaise Cendrars. Juan Rulfo. Octavio Paz. Victor Serge. Hamsum. John Reed. Majakowski. Sancho Villa. Ossip Mandelstam. Jules Verne. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Jewgenia Ginsburg. Pablo Picasso. Sergej Jessenin. Walter Benjamin. Blaise Pascal. Geoge Orwell. Antonin Artaud, Georges Simenon, Saint-John Perse. Simone Weil. Tristan
Tzara, Roland Barthes, Henry Miller, Jorge Luis Borges, André Breton. Sacco und Vanzetti. John Dos Passos. Pablo Neruda. Che Guevara, Subcomandante Marcos. André Malraux.
Ganze zehn Jahre ist Patrick Deville auf den Spuren seiner Gäste gereist: Von Mexiko nach Sibirien. Und überlässt den Lesern einmal mehr ein faszinierendes Epos, das zeigt, dass Geschichte mehr ist als nur ein paar Jahreszahlen. Dass Geschichte Menschen sind und Geschichten, die miteinander verbunden, verflochten und verwoben sind.
Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen. William Faulkner
Und zuletzt die Frage: Was wäre aus der Weltgeschichte, aus der Sowjetunion und dem Kommunismus geworden, wenn Trotzki statt Stalin die oberste Machtposition innegehabt hätte?
Almut Scheller-Mahmoud
aus Hamburg
5/5
09.11.2020
Buch (Taschenbuch)
Das Festmahl der Synapsen.…
Das Festmahl der Synapsen. Der Gastgeber ist der Autor Patrick Deville, der für seine Schreib- und Fabulierlust bekannt ist. Deville platziert seine illustren Gäste mit Platzkarten ganz comme il faut, lässt aber auch viel Platz am üppig gedeckten Tisch für „Zaungäste“. Deren Namen flattern en passant wie Appetizer umher. Delikatessen und Petitessen aus den überbordenden Biographien der Hauptgäste bilden die Essenz des Buches : die Curricula vitae sind wie ein Bouquet einer untergegangenen Welt, deren Kul-minationspunkt Mexiko ist. Der Leser landet in einem Strudel aus biographi-schen, politisch-geschichtlichen und kulturellen Details: der Roman ist vielleicht keine Heldenreise, aber auf jeden Fall eine Bildungsreise. Ein Menü gegen die Amnesie. Und regt an zum Recherchieren und Nachlesen – ach, wer was das noch, doch schon mal gehört?! Leo Trotzki. Malcolm Lowry. B. Traven. Frida Kahlo. Tina Modotti. Diego Rivera. Und last not least eine kurze Hommage an Lázaro Cardenas. Er nahm Flüchtlinge und Verbannte auf, aus dem Spanischen Bürgerkrieg, aber auch viele Deutsche. Initiierte Reformen, verstaatlichte die Ölindustrie. Heute wäre er ein Präsident fernab des politischen Mainstreams. Und hier einige der „Zaungäste“: Sandino. Zapata. Picabia. Blaise Cendrars. Juan Rulfo. Octavio Paz. Victor Serge. John Reed. Majakowski. Sancho Villa. Jules Verne. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Pablo Picasso. Sergej Jessenin. Walter Benjamin. Blaise Pascal. Geoge Orwell. Antonin Artaud, Georges Simenon, Saint-John Perse. Simone Weil. Roland Barthes. Jorge Luis Borges, André Breton. Sacco und Vanzetti. John Dos Passos. Pablo Neruda. Che Guevara, Subcomandante Marcos. André Malraux. Ganze zehn Jahre ist Patrick Deville auf den Spuren seiner Gäste gereist: Von Mexiko nach Sibirien. Und überlässt den Lesern einmal mehr ein faszinierendes Epos, das zeigt, dass Geschichte mehr ist als nur ein paar Jahreszahlen. Dass Geschichte Menschen sind und Geschichten, die miteinander verbunden, verflochten und verwoben sind. Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen. William Faulkner Und zuletzt die Frage: Was wäre aus der Weltgeschichte, aus der Sowjetunion und aus dem Kommunismus geworden, wenn Trotzki statt Stalin die oberste Machtposition innegehabt hätte?
Bories vom Berg
aus München
3/5
25.02.2020
Buch (Taschenbuch)
Ein moderner Plutarch Mit…
Ein moderner Plutarch Mit seinem 2017 auf Deutsch erschienen Roman «Viva» hat der französische Schriftsteller Patrick Deville erneut ein Werk vorgelegt, mit dem er auf den Spuren von Plutarch wandelt. Genau wie seinem antiken Vorbild mit den berühmten griechisch-römischen Doppelbiografien geht es dem Autor hier eben nicht um Geschichtsschreibung im wissenschaftlichen Sinne, sondern um Verdeutlichung unterschiedlicher charakterlicher Prägungen und individueller Denkweisen. Der in persona auftretende, vielgereiste Literat berichtet sehr anschaulich von seinen ausgedehnten weltweiten Recherchen auf den Spuren seines Romanpersonals und findet es tröstlich, während seines täglichen «quasi kantischen Spaziergangs» beim Aufenthalt im mexikanischen Cuernavaca beispielsweise «… sich zu überlegen, warum Plutarch für seine Parallel-Biografien gut und gerne Lowry und Trotzki hätte auswählen können. Den, der in der Geschichte handelt, und den, der nicht handelt». Lev Davidovich Bronstein, der sich ab 1902 Trotzki nannte, einer der großen Drei der kommunistischen Revolution in Russland, Begründer und Oberbefehlshaber der Roten Armee, wurde 1924 nach dem Tod Lenins von Stalin systematisch kaltgestellt und musste fünf Jahre später ins Exil gehen. Stationen seiner Odyssee waren die Türkei, Frankreich, Norwegen und Mexiko. Dort wurde er 1937 in der berühmten ‹Casa Azul› am Rande von Mexiko-Stadt empfangen und vorläufig untergebracht, im Blauen Haus der Malerin Frida Kahlo, Frau des großen Nationalmalers Diego Rivera. Nach einem missglückten Mordanschlag durch den russischen Geheimdienst im Mai 1940 wurde er drei Monate später in seinem festungsartig ausgebauten Haus von einem trickreich eingeschleusten spanischen Agenten im Dienste Russlands durch einen Schlag auf den Kopf mit einem Eispickel ermordet. Diesem politischen Machertypen stellt Patrick Deville mit Malcom Lowry einen britischen Schriftsteller gegenüber, der zu gleicher Zeit ebenfalls in Mexico lebte, ohne dass die Beiden aber je zusammengetroffen wären. Dieses Land war damals eine Art Sehnsuchtsort für Intellektuelle und Künstler verschiedenster Couleur aus aller Welt, unter ihnen André Breton, Antonin Artaud, Jack London, der geheimnisvolle B. Traven, Tina Modotti und Graham Greene. In Cuernavaca schrieb der lange von seinem Vater finanziell abhängig Lowry, der ein vom Alkohol geprägtes, unstetes Leben führte, bis ins Jahr 1937 hinein an der ersten Fassung seines berühmten Romans «Unter dem Vulkan». Der folgten bis Ende 1944 noch drei weitere Fassungen, die letzte während des Zweiten Weltkriegs in seiner abgelegenen kanadischen Blockhütte geschrieben. Er starb 1957 in England an einer Überdosis Schlaftabletten. Die erzählerisch kunstvoll ineinander verflochtenen Lebenslinien dieser beiden markanten Hauptfiguren, der geschichtlich handelnden und der Geschichten erfindenden, sind durch eine kaum überschaubare Fülle von weiteren Figuren mit zahlreichen Querverbindungen umrahmt. Zuvorderst bestimmen natürlich Ehefrauen und Geliebte ihr Leben, sodann aber auch Kollegen, Gefährten und Widersacher. Alle diese Randfiguren werden mit ihrer Vita ebenfalls narrativ eingebunden in diesen detailverliebten, durch seinen Erzählfuror geprägten Roman, der allerdings erhöhte Anforderungen stellt an die Aufmerksamkeit und das Hintergrundwissen seiner Leser. Denn es wimmelt nur so von köstlichen Anekdoten, denkwürdigen Begegnungen, intertextuellen Bezügen, historischen und biografischen Fakten, man wird angeregt, unterhalten und bereichert zugleich, ein moderner Plutarch mithin. Sprachlich präzise erzählt Patrick Deville vom Gelingen und Scheitern seiner Figuren, von ihrem revolutionären Geist und von den Zufällen, die ihr Schicksal bestimmten. Ein beeindruckendes Kaleidoskop einer von Katastrophen gebeutelten ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts, deren Realität die Fantasie bei weitem übertrifft, wobei hier allerdings die Detailfülle nicht gerade förderlich ist für den Lesegenuss.
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5/5
08.11.2019
Buch (Taschenbuch)
Gewalt und Begegnung
Patrick Deville hat sich mit seiner Schreibweise einen singulären Literaturstil erarbeitet. In seinen Büchern entfaltet er literarisch-dokumentarische Collagen.
In "Viva" geht es um Mexiko in den 30ziger Jahren. Trotzki trifft in Mexiko ein. Deville breitet mit Trotzkis eintreffen in Mexiko explosionsartig ein Netz von Begegnungen und Ereignissen aus. So tauchen neben dem Revolutionär Frida Kahlo, Diego Rivera, Malcolm Lowry, B. Traven, André Breton und Antonin Artaud auf.
Deville setzt in seinen Büchern wiederholt mit historisch bedeutsamen Orten auseinander, die zugleich Brennpunkte von politischer wie kolonialer Gewalt, aber Plätze intellektueller Begegnungen waren.
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4/5
28.05.2020
Buch (Taschenbuch)
Der Abenteuerroman von Patrick...
Der Abenteuerroman von Patrick Deville führt direkt nach Mexiko ins Jahre 1937 der Ankunft Trotzkis in Managua. Gleichzeitig verwebt er mehrere Lebensweg zu einer farbenprächtigen Story rundum Malcolm Lowry, Frida Kahlo und nicht zuletzt Leo Trotzki. Ein Ritt auf dem Vulkan.
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