Colson Whiteheads neuer Roman über die erschütternde Geschichte zweier Jungen – Ausgezeichnet mit dem Pulitzer Preis 2020Florida, Anfang der sechziger Jahre. Der sechzehnjährige Elwood lebt mit seiner Großmutter im schwarzen Ghetto von Tallahassee und ist ein Bewunderer Martin Luther Kings. Als er einen Platz am College bekommt, scheint sein Traum von gesellschaftlicher Veränderung in Erfüllung zu gehen. Doch durch einen Zufall gerät er in ein gestohlenes Auto und wird ohne gerechtes Verfahren in die Besserungsanstalt Nickel Academy gesperrt. Dort werden die Jungen missbraucht, gepeinigt und ausgenutzt. Erneut bringt Whitehead den tief verwurzelten Rassismus und das nicht enden wollende Trauma der amerikanischen Geschichte zutage. Sein neuer Roman, der auf einer wahren Geschichte beruht, ist ein Schrei gegen die Ungerechtigkeit.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
Danyboy
Book Circle Community
5/5
02.11.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Heimmissbrauch und Willkürjustiz
Sooo, trotz “nur” 220 Seiten hatte ich ne Weile an diesem Buch. Nach der “Harlem Shuffle”-Lesung in Zürich hab ich mir zunächst mal “Die Nickel Boys” vorgenommen. Den Pulitzerpreis hat Whitehead dafür gekriegt, sicherlich zurecht…
Worum gehts? Um das “Nickel”, ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche, für jugendliche Straftäter und (angebliche) Tunichtgute.
Wir sind in den frühen 1960er Jahren, das Heim ist zweigeteilt: In einen Teil für Weisse und einen für POC. Unnötig zu sagen, dass die POC-Jugendlichen noch wesentlich schlechter dran sind…
Der Roman zeigt nüchtern und schonungslos den Rassismus der USA auf. Die katastrophale Situation von Farbigen, die Willkür der Justiz und vor allem: Der himmeltraurige Alltag in Heimen und Anstalten. Gewalt, Unrecht in kompletter Willkür.
Die Geschichte dreht sich hauptsächlich um Elwood, ein schwarzer Jugendlicher, der aus Versehen und unschuldig in einen Autodiebstahl verwickelt wird. Dabei war er immer fleissig, rechtschaffen, vielversprechend, intelligent. Und ein Verehrer von Martin Luther King.
Whitehead lässt Elwood an der Welt und der Realität verzweifeln. Die rassistische Umgebung schleift seine Ideale, seine Werte ab. Und dies ist für Leser:innen wie ein Schlag in die Magengrube.
Whiteheads Stil ist nüchtern, knapp, unspektakulär. Manchmal so knapp, dass es für mich den Lesefluss etwas störte. Wer es emotionaler mag, sollte Ann Petrys “Die Strasse” lesen. Aber “Die Nickel Boys” klagen leiser an. Deshalb aber nicht minder wuchtig. Es bleibt Wut und Hilflosigkeit.
Insgesamt dringende Empfehlung!
Bewertung
5/5
11.11.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Nickel Boys
Durch Zufall gerät der sechzehnjährige Elwood in ein gestohlenes Auto und wird in die Besserungsanstalt Nickel Academy gesperrt.
Bewertung
aus Gmunden
5/5
06.05.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
USA - Anfang der 60er Jahre
Durch einen unglücklichen Zufall und einer Reihe unfairer Ereignisse landet der dunkelhäutige Elwood in die mysteriöse Besserungsanstalt NICKEL-Academy.
Auch in unserer heutigen Zeit ist das Thema Rassismus ein unsausweichliches Problem. "Die Nickel Boys" hilft hier einem dabei, Eindrücke aus der Vergangenheit zu erhalten und animiert den Leser mit der Gegenwart zu vergleichen.
Lesenswertes Buch für Jugendliche und Erwachsene!
Bewertung
5/5
07.04.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Keine leichte Kost, aber gute.
Ein großartiges Buch, ein wichtiges Buch, ein schweres Buch. Großartig , weil Whitehead mit wenig Worten viel erzählen kann, wobei man manche Details erst überlist oder erst verspätet wahrnimmt. Wichtig, weil dieses Buch die Geschichte des (amerikanischen, aber gibt es den nicht auch hier) Rassismus' genauer unter die Lupe nimmt und es uns unmöglich macht, seine Grausamkeit zu ignorieren. Schwer, weil es ein Schlag in die Magengrube ist, weil es Gewalt und Schikane nicht versteckt und doch nicht in den Vordergrund stellt, weil es Ironie und die Unfairness der Welt gerade gegenüber der Unschuld so in Szene setzt, dass es weh tut.
Absolute Leseempfehlung!
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4/5
12.06.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Gefangen in Freiheit
„Dieser Roman ist fiktiv, alle Charaktere sind erfunden“, heißt es im Nachwort des Autors. Doch eben jene Fiktionalität, die es Colson Whitehead erlaubt, seinen literarischen Blick auf Menschen und Geschichte in Worte zu kleiden und in eine Dramaturgie einzubetten, ist zutiefst eingebettet Rassismus, Gewalt und Angst historischer Realität der 1960er Jahre Amerikas.
Im Jahr 2017 gewann sein herausragender Vorgängerroman „Underground Railroad“ den Pulitzer Preis. Darin beschrieb er auf eindringliche Weise die mehrjährige Flucht einer jungen Sklavin zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Sklaverei haben die USA zur Zeit der „Nickel Boys“ zwar schon hinter sich gelassen, doch hat sich der Rassenwahn neue Bahnen gebildet:
Elwood ist 16 Jahre alt, zurückhaltend und riskiert auch, unter seinen Freunden als Streber anzuecken, solange er dadurch die Chance erhält, aufs College gehen zu können. Doch kurz bevor dieser Traum Realität werden kann, gerät er in die Mühlen des Zufalls und wird fälschlicherweise als scheinbarer Autodieb in die „Besserungsanstalt“.
In der streng nach Hautfarben getrennten Nickel Academy landen Jugendliche, die straffällig wurden, Jungen, die die Frau oder Tochter des falschen Mannes zu lang angeschaut hatten und ähnliche Schicksale, bei denen die Willkür des staatlichen Systems dem Lebensweg eines jungen Menschen eine neue Richtung verleihen wollte. Innerhalb von durchschnittlich zwei Jahren sollen die Nickel Boys durch eingetrichterten Gehorsam und psychische wie körperliche Züchtigung in sozialverträgliche Mitglieder der Gesellschaft verwandelt werden – so der offiziell nach außen kommunizierte Plan.
Was Elwood in seiner Zeit dort jedoch begegnet, ist der kontinuierliche Versuch seitens der Anstaltsleitung und Betreuer, die Jungen systematisch zu brechen. Isolationshaft, Ausbeutung und körperlicher Missbrauch stehen an der Tagesordnung und wenn jemand eines Tages in sein altes Leben entlassen wird, ist er in den seltensten Fällen immer noch der intakte Mensch, als der er die Nickel Academy betrat.
Dem tief verwurzelten Rassismus stellt Colson Whitehead aufblitzende Begegnungen und Momente entgegen, in denen die Sehnsucht nach Zusammenhalt und Fürsorge spürbar werden. Sein Protagonisten wird angetrieben von seiner Hoffnung auf ein besseres „Danach“, einer Rückkehr in ein Leben in Freiheit und seinem durch Martin Luther King inspirierten Streben nach einer besseren Welt abseits von Schwarz und Weiß.
„Die Nickel Boys“ ist fokussiertes Gesellschaftsportrait, zeithistorisches Drama und gleichermaßen von aktueller Relevanz. Gewalt, Hass und Unterdrückung werden von Elwoods Hoffnungen und Whiteheads virtuos gefühlvoller und bildstarker Sprache konterkariert. Wem „Underground Railroad“ gefallen hat, sei dieser außergewöhnliche Roman sehr ans Herz gelegt.
Elwood ist aufgrund seiner Hautfarbe ganz weit unten in der Hackordnung der Nickel Academy -einer Besserungsanstalt für Jugendliche.
Die nüchterne Schreibweise lassen die Grausamkeiten des rassistischen Amerikas der 60er Jahre noch bewusster werden. Erschütternd geschrieben!
Im Roman “Die Nickel Boys” erzählt der Schriftsteller Colson Whitehead vom jahrzehntelangen Missbrauch von Schützlingen in der Besserungsanstalt Nickel Academy. Es ist aus der Sicht des sechzehnjährigen Elwood geschrieben. Elwood selbst ist eine fiktive Person, die Dinge, die ihm widerfahren sind allerdings real. Die Besserungsanstalt gab es tatsächlich und nachdem unweit der Anstalt ein neues Büroviertel geplant war, stieß man auf einen grausigen Fund: Unzählige im Boden verscharrte Leichen.
Beim Lesen möchte man vor dem erschütternden Leid, dem Rassismus und der Gewalt die Augen verschließen. Ähnlich ging es dem Schriftsteller, der bezüglich seiner Recherchearbeit, im Interview mit der L.A. Times folgendes sagte: “I’ll never go there. It's a place of incredible evil.”
Colson Whitehead, der für seinen letzten Roman „Underground Railroad“ über die amerikanische Sklaverei mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnet wurde, lotst den geneigten Leser auf zwei Zeitebenen zu einem grausamen Ende. Auf der ersten begegnen wir Elwood als Jugendlichen, der unrechtmäßig verurteilt worden ist und sein Dasein in der Anstalt fristete. Auf der zweiten Zeitebene lernt der Leser den Erwachsenen kennen, der rückblickend auf die Ereignisse der „Nickel Boys“ blickt. Langsam erschleicht sich eine Ahnung und dennoch hofft man als Leser, dass alles gut ausgehen wird. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zu Letzt.
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