Hausarrest im Herzen Moskaus - und doch ein ganzes Leben voller Menschlichkeit.
Hinter den Mauern eines Grandhotels wird das Leben neu verhandelt. Wo draußen Geschichte tobt, zählt drinnen nur der Mut, sich selbst treu zu bleiben.
Russland im Umbruch, ein Land zwischen Revolution und Neubeginn. Im legendären Hotel Metropol wird Graf Rostov zum Zeugen und Gestalter einer Epoche. Als ihm ein kleines Mädchen anvertraut wird, verändert sich sein Leben grundlegend: Aus Verantwortung und Fürsorge wächst eine stille Heldengeschichte, die weit über die Mauern des Hotels hinausreicht. Während draußen Geschichte geschrieben wird, entdeckt Rostov in der Enge des Hausarrests, dass Menschlichkeit und Hoffnung selbst in den dunkelsten Zeiten ihren Platz behalten - und dass manchmal ein Kind genügt, um die Welt neu zu sehen.
Wer große Gefühle, historische Kulissen und außergewöhnliche Lebenswege liebt, wird in diesem Roman eine neue Lieblingsgeschichte finden.
»Towles ist ein Meistererzähler.« New York Times Book Review
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Tolle Erzählkunst!
LaberLili am 20.01.2021
Bewertungsnummer: 1047072
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Ich gebe zu, dass ich gar nicht erwartet hatte, dass mir dieser Roman so gut gefallen würde, obschon ich definitiv von vornherein mit keinem Reinfall gerechnet hatte. Aber ich war doch besorgt, dass sich die Geschichte letztlich sehr in all den politischen Unruhen und gesellschaftlichen Umbrüchen vor den Türen des Hotels verheddern würde, aber „Ein Gentleman in Moskau“ ist völlig konzentriert auf diesen Landadligen und sein Dasein im Hotel Metropol, in welchem er sich vom noblen Gast notgedrungen, aber auch voller Raffinesse in neues, gesellschaftlich eher geächtetes Dasein einfügt, ohne tatsächlich geächtet zu werden, denn fortan ist er trotz des neuen Mitarbeiterstatus ein respektiertes Bindeglied zwischen den sich immer stärker auflösenden Gesellschaftsschichten.
Graf Rostov ist ein echter Gentleman, wahrlich stilvoll, und seine Hingabe an diese Eleganz zeigt sich sehr überraschend vor Allem zum Schluss, wenn er eher beiläufig bekundet, was er (nie) getan habe und damit seinen seit Jahrzehnten andauernden Hausarrest prinzipiell eher ad absurdum führt und damit die immense Loyalität, der er sich immer ergeben hat, erst enthüllt. Dieses „Geständnis“ fand ich wahrlich verblüffend und zugleich wurde es so kurz und eher nebenher angesprochen, dass mir dessen tatsächliche Bedeutung erst einige Seiten später plötzlich durch den Kopf schoss.
Ich fand Rostov eine sehr angenehme Hauptfigur; er ist sehr leger, sehr anpassungsfähig und hadert hier nie mit seiner persönlichen Situation, begegnet den gegenwärtigen Veränderungen mit Neugier, teilweise auch mit besonderer Raffinesse. Das gesamte Leben im Hotel ist so lebensecht dargestellt, dass man sich nahezu selbst in die Szenerie versetzt glaubt; die erzählerische Atmosphäre erinnerte mich stark an die Aura der Gegenwart, von welcher der Film „Grand Hotel Budapest“ erzählte: schick, zurückhaltend, vom äußeren Wandel geprägt, aber voller inniger Beziehungen.
„Ein Gentleman in Moskau“ ist einfach ganz wunderbar erzählt, ein Zeugnis guten Benehmens sowie Respekts, ein Schriftstück voller tiefgründigerem Interesse und letztlich der Spiegel eines Umgangs, wie man ihn der Menschheit untereinander gerne wünschen würde; Zusammenhalt auch unter widrigen Umständen und das Bemühen, immer das Beste aus den gegebenen Situationen zu machen, welche man nicht so einfach verändern kann. Zugleich ist aber auch ein Aufruf enthalten, sich gegen das aufzulehnen, was man niemals zu akzeptieren bereit ist und füreinander einzustehen.
Ich habe diesen Roman sehr, sehr gerne gelesen; der Inhalt hallt nach, ohne zu bedrücken, ohne zu erdrücken, ohne zu ängstigen, aber man möchte das Gelesene doch nochmals reflektieren. Zumindest erging es mir so und ebenso erging es mir so, dass es mich letztlich ein wenig überraschte, dass die Printausgabe 560 Seiten beinhaltet. Ich fand das erzählte so kurzweilig geschrieben, dass ich kaum drei Abende daran gelesen habe.
Würde man in diesem Jahr „Lesetipp“-Stempel mit dem zusätzlichen Druck „Literarisch wertvoll“ auf Bücher stempeln wollen, wäre „Ein Gentleman in Moskau“ sicherlich auf Seiten der Romane, die diesen Aufdruck verdienten!
Da mir der Roman im eBook-Format vorliegt, bin ich mir unsicher, ob der Satz tatsächlich dem nun letztlich vertriebenen digitalen Exemplar entspricht: Sollte das Endprodukt tatsächlich mit meinem Vorab-Exemplar identisch sein, ist das Problem der Fußnoten allerdings unbefriedigend gelöst. Nahezu jedes Kapitel beinhaltet zumindest eine „Sternchen-Erklärung“, welche dem Kapitel letztlich angehängt ist, aber zumindest im Falle meines Exemplars waren Sternchen und zugehörige Erläuterung nicht verlinkt, so dass ich häufig am Ende eines Kapitels Erläuterungen vorfand, von denen ich nicht mehr wusste, worauf sie sich eigentlich bezogen. Besondere Verständnisprobleme haben sich zwar nicht vor mir aufgetan, aber diese „Zusammenhanglosigkeit“ bzgl. der Fußnoten fand ich in meinem digitalen Exemplar dann doch schon ein wenig ärgerlich. Dies ist aber auch mein einziger echter Kritikpunkt, wobei ich letztlich aber ohnehin keine tatsächlichen Verständnisschwierigkeiten hatte. Dennoch hätte ich mir da auch in meinem digitalen Leseexemplar ein wenig mehr „Kopplung“ zwischen den betreffenden Textstellen und den entsprechenden Erläuterungen gewünscht.
Brillantes Kaleidskop russischer Geschichte des 20. Jahrhunderts
kingofmusic aus Bielefeld am 20.01.2021
Bewertungsnummer: 1072583
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Oh Mann, was war das für ein verrücktes (literarisches) Jahr 2017 Mit insgesamt rund 70 Büchern und Kurzgeschichten war es für mich rekordverdächtig ha ha ha. In die lange Reihe von Highlights hat sich zum Ende des Jahres noch mühelos Ein Gentleman in Moskau von Amor Towles eingereiht.
Wir begleiten beim lesen Graf Alexander Rostov bei seinem 1922 verhängten lebenslangen Hausarrest im Hotel Metropol in Moskau. Ein jeder von uns würde wahrscheinlich verzweifeln, wenn er nie wieder das Haus verlassen dürfte. Und auch Graf Rostov ist irgendwann verzweifelt, hat aber durch den Rückhalt seiner zahllosen Freunde im Hotel Metropol schnell den Punkt überwunden und macht das einzig richtige in dieser Situation: er arrangiert sich mit seinem Hausarrest, übernimmt einen Job als Kellner in einem der Restaurants im Metropol und beobachtet dabei alles, was es zu beobachten gibt.
So weit so fiktiv. Das Großartige an diesem Roman ist aber der gleichzeitige Blick auf die russische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Wir (die Leser) werden Zeuge der Stalin-Ära in Russland, erleben die Einführung des Fünfjahresplans, erfahren von der Medienzensur der Regierung all das vorgetragen in einer (be)ruhigen(den) Sprache, die ich schlichtweg großartig fand und die ich in Anlehnung an eine Passage im Buch die Poetik des Schweigens nennen möchte.
Das Buch bricht nicht wirklich aus, es wird nie laut. Trotzdem ist es zu keiner Sekunde langweilig. Im Gegenteil: die zahlreichen Hinweise auf (russische) Literatur, Musik und die schon bereits genannten politischen (Hintergrund)-Informationen sind fesselnd und werden mit einer großen Prise subtilem Humors vorgetragen.
Und so sollte jeder Fan anspruchsvoller Literatur, der sich (nicht nur) für die russische Geschichte interessiert, dieses wunderbare Buch gelesen haben!
Meinung aus der Buchhandlung
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33 Jahre sind eine lange Zeit; vor allem, wenn man unter Hausarrest steht. Da tröstet es auch nur eingeschränkt, wenn das eigene Gefängnis das Moskauer Grandhotel Metropol ist. Dieses Schicksal erleidet Graf Alexander Iljitsch Rostov, der im Jahr 1922 aus Frankreich in sein Heimatland zurückkehrt. Dort hat man im Zuge der Russischen Revolution den Adelsstand abgeschafft und die meisten seiner Angehörigen, verfolgt, vertrieben oder schlichtweg ermordet. Dieses letzte Schicksal bleibt ihm erspart, jedoch darf er bis zu seinem Tod die Hallen des Luxushotels nicht mehr verlassen und muss überdies aus seiner Suite in ein wenige Quadratmeter großes Kämmerchen ziehen.
Während die Welt um den weitgereisten und vielschichtig belesenen Grafen schlagartig klein und überschaubar wird, spielt sich vor seinem Fenster im Verlauf von über drei Jahrzehnten große Weltgeschichte ab; Revolutionen kommen und gehen, ein Weltkrieg tobt, Frieden und Offenheit kehren zurück. Doch von all dem bekommt der überaus charismatische Protagonist von Amor Towles Roman nur am Rande etwas mit; wenn etwa Politiker oder Journalisten Platz nehmen in einem der Restaurants des Metropols oder sich anderweitig die Neuigkeiten des Tages bis in seine Kammer herumsprechen.
Seine Perspektive verändert sich schlagartig, als eines Tages eine alte Bekannte auftaucht und ihn bittet, zum Adoptivvater ihrer kleinen Tochter zu werden. Aber wie soll er sie bei ihrem noch weiten Weg durchs Leben begleiten und unterstützen, wenn er nicht mit ihr hinaus in jene Welt kann, auf die er sie vorbereiten möchte?
„Ein Gentleman in Moskau“ ist ein großartiger Roman, elegant und ständig im Fluss erzählt, mit poetischer und zugleich unprätentiöser Sprache. Im Mittelpunkt ein charmanter und glaubwürdig optimistischer Protagonist, der sich von einem scheinbar schweren Schicksal nicht beirren lässt. 33 Jahre sind eine lange Zeit, aber zugleich die genau richtige, um am Ende einer langen Reise einen neuen literarischen Freund gefunden zu haben.
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