Um Christi Geburt war Europa zweigeteilt in den hochentwickelten Süden der Mittelmeerkulturen und den unentwickelten Norden germanischund slawisch sprechender Stammeskulturen. Diese kannten weder die Schrift noch den steinernen Siedlungsbau, ein stehendes Heer oder die Geldwirtschaft, geschweige denn Städte mit Feuerwehr und Müllabfuhr. Wie konnte der »Ansturm der Barbaren« dem römischen Imperium den Todesstoß versetzen? Peter Heather stellt diese alte Frage im Licht der Erkenntnisse zur Ethnogenese und der modernen Migrationsforschung neu. Vom Hunnensturm bis zu den Wikingern untersucht er die Dynamik der europäischen Wanderungsbewegungen. Die sozialen und wirtschaftlichen Wechselwirkungen zwischen beiden Kulturräumen veränderten diese von Grund auf und ließen sie langfristig zu einer neuen kulturellen Einheit werden: dem Europa, das wir in weiterentwickelter Form noch heute kennen.
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Fortsetzung von "Der Untergang des römischen Weltreichs"?
Bewertung am 05.06.2024
Bewertungsnummer: 2216874
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Zuweilen wird dieses Buch als zweiter Teil einer Trilogie angesehen, die mit "Der Untergang des römischen Weltreichs" begann und mit "Die Wiedergeburt Roms" zum Abschluss gebracht wird. Mit über 16 Jahren hat sich Peter Heather laut eigenen Angaben dafür mehr Zeit genommen als für jedes seiner anderen Werke. Auf dem Einband wird diesmal die NZZ mit "Ein großer Wurf" zitiert.
Um es kurz zu machen: Ich bin nicht so begeistert. Der Text scheint sich ständig im Kreis zu drehen, immer neue Fragen führen zu immer gleichen Antworten, ganze Passagen werden vielfach wiederholt. Eine Straffung wäre dringend wünschenswert gewesen - vielleicht hat der Autor während der langen Entstehungszeit etwas den Überblick verloren? Dabei gibt sich die deutsche Ausgabe als leicht gekürzte Fassung des englischen Originals zu erkennen.
Der etwas kryptische Titel spielt auf die sogenannte Invasionshypothese an, nämlich dass sich bei der "Völkerwanderung" ganze Gesellschaften von Punkt A, wo sie eine entvölkerte Landschaft hinterlassen, nach Punkt B, wo sie die einheimische Bevölkerung vertreiben oder töten, begeben haben. Diese gilt unter Fachleuten als gründlich überholt. Vielleicht etwas zu gründlich, meint der Autor. Er versucht daher bei jeder Gelegenheit herauszuarbeiten, wie groß die Verbände tatsächlich waren, die sich bewegt haben. Handelte es sich beispielsweise um einen Wissens-/Techniktransfer durch Kaufleute (wenn heutige Archäologen andersartige Tonscherben finden, könnten ja einfach die damaligen Töpfer dazugelernt haben), haben Krieger die ansässige Bevölkerung unterworfen oder haben sich tatsächlich ganze Familien angesiedelt? Auf mich wirken diese Betrachtungen oft akademisch.
Etwa das erste Drittel des Buchs befasst sich mit den Geschehnissen, die schon in "Der Untergang des römischen Weltreichs" behandelt wurden. Anschließend richtet es den Blick auf die Franken und - für mich der interessanteste Teil - den Aufstieg der Slawen in Mittel- und Osteuropa. Im letzten Drittel kommen noch die Wikinger in den Fokus, bevor eine Gesamtschau des ersten Jahrtausends unserer Zeitrechnung versucht wird.
Politisch korrekter Zeitgeist
Bewertung am 01.10.2025
Bewertungsnummer: 2612671
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Mir scheint Peter Heather ist Teil der politisch korrekten "Avantgarde" des Zeitgeists. Selbst jahrhundertealte Insititutionen wie die Oxford University der er angehört sind ihr wie wir inzwischen wissen, verfallen.
Ich bin kein Historiker und mir fällt auf, dass wie in anderen "Wissenschaften" auch die politische Agenda der Universalisten umgesetzt werden soll.
So auch in diesem Buch, das radikal mit den bewährten, gut untersuchten Thesen der früheren Generationen bricht.
Für mich ist das Buch und der Autor eine einzige Enttäuschung.
Meinung aus der Buchhandlung
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Geschichte mit der Migrationsforschung interpretiert
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Man möge mir meine laienhaften Bemerkungen zum Buch verzeihen, da ich kein Historiker bin. Sicherlich, Peter J. Heathers (Professor für mittelalterliche Geschichte am Kings College in London) neue Buch zum "Untergang des römischen Reiches" ist nachvollziehbar und anschaulich geschrieben, und stützt sich dabei auf umfangreiche Forschungen. Dennoch stellte sich mir beim Lesen ein Unbehagen ein.
Heather gehört zu einer neuen Generation von Historikern (wie auch Ward-Perkins), die unsere "liebgewonnenen" Vorstellungen von der Spätantike und dem Mittelalter umschreiben möchten. Hierbei bedient sich Heather in seinem neuen Buch "Invasion der Barbaren" der Migrationsforschung.
Womit will der Revisionismus von Heather aufräumen? 1.) Mit der Vorstellung von reinen und geschlossenen Formen kultureller, politischer oder sozialer Einheiten, ob nun als Völker, Stämme, Nationen o.ä. 2.) Mit der Annahme, dass das römische Reich an der eigenen Dekadenz unterging. 3.) Mit der Vorstellung, dass die Völkerbewegung eine Wanderung großer Volkseinheiten (Vandalen , Hunnen, Goten usw.) war. 4.) Und mit der Annahme, dass Migrationen harmlos sind.
Zu welchen Ergebnissen kommt Heathers Umschreibung der Geschichte? 1.) Kulturelle bzw. politische Identitäten sind weder naturgegeben, in sich geschlossen bzw. kontinuierlich historisch (Ethnogenese, Traditionskerne) gewachsen. Vielmehr performieren sich Identitäten durch die Handlungen der Akteure (durch Wahl bzw. Zuschreibung). 2.) Das römische Reich zerfiel nicht aufgrund der eigenen Dekadenz, sondern durch Migration, d.h. durch ein mehr oder weniger gewaltsames Eindringen von Außen. Dabei bezieht sich Heather u.a. auf die "push and pull"-Theorie bzw. auf Sogfaktoren und Distanz- und Gravitationsmodelle der Migrationsforschung. 3.) Um den Untergang des römischen Reiches zu beschreiben, benötigt Heather auch keine großen Migrationsgruppen oder ganze wandernde Völker. Ihm reichen kleine Migrationen von Zweckgemeinschaften oder heterogene Gruppen mit einer hohen Fluktuation, um Brüche und Umwälzungen in der Geschichte aufzuzeigen. 4.) Auch ist Heather kein Anhänger der These, dass die Migration ein harmloser Akt wäre. Aus seinen Forschungen zieht er den Schluss, dass die mit der Völkerwanderung einhergehenden Zerstörungen und destruktiven Entwicklungen bislang nicht genügend beachtet wurden.
Ein gewisses Unbehagen bereitete mir Heathers Vorstellung von einer politischer Verfassung und deren Feindschaften. Keine Frage: Es ist gut, dass man mittlerweile auch in der Geschichtswissenschaft von Theorien der Ethnogenese und Völkertheorien abrückt. In dieser Hinsicht haben die postcolonial studies innerhalb der Politikwissenschaft bzw. in der politischen Philosophie schon einiges bewirkt. Ob man jedoch im Austausch der Dekadenz-Theorie mit den Theorien der Migrationsforschung die Verfassung und Destruktion des Römischen Reiches erklären kann, oder ob man nicht nur die politischen Feinde des Reiches austauscht (innerer Feind "Dekadenz" gegen äußere Feinde "Migranten"), bleibt dahingestellt. Möglicherweise bleiben das Politische und dessen Aporien unverstanden, wenn von politischen Feindschaften ausgegangen wird.
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