Illegaler Handel, ein Banküberfall, drei Morde - um nicht weniger geht es in Richard Fords sprach- und bildgewaltigem Roman. Dells Eltern sind nach einem gescheiterten Banküberfall in Montana festgenommen worden; er selbst ist zu seinem Schutz nach Kanada gebracht worden. Nun trifft er dort in einem einsamen Städtchen auf eine merkwürdige Schar. Bei Arthur Remlinger kann er unterschlüpfen - doch der Besitzer eines heruntergekommenen Jagdhotels erweist sich als ein Mann mit dunkler Vergangenheit. Inmitten der überwältigenden Landschaft von Saskatchewan entfaltet sich die Geschichte einer schmerzvollen Passage in die Welt der Erwachsenen, wo es keine Unschuldigen geben kann.
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
Bewertung
5/5
29.10.2012
Buch (Gebundene Ausgabe)
Außenseiter
Eine Kindheitserinnerung, die wir alle teilen: das Flüstern der Eltern, hinter verschlossener Schlafzimmertür. Was die Wenigsten betreffen wird, ist, dass die Erwachsenen planen, eine Bank zu überfallen.
Gebildete Leute, der Vater Air-Force-Offizier, sie Lehrerin. Liebevolle Eltern von zweieiigen Zwillingen.
Der letzte Coup - Hehlerei mit gestohlenen Rinderhälften - ging gründlich schief. Sie werden erpresst und brauchen dringend Geld. Aber auch der Banküberfall endet in einem Desaster.
"Hätte dieser drittklassige, unüberlegte Plan nicht unser ganzes Leben verändert, er wäre zum Lachen gewesen ... ."
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des Sohnes, Dell. Ein vielseitig interessierter Junge, der unbedingt auf's College wollte. Nachdem die Eltern in Handschellen abgeführt werden, trennen sich die Wege der Geschwister; nach einer - zugegeben - sehr innigen Verabschiedung. Dell wird mit seinen Siebensachen nach Kanada, in ein einsames Präriestädtchen, gebracht und kommt dort in die Obhut des exzentrischen Hotelleiters.
Richard Fords KANADA ist die Chronik eines Verbrechens, eine Folge der Ereignisse. Rückblickend beschreibt er das abrupte Ende einer Kindheit, nach dem Scheitern der Eltern. Mit absolutem Sensorium legt er den Seelenzustand eines immerwährenden Außenseiters offen, erzählt von einem turbulenten Leben ohne solide Basis, ohne Stetig- und Verlässlichkeit. Dabei ist Fords Held Dell nie hoffnungslos oder pessimistisch.
KANADA ist ein großartiger detaildimensionierter, gezielt pointierter, sprachpolierter Roman.
Martin Bär
aus St. Johann
5/5
31.08.2012
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wie wird man zum Bankräuber und wie wirkt sich das eigene Handeln aus?
Dell Parsons blickt mit dem Abstand von fünfzig Jahren auf den Sommer 1960 zurück, in dem seine Familie implodierte: die Eltern verübten einen Banküberfall, wurden aber bald gefasst, der damals 15-jährige Dell kam zu Verwandten nach Kanada und seine Zwillingsschwester flüchtete, bevor die Jugendwohlfahrt sie holen konnte.
Dells Vater Bev ist ein ehemaliger Airforce-Soldat, die Familie ist bisher alle paar Jahre in einen anderen Dienstort umgezogen, so konnten die Kinder nicht wirklich Freunde gewinnen, waren überall Außenseiter. Vielleicht rührt daher dieser etwas abgebrühte Ton, mit dem Dell die ganze Geschichte erzählt. Die Eltern sind ein ziemlich ungleiches Paar, die Eltern der Mutter haben die Hochzeit mit dem gutaussehenden, aber ungebildeten Soldaten nie gebilligt und Neeva, so der Name der Mutter, sah sich bald als zu kurz gekommene. Sie fühlte sich eher als Künstlerin in einer großen Stadt als als Hausfrau mit zwei Kindern in einem Airbase-Kaff am Ende der Welt.
Bev quittiert den Dienst bei der Airforce und will endlich Wurzeln schlagen. Er verwickelt sich aber in krumme Geschäfte, und dann sieht er nur einen Ausweg: ein Banküberfall. Leider wird dieser Überfall wirklich dilettantisch durchgeführt, und schon bald werden die Eltern verhaftet. Diese Szene, in der zwei Polizisten Bev und Neeva vor den Augen der Kinder die Handschellen anlegen und sie wegbringen, ist für mich eine der stärksten des Buches.
Dell kommt nach Kanada zu Verwandten und in eine für ihn völlig fremde Welt mit ziemlich eigenwilligen Gestalten, der Hotelbesitzer Artur Remlinger ist ein zwielichtiger Typ, und so wird dieser Sommer für ihr doppelt dramatisch
Ich war von dem Ton, in dem Richard Ford diese Geschichte erzählt, hellauf begeistert, so lakonisch und unaufgeregt werden hier die wildesten, dramatischsten Geschichten erzählt, das ist wirklich große Kunst. Große Empfehlung, ein tolles Buch!
Gisela Busemann
aus Leer (Ostfriesland)
5/5
24.08.2012
Buch (Gebundene Ausgabe)
Kanada. Sprach- und bildgewaltig!
Es gibt viele Bücher,die über die grenzenlose, geheimnisvollen Weite der kanadischen Prärie erzählen. Dem amerikanischen Schriftsteller Richard Ford ist es gelungen mit seinem Roman Kanada uns diesen einmaligen Landstrich sprach- und bildgewaltig zu vermitteln.
Der junge unschuldige Romanheld Dell muss die schmerzhafte Erfahrung machen, dass seine Eltern nach einem misslungenen Banküberfall festgenommen werden. Was soll aus ihm und seiner aufmüpfigen Schwester Berner werden. Zu seiner eigenen Sicherheit wird er in ein kleines einsames Städtchen gebracht. Berner zieht ruhelos durch die Staaten. In dem gottverlassenen Kaff trifft er auf viele merkwürdige Gestalten. Als er bei Arthur Remlinger unterschlüpfen kann erweist es sich nicht als Glücksfall. Die früheren Untaten des Besitzers eines Jagdhotels ziehen jedoch immer neue Verbrechen nach sich und Dell wird in diese verstrickt. Doch das Schicksal ist manchmal gnädig. Nach vielen Irrungen findet er mit Hilfe der Präriequeen Charley Quartes den Weg zurück in ein geordnetes, gewöhnliches Leben.
Doch wie so oft im Leben, die Erinnerungen und Erfahrungen kann Dell nie ganz hinter sich lassen.
Als seine alkoholkranke Schwester Berner an Krebs stirbt zieht er unter sein bisheriges Leben einen endgültigen Schlussstrich.
Richard Ford wurde 1944 in Jackson, Mississippi geborgen und lebt heute in Maine. Er hat viele Romane und Novellen, Kurzgeschichten und Essays geschrieben. 1996 erhielt er den Pulitzer Prize.
Volker Jentsch
4/5
11.03.2013
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich mag die amerikanischen…
Ich mag die amerikanischen Familienromane, wie z.B. die Bücher von John Irving „Last night in twisted river“ oder „The world according to garp“; oder „Freedom“ von Jonathan Frantzen. Auch wenn sie überlaufen von konstruierten Situationen, in denen Sex und Gewalt dominieren. Das macht sie bis zu einem gewissen Grade auch wieder unerträglich. Aber sie langweilen mich nicht, und es gibt immer etwas, finde ich, das herausragend beschrieben wird und über das nachzudenken sich lohnt. Im Gegensatz zur neueren deutschen Literatur der jüngeren Generation, die mich nichts anderes als überwiegend langweilt. Mir gefällt, ganz im Sinne des Vorangehenden, auch das Buch „Canada“ von Richard Ford, das ich in Englisch gelesen habe. In diesem Buch halten sich Sex und Gewalt in Grenzen; aber es ist ähnlich unwirklich wie Irvings Geschichten: Die ungleichen Eltern rauben eine Bank aus, um ihre Ehe-Probleme zu lösen; der Mann um mit dem Geld die Ehe aufrecht zu erhalten, die Frau um mit dem Geld die Ehe zu beenden und zusammen mit ihren Zwillings-Kindern ein neues Leben zu starten. Der Bankraub mißlingt, weil dilettantisch vorbereitet, die Eltern müssen ins Gefängnis und die Zwillinge werden getrennt. Der Junge mit dem eigentümlichen Vornamen Dell ( ich mußte immer wieder an den Computer Hersteller denken) wird vor dem Zugriff des amerikanischen Jugendamtes in Canada verborgen gehalten, lebt dort in einer Hütte („shack“) und muß als Kind eine andere, aber nicht bessere Welt als im Haus der Eltern akzeptieren; das Mädchen mit dem eigentümlichen Vornamen Berner setzt sich ab und lebt bis zu ihrem Ende ein unglückliches Leben in unübersichtlichen Verhältnissen. Eigentlich kann das, was Ford erzählt, so nicht passieren, und doch habe ich beim Lesen die Geschichte als Realität empfunden, wie das? Ich glaube, weil die Gestalten selbst, allesamt skurrile und randständige Erscheinungen, eine Wirklichkeit aufbauen, die mit der tagtäglichen wenig zu tun hat, aber eine mögliche Variante derselben sein könnte. Und sehr zu Herzen geht. Die Szene, als die Geschwister die Eltern im Gefängnis besuchen und zumindest ahnen, dass sie sich nicht wieder sehen werden (Kap. 36+37), diese Szene ist herzzerreißend. Fords Dialoge im Gefängnis spiegeln die ganze Vergeblichkeit, Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit, die dieser Familie innewohnt, und es ist die Dürre in seinen Worten, diese unsägliche Dürre, die die Reduziertheit der Gefühle in der Familie glaubwürdig vermittelt. Gefühle wollen hochkommen, aber sie können sich nicht entfalten, denn sie haben keine Basis, die Beziehungen zwischen den Kindern und Eltern geben nichts her, sie sind, trotz gelegentlich verzweifelter Anstrengungen, nur Fragmente, denen das Gemeinsame fehlt. Was dann folgt, die Entwicklung von Dell in Canada in einer wiederum skurrilen, umgedrehten Gesellschaft, halte ich für schwächer; vielleicht weil kaum mehr von Berner die Rede ist, die ich für die stärkere Figur des Romans halte. Zum Schluß dann noch einmal Lebensweisheit; Ford sagt (sinngemäß): „toleriere den Verlust, dann hast du eine bessere Chance, zu überleben. Erhalte das Gute, auch wenn es schwer zu finden ist. Wir alle versuchen es.“ Ich habe es auch versucht, zum Beispiel mit „Canada“. Aber dort das Gute zu finden ist tatsächlich nicht leicht. Ich fand eher das Böse, aber wie tröstlich, dass es eben doch nur das Böse in Fords Buch ist.
Bewertung
3/5
05.10.2012
Buch (Gebundene Ausgabe)
Skurrile Geschichte über das Erwachsenwerden
Woran erkennt man, das die eigenen total normalen Eltern zu Bankräubern werden? Dell Parsons, Hauptfigur im neuen Roman von Richard Ford, versucht dies im ersten Teil des Buches herauszufinden. Denn danach nahm sein Leben eine abrupte Wendung: Die Eltern im Gefängnis, er ins Hinterland Kanadas zu völlig fremden Menschen geschickt und keine Ahnung wie das Leben weitergehen soll. Auf naive teils langatmige Weise erzählt Richard Ford dieses Schicksal.
Der Anfang des Buches ist besser als das Ende. Der grosse Höhepunkt fehlt leider.
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5/5
06.10.2012
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Grenze und deren Übertretung
Kanada. Eine Geschichte, die von Grenzen und deren Überschreitungen handelt. Kindheit / Erwachsensein. USA / Kanada. Vor dem Verbrechen / Nach dem Verbrechen. Usw.
Es gibt viele Schriftsteller, die sich mit der Grenze und deren Übertretung beschäftigten: Jünger, Bataille, Bowles, Celine, Leiris usw. Zu dieser Literatur gehört nun Richard Ford.
Der Roman ist jedoch keine Auslotung der existenziellen Grenzen, in deren Überschreitung der Erzähler eine befreiende, rauschhafte oder destruktive Erfahrung macht. Der Roman bleibt eher nüchtern in seiner Schilderung, die großartig ist. Bestechend ist die Erwartungslosigkeit, die der Grenzüberschreitung keinen Mehrwert zuschreibt.
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