Elektrenai, 1962 als "erste atheistische Stadt der Sozialistischen Sowjetrepublik Litauen" aus dem Boden gestampft; Smolník, die mittelalterliche Bergbaustadt im Süden der Slowakei; Kudrjawka, eine vergessene Containersiedlung im ukrainischen Niemandsland: drei Orte in Osteuropa, drei Schauplätze deutscher Geschichte und Gegenwart. Von der Ostsee bis ans Schwarze Meer ist Karl-Markus Gauß, der literarische Kartograph des unbekannten Europa, gereist, auf der Suche nach den versprengten Deutschen.
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4/5
25.11.2025
Buch (Taschenbuch)
Auf Spurensuche deutscher Vergangenheit
Deutsche Sprachinseln sind Regionen unserer Welt, in welchen meist ältere Formen der deutschen Sprache erhalten geblieben sind. Diese entstanden oft, wenn sich Landesgrenzen in Europa verschoben haben oder etwa wenn eine große Gruppe an Menschen des deutschen Sprachraums im Herzen Europas sich auf die Suche nach einer neuen Heimat begeben hat. Gerade in Zeiten, in denen Vertreibung, Flucht und auch Besinnung auf einst wichtige Werte unserer Gesellschaft wieder in die Mitte des Tagesgeschehens rücken, hat auch dieses Thema wieder einen wichtigen Stellenwert.
Karl-Markus Gauss, ein aus Salzburg stammender Autor, hat sich Anfang der 2000er Jahre auf die Suche nach diesen Sprachinseln gemacht. Seine Suche führte ihn in drei sehr unterschiedliche Regionen Westeuropas, in denen sich eigentlich eine ursprüngliche Form der deutschen Sprache in Form einer „Exklave“ erhalten hat. Hier liegt übrigens auch die kleine Schwäche des Buches: Ich war der Meinung es handle sich hier um Menschen, die des Deutschen in einer älteren Form noch mächtig sind, das ist leider in gleich mehreren Fällen nicht so.
Seine Reise führt ihn im ersten von drei Teilen nach Litauen, danach an die Zips und das Schwarze Meer. Dieses Land ist, ähnlich wie die Donaumonarchie, ein Schmelztiegel verschiedener europäischer Kulturen und zugleich auch leider immer mal wieder ein Zankapfel der europäischen Großmächte des 20. Jahrhunderts. Durch Vertreibung, Deportation und leider sogar, noch schlimmer, sogenannte „ethnische Säuberungen“, wurden hier fast alle Spuren der deutschen Geschichte und Vergangenheit ausgelöscht. In Litauen befinden sich, so erfährt man, knapp 40 konkurrierende Gruppen und Vereine, die sich selbst als „Deutsch“ bezeichnen, jedoch aufgrund der Katastrophen zweier Weltkriege eine entwurzelte Randgruppe darstellen. Außerdem können fast keine der betroffenen Personen Deutsch sprechen oder verstehen, was die Zugehörigkeit als Randgruppe dann doch etwas in Frage stellt.
Das war eine neue Erkenntnis für mich, denn ich hatte zuvor noch nie von Russlanddeutschen oder Litauerdeutschen gehört. Deutsche Sprachgebiete aus der deutschen Kaiserzeit oder bei uns die Donaumonarchie haben ja in gleich mehreren Wellen zum Auswandern in die Regionen "Memel" oder "Pommern" geführt. Auch in Rumänien gibt es die Region Siebenbürgen, die heute noch eine deutsche Sprachexklave in Form von drei kleinen Orten hat. Diese spielen jedoch hier kaum bis gar keine Rolle, was ich mir eigentlich erwartet hätte.
Man erfährt viel über Vertreibungen, welche die unterschiedlichen Formen des Faschismus oder Stalinismus herbeigeführt haben. Die Nachfahren der entwurzelten Menschen beklagen sich teilweise über eine Welt, die so schon seit Jahrzenten nicht mehr existiert und vielleicht in einer derart geschönten Form gar nie existiert hat.
Interessant zu lesen, auch wenn ich leider sagen muss, dass ich mir hier an vielen Stellen etwas anderes erwartet habe. Mich hätten vor allem die Menschen interessiert, die heute in europäischen Sprachinseln oder auch anderen Regionen der Welt leben, wo nach wie vor eine ältere Form von Deutsch gesprochen wird. Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts und die geschichtlichen Hintergründe kennen wir aus der Schule, da war wenig Neues dabei. Erschütternd sind allerdings die Parallelen zu den Kriegen und Krisen unserer Zeit.
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