Meine letzte RezensionTroubadourvon Christoph Görg
Nikolaus „Niki“ Wolff ist ein 19-jähriger Rekrut des österreichischen Bundesheeres, der schwer an Liebeskummer leidet. Seine Kinderliebe Tina heiratet heute einen anderen Mann, und Niki ist verzweifelt. Er betrinkt sich mit billigem Weißwein und begibt sich im winterlichen Schneegestöber auf die Ruine Dürnstein des Jahres 2017, auf eine Burgmauer. Es kommt, wie es kommen muss: Er rutscht aus und fällt in die Tiefe. Allerdings stirbt er nicht, sondern erwacht am gleichen Ort, aber in einer anderen Zeit. Niki hat unbeabsichtigt eine Zeitreise ins Jahr 1193 unternommen! Noch dazu hat er seine Erinnerung an sein früheres Leben verloren.
Zu dieser Zeit ist niemand Geringerer als Richard Löwenherz auf Dürnstein inhaftiert. Seine Gefangennahme ist gegen Lösegeld aus England unter seinem jüngeren Bruder Prinz John noch nicht über die Bühne gegangen. Daher obliegt es dem auf der, zu diesem Zeitpunkt in voller Blüte stehenden, Burg Dürnstein herrschenden Geschlecht der Kuenringer, ihn zu bewachen. Niki hat natürlich nur das Wissen seiner Schulbücher und daher nur sehr oberflächliche Kenntnisse seiner Umgebung. Schnell wird ihm aber klar, dass er sich hier auf einen längeren Aufenthalt einstellen muss.
Da er, so wie jeder andere auf der Burg auch, eine Funktion zum Wohle der Gemeinschaft erfüllen muss, kommt er auf die Idee, sich als Troubadour, als fahrender Sänger und Spielmann, auf Burg Dürnstein einen Namen zu machen. Er lernt viel über die hochmittelalterliche Lebensweise. Als Teil des ihm zugeteilten „Bauernsturms“ ist er schnell und geschickt im Umgang mit verschiedenen mittelalterlichen Hieb- und Stichwaffen, Schilden, aber auch im Reiten auf einem Pferd und entdeckt natürlich auch sehr schnell seine wahre große Liebe.
Zugute kommt ihm, dass er immer wieder kleine „Flashbacks“ hat, in denen er sich an sein früheres Leben erinnert. Durch diese Gedankenfetzen aus seiner Zeit vor dem Sturz von der Burgmauer ist es ihm möglich, viele der mittelalterlichen Techniken im Umgang mit Waffen durch sein Training aus dem alten Leben zu verfeinern und noch zu verbessern. Viele der uns in der Neuzeit bekannten Feste und Feiern sowie Traditionen während des Frühlings sind für Niki aus seinem alten Leben nur eine blasse Erinnerung, und er kennt sie so nicht wirklich. Das führt zu allerlei lustigen Verwechslungen und auch immer wieder zu Momenten, in denen er im falschen Moment das Falsche sagt. Somit sind auch immer wieder wirklich lustige Momente dieses unfreiwilligen Zeitreisenden köstlich zu lesen.
Eine wirklich gelungene Mischung aus Zeitreiseroman und historischem Tatsachenroman. Viele der Personen, denen Niki begegnet, sind historisch verbürgt und haben so oder ähnlich wirklich existiert. Auch die Kulisse von Burg Dürnstein und ihrer Umgebung, wie Stift Göttweig, Burg Aggstein und das Geschlecht der Kuenringer, als echte und lebendige Persönlichkeiten zu wählen, fand ich eine geniale Idee. Am Ende wird noch auf eine Fortsetzung hingewiesen. Ich werde diese ebenfalls lesen — für mich ist das Buch des Sommers!