Meine letzte RezensionGeneration KIvon Gloria Sophie Burkandt
Es ist eines der großen Paradoxien unserer Zeit: Noch nie in der Geschichte der Menschheit war Wissen so leicht, so schnell und nahezu überall auf der Welt verfügbar wie heute. Eine kurze Suche im Internet genügt, und schon stehen uns Informationen zu nahezu jedem erdenklichen Thema zur Verfügung. Mit dem rasanten Aufstieg der künstlichen Intelligenz hat diese Entwicklung seit 2022 eine weitere Dimension erreicht. Wissen wird nicht mehr nur gesucht – es wird von der KI aufbereitet, verdichtet und auf Knopfdruck serviert.
Doch was macht diese Entwicklung mit uns als Gesellschaft? Was geschieht, wenn wir uns immer seltener selbst mit einem Thema auseinandersetzen müssen und stattdessen nur noch einen kurzen Befehl an eine KI senden, um eine scheinbar perfekte und komprimierte Antwort zu erhalten?
Mit genau diesen Fragen beschäftigt sich Gloria-Sophie Burkandt in ihrem Buch „Generation KI“, erschienen im Verlag Langen Müller. Dabei geht es nicht darum, künstliche Intelligenz grundsätzlich zu verteufeln. Vielmehr versucht Burkandt, die gesellschaftlichen Veränderungen sichtbar zu machen, die mit dieser technologischen Entwicklung einhergehen – und dabei auch jene Risiken anzusprechen, über die noch längst nicht ausreichend diskutiert wird.
Besonders nachdenklich stimmt die zunehmende Bereitschaft vieler Menschen, selbst bei persönlichen, körperlichen oder seelischen Problemen zunächst die KI zu konsultieren, anstatt das Gespräch mit einem Arzt, einer Psychologin, einem Psychologen oder einem vertrauten Menschen zu suchen. Die Gefahr besteht darin, dass aus einer Hilfestellung schnell eine vermeintliche Gewissheit wird: Die KI liefert eine Diagnose, eine Erklärung oder einen Ratschlag – und der Mensch übernimmt diese Einschätzung möglicherweise ungeprüft.
Doch gerade bei psychischen und zwischenmenschlichen Problemen kann Technologie das persönliche Gespräch nicht vollständig ersetzen. Ein Mensch hört nicht nur zu, sondern nimmt auch Zwischentöne, Emotionen und nonverbale Signale wahr. Freundschaft, Empathie, Nähe und echte Anteilnahme lassen sich nicht einfach durch einen Algorithmus reproduzieren.
Burkandt richtet den Blick deshalb auch auf eine grundlegendere Frage: Was passiert mit unseren sozialen Fähigkeiten, wenn wir uns immer stärker an digitale Systeme wenden und immer weniger mit unseren Mitmenschen auseinandersetzen? Eigenschaften wie Wissensdurst, Veränderungsbereitschaft, Nächstenliebe und das Bedürfnis nach echten zwischenmenschlichen Beziehungen könnten langfristig an Bedeutung verlieren, wenn wir beginnen, immer mehr Bereiche unseres Lebens an Maschinen auszulagern.
Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang Burkandts Auftritt beim Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang 2026. Dort stellte sie sich der Herausforderung, ihre Gedanken zu einem Thema zu formulieren, das längst nicht mehr nur eine technische, sondern vor allem eine gesellschaftliche Frage ist. Als erfolgreiche Social-Media-Persönlichkeit bewegt sie sich selbst mitten in jener digitalen Welt, deren Auswirkungen sie kritisch hinterfragt. Gerade dieser persönliche Bezug macht ihre Überlegungen interessant: Sie argumentiert nicht aus einer grundsätzlichen Ablehnung der Digitalisierung heraus, sondern aus der Erfahrung einer Generation, die mit sozialen Medien und inzwischen auch mit künstlicher Intelligenz aufgewachsen ist.
Eine ihrer zentralen Botschaften erscheint dabei bemerkenswert pragmatisch: Wer mit seelischen Problemen kämpft, sollte sich nicht ausschließlich an eine KI wenden, sondern das Gespräch mit einem Fachmenschen oder auch einfach mit einer guten Freundin oder einem guten Freund suchen. Nicht jede Antwort muss sofort verfügbar sein. Manchmal hilft bereits das persönliche Gespräch dabei, die eigenen Gedanken zu sortieren und mit den Problemen des Alltags besser umzugehen.
Gerade diese differenzierte Haltung macht „Generation KI“ lesenswert. Das Buch versteht sich nicht als Abrechnung mit einer neuen Technologie, sondern als Aufforderung, genauer hinzusehen. Künstliche Intelligenz wird unsere Gesellschaft verändern – die entscheidende Frage ist jedoch, wie viel dieser Veränderung wir zulassen wollen und welche menschlichen Fähigkeiten wir dabei unbedingt bewahren müssen.
Interessant ist auch eine persönliche Randnotiz: Gloria-Sophie Burkandt ist die Stieftochter des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Im gesamten Buch wird diese Verbindung jedoch kein einziges Mal thematisiert. Das verdient durchaus Respekt, denn es zeigt, dass die Autorin ihr Thema unabhängig von ihrer familiären Bekanntheit betrachtet.