„Ich weiß, Mom. Nein, heißt Nein.
(…) ja, Harry. Super. Aber nicht nur >Nein< kann Nein heißen, auch andere Dinge heißen Nein.“ Seite 98
INHALT
Eine erfolgreiche Frau (Richterin) lebt mit ihrem Mann (Anwalt) und ihrem 18 jährigen Sohn zusammen. Außer der klar hierarchischen Verhältnisse, bekommt man den Eindruck, dass es läuft - wie bei allen anderen auch. Sie ist für die emotionalen Themen zuständig und muss jeden Tag einen Spagat hinlegen (Beruf und Familie). Eines Tages kommt ihr Sohn von einer Party und nichts ist mehr so wie es war. Der Elefant steht im Raum - aber was tut man, wenn man eigentlich dafür zuständig ist, dieses riesige Tier wieder in den Zoo zu bringen? Was ist, wenn der Sohn beschuldigt wird, etwas getan zu haben, was sonst nur die Menschen im Gericht tun, deren Verhandlung sie leitet (und über deren Schicksal sie bestimmt)?
„Ich habe mit Henry darüber gesprochen (…). Ich bin diejenige, die in dieser Familie für das Management von Emotionen zuständig ist. Für die soft Skills. Das ist harte Arbeit und niemand erkennt es sie an. Meine beiden Männer geben mir das Gefühl, dass ich eher eine Nervensäge als eine Stütze bin, dass ich immer nur unnötig Wind um alles mache, wenn ich einfach nur ein Problem auf den Grund gehen will. Ich werde Augenrollen geduldet.“ Seite 105
EINDRUCK UND FAZIT
Ich fand das erste Buch der Autorin schon gut - dieses hier konnte mich wieder überzeugen. Auch, wenn mich die Kosenamen der Mutter für ihren Erwachsenen Sohn, Nerven kostete. Ich mochte den Vibe, konnte das Buch nicht weglegen und musste immer weiterlesen. Story ist absolut spannend und einsaugend, das Ende hat mich überrascht. Ich liebe die feministischen Haltung des Verlags - auch in diesem Buch ganz eindeutig formuliert. Eine erfolgreiche Frau, und ziemlich authentisch! Dringende Leseempfehlung!
Bewertung
5/5
17.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wichtig, erschütternd und fesselnd
„Das Patriarchat durchdringt uns alle wie die Luft, die wir atmen. […] Das Patriarchat gewinnt immer.“
Jessica Parks ist Richterin und hat insbesondere bei der Verhandlung von Sexualstraftaten klare Vorstellungen von Schuld, Recht und Gerechtigkeit. Doch dann wird ausgerechnet ihr 18-jähriger Sohn der Vergewaltigung beschuldigt – und für Jessica und ihre Familie beginnt eine Zerreißprobe, die ihre bisherigen Überzeugungen auf eine harte Probe stellt.
Der Roman verbindet die Fragen nach Schuld und Moral mühelos mit den Themen Mutterschaft, Mental Load und Care-Arbeit, der Benachteiligung von Frauen im Berufsleben sowie toxischer Maskulinität und dem Leben in einem patriarchalen System mit seinen Folgen für alle Geschlechter.
Jessica als Figur war für mich nahbar und authentisch. Ihre Sorge um ihren Sohn und ihre Zweifel, ob sie als berufstätige Mutter eine gute Mutter war und ist, konnte ich gut nachvollziehen. Auch ihren Ärger darüber, dass Haushalt und Mental Load wie selbstverständlich an ihr hängenbleiben, und ihre Auseinandersetzungen mit den teils rückständigen Ansichten ihres Mannes habe ich beim Lesen deutlich mitgespürt. Die anfänglichen Rückblenden zu Harrys Kindheit und Jugend haben mir Jessica zusätzlich nähergebracht, da sie wertvolle Hintergrundinformationen für ihr Denken und Handeln liefern.
Zu der gelungenen Charakterausgestaltung kommen ein mitreißender Erzählstil und eine klare, ausdrucksstarke Sprache. Ich war komplett in der Geschichte drin und konnte gegen Ende, als sich der Konflikt immer weiter zuspitzte, Jessicas Verzweiflung, ihren Schock und ihre Zerrissenheit förmlich selbst spüren.
Inter alia schafft es, aus einem zunächst eher abstrakten Thema einen moralischen Konflikt zu machen, der plötzlich ganz nah kommt und dadurch unbequem wird: Wie steht es um die eigene Moral, wenn wir selbst betroffen sind? Wie urteilen wir über Schuld, Recht und Gerechtigkeit, wenn unser eigenes Kind auf der Anklagebank sitzt? Wenn wir fordern „Glaubt den Opfern!“ – müssen wir das dann nicht auch selbst tun, sogar wenn unser eigenes Kind der oder die Beschuldigte ist?
Letztendlich geht es aber auch um die Frage, wie wir unsere Söhne zu Männern erziehen können, die Frauen respektieren und achten – in jeder Situation. Und darum, wie wir verhindern können, dass sie selbst an den Erwartungen und Strukturen des Patriarchats zerbrechen.
„Inter alia“ ist ein erschütternder und fesselnder Roman, der zum Nachdenken und Diskutieren anregt und mich sicherlich noch lange beschäftigen wird.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
17.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Mutter und Richterin: Starkes Justiz- und Familiendrama 4,5⭐️
Jessica Parks ist Richterin, sie urteilt streng gegen Sexualstraftäter und kämpft gegen patriarchale Strukturen im Justizsystem.
„Hier kann ich wirklich etwas bewirken. […] Anders als andere Richter – älter, männlich – zeige ich mich weder ungeduldig noch frustriert. Ich reagiere auf verschwommene Erinnerungen oder mangelnde Klarheit nicht genervt. Denn die Wahrheit ist nicht immer leicht zu erklären. Erinnerungen lassen sich in einem Gerichtsverfahren nur schwer vermitteln. Das ist mein Beitrag, um etwas Moral und Anstand in den Gerichtssaal zu bringen. Natürlich ist er ein Ort des Rechts, nicht der Moral, aber es gefällt mir, das System zu nutzen, um ihn menschlicher zu machen, mitfühlender. Die Geschworenen nehmen Nuancen wahr, ziehen aus allem Rückschlüsse, es ist also unerlässlich, jede richterliche Handlung sorgsam abzuwägen und mit stabilen juristischen Prinzipien zu untermauern. Wenn man Richter wird, besteht ein Großteil der Ausbildung in dem, was man selbst schon im Gerichtssaal gesehen hat. Natürlich unterliegt die eigene Verfügungsfreiheit strengen Regeln, aber ich gehöre einer neuen Generation von Richterinnen an. Als Frauen finden wir einen Weg, dafür zu sorgen, dass das Rechtssystem nicht durch die Hoheit des Gerichts und die Manipulationstaktiken der Verteidigung untergraben wird.“
Doch die Feministin ist auch Ehefrau des Kronanwalts Michael und Mutter ihres gemeinsamen 17- bzw. 18-jährigen Sohnes Harry. Oft war sie mit der Doppelbelastung von Beruf und Mutterschaft überfordert; hatte Schuldgefühe und Selbstzweifel, denn jahrelang wurde Harry in der Schule gemobbt. Ihre innere Zerrissenheit ist sehr gut nachvollziehbar:
„Und da sagt Michael die eine Sache, bei der man als Mutter nie weiß, wie man darauf reagieren soll. ‚Ich weiß nicht, ich dachte wohl einfach, er hätte lieber seine Mum bei sich.‘
Ich bin hin- und hergerissen zwischen dem Impuls, ihn richtig anzugehen, und der Freude über das potenzielle Kompliment, dass ich eine gute Mutter bin. Ich schaue ihm ins Gesicht, und mir ist klar, dass er mich vor eine unmögliche Entscheidung stellt. Und ihm ist das ebenso klar. Sein Blick wird weich. Ich sitze in der Falle.“
Dennoch ist sie überzeugt, ihren Sohn zu einem einfühlsamen, reflektierten jungen Mann erzogen zu haben. Umso entsetzter ist sie, als Harry beschuldigt wird, auf einer Party seine Mitschülerin Amy vergewaltigt zu haben. Sie steht vor einem kaum zu ertragenden moralischen Dilemma. Beruflich kämpft sie schon so lange dafür, dass Opfern von sexualisierter Gewalt geglaubt wird. Doch als Mutter fühlt sie sich verpflichtet, ihrem Sohn zu glauben, der auf seine Unschuld schwört. Doch was ist die Wahrheit?
„Ich sitze an meinem Schreibtisch. Grace hat mir nicht zugehört: Sie hat nur Töchter, sie versteht mich nicht. Ich denke an Amy und eine Welle des Mitgefühls überrollt mich. Was zur Hölle ist da nur passiert?
Ich habe Kopfschmerzen. Ich will meinen Sohn verteidigen, ohne Amy zu verletzen. Ohne ihre Erfahrung zu verleugnen. Es gibt immer nur diese zwei Seiten: Opfer versus Täter. Was, wenn beide die Wahrheit sagen? Oder beide Opfer sind?
Ich denke darüber nach, was Grace gesagt hat, dass wir unsere Kinder vielleicht nicht so gut kennen, wie wir meinen. Zwinge mich, Anwältin zu sein und genau hinzuschauen. Ganz allein traue ich mich, mir vorzustellen, dass Harry schuldig sein könnte. Ich beginne zu zittern. Ich habe schon oft genug gehört und gesehen, welche Folgen eine Vergewaltigung haben kann. Wie es eine Frau zerstören kann, ihr jegliches Gefühl der Sicherheit, Selbstbestimmung, Wahrheit raubt. Und dann fallen mir die Unstimmigkeiten wieder ein, die Uhrzeit, das T-Shirt – wie leicht Vergewaltigungsopfer sich falsch an Details erinnern. Aber… sie war sich so sicher.“
Nach ihrem grandiosen Debüt „Prima facie“ hat Suzie Miller mit „Inter alia“ ein neues, packendes Justiz- und Familiendrama geschrieben. Sie verbindet die fessenlde handlung mit aktuellen Themen: toxische Männlichkeit, Einvernehmlichkeit, Feminismus und den Druck auf (berufstätige) Mütter. Manchmal empfand ich die Geschichte dadurch etwas überladen oder belehrend. Insgesamt hat mich der Roman jedoch durch Tiefe, einige (unerwartete) Wendungen und einen gelungenen Schluss überzeugt. Von mir gibt es 4,5 von 5 Sternen und eine klare Leseempfehlung!
Vielen Dank an den Kjona Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!
Petra
aus Grasbrunn
5/5
16.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenn der eigene Sohn beschuldigt wird – Ein Roman, der unter die Haut geht
Als Richterin greift Jessica Parks rigoros durch: Sie bringt ihre feministische Denkweise konsequent in ihr Amt ein und lässt vor Gericht keine „Vergewaltigungsmythen“ zu, die Opfern eine Mitschuld anlasten wollen. Gleichzeitig kämpft sie mit der Doppelbelastung als berufstätige Mutter, zumal ihr Sohn in der Schule gemobbt wird. Ihre Welt bricht jedoch zusammen, als genau dieser Sohn beschuldigt wird, eine Mitschülerin vergewaltigt zu haben. Von seiner Unschuld überzeugt, kämpft Jessica dagegen, selbst von ihren eigenen Grundsätzen abzuweichen und das Opfer zur Täterin zu machen.
Mich hat dieses Buch zutiefst bewegt und mitgenommen. Gerade als Mutter von Söhnen fragt man sich unwillkürlich, wie man selbst reagieren würde und ob man im Alltag genug tut, um den Jungs einen respektvollen Umgang mit Frauen zu vermitteln. Eindrucksvoll zeigt der Roman auch, wie extrem Teenager durch Social Media beeinflusst werden und wie machtlos man als Eltern oft danebensteht. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Thema Mental Load: Selbst wenn beide Elternteile Vollzeit arbeiten, bleibt die Care-Arbeit und Erziehung meist an der Frau hängen.
Trotz dieser schweren und komplexen Themen liest sich der Roman hervorragend. Er ist so spannend und fesselnd geschrieben, dass ich ihn regelrecht verschlungen habe. Die Diskussionen, die ich im Anschluss mit Familie und Freunden über das Buch geführt habe, dauerten jedenfalls deutlich länger als das Lesen selbst. Es ist einfach fantastisch, wenn ein Buch so viel wichtigen Stoff zum Nachdenken liefert.
Bewertung
5/5
16.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Inter Alia – eine Herausforderung
Wie bereits der Klapptext verrät, beschäftigt sich das Buch mit hoch relevanten Themen. Jessica Parks, Richterin, die regelmäßig Sexualstraftäter verurteilt und sich stark für Feminismus, Opferschutz und mehr Gerechtigkeit einsetzt, steht gleichzeitig vor dem Konflikt, wie sie diesen Konflikt in ihr Familienleben mit ihrem Mann und ihrem 18 jährigen Sohn umsetzt. Denn während sie bei anderen problemlos patriarchale Strukturen erkennt und diese sowohl verbal anspricht als auch gekonnt reflektiert, reproduziert sie unbewusst in der Beziehung zu ihrem Mann und Sohn sehr viele dieser Strukturen, sei es bei der Care-Arbeit im Laufe des Lebens für Ihren Sohn, der sehr unselbstständig ist und bei sehr vielen Alltagshandlungen seine Mutter um Unterstützung bittet, bei der Hausarbeit und dem Mental Load oder in der Beziehung zu ihrem Mann. Genau das hat mich beim Lesen oft frustriert, gleichzeitig hatte ich viel Mitgefühl, da sie oft das Gefühl hatte, durch diese Ambivalenz zu scheitern und verzweifelte. Das Buch hat es erfolgreich geschafft, mir keinen der Charaktere wirklich sympathisch werden zu lassen, während es jeden Charakter erfolgreich erklären konnte und ihm menschliche, unperfekt wirken zu lassen. Der Konflikt spitzt sich zu, als ihr Sohn der Vergewaltigung angeklagt wird. Hin und hergerissen zwischen dem Glauben an ihren Sohn und dem Wissen, wie es dem Opfer ergangen ist und was es durchmacht, stürzt sie das in eine tiefe Glaubenskrise und die Familie in einen Teufelskreis. Sprachlich bin ich gut durch die Seiten gekommen, auch wenn einiges an Fachjargon vorhanden war, war es gut verständlich. Was für mich schwer zu lesen war, war die Helikopter-Erziehungsweise ihrem Sohn gegenüber und die teils schwer zu akzeptierenden Emotionen dem Opfer gegenüber. Das Buch ist kein leichtes Buch, es stellt unbequeme Fragen und regt zum Nachdenken an. Glaube ich dem Opfer unter allen Umständen? Auch wenn der Täter aus der engsten Familie kommt? Jess Antworten darauf sind menschlich und sehr von ihrem Erziehungsstil geprägt, doch gleichzeitig haben sie mich fassungslos gemacht, während mich das Ende mit einer gewissen Hoffnung zurücklässt. Ein feministischer, wichtiger Roman, der lange nachhallt und den ich nur empfehlen kann.
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