Eigentlich wollte Valerie nur kurz in die Stadt und dann ihren Sohn Lio von der Kita abholen. Doch als der Bus ohne sie abfährt, läuft sie einfach los. Valerie steckt fest: in der Überforderung des Alltags als Single-Mom und ihrem Drang, ihre Probleme durch Instagram-Self-Care-Posts zu analysieren. Doch auf ihrem ungeplanten Fußmarsch hilft kein Wischen und kein Tippen mehr. Während sie Kilometer um Kilometer zurücklegt, kämpft sie gegen die Stimmen ihrer Vergangenheit mit der Frage, wer sie eigentlich ist.
Wir alle kennen diesen einen Moment, in dem man losgehen und nicht mehr stehen bleiben will. Nina Hennings Debütroman erzählt berührend und humorvoll über den Mut, alles hinter sich zu lassen, während die Welt weiterscrollt.
Die schönen bunten Bilder der heilen Insta-Welt
Valerie ist unfreiwillig alleinerziehende Mutter von Lio, einem recht bezaubernden fünfjährigen Kind. Sie ist mit der Gesamtsituation überfordert und flüchtet sich auf Instagram. Dort findet sie nicht nur schöne Bilder, sondern viele Labels, die sie sich verpassen kann. Damit stellt sie sich selbst die aberwitzigsten Diagnosen, statt jeden Tag, sich selbst und ihr Kind so zu nehmen wie sich selbst. Diese Reflexionen lesen wir, als Valerie eines Tages den Bus verpasst, aber eigentlich Lio aus dem Nachbardorf abholen muss. Und so geht sie einfach los. Ohne Geld, ohne Wasser, aber mit jeder Menge Trauer und Wut im Gepäck - und natürlich ihrem Handy.
Valerie steht damit typsich für eine Generation, die ihr Seelenheil auf Social Media sucht, für Menschen, die sich als Hobbypsychologen begreifen, nur weil sie medizinische Fachbegriffe nutzen.
Valerie ist aber nichts davon, sie will nur ihrer Unruhe, ihrem Elend, ihren Fehlern einen Grund suchen. Manchmal aber gibt es den nicht. Statt ihr Leben anzunehmen, verstrickt sie sich in die Suche nach Labels.
Ich mochte dieses Buch so sehr. Es ist einfach erfrischend anders in dem Einheitsbrei des restlichen Buchmarktes. Kein Glitzer, keine Therapie am Ende und keine Love Story. Das ist echt.
Lesens_werte
5/5
28.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wie ein One-Shot-Film
Da ist dieser "Knoten im Bauch", das Gefühl, dass da irgendwas nicht stimmt. So auch heute. Valerie verpasst den Bus in die nahe gelegene Kleinstadt, weil sie sage und schreibe aus Schusseligkeit dreimal zurück in die Wohnung gehen musste. Oder kann sie gar nichts dafür und es liegt an ihrer ADHS-Diagnose?! Die sie natürlich selbst mithilfe fundierter Instagramposts und Online-Fragebögen gestellt hat. Es könnten aber auch Autismus, Depressionen oder eine Essstörung sein. Jetzt geht sie aber erst mal gegen ihr Problem an: zu Fuß in der Mittagshitze, um ihren kleinen Sohn Lio aus dem Kindergarten abzuholen.
"Valerie geht" erinnert an eine Art One-Shot-Film, bei dem alles in einer Einstellung durchgedreht wurde. Hier ist es Valerie auf ihrem Weg in die Stadt, bei dem sie in ihren Gedanken versinkt. Dabei offenbart sich auch ihre Vergangenheit mit einem schweren Verlust und somit der Grundlage ihrer Selbstzweifel und emotionalen Ausweglosigkeit. Die Probleme und Symptome, die einem im Laufe des Weges begegnen, hat sicher schon beinahe auf jeden Leser einmal im Leben zugetroffen. Valeries Hang zur Hypochondrie, ihre labile Gefühlslage und ein überbordender Konsum sozialer Medien bilden dabei aber einen Teufelskreis, in dem sie ebenfalls nicht die einzige sein wird. Autorin Nina Henning verknüpft hier ein Einzelschicksal mit einem Gesellschaftsphänomen, das symptomatisch für unsere heutige Zeit ist. Der Schreibstil und die Handlung haben mich sehr gut abgeholt und für dieses aktuelle Thema vereinnahmen können. "Valerie geht" ist ein Buch, das mir definitiv im Kopf bleiben wird.
Bewertung
5/5
26.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen Gedanken, die bleiben, und Worten, die man fühlen kann Manche Bücher liest man. Und manche Bücher fühlt man.
Valerie geht gehört für mich definitiv zur zweiten Sorte. Der Schreibstil ist einfach unglaublich. So detailreich, bildhaft und gleichzeitig so nah, dass ich beim Lesen oft das Gefühl hatte, nicht nur Valeries Geschichte zu beobachten, sondern selbst mitten in ihr zu stehen. Als würde man nicht von außen auf ihre Gedanken schauen, sondern für einen Moment direkt in ihnen leben.
Was mich besonders berührt hat, ist, wie ehrlich das Buch zeigt, wie wirr Gedanken sein können. Wie sich Gefühle manchmal nicht ordentlich sortieren lassen, wie alte Gedanken immer wieder auftauchen und wie wichtig es sein kann, sich selbst Zeit und Raum zu geben, um all das überhaupt zu verstehen und aufzuarbeiten. Valerie geht macht daraus nichts Glattes oder Perfektes – und genau das macht es so authentisch.
An vielen Stellen war das Buch für mich unglaublich relatable. Vor allem in den Momenten, in denen es darum geht, das Gefühl zu haben, zu viel zu sein. Zu laut, zu emotional, zu empfindlich, zu kompliziert. Als Kind wurde mir selbst oft vermittelt, dass ich zu viel sei – und vielleicht hat mich das Buch gerade deshalb an manchen Stellen besonders getroffen. Weil man diese Worte irgendwann nicht mehr nur von anderen hört, sondern anfängt, sie selbst zu glauben.
Ich finde, Valerie geht schafft es auf eine besondere Art, genau diesen Gedanken Raum zu geben. Es zeigt, dass man nicht immer sofort Antworten haben muss. Dass Gedanken chaotisch sein dürfen. Dass man sich selbst manchmal zurückziehen muss, um wieder zu sich zu finden.
Für mich ist es ein Buch, das nicht einfach nur eine Geschichte erzählt, sondern einen dazu bringt, die eigenen Gedanken ein kleines bisschen genauer anzusehen. Und vielleicht auch zu erkennen, dass man nicht „zu viel“ ist – sondern manchmal einfach nur mehr fühlt, als man in Worte fassen kann.
Jürg K.
5/5
25.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sehr berührende Geschichte
Für mich ein Roman, der die erschöpfte, überforderte Seite des modernen Lebens mit einer fast zärtlichen Ehrlichkeit beleuchtet. Wir alle kennen diesen einen Moment, in dem man losgehen und nicht mehr stehen bleiben will. Nina Hennings Debütroman erzählt berührend und humorvoll über den Mut, alles hinter sich zu lassen, während die Welt weiterscrollt. Valerie ist eine Frau, die sich im Alltag verliert: zwischen Kita-Zeiten, Erwartungen, Einsamkeit und dem Druck, immer funktionieren zu müssen. Ihr spontaner Fussmarsch wirkt wie ein stiller Aufschrei nicht dramatisch, sondern zutiefst menschlich. Dieses Losgehen, ohne Plan, ohne Ziel, ist der Moment, in dem sie sich selbst endlich zuhört. Berührend für mich ist die Art, wie der Roman die Diskrepanz zwischen digitaler Selbstoptimierung und echter innerer Arbeit zeigt. Valerie versucht, ihre Gefühle in Instagram-Posts zu ordnen, als liesse sich das Chaos mit hübschen Worten bändigen. Doch unterwegs, Schritt für Schritt, merkt sie, dass Heilung nicht im Scrollen liegt, sondern im Aushalten. Der Roman ist humorvoll, ohne die Schwere zu verharmlosen, und warm, ohne kitschig zu werden. Valerie stolpert, zweifelt, flüchtet und genau darin liegt ihre Kraft. Ihr Weg ist kein heroischer Aufbruch, sondern ein stilles Wiederfinden. Wer bin ich, wenn niemand etwas von mir will? Wer bin ich, wenn ich einfach weitergehe? Die Geschichte erinnert daran, dass manchmal der mutigste Schritt, der ist, den man ohne Ziel macht nur weg vom Stillstand, hin zu sich selbst. Sehr eindrückliches Buch
Bewertung
5/5
20.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenn Insta zum Ratgeber wird
Valerie hat es nicht leicht. Alleinerziehende Mutter eines quirligen kleinen Sohnes, der sich mit seiner Art immer wieder Ärger einhandelt. Valerie selbst fühlt sich nach dem Tod ihres Mannes alleingelassen und ist ständig auf der Suche nach sich selbst. Sie ist mit allem überfordert und fragt sich immer wieder, was mit ihr nicht stimmen könnte. So ist ihr ständiger Lebensratgeber in jeglichen Situationen Instagram. Mit Hilfe von Insta diagnostiziert sie sich alles mögliche: ADHS, PTBS, Depressionen, Hochsensibilität, Narzissmus etc., um nur einige zu nennen.
Als sie eines Tages den einzigen Bus verpasst, der ihr die Möglichkeit geben würde, zum Kindergarten ihres Sohnes zu gelangen, macht sie sich zu Fuß auf den endlos langen Weg. Dabei kreisen ihre Gedanken um alles mögliche. Sie muss viel an ihre verkorkste Kindheit denken und fragt auch hier immer wieder Insta um Rat.
„Valerie geht“ trifft den Nerv unserer Zeit. Wie viele Frauen fühlen sich mit ihren Kindern im Stich gelassen? Neurodivergenz ist in aller Munde und viele Menschen suchen in sozialen Medien nach Antworten. Mir persönlich hat das Buch sehr gut gefallen, hab ich mich doch in einigen Punkten wiedererkannt und musste durchaus schmunzeln. Es regt zum Nachdenken an und zeigt, wie auch Fremde in emotionalen Notlagen zu einem wichtigen Halt werden können.
Das Cover ist ebenfalls liebevoll gestaltet und regt zum Nachdenken an.
Für mich eine klare Empfehlung.
Valerie geht ... und sucht sich hoffentlich professionelle Hilfe
„Valerie geht“ ist der Debütroman von Nina Henning. Hinter dem Namen steht die Pädagogin Inke Hummel, die bisher Ratgeber und Sachbücher (beispielsweise „Ups, ich habe Angst“ oder „Mein wunderbares schüchternes Kind“) verfasst hat.
Valerie geht. Sie ist auf dem Weg zum Kindergarten, um ihren Sohn Lio abzuholen. Da sie den Bus verpasst hat, begibt sie sich auf einen Spaziergang – vor allem zu sich selbst – und legt etliche Kilometer zurück. Dabei verliert sie sich ständig in ihrer Vergangenheit und dem letzten Jahr, das aufgrund eines Schicksalsschlags besonders schmerzhaft für sie war. Alle paar Schritte diagnostiziert sie sich dank Instagram eine neue Krankheit, denn irgendwas muss ja mit ihr nicht stimmen.
Die Intention der Autorin, Kritik am Selbstdiagnostizieren durch soziale Medien (besonders im Bereich Neurodivergenz) auszuüben, hat mir gefallen, die Umsetzung fand ich jedoch weniger gelungen. Denn die Geschichte hat mich an genau diesen Stellen verloren. Das Schema „Neue Diagnose – Recherche – Verwerfen“ kam für mich zu häufig vor. Besonders am Ende habe ich einfach nur gehofft, dass Valerie den Kindergarten endlich erreicht. Doch plötzlich ist sie wieder mit einer neuen Diagnose um die Ecke gekommen. Oder eine merkwürdige Nebenfigur ist aufgetaucht. Auch an ihren Wangen hat sie sich auffällig oft gekratzt. Diese Wiederholungen haben mir nach einiger Zeit die Lust aufs Weiterlesen genommen.
Das Buch konnte mich dann berühren, wenn Valerie an ihre Kindheit gedacht hat und was sie alles erleben musste. Von ihren Eltern ständig abgeschoben zu Oma und Opa, immer als zu laut, zu viel, zu alles abgestempelt, hat sie nie Anerkennung erfahren und musste teilweise menschenunwürdige Dinge aushalten. Manches tat wirklich weh beim Lesen. Auch wie ihre letzte Beziehung zu Ende gehen musste und dass sie diesen Verlust nie richtig verarbeiten konnte, wird nach und nach deutlich. Valerie ist alleinerziehend, in ein fremdes Dorf gezogen und hat in der Vergangenheit viel verkraften müssen. Die Autorin zeigt deutlich: Nicht alle Zustände sind ein Symptom einer Krankheit. Manchmal ist man einfach überfordert vom Leben, bräuchte Hilfe von anderen oder eine Pause.
Die Nebenfiguren fand ich in ihrer Authentizität nicht gut dargestellt. Die beste Freundin Carina reagiert stets wie die perfekte Therapeutin („Was brauchst du?“). Sie ist pragmatisch, rational und sagt ausnahmslos das Richtige. Hier wirkte es so auf mich, als wolle der Roman sehr deutlich zeigen, dass nur dieser Weg richtig ist.
Obwohl ich die Intention der Autorin schätze und ihre Kritik gut finde, hat es mich in der hier angebotenen Dosis mehr genervt als unterhalten. Ich wollte Valerie irgendwann nur schütteln und ihr sagen, dass sie bitte das Handy weglegen und aufhören soll, sich zu fragen, was sie hat und warum sie so ist. Das Ende hat mich auch nur wenig versöhnlich gestimmt, dass der 5-jährige Sohn das Handy der Mutter als „Schatzl“ bezeichnet, fand ich auf so vielen Ebenen unpassend. Ich habe mich gefragt, ob es nicht als eine Art Verniedlichung des zuvor intensiv geschilderten Smartphone-Problems gelesen werden kann. Außerdem finde ich es auf eine gewisse Art und Weise traurig: Nicht das Handy sollte Valeries Schatzl sein ... Dass Valerie auf ihrem Weg mehr zu sich gefunden hat, habe ich so leider nicht wahrgenommen. Insgesamt hatte ich mir einen Roman erwartet, in dem eine Mutter beschließt, vor lauter Überforderung wegzugehen, da sie einmal Zeit für sich braucht (um am Ende natürlich wieder zurückzukommen). Stattdessen habe ich eine Mutter präsentiert bekommen, die zu ihrem Kind hingeht und deren Geschichte von ganz anderen Themen geprägt ist als von der Überforderung des Alltags: von schweren Kindheitstraumata und Trauer aufgrund eines schweren Verlusts.
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