Zweimal musste er pandemiebedingt verschoben werden, jetzt soll im oberhessischen Bergenstadt wieder Grenzgang gefeiert werden – doch plötzlich wird das traditionelle Heimatfest zum Streitfall. Linda Preiss, Schulpsychologin am Städtischen Gymnasium, ist empört: Man will sie als Reiterin nicht dabei haben, weil sie eine Frau ist! War es also ein Fehler, nach so vielen Jahren in die alte Heimat zurückzukehren? Jürgen Bamberger gerät als Bürgermeister gleich doppelt in Erklärungsnot: Der Hessische Rundfunk hat Fragen zu dem sogenannten »Mohren«, und seine Tochter macht ihre ablehnende Haltung zum Fest öffentlich. Je hitziger die Diskussionen geführt werden, desto fremder wird Jürgen der Ort, an dem er sein gesamtes Leben verbracht hat. Siebzehn Jahre sind vergangen, seit in der Literatur schon einmal Grenzgang gefeiert wurde, in Stephan Thomes gleichnamigem Romandebüt. Inzwischen allerdings hat sich das gesellschaftliche Klima grundlegend verändert. Und so stoßen die Protagonisten, während sie ihr privates Glück verfolgen, auf die großen Streitfragen unserer Zeit. Als das Fest schließlich beginnt, hat auch ihr Leben eine ganz neue Richtung eingeschlagen.
Kundinnen und Kunden meinen
4.8/5.0
Literaturhexle
aus Baden-Württemberg
5/5
09.09.2026
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Brillanter Familien- und Gesellschaftsroman rund um den traditionellen Grenzgang (Hörbuch)
Vor rund 16 Jahren erschien Thomes Debüt „Grenzgang“, das den Grundstein für seinen bemerkenswerten erzählerischen Erfolg legte. In „Besser als nie“ erfahren wir Leser nun, wie es mit den damaligen Protagonisten weitergeht. Der Autor schließt gekonnt Wissens- und Erinnerungslücken, so dass man den neuen Roman eigenständig ohne Kenntnis des Vorgängers genießen kann.
Zweimal musste der traditionelle Grenzgang, ein Fest, das nur alle sieben Jahre im mittelhessischen Bergenstadt mit Leidenschaft gefeiert wird, wegen der Pandemie verschoben werden. Nun ist es in wenigen Wochen so weit. Die Traditionalisten planen das Fest genau so, wie es immer stattgefunden hat. Kritische Stimmen stören die Vorbereitungen: Darf man den so genannten Mohr, eine an sich positiv besetzte Figur in der Tradition des Grenzgangs, mit schwarzer Farbe anmalen (Blackfacing)? Ist ein Fest, an dem zahlreiche Männergesellschaften und Burschenschaften zusammenkommen, noch zeitgemäß? Warum dürfen Frauen nicht in der Prozession mitreiten oder wichtige Ämter bekleiden? Wäre es nicht Zeit für ein Ende der Diskriminierungen und grundsätzliche Veränderungen am Festablauf?
Diese Fragen werden aus unterschiedlichen Perspektiven verhandelt. Bürgermeister Jürgen Bamberger, der jetzt mit Andrea verheiratet ist und mit ihr zwei Kinder im Teenageralter hat, versucht diplomatisch, die Balance zwischen den beiden kontroversen Lagern zu halten und zu vermitteln. Seine Exfrau Kerstin Werner, nun mit Schulleiter Thomas Weidmann liiert (beide Beziehungen begannen maßgeblich beim Grenzgangsfest vor 16 Jahren), engagiert sich in der Flüchtlingshilfe, was einen eigenen Blick auf die Problematik des Blackfacings mit sich bringt. Bambergers Tochter Janina unterstützt die Kritiker, hat aber auch Probleme mit ihrer eigenen Identität als junge Frau, was Mutter Andrea nicht tolerieren will.
Es werden also viele gesellschaftlich aktuelle Inhalte im Roman verhandelt. Das Besondere dabei: Thome gelingt es, diese Themen völlig selbstverständlich in die Handlung zu integrieren. Die unterschiedlichen Standpunkte passen zu den Charakteren. Dialoge und Diskussionen wirken absolut glaubwürdig vor dem ländlichen Hintergrund, wo jeder jeden kennt und jovial beim Du ist. Natürlich schaut die Presse vorbei, ebenso wie ein Fernsehteam des HR aus Frankfurt. Die Medien wittern einen Skandal und fragen kritisch nach. Auch der Ausländerbeauftragte der Universitätsstadt Marburg hat eine Meinung zum Geschehen. Das Schöne: Thome bezieht keinerlei Stellung, streut keine Botschaften, sondern überlässt es dem Leser, sich eine Meinung zu bilden.
Der Grenzgang bildet ein konstantes Hintergrundrauschen. Die darum herum drapierten vielfältigen Familiengeschichten bilden die Haupthandlung. Vieles scheint aus dem Leben gegriffen. So hat Karin Preiss nach der Scheidung gemeinsam mit Kerstin eine Tanzschule gegründet. Nach erfolgreichen Anfangsjahren zeigen sich nun Spannungen zwischen den beiden Partnerinnen. Karins alleinerziehende Tochter Linda ist mit ihrem kleinen Sohn Matti zurück nach Bergenstadt gezogen. Kerstins und Jürgens Sohn Daniel hat wenig Kontakt mit den Eltern und lebt als Spieleprogrammierer in Tallinn.
Es geht also immer um das ganz normale Leben, das in vielen Facetten durchgespielt wird. Wir dürfen vielen Figuren auch bei der nachdenklichen Rückbetrachtung ihres Lebens folgen: Gab es Versäumnisse, ausgelassene Chancen, falsche Entscheidungen? Oft blitzen vergangene Grenzgänge als richtunggebend auf. Spannend sind auch die beruflichen Herausforderungen eines Bürgermeisters oder eines Schulleiters im Wandel der Zeiten.
Das Hörbuch wurde sehr aufwändig mit insgesamt neun Sprechern inszeniert. Jede einzelne Stimme klingt angenehm und interpretiert den Text perfekt. Schnell hat man die Stimmen den verschiedenen Figuren zugeordnet, so dass man sich völlig auf die Handlung konzentrieren kann.
Mich hat dieses Hörbuch von der ersten Minute an begeistert. Stephan Thome ist ein brillanter Erzähler, der es versteht, seine unterschiedlichen Handlungsstränge in einer konstant ruhigen Spannung miteinander zu verzahnen. Die Figuren sind nahbar und brillieren durch glaubwürdige, vielschichtige Charaktere.
Ein wunderbarer Roman, der grandios als Hörbuch umgesetzt wurde – dicke Hör- oder Leseempfehlung!
Nele33
5/5
16.08.2026
Hörbuch-Download (MP3)
Hörgenuss
Mit "Besser als nie" hat Stephan Thome eine mehr als gelungene Fortsetzung zu seinem Roman "Grenzgang" veröffentlicht. Auch hier spielt wider der fiktive Ort Bergenstadt und sein traditionelles Volksfest der Grenzgang die Hauptrolle.
Die für das Hörbuch ausgewählten Sprecher*innen Claudia Michelsen, Harald Schrott, Luise Wolfram, Timur Işık, Achim Buch, Viola Müller, Maria Hartmann und Chantal Buss geben der Geschichte eine außergewöhnliche Lebendigkeit.
Da der "Mohr" de Grenzgang anführt entfacht eine Debatte über die Bedeutung des Mohren, die teilweise mehr als skurrile Formen annimmt. Wie von Thome gewohnt nimmt er sich in seinem Roman wieder aktuelle Themen an, die mehr als Grenzgängig zu sein scheinen.
Es geht um politische Zusammenhänge, die Flüchtlingskrise, Familienkonstrukte, die schwer zu durchschauen sind.
Dabei bleibt der Autor seinen prägnanten und klaren Schreibstil treu, sodass ich einen guten Einblick in das "idyllische Dorfleben" abseits des Großstadtlebens bekommen habe.
Der schwarze Humor und die Satire die dahintersteckte haben es mir sehr angetan und ließen mich trotz der Schwere der Thematik häufig schmunzeln.
Ein absoluter Hörgenuss.
Eternal-Hope
aus Österreich
5/5
03.08.2026
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Multiperspektivisch
Im Jahr 2009 hat der Autor Stephan Thome sein Romandebüt "Grenzgang" veröffentlicht, in dem er anhand des Anlasses des Grenzgang-Festes in einer hessischen Kleinstadt aktuelle gesellschaftliche Themen und Konfliktfelder aufgezeigt hat.
Nun folgt 17 Jahre später eine Art Fortsetzung: auch in "Besser als nie" geht es wiederum um eine Grenzgang-Fest in einer hessischen Kleinstadt und die gesellschaftlichen Herausforderungen, die der Umgang damit aufzeigt.
Da geht es zum Beispiel um die Frage, inwieweit es legitim ist, alte Traditionen zu bewahren, wenn diese bedeuten, dass Frauen keine Reiterinnen sein dürfen. Und so etwas im Jahr 2026! Obwohl sich kaum genug Männer für die Tradition finden!
Aus den Perspektiven verschiedener Figuren entwickelt sich das Geschehen.
Besonders gut hat mir gefallen, dass der Audioverlag bei der Erstellung des Hörbuches keine Kosten und Mühen gescheut hat, und nicht etwa, wie bei vielen anderen Hörbüchern, alles von einer Person mit teilweise verstellter Stimme eingelesen wird, sondern tatsächlich verschiedene Sprecher die verschiedenen Perspektiven lesen. Dadurch gewinnt das Hörbuch sehr an Authentizität und wird zu einem umso größeren Hörvergnügen.
Inhaltlich ist es eine interessante Geschichte, die auch gut verstanden werden kann, ohne das Vorgängerwerk zu kennen.
Jürg K.
4/5
21.07.2026
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Interessantes Thema, gut verarbeitet
Von diesem Hörbuch wurde ich sehr schnell in den Bann gezogen. Wegen der Pandemie musste das Fest verschoben werden. Doch jetzt soll im oberhessischen Bergenstadt wieder Grenzgang gefeiert werden, doch plötzlich wird das traditionelle Heimatfest zum Streitfall. Der Konflikt um den Grenzgang zeigt, wie Traditionen zu Identitätsankern werden aber auch, wie schnell sie zu Ausschlussmechanismen versteinern, wenn man sie nicht weiterentwickelt. Der Streit um den Grenzgang wirkt wie ein Brennglas für ein grösseres Problem. Wenn Traditionen wichtiger genommen werden als Menschen. Dass Linda Preiss als Reiterin ausgeschlossen werden soll, nur weil sie eine Frau ist, zeigt eine Haltung, die nicht bewahrend, sondern rückwärtsgewandt ist. Ein Fest, das angeblich Gemeinschaft feiern will, verliert seine Glaubwürdigkeit, wenn es Menschen aus genau dieser Gemeinschaft ausschliesst. Gleichzeitig zeigt Jürgen Bambergers Situation, wie schwer es ist, zwischen Tradition, öffentlicher Erwartung und persönlicher Überzeugung zu vermitteln. Dass ihm der Ort fremd wird, ist für mich nachvollziehbar. Wer sein Leben lang Teil einer Gemeinschaft war, erlebt es als schmerzhaft, wenn diese Gemeinschaft sich nicht weiterentwickeln will. Für mich ist klar, eine Tradition, die Frauen ausschliesst oder rassistische Symbole verteidigt, ist keine Tradition, sondern ein Anachronismus. Heimat entsteht nicht durch Rituale, sondern durch Menschen, die sich respektieren. Wenn ein Fest, das nicht schafft, muss es sich ändern oder es verliert seinen Sinn.
drawe
aus Landau
5/5
15.09.2026
eBook (ePUB)
Ein Mikrokosmos
Mein Lese-Eindruck:
Alle sieben Jahre feiert das oberhessische Bergenstadt den sog. Grenzgang: ursprünglich ein traditioneller Verwaltungsvorgang, der die Grenzmarkierungen der Stadt sichern solle und der sich im Lauf der Zeit zu einem großen mehrtägigen Volksfest entwickelte. Eine wichtige Rolle kommt hierbei dem Mohren zu, der in einer malerischen Uniform den Zug anführt, und es gilt als glücksbringend, von ihm umarmt zu werden.
"Er umarmt Leute?" Frau Tomasi sieht ihn an, als hätte er dasselbe gerade mit ihr versucht.
"Männer und Frauen?"
"Auch Kinder, alle."
"Ob sie wollen oder nicht."
"Natürlich wollen sie!“
Seit einigen Jahren gerät die Rolle des Mohren bzw. das sog. blackfacing zunehmend in die Kritik.
Aus dieser Gemengelage heraus konstruiert Thome seinen Roman, mit dem er an seinen Erstling „Grenzgang“ anschließt. Vorkenntnisse sind allerdings nicht nötig, weil der Autor eine eventuelle Vorgeschichte unauffällig in kurze Rückblenden verpackt.
Die Figur des Mohren spaltet die Geister. Ist eine solche Figur noch politisch korrekt? Auch im Roman schaltet sich die Presse ein, unterstützt von externen Gruppierungen, und befeuert die Diskussion. Die Stadt spaltet sich in zwei Lager, und mittendrin steht der Bürgermeister, der für die Sicherheit des Grenzgangs verantwortlich ist und zugleich um seine Wiederwahl besorgt ist. Die Diskussion um die Figur des Mohren wird in Thomes Roman vertieft in die Frage, wie man heute mit Traditionen umgehen kann, erst recht mit solchen, die hinfällig geworden sind. Diese Frage weitet Thome aus und führt vor, wie auch traditionelle Familienstrukturen und auch andere soziale Strukturen in Bewegung geraten sind und neue Verhaltensmuster einfordern. Und da auch in Bergenstadt Flüchtlinge untergekommen sind, bekommt die Bezeichnung „Grenzgang“ nicht nur eine weitere Bedeutung, sondern auch eine gewisse Brisanz.
Der Grenzgang besteht daher nur vordergründig aus dem Abwandern der Stadtgrenzen, sondern wir lesen Grenzgänge zwischen Kulturen, zwischen Tradition und Aktualität, zwischen patriarchalischen Strukturen und Gleichberechtigung, zwischen Gewohntem und Neuem, zwischen Moral und Tradition, und auch Grenzgänge innerhalb der sexuellen Ausrichtung sowie Grenzgänge zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und dem Althergebrachten.
All diese Themen fächert Thome in seinem Mikrokosmos Bergenstadt auf und führt sie dem Leser vor, immer gebunden an einzelne Protagonisten, und ohne jeden Lösungsvorschlag. Damit erhält der Roman einen deutlich appellativen Charakter: wo positioniere ich mich als Leser?
Thome ist ein scharfer Beobachter und vor allem ein begnadeter Erzähler. Das Lesen seiner Bücher ist für mich Lesevergnügen pur, inhaltlich und auch sprachlich. Jeder Satz sitzt, Andeutungen erschließen komplexe Sachverhalte, die Dialoge sind pointiert und wirken trotzdem immer natürlich. Perfekt.
Lese-Empfehlung!
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