Thüringen, 1995. Auf einem verlassenen Bahnhof wächst Leni mit ihren fünf Geschwistern auf. Seit sie denken kann, spürt sie, dass etwas in ihrer Familie nicht stimmt. Als junge Frau macht sie sich auf die Suche nach dem Geheimnis, das ihr Leben prägt. Im Zentrum steht ihre Schwester Lori und die Frage, was mit ihr geschah. Die Suche nach Antworten führt sie bis in die frühen siebziger Jahre der DDR zurück.
Anousch Muellers Roman "Lori" erzählt von einer Familie, die an den politischen Verwerfungen ihrer Zeit zu zerbrechen droht und von den Nachwirkungen des Unausgesprochenen, die sich durch die Generation der Kinder ziehen. Mit psychologischem Feingefühl erzählt Mueller eine Geschichte über Schuld und Verdrängung - und über den tastenden Versuch, Wahrheit zuzulassen.
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
Shilo
aus Ulm
4/5
11.07.2026
eBook (ePUB)
Auf der Suche nach dem, was lange verborgen blieb
In dieser Familie gibt es Fragen, auf die niemand eine Antwort gibt. Leni wächst damit auf und merkt früh, dass manches nicht zusammenpasst. Erst viele Jahre später beginnt sie, den Spuren ihrer eigenen Geschichte zu folgen. Dabei stößt sie auf Ereignisse, die weit vor ihrer Kindheit liegen und bis heute das Leben ihrer Familie bestimmen.
Das Buch hat mich vor allem wegen seines Themas angesprochen. Familiengeheimnisse und die Zeit der DDR sind eine Mischung, die bei mir fast immer Interesse weckt. Nach und nach kommen neue Einzelheiten ans Licht. Dadurch wurde immer verständlicher, weshalb die Figuren so handeln und warum vieles über Jahre unausgesprochen geblieben ist.
Besonders gefallen hat mir, dass nicht sofort alle Antworten geliefert werden. Vieles fügt sich erst mit der Zeit zusammen. Das hat dafür gesorgt, dass die Neugier erhalten blieb und ich wissen wollte, wie sich alles entwickelt.
Je mehr Seiten vergingen, desto deutlicher wurde, wie eng die einzelnen Ereignisse miteinander verbunden sind. Immer wieder tauchen kleine Hinweise auf, die erst später ihren Platz finden. Gerade das hat den Reiz beim Lesen ausgemacht, weil nicht alles sofort erklärt wird.
Inhaltlich hat das Buch genau den Geschmack getroffen. Weniger leicht fiel dagegen der Zugang zu den Figuren. Durch die häufigen Wechsel zwischen den einzelnen Perspektiven blieb Leni für meinen Geschmack etwas auf Abstand. Dadurch war es nicht immer einfach, ihre Gedanken und Gefühle wirklich nachzuempfinden. Das hat meinen Lesefluss an einigen Stellen etwas gebremst, auch wenn die Geschichte selbst durchgehend interessant geblieben ist.
Bis zur letzten Seite blieb die Frage offen, wie sich alles auflösen wird. Genau das hat dafür gesorgt, dass das Interesse nicht nachgelassen hat. Auch wenn mich der Schreibstil nicht vollständig überzeugen konnte, wollte ich das Buch immer weiterlesen.
Für alle, die Familiengeschichten mit historischem Hintergrund mögen, ist dieses Buch auf jeden Fall einen Blick wert. Das Thema ist gut gewählt und die Idee dahinter hat mir gefallen. Beim Erzählen hätte ich mir etwas mehr Nähe zu den Figuren gewünscht. Trotzdem habe ich das Buch gern gelesen und vergebe deshalb gute vier Sterne.
Reader1965
aus Hamburg
4/5
09.07.2026
eBook (ePUB)
Schweigen & Verdrängen
"Lori" von Anousch Mueller hat mich angesprochen, weil es um interessante Themen geht: Geschichte der DDR & Beziehungen in Familien & Traumata.
Der Schreibstil der Autorin hat mir gut gefallen: leicht & flüssig lesbar und sprachlich überzeugend. Erzählt wid ruhig & unaufgeregt. Gelungen ist die Verbindung von fiktiver Familiengeschichte vor realem Hintergrund und die erzeugte bedrückende, teils melancholische Atmosphäre.
Die Zeit & das Leben in der DDR wird gut vermittelt und zeigt, wie ein Staat in das Leben von normalen Familien eingreifen & was das langfristig für Folgen haben kann. Auch was Schweigen & Verdrängen bedeutet & welche Auswirkungen das auf spätere Generationen haben kann, ist spür- & nachvollziehbar.
Die Familiengeschichte ist komplex. Hier hat Anousch Mueller das vorhandene Potenzial für mein Empfinden nicht ganz genutzt und ich hätte mir ein paar mehr Seiten gewünscht, um etwas mehr Tiefe & ein noch besseres Verständnis von Leni & ihren Eltern zu erhalten.
Insgesamt ein lesenswertes Buch für geschichtlich Interessierte.
Bewertung
aus Quickborn
3/5
08.08.2026
eBook (ePUB)
"Ich rechne immer mit einer Katastrophe."
Der Titel dieser Rezension ist ein Zitat aus Anousch Muellers neuem Roman. Es ist Leni, die so denkt, fühlt und lebt in dieser traumatischen Familiengeschichte. Sie ist die Ich-Erzählerin, fühlt sich lange als Erstgeborene der Familie Ross, bis sich Erinnerungen einschleichen, die ihr ganzes Leben in Frage stellen, auch das ihrer Eltern und Geschwister.
Die Familie Ross ist kinderreich, das war man in der DDR schon mit drei Kindern, aber für Katharina und Robert ist nicht alles nur heile Welt, sie haben sechs Kinder großzuziehen und ein siebtes bleibt ein Phantom. Das ist Lori. Die Eltern lernen sich Mitte der 1970er Jahre kennen, und versuchen, im Arbeiter- und Bauernstaat ein gemeinsames Leben aufzubauen. Leni wird diejenige sein, die 2010 versucht, die Puzzleteile ihrer Familiengeschichte zusammenzufügen und das Phantom Lori nimmt dabei einen zentralen Platz ein. Denn sie erinnert sich an Lori, und sie liest im Mutterpass von sieben Schwangerschaften und sieben Geburten. Ein Geheimnis, das auf ihr genauso lastet, wie auf der Mutter, die sie besucht, und worunter auch der Vater leidet. Nachdem alle Kinder den elterlichen Bahnhof, in dem sie großwurden am Rande eines Thüringer Dorfes, verlassen haben, trennen sich auch die Eltern. „Im Guten“ nennt man das wohl. Aber jedes Familienmitglied nimmt einen Teil des gemeinsamem Traumas mit ins eigene Leben, es gibt keine Enkelkinder. Das ist wohl kein Zufall.
Der Roman umfasst aber nicht nur die private Sphäre, gesellschaftliche und politischen Probleme gehören in fast jeder DDR-Familie dazu, so auch hier. Katharina wird noch während ihrer Lehrzeit von einem „Romeo“ mit Namen Werner umgarnt, er drängt sie geschickt in die Rolle einer IM (Inoffiziellen Mitarbeiterin der Staatssicherheit), aus der sie sich kaum wieder lösen kann. Robert versucht mit mehrfachen Anträge auf Ausreise aus der DDR seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Aber ein Segelausflug mit der Familie, zwar ohne den ältesten Sohn (den man als Alibi zurücklässt), aber mit sechs kleinen Kindern an Bord, endet dramatisch, danach ist Lori weg, verschwunden, bleibt auf dem Grund der Ostsee und wird nie mehr erwähnt. Das ist die Ausgangslage, hierauf baut sich die Erzählung von Leni auf, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommt, mit ihrem Freund aus Kindertagen, Lutz, alles gemeinsam macht, aber ihn nie als Liebhaber an sich heranlässt. Er trägt das mit stoischem Gemüt, aber der Krug geht eben nur so lange zum Brunnen, bis er bricht.
Anousch Mueller versucht an verschiedenen Punkten, die DDR-Geschichte zu erklären, das sind aus meiner Sicht die literarisch schwächsten Stellen des Buches. Wenn Lutz bei einem Besuch in Cottbus, Lenis Geburtsstadt, versucht, Erich Honecker und die Diktatur des Proletariats zu erklären, liest sich das wie ein Wikipedia-Eintrag. Später, wenn 1989 die Mauer fällt, wird dann auch das Begrüßungsgeld, dass jedem DDR-Bürger überreicht wird, als Demütigung beschrieben, auch die Scham über die langen Schlangen bei der Auszahlung. Aber immerhin, die Familie ist dafür extra nach Fulda gefahren. Und war sich dann auch nicht zu fein, es zu nehmen.
Ich habe meine ersten 35 Lebensjahre in der DDR verbracht, kenne die Umstände, unter denen gelebt, geliebt, gelogen wurde, aus eigener Anschauung. Ich kenne auch die Ressentiments, die den DDR-Bürgern entgegengebracht wurden. „Vom Wartburgkreis bis Kap Deschnjow blieb der Osten eine zwielichtige Weltregion. Unzweifelhaft spannend, aber nicht ganz geheuer. Diebesland, fahrendes Volk, rückständig, rau, trunken, politisch verkorkst. […] Der Osten, das war blutgetränkter Boden, das war Stalingrad, das waren Gaskammern, das war Vernichtung und Schuld, so unermesslich, dass sie hinter Eisernen Vorhängen für immer hätte verwahrt bleiben können.“ So beschreibt es die Autorin, mir haben diese Art Ausflüge in die Vergangenheit nicht gefallen, sie passen für mich nicht in die tragische und komplizierte Familiengeschichte. Besser passt dann diese Erkenntnis, „Aber meine Eltern wussten natürlich, dass nun auch die Archive geöffnet wurden. Und dass irgendwo in diesen Akten auch ein dunkler Teil ihrer Lebensgeschichte lag.“ Und Leni wird diejenige sein, die den dunklen Stein viele Jahre später zum Rollen bringt.
Die Autorin hat einen gut lesbaren Schreibstil entwickelt, aber die Schlüssigkeit der Abläufe und Geschehnisse ergab sich mir beim Lesen nicht immer auf den ersten Blick. Abbrüche, Szenenwechsel, Zeitenwechsel lassen nur mühsam ein vollkommenes Bild entstehen. Vielleicht ist das Absicht, das Puzzle muss ja gelöst werden, aber es bleibt verwirrend. Eingestreute Gedichte lassen eine Melancholie erahnen, die auf die Traumata verweist, die sich angesammelt haben.
Die Charakterisierung der Protagonisten ist höchst unterschiedlich, die Mutter entfernt sich aus der Familie, ohne ihren Platz zu räumen, ist anwesend und doch nicht präsent, der Vater wird einerseits als der geborene Kümmerer beschrieben, andererseits wie ein entfernter Verwandter, der z. B. seinen Kindern ein Baumhaus baut, das aber nur dem Zweck des Wohlmeinens der Dorfgemeinschaft dient. Die Geschwister werden angedeutet, sind aber keine Hauptpersonen für Leni. Freund Lutz ist ihr da näher. Ihre Liebesbeziehungen bleiben verschwommen. Ich konnte jedoch für kaum eine der Romanfiguren besondere Empathie entwickeln, einzige Ausnahme: Lutz.
Offensichtlich kommt im Moment kaum ein Familienroman ohne mindestens eine Person in psychiatrischer Behandlung aus, zufällig las ich gerade Miriam Carbes „Unerwünschte Töchter“ und Jennifer Segebrechts „Muttertage“, auch dort findet sich diese Konstellation. Anousch Mueller setzt das hier fort, Leni benötigt bei der Bewältigung ihres Kindheitstraumas auch am Ende des Buches ärztliche Hilfe. Die Diagnose „Konversionsstörung“ ist offenbar nicht das einzige psychische Problem, das sie umtreibt.
Fazit: Lesenswert. Ein interessanter Familienroman, der vorrangig in der DDR vor und kurz nach der Wende angesiedelt ist, der versucht, verschiedene DDR-Problematiken und -Konflikte zu beleuchten. Schweigen und Verschweigen sind in diesem Roman die Ursache der Traumata, die sich wellenartig ausbreiten von der Vergangenheit bis in die Gegenwart.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
nessabo
Thalia Book Circle Community
5/5
09.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Für mich ein absolut überraschendes Highlight
Historische Romane, die sich um die DDR drehen, reizen mich in der Regel nicht wirklich, weil mir die Zeit einfach fremd ist. Aber Anousch Mueller hat mich spätestens nach dem ersten Drittel in ihren Bann gezogen. Was für eine unglaublich detailliert recherchierte und gut geplottete Familiengeschichte!
Leni wächst als eines von 6 Kindern in einem außergewöhnlichen Setting auf: Ein verlassenes Bahnhofsgebäude im Thüringen der 80er/90er-Jahre ist das Zuhause der Familie. Die Mutter kommt anfangs nicht gut weg, wirkt wie eine Gebärmaschine, die sich stets nur um das jüngste Kind intensiv kümmert, während sie sich von den anderen distanziert. Der Vater wiederum ist ein absolutes Herz, ein Helfer in allen Lebenslagen. Dass es ein großes Geheimnis gibt, welches alle Familienmitglieder prägt, ist von Anfang an klar: Leni erinnert sich schemenhaft an ein weiteres Kind.
Was mir anfangs die Lektüre erschwerte, war die etwas sprunghafte Erzählstruktur. Die Autorin verwendet zwar Jahresangaben am Anfang der Kapitel, hält sich innerhalb dieser aber nicht immer daran. Das wird im weiteren Verlauf deutlich besser, Durchhalten lohnt sich also!
Ich bin beeindruckt von der massiven Rechercheleistung, die in diesen Roman geflossen sein muss. Etliche Male habe ich direkt nachgelesen, etwa wie es in der Cottbusser Innenstadt der 70er Jahre ausgesehen und was es mit dem beschriebenen Unglück auf sich hat. Die Autorin verpackt historisches, popkulturelles und literarisches Wissen so dicht, dass es manchmal fast zu viel wirkt, aber eben nur fast. Denn rund herum entspannt sich eine unglaublich spannende, sensible Familiengeschichte, die mich tief bewegt und die Faktendichte problemlos aufgelockert hat.
Mueller verbindet die DDR-Realität so geschickt mit der Familienbiografie, dass ich gespannt und bedrückt zugleich war, während sich beim Lesen unzählige Fragen aufgeworfen haben. Wie viel Schweigen hält eine Familie eigentlich aus? Wie tief wirkt das autoritäre System trotz aller Abneigung doch in eine Beziehung hinein? Und was machen die vielen Geheimnisse mit den Kindern? Besonders eindrücklich schildert die Autorin, was das innerfamiliäre Schweigen psychisch mit den Kindern anrichtet.
Die Auflösung am Ende ist grandios geschrieben, die Annäherung von Leni und ihrer Mutter glaubhaft. Die Entwicklung der Freundschaft zwischen Leni und ihrem besten Freund Lutz habe ich überhaupt nicht kommen sehen, sie hat mich erst schockiert und dann gebrochen. Mueller bleibt an den richtigen Stellen vage, sodass wir den Subtext über das eigene Fühlen verstehen müssen. Die zweite Hälfte konnte ich gar nicht mehr aus der Hand legen und habe bis tief in die Nacht hinein gelesen.
Ein wenig ziehe ich ab für die an manchen Stellen etwas zu akademische Sprache, welche die Geschichte gar nicht nötig hatte. Im weiteren Verlauf habe ich dann aber überhaupt nichts mehr zu meckern.
Damit große Empfehlung - ich habe bislang noch kein Buch gelesen, das auf so wenigen Seiten die Realität und Ambivalenz sowie das Trauma der DDR-Bevölkerung derart eindrücklich schildern und das auch noch mit einer individuellen, spannenden Familiengeschichte kombinieren konnte.
4,5 ⭐️
Bewertung
5/5
07.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schweigen verletzt
Ursprünglich hatte mich dieses Buch angezogen, wie die Motte das Licht. Nur ein Satz war nötig, um mich zu fesseln:
"Wir waren sechs die lebten. Und Lori, die auf dem Grund der Ostsee ruht."
Leni wächst als eines von sechs Geschwistern in einem alten Bahnhofsgebäude in Nirgendwo des Thüringer Landes auf. Die Mutter definiert sich über ihre Muttersein, während der Vater ihnen die Fürsorge bietet, die sie benötigen. Ihre Kindheit scheint glücklich, auch wenn sie spürt, dass etwas unausgesprochenes zwischen ihnen schwebt- oder jemand. Immer wieder durchzucken sie Erinnerungsfetzen, die sie nicht einordnen kann. Erst im Erwachsenenalter, nachdem sich die Kinder in alle Himmelsrichtungen verstreut haben, schafft sie es, sich und ihre Eltern mit der verschwiegenen Vergangenheit zu konfrontieren.
Zu Beginn hat mich vor allem das Setting im thüringischen Nirgendwo gefesselt. Ein bisschen hat es sich wie Detektivarbeit angefühlt, meine Heimat in diesem Buch wiederzufinden. Doch nach und nach wandelt es sich von meiner eigenen Spurensuche zu der von Leni.
In vielen Rückblicken, sowohl in ihre Kindheit als auch in die Jugend- und Kenenlernzeit ihrer Eltern, erfahren wir die Familiengeschichte einer zerrissenen Generation, die in den Umschwüngen der (Vor-) Wendezeit des Ostens aufwächst.
Zum Schluss bleibt nicht nur Leni überrascht und erschüttert zurück. Mich hat es genauso getroffen!
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