Jetzt beginnt das Leben
Roman | Der Nr.-1-Bestseller aus Schweden: Ein faszinierender Roman über das Eintauchen in die Kindheit und darüber, was einen Menschen prägt
Der Nr.-1-Bestseller aus Schweden: Ein faszinierender Roman über das Eintauchen in die Kindheit und darüber, was einen Menschen prägt
Ein Mann telefoniert mit seiner Vergangenheit
Vidars Leben ist aus den Fugen geraten. Nach einem gewalttätigen Vorfall in der Schule wird er vom Lehrdienst suspendiert. Als er zu Hause zufällig die Telefonnummer des alten Sommerhauses der Familie findet, wählt Vidar aus einer Laune heraus die Nummer. Es meldet sich sein Vater, der längst tot ist. Bald versteht Vidar: Am anderen Ende der Leitung ist immer der 17. Juni 1986, ein Tag aus seiner Kindheit. Es öffnet sich eine Falltür in die Vergangenheit. Anruf für Anruf versucht Vidar, jeden Schritt seiner Familie an diesem Tag nachzuvollziehen. Er überschreitet eine Grenze nach der anderen. Und während sich der Tag seiner Kindheit langsam auflöst, zieht sich die Schlinge in der Gegenwart immer enger zu.
'Es ist, als hätte alles, was Alex Schulman zuvor geschrieben hat, den Weg für diesen Roman geebnet.' Gefle Dagblad
Kundinnen und Kunden meinen
4.8/5.0
Buecherheidrun
aus Horb
5/5
21.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Vergangenheit ist nur eine Telefonschnur entfernt
„Es begann mit einer toten Ratte im Keller.“ (S. 7) und dem damit verbundenen Fund des kleinen abgegriffenen Telefonbüchleins seines Vaters in einer vergessenen Kiste. Da Vidar momentan, wegen einer Tätlichkeit einem seiner Schüler gegenüber, von seiner Arbeit als Lehrer suspendiert wurde und immer wieder über die Vergangenheit grübelt, wählt er aus einer Laune heraus die Nummer des Sommerhauses, in dem er, seine Schwester und ihre Eltern ihre Ferien verbrachten. Als das Unglaubliche geschieht und sich am anderen Ende der Leitung sein bereits verstorbener Vater meldet, beginnt für Vidar eine Reise zu einem einschneidenden Tag seiner Kindheit, der sich mit jedem Anruf und jedem Gespräch, auch mit sich selbst, klarer herauskristallisiert. Und während sich Vidar zwanghaft immer mehr in der Vergangenheit und seiner teils traumatischen Kindheit verliert, gerät sein Leben aus dem Gleichgewicht, verstrickt er sich ungewollt und mit besten Absichten immer tiefer in den Fängen von Gewalt und Schuld.
Alex Schulman schreibt auch hier wieder tiefgreifend gegen den Schmerz einer verpassten glücklichen Kindheit an. Er dringt drastisch in die Psyche seines Protagonisten ein und legt den Finger dorthin, wo es am meisten schmerzt. Man leidet mit Vidar, einem etwas unbeholfen wirkenden, eigentlich herzensguten Mann, der durch die Umstände seines Aufwachsens stark geprägt wurde. Dabei geht es nicht darum, ungeschehen zu machen, was damals passierte, wie in diversen Zeitreise-Geschichten, sondern vielmehr darum, sich zu erinnern und zu verstehen, was seine Tat im Jetzt ausgelöst haben könnte.
Die Telefongespräche Vidars mit sich selbst als Kind sind ein glaubhafter literarischer Kunstgriff, der die Unveränderlichkeit von Ereignissen deutlich macht, aber eindringlich deren unterschiedliche Wahrnehmung von Kind zu Erwachsenem herausstellt.
Ein hinreißend spannender, soghafter und manchmal bedrückender Familienroman, bei dem die Vergangenheit nur eine Telefonschnur entfernt und doch allgegenwärtig ist, der sich mit dem Heute intensiv verbindet und psychologisch tiefgehend mit Erinnerungen beschäftigt.
Als Schulman-Fangirl der ersten Stunde kann ich euch auch diesen großartigen Roman von ganzem Herzen empfehlen.
Aus dem Schwedischen übersetzt von Hanna Granz #namethetranslator
Gina Lesefuchs
5/5
18.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Anruf in der Kindheit
Welche Ereignisse in der Kindheit sind so prägend, dass ein einziger Satz Jahrzehnte später zu einer Übersprunghandlung führen kann?
Alex Schulman gibt in seinem neuen Roman „Jetzt beginnt das Leben“ dem Ich-Erzähler Vidar die Chance, einen Tag in seiner Kindheit zu rekonstruieren: Vidar findet im Nachlass seines Vaters ein Notizbüchlein mit der Telefonnummer des Sommerhauses, in dem Vidar als Kind mit seinen Eltern und seiner Schwester die Sommer verbracht hat. Als er die Nummer wählt, nimmt sein Vater ab – wie kann das sein? Vidar ruft immer wieder an und findet heraus, dass im Sommerhaus immer derselbe Tag ist, der 17. Juni 1986. Er telefoniert mit der ganzen Familie, auch mit seinem kindlichen Ich. Doch was ihm zunächst wie ein Spaß erscheint, wird zu einer Aufarbeitung der Vergangenheit. Da Vidar als Lehrer vorübergehend suspendiert ist, macht er aus diesen Anrufen in der Vergangenheit ein echtes Projekt und nutzt eine Wohnzimmerwand als Koordinatensystem, in dem er minutengenau den Ablauf des 17. Juni 1986 in dem Sommerhaus nachvollzieht; jede Bewegung jedes einzelnen Familienmitglieds trägt er akribisch ein.
Neben der Vergangenheitsrecherche versucht Vidar herauszufinden, was genau zu seiner Suspendierung vom Schuldienst geführt hat. Er wollte nur einen Streit zwischen Schülern schlichten, wird nun aber wegen angeblicher Misshandlung eines Schülers angeklagt. Vidar kann sich an den Vorfall nicht vollständig erinnern, Videos sprechen gegen ihn.
Dieser Roman scheint zunächst eine Zeitreisegeschichte zu sein, wie sie schon mehrfach erzählt wurde. Zunächst lässt es die Lesenden auch schmunzeln, wenn die Mutter in der Vergangenheit schimpft: „Was ist denn jetzt schon wieder?“ (S. 16)
Nach und nach wird jedoch klar, dass dies Anrufe in der Kindheit kein Vergnügen für Vidar sind, sondern ihm dazu dienen sollen, ein Kindheitstrauma aufzuarbeiten. Sehr berührend schildert Schulman, wie Vidar sich an sein kindliches Ich erinnert, das sich so sehr wünscht, dass seine Eltern sich und auch ihn lieben. Der kleine Junge versucht, sich unsichtbar zu machen, um alles mitzuverfolgen:
„Da ist der Junge ja! Er macht so wenig Aufhebens um sich, dass man ihn beinahe vergisst. Selbst sein Atem nimmt keinen Raum ein.“ (S.51)
Auch als Erwachsener hat Vidar dieses Gefühl der Unsichtbarkeit:
„Sie nahmen mich gar nicht wahr, liefen schnell an mir vorüber, als wäre ich unsichtbar oder durchsichtig.“ (S. 73)
Die beiden Zeitebenen werden parallel erzählt: Einerseits versucht Vidar, den 17. Juni 1986 in allen Einzelheiten zu rekonstruieren, andererseits muss er in der Gegenwart der Polizei Rede und Antwort stehen. Immer wieder versucht er auch trotz eines verhängten Kontaktverbots, mit dem von ihm angeblich misshandelten Schüler zu sprechen.
Einziges Manko an diesem Buch ist für mich der deutsche Titel. „Jetzt beginnt das Leben“ ist der Satz des Vaters, wenn er nach tagelanger Verstopfung endlich auf Toilette gehen kann. Soll mit dem Titel also auf eine Verstopfung des Erinnerungsvermögens angespielt werden, die es zu beseitigen gilt? Der schwedische Originaltitel „17. Juni“ ist deutlich passender, hätte wegen der historischen Bedeutung in Deutschland aber vermutlich falsche Erwartungen geweckt.
Fazit:
Ein ungemein berührender Roman, der erahnen lässt, dass unter der Oberfläche eines scheinbar unbeschwerten Tags in einem idyllisch am See gelegenen Sommerhaus Erinnerungen verborgen sein können, die sich erst Jahrzehnte später ihren Weg ans Tageslicht bahnen.
Schulman erzählt so liebevoll die Geschichte eines Mannes, der sein kindliches Ich schützen und umarmen möchte, dass mir die Tränen kamen.
Da ich leider nicht so viele Sterne wie auf dem Cover abgebildet geben kann, werden es volle 5/5.
Bewertung
5/5
16.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Großartig
Vidars Leben ist, nach einem gewalttätigen Vorfall an der Schule, aus den Fugen geraten. Er ist erstmal von der Arbeit suspendiert. Zufällig findet er die Telefonnummer des alten Sommerhauses seiner Familie. Er ruft an und am anderen Ende ist sein Vater, der bereits verstorben ist. Die Telefonleitung führt zurück in die Vergangenheit, an den 17.Juni 1986. Irgendwas muss an diesem Tag passiert sein. Um das rauszubekommen, ruft er Tag für Tag wieder an. So nähert er sich seiner Kindheit immer weiter an, doch die Gegenwart wird immer dramatischer. Verbissen versucht er dieses Trauma aus der Vergangenheit aufzulösen.
Alex Schulmann verbindet in diesem Roman ein Familiendrama, psychologische Spannung und ein mystisches Element. Ich habe das Buch in kürzester Zeit durchgelesen, weil es mich so gefesselt hat. Spannend ist die Idee, die Vergangenheit anzurufen. Er hat so die Möglichen mit Mutter, Vater, der Schwester und sogar sich selbst zu sprechen. Immer wieder ruft er an, zu unterschiedlichen Zeiten, wird immer verbissener. Er muss wissen was an diesem Tag geschehen ist, um sich besser zu verstehen. Besonders die Telefonate mit sich selbst als achtjährigen Jungen, sind so emotional. Schulman läuft zur absoluten Hochform auf, zeigt hier sein ganzes Können. Der Roman endet mit einem Knall, schmerzhaft und so furchtbar authentisch. Ich bin sowieso Fan von Schulman und jetzt noch etwas mehr.
Emotional, tiefgründig und familiäres Trauma. Eine ganz große Empfehlung von mir.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
08.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenn die Vergangenheit ans Telefon geht
Ein Lehrer, eine Suspendierung, ein kaum erklärbarer Gewaltvorfall und eine Telefonnummer, die den Protagonisten Vidar plötzlich mit seiner eigenen Vergangenheit verbindet. Am anderen Ende der Leitung wartet nicht lediglich eine Erinnerung, sondern seine Familie, festgehalten auf einem einzigen Tag im Sommer 1986.
Was zunächst wie ein raffinierter erzählerischer Kunstgriff wirkt, entwickelt sich zunehmend zu einer Untersuchung der Erinnerung selbst. Vidar versucht, diesen Tag zu rekonstruieren, indem er immer wieder anruft und dieselben Menschen zu unterschiedlichen Zeitpunkten erreicht. Er spricht mit seinem Vater, seiner Mutter, seiner Schwester und mit dem Jungen, der er selbst einmal war. Aus den Gesprächsfetzen entsteht langsam das Bild eines Tages, dessen entscheidendes Ereignis seinem Bewusstsein offenbar entzogen wurde.
Alex Schulman macht aus dieser Ausgangslage keinen klassischen Zeitreiseroman. Die Vergangenheit ist hier kein Ort, an den man zurückkehren kann, um Dinge ungeschehen zu machen. Sie ist ein Archiv, das sich nur bruchstückhaft öffnet. Vidar sucht nach einem eindeutigen Ursprung für seine gegenwärtige Verunsicherung, nach jenem einen Ereignis, das erklären könnte, warum er geworden ist, wer er ist. Er sucht Erklärungen für seine Verhaltensausfälle, er sucht Antworten auf die Frage, warum er atypisch reagiert. Doch je genauer er hinsieht, desto fragwürdiger wird die Vorstellung, ein menschliches Leben ließe sich auf einen einzigen Moment zurückführen während sich die Schlinge um ihn in der Gegenwart weiter zusammenzieht.
Bemerkenswert ist dabei die Konstruktion der Figur Vidar. Alex Schulman erspart seinem Protagonisten die bequeme Position des unschuldigen Opfers. Vidar ist ein Mann, der sich selbst nicht versteht, dessen Handlungen ihm fremd geworden sind und der dennoch Verantwortung für sie übernehmen muss. Seine Kindheit liefert mögliche Erklärungen, aber keine einfachen Entschuldigungen. Genau in dieser Spannung gewinnt der Roman seine moralische Dimension.
Überhaupt interessiert sich Alex Schulman weniger für das spektakuläre Trauma als für dessen Nachwirkungen. Die eigentliche Gewalt liegt häufig nicht in dem, was ausgesprochen wird, sondern in dem, was innerhalb einer Familie nicht gesehen, nicht verhindert oder nicht ausgesprochen wird. Elternschaft erscheint dadurch nicht als sentimentale Erinnerung an eine vergangene Kindheit, sondern als Frage nach Verantwortung, was Erwachsene den Kindern schulden, deren Leben ihnen anvertraut ist. Und welche Spuren Versäumnisse hinterlassen, die im Moment selbst vielleicht unscheinbar wirken.
Die Telefonate mit dem 17. Juni sind dafür ein klug gewähltes literarisches Instrument. Vidar kann die Vergangenheit hören, aber nicht verändern. Er kann Fragen stellen, ohne seinem jüngeren Ich wirklich helfen oder die Ereignisse rückabwickeln zu können. Besonders eindringlich ist deshalb die Begegnung zwischen dem erwachsenen und dem kindlichen Vidar. Zwei Versionen desselben Menschen, die einander zugleich vertraut und fremd sind. Alex Schulman macht daraus eine beklemmende Studie über Entfremdung und über das Bedürfnis, sich selbst im Nachhinein zu verstehen. Berührend sind auch Vidars Versuche, sein kindliches Ich in der Vergangenheit zu stärken und seine eigenen Traumata im Damals behutsam aus dem Heute heilen oder zumindest verhindern zu können.
Erzählen kann Alex Schulman wirklich. Der Plot hat eine ähnliche Sogwirkung wie in seinen anderen Romanen. Manche Passagen wirken bewusst beinahe obsessiv, wenn Vidar seine Nachforschungen immer weiter ausdehnt und versucht, die Ereignisse dieses Tages zu ordnen. Gerade diese Akribie vermittelt jedoch etwas von seiner Verzweiflung. Er glaubt, dass sich die Vergangenheit beherrschen lässt, wenn man sie nur genau genug rekonstruiert.
Dabei entsteht eine eigentümliche Spannung zwischen der nüchternen Sprache und dem emotionalen Gewicht des Erzählten. Alex Schulman schreibt präzise und ohne sprachliche Überhöhung. Das wirkt bisweilen kühl, ist aber zugleich Teil der Wirkung. Wo andere Autoren ein Trauma ausstellen würden, lässt Schulman häufig die Lücke stehen. Die Leserschaft muss sie selbst füllen und wird dadurch stärker in die Geschichte hineingezogen.
„Jetzt beginnt das Leben“ ist deshalb vor allem ein Roman über Erinnerung, Verantwortung und die Illusion, man könne die eigene Biografie vollständig entschlüsseln. Die fantastische Idee der Zeitreise dient Alex Schulman nicht als Selbstzweck. Sie ermöglicht vielmehr einen Perspektivwechsel. Der Erwachsene begegnet dem Kind, das er einmal war, und muss erkennen, dass zwischen beiden nicht nur Jahrzehnte liegen, sondern auch all jene Erfahrungen, die sich einer bewussten Erinnerung entzogen haben.
Dieser Roman überzeugt. Er ist melancholisch, verstörend und stellenweise beklemmend, ohne seine Wirkung mit großen Gesten erzwingen zu wollen. Es ist ein Buch über die Gewalt familiärer Muster und darüber, wie lange ein einziger Tag aus der Kindheit im Leben eines Erwachsenen nachwirken kann wie eine Krake ihre Arme ins Heute räkelt. Ein ungewöhnlicher, psychologisch präziser Roman, dessen eigentliche Zeitreise nicht in die Vergangenheit führt, sondern in die Tiefenschichten der eigenen Erinnerung.
Christian1977
aus Leipzig
5/5
07.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Wunden der Kindheit
Vidars Leben steht Kopf. Der Lehrer sieht sich schwerwiegenden Vorwürfen ausgesetzt. Er soll in der Schule gewalttätig gegenüber einem 13-jährigen Jungen geworden sein, seitdem ist er vom Schuldienst suspendiert und sieht sich polizeilichen Ermittlungen ausgesetzt. Durch Zufall findet er zu Hause die Telefonnummer des alten Sommerhauses, in dem er gemeinsam mit den Eltern und seiner älteren Schwester jahrein jahraus die Sommer seiner Kindheit verbrachte. Als Vidar sich dazu entschließt, die Nummer zu wählen, trifft ihn der Schlag. Am anderen Ende der Leitung ist sein Vater - der allerdings schon seit einigen Jahren tot ist…
“Jetzt beginnt das Leben” ist der neue Roman des schwedischen Erfolgsautors Alex Schulman, der in der deutschen Übersetzung von Hanna Granz bei dtv erschienen ist. Wie in seinen vorherigen Werken nimmt Schulman auch diesmal wieder Bezug auf seine eigene Familiengeschichte und auf die Wunden der Kindheit, die so tief sein können und manchmal gar nicht verheilen. Dass “Jetzt beginnt das Leben” dennoch alles andere als ein Abklatsch von beispielsweise “Die Überlebenden” oder “Endstation Malma” ist, liegt vor allem an der wunderbaren Ausgangsidee, in der eigenen Kindheit anzurufen. Und natürlich daran, dass Alex Schulman einfach ein hervorragender Erzähler ist.
Tatsächlich entfaltet das neue Buch von Beginn an eine fast unheimliche Sogwirkung. Es klingt immer so abgedroschen, zu schreiben, man habe einen Roman nicht mehr aus der Hand legen können. Aber genau so erging es mir mit “Jetzt beginnt das Leben”. Die Lektüre der sehr luftig bedruckten knapp 350 Seiten verging wie im Flug. Die Kapitel enden häufig mit veritablen Cliffhangern, wie man es eher aus der Spannungsliteratur kennt. Und irgendwann ging es mir wie Vidar selbst: Ich fieberte auf den nächsten Anruf hin und steigerte mich fast so obsessiv wie Vidar in diese hinein, war gespannt, wer aus der Familie diesmal den Hörer abheben würde und wie der erwachsene Protagonist versucht, auf die Vergangenheit einzuwirken.
Relativ schnell wird jedoch sowohl der Leserin als auch Vidar klar, dass sein Einfluss doch äußerst gering ist. Denn während die Gegenwart in der Rahmenhandlung voranschreitet und sich die Schlinge der polizeilichen Ermittlungen langsam zuzieht, steht im Sommerhaus die Zeit still. Vidar stellt fest, dass jeder neue Anruf immer wieder am 17. Juni 1986 entgegengenommen wird. Ein Tag, der in der kindlichen Entwicklung der Hauptfigur eine zentrale Rolle spielen sollte.
Während die Ausgangsidee der Anrufe in der Kindheit schon brillant ist, sind die emotionalen Höhepunkte des Romans zweifelsohne Vidars Telefonate mit sich selbst als achtjährigem Jungen. Wenn die beiden Vidars gemeinsam am Telefon den Geräuschen des Sommers lauschen, wenn der Erwachsene versucht sein kleines Ich zu trösten und zu beschützen, ist dies zutiefst bewegend. Auch sprachlich entfaltet Schulman in diesen Momenten all sein Können. “Der Raum zwischen uns war mit so viel Zeit und Einsamkeit und Kummer gefüllt”, heißt es beispielsweise an einer Stelle. Eine zentrale Rolle nimmt auf beiden Erzählebenen auch das Mutter-Sohn-Verhältnis ein. Während der Lehrer Vidar seine mittlerweile demente Mutter im Pflegeheim besucht, leidet der Junge unter den unkontrollierten Wutausbrüchen und der fehlenden Liebe der alkoholkranken Mutter.
Nun wäre “Jetzt beginnt das Leben” kein echter Schulman, wenn nicht auch der neue Roman mit einem Knalleffekt enden würde. Was mir im Vergleich zu “Die Überlebenden” und insbesondere “Endstation Malma” allerdings viel besser gefallen hat, ist, dass dieser diesmal nicht überkonstruiert wirkt, sondern viel glaubhafter und dadurch auch schmerzhafter ist. Von den drei genannten Romanen, die ich von Alex Schulman kenne, ist “Jetzt beginnt das Leben” deshalb für mich eindeutig der stärkste.
Man könnte Schulman vorwerfen, sich an immer denselben Themen abzuarbeiten und diesbezüglich selten etwas Neues zu wagen. Wenn das Ergebnis allerdings so unterhaltsam, berührend, spannend und emotional ist wie der neue Roman, werde ich gespannt auf das nächste Werk warten.
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5/5
04.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Kindheit im schwedischen Sommerhaus
Würden wir gerne einmal mit unserer Vergangenheit sprechen und wollen wir wirklich wissen, was sie uns zu sagen hat?
Alex Schulman verwandelt ein Telefon in eine Falltüre zur Kindheit und kreiert daraus einen bemerkenswert komplexen Roman über Erinnerung, Gewalt und die verzweifelte Hoffnung, irgendwo in der Vergangenheit eine Erklärung für die vielen offenen Fragen für sein gegenwärtiges Ich zu finden.
Originelle Grundidee mit emotionaler Sogwirkung, weil es ein simples, aber meisterhaftes Gedankenexperiment nutzt, um tiefen psychologischen Fragen nachzugehen. Brilliant!
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5/5
17.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Anruf in der Kindheit
Erstaunlich, wie sich das Bild so nach und nach zusammensetzt, so wie ein riesiges Puzzle. Beide Handlungsstränge sind auf ihre eigene Art verbunden, dass keiner ohne den anderen sein kann und beide gleichzeitig aufgelöst werden.
Der Roman war für mich sowohl aufwühlend emotional als auch fesselnd und unterhaltsam mit Sogwirkung.
Alex Schulman zeigt wie sehr die Schatten der Vergangenheit, oder vielmehr der Kindheit, Einfluss auf die Gegenwart nehmen können.
Ein Buch, das in Erinnerung bleibt.
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4/5
25.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
schöne Erzählung über das Vergangene in der Gegenwart
Axel Schulmann gelingt eine Erzählung über die Kindheit, die uns im Erwachsenenleben immer noch einen Strich durch die Rechnung machen kann, wenn etwa traumatische Erlebnisse nicht aufgearbeitet werden. Ein schöner Einfall ist der Anruf an einem Tag in der Vergangenheit und wie die Hauptfigur die Telefonate nutzt. Die Geschichte in der gegenwärtigen Zeitlinie ist wirklich verzwickt und nimmt am Ende noch eine Wendung und ist außerdem sehr stimmig mit der 80er-Zeitlinie verknüpft. Diese Geschichte ist eine Parabel darauf, das das Vergangene nicht vergehen kann, wenn man es nicht kennt und nicht ansieht bzw. anhört. Ein schönes, manchmal liebevoll-skurril anmutendes, aber auch sehr aufwühlendes Buch, das ich gern gelesen habe.
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