Von Nahem betrachtet ist alles gar nicht so schlimm
Roman | Eine tragikomische Geschichte über das moderne Single-Sein und die Wirkkraft menschlicher Bindungen
Bryony hat eigentlich kein Problem damit, Single zu sein. Deshalb fragt sie sich, warum sie sich immer noch mit Ed trifft, der zwar okay, aber eben auch nicht mehr ist. Doch kurz bevor sie Schluss machen will, bekommt sie einen Anruf: Ed ist tot. Und offenbar hat er Bryony seiner Familie als seine große Liebe und zukünftige Ehefrau verkauft. Das gerade jetzt zu korrigieren wäre grausam. Die Beerdigung abzusagen wäre unhöflich. Also geht Bryony hin - und ehe sie sich versieht, steckt sie im Chaos von Eds exzentrischer, aber liebenswerter Familie fest. Was als Pflichtbesuch beginnt, wird zu einer Begegnung mit Menschen, die Bryonys Blick auf ihr eigenes Leben verändern.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Lesenswert
aus Bielefeld
4/5
31.08.2026
eBook (ePUB)
Über Lügen, Beziehungen und Hypochondrie
In "Von Nahem betrachtet ist alles gar nicht so schlimm" von Lauren Bravo musste ich mich erst einlesen, dann hat es mich aber gepackt.
Bryony hat ein Problem: Ed, der Mann mit dem sie sich ab und an getroffen hat und den sie nicht als Beziehung bezeichnen würde, ist verstorben. Seine Familie informiert sie darüber, er hat offensichtlich was ihre Beziehung betrifft einiges nicht so ganz erzählt, wie es wirklich war. Zukünftige Ehefrau und große Liebe??? Sie will nicht unhöflich sein und schon gar nicht Eds Familie in der Trauer mit einer Korrektur belasten. Und so gerät sie in eine chaotische Familie, Und durch eben diese Familie ändert sich auch ihr Blick auf sich selbst.
Bryony ist eine Protagonistin, an die man sich erst gewöhnen muss. Sie ist Hypochonderin, kann schlecht nein sagen und will niemandem weh tun. >Insbesondere die Schilderung ihrer Hypochondrie ist der Autorin sehr gut gelungen. Wenn ich das Nachwort richtig interpretiert habe, leidet die Autorin selbst unter Hypochondrie. Jeder, dabei nehme ich mich nicht aus, ist oft genervt von Menschen mit Hypochondrie. Dabei wird leider vergessen, dass auch diese Menschen unter der Krankheit leiden. Diesen Aspekt hat Lauren Braavo gut herausgearbeitet. Ja, Bryony ist eine Chaotin, aber auf liebenswerte Weise. In manchen Situationen hätte ich sie auch gerne einmal Nein sagen hören, aber das wäre dann auch nicht Bryony gewesen. Eds Familie, allen voraus seine Mutter, betreibt einen regelrechten Kult um Ed. Eine Gedenkfeier jagt die nächste - aber Bryony nimmt immer teil, auch wenn ihr nicht danach ist und sagt eben nicht Nein. An manchen Stellen ist es tragikomisch, aber immer feinfühlig formuliert. Die Sprache hat mir gefallen, ich konnte mir Bryony und ihre neue Familie gut vorstellen. Die Dialoge sind passend zu den Charakteren und auch hier blitzt immer wieder Humor durch. Eine Frage bleibt offen, die Bryony nicht gelöst hat. Schade eigentlich! Ich wäre vielleicht doch zu neugierig gewesen. Was es war? Verrate ich nicht, denn spoilern will ich nicht.
Nach ein paar Anfangsschwierigkeiten hat mir der Roman gut gefallen, deshalb bekommt er von mir auch gute 4 Sterne und eine Leseempfehlung!
Bewertung
Thalia Book Circle Community
4/5
22.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ungewöhnliche Beziehungsgeschichte mit britischem Humor - 3,5⭐️
Bryony hat eine lockere Affäre mit Ed, die sie ganz okay findet, aber mehr auch nicht. Da sie eigentlich gerne Single ist, denkt sie über eine Trennung nach. Doch bevor sie Schluss machen kann, erhält sie eine schockierende Nachricht: Ed ist tot!
„Als sie unter dem Vorwand, gleich morgens eine Besprechung zu haben, ihre Sachen zusammensuchte und er ihr mit Hundeblick und stolzer Miene an der Tür nachsah, war sie sich sicher: kein Ed mehr. Kein Warten mehr darauf, dass die lauwarme Suppe heiß wurde. Sie würde sich wie eine Erwachsene verhalten und den Mut aufbringen, die Sache zu beenden – obwohl ihr das mit ihrem Perfektionismus und ihrem Ehrgeiz schwerfiel.
Die Sache wurde erheblich vereinfacht, als sie am nächsten Tag einen Anruf erhielt und erfuhr, dass Ed gestorben war.“
Hinzu kommt, dass er seiner Familie offenbar erzählt hatte, Bryony wäre seine große Liebe und zukünftige Ehefrau. Bryony bringt es nicht übers Herz, dieses Missverständnis gegenüber der trauernden Familie aufzuklären. Also geht sie aus Pflichtgefühl zur Beerdigung und steckt plötzlich mitten im Chaos von Eds liebenswerter, aber exzentrischer Familie. Und da kommt sie gar nicht so einfach wieder raus: Eine Gedenkfeier folgt der anderen, noch ein Familientreffen – Bryony weiß keinen Ausweg aus der Lage.
„‘Ich soll zeigen, wie gut ich ihn kenne! Kannte. Wenn ich keine persönlichen Details einbringe, wirkt das verdächtig.’
‘Du tust so, als wären diese Leute vom MI6 und würden wegen einer vorgetäuschten Beziehung gegen dich ermitteln.’
‘Ich mache mir nur Sorgen, sie könnten daran zweifeln, dass ich ihn wahnsinnig geliebt habe.’
[…]
‘Ich werde dir eine heikle Frage stellen’, sagte er. ‘Warum?’
‘Warum was?’
‘Warum musst du sie glauben lassen, dass du ihn wahnsinnig geliebt hast?’
Bryony sah ihn verwirrt an. ‘Weil er tot ist, Marco. Er ist tot, sie sind unglücklich, und ihr einziger Trost ist, dass er von einer tollen Frau geliebt wurde, als er gestorben ist, nämlich von mir.’
‘Na gut, tolle Frau.’ […] ‘Ist es möglich, dass sie noch woanders Trost finden? Glaubst du nicht, dass diese nette Familie sich vielleicht auf dreißig Jahre voller glücklicher Erinnerungen an ihren geliebten Sohn, Bruder und Freund konzentrieren kann, anstatt darauf, dass er ein paar Monate lang mit irgendeiner Frau rumgevögelt hat, die sie nicht kannten?’“
Doch durch die Begegnung mit den unterschiedlichen Familienmitgliedern muss Bryony sich auch ihren eigenen Problemen, ihrer Hypochondrie und ihren Ängsten stellen.
Die skurrile Grundidee des Romans hat mir sehr gut gefallen, auch der Schreibstil von Lauren Bravo gefällt mir mit einem guten Mix aus Feingefühl und britischem Humor. Die Charaktere haben mir allesamt gut gefallen.
Leider empfand ich die Handlung im Mittelteil als etwas zu langgezogen, auch das Ende konnte mich nicht richtig abholen.
Lauren Bravo hat mit „Von Nahem betrachtet ist alles gar nicht so schlimm“ eine tragikomische Geschichte geschrieben, die mich nicht komplett überzeugt, aber weitgehend gut unterhalten hat. Ich vergebe final 3,5 von 5 Sternen.
Vielen Dank an den pola Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar!
Jürg K.
4/5
04.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Beziehungsstress
Was mich an diesem Roman sofort berührt hat, ist Bryonys stille, fast unbeholfene Art, durchs Leben zu stolpern. Sie ist keine Dramaheldin, keine Frau mit grossen Gesten oder klaren Plänen. Eher jemand, der versucht, sich mit kleinen Kompromissen über Wasser zu halten. Ed war für sie nie die grosse Liebe, eher eine Gewohnheit, ein „Warum nicht?“. Und genau deshalb trifft sein Tod sie auf eine seltsam verschobene Weise, nicht mit Herzschmerz, sondern mit einer Mischung aus Schuld, Irritation und einem leisen, unerwarteten Verlust. Dass Ed sie seiner Familie als zukünftige Ehefrau verkauft hat, ist einer dieser absurden Momente, die gleichzeitig komisch und tragisch sind. Bryony könnte einfach alles richtigstellen, aber sie spürt intuitiv, dass Wahrheit manchmal grausamer ist als ein gut gemeintes Schweigen. Für mich ist das der Kern des Romans. Bryony wird nicht durch grosse Ereignisse verändert, sondern durch Begegnungen, die ihr zeigen, wie sehr sie sich selbst klein gemacht hat. In Eds Familie findet sie keinen Ersatz für ihn, sondern einen Spiegel. Und plötzlich merkt sie, dass ihr Leben nicht „okay“ ist, sondern zu eng, zu vorsichtig, zu sehr auf Autopiloten. Der Roman ist warm, schräg, manchmal schmerzhaft ehrlich und zeigt, wie unerwartete Menschen uns dazu bringen können, unser eigenes Leben neu zu betrachten. Bryony wächst nicht durch Liebe, sondern durch Zugehörigkeit. Und das macht ihre Reise so leise schön.
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