Was verbirgt sich unter einer Stadt? In „Fehlende Gespenster“ folgen wir einer raffinierten Erzählerin in das sagenumwobene Wiener Tunnelsystem. Nach der Eröffnung des Zentralfriedhofs 1874 wurde es zur Überführung der Leichen mittels einer pneumatischen „Rohrpost“ entwickelt, der letzte „Passagier“ war angeblich Niki Lauda. Und das ist nur eine der absurden Geschichten, die Merian, eine rätselhafte junge Frau, bei ihren Führungen durch die stillgelegten Tunnel erzählt. Doch wem sollten wir auf einer Reise durch die Unterwelt vertrauen? Mit verdächtiger Erzählfreude und finsteren Absichten nimmt Merian ihre abenteuerlustigen, aber vielleicht ein wenig vorlauten Besucher mit in ein Labyrinth, aus dem nicht alle heil wieder herausfinden werden …
Kundinnen und Kunden meinen
3.7/5.0
Laux
aus Wels
5/5
31.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Geniale literarische Tour durch den Wiener Untergrund
Merian führt eine Gruppe Männer durch die Tunnel und Überreste der Wiener "Pneumatischen", mit der im 'Rohrpostmodus' die Toten Wiens zum Zentralfriedhof verschickt wurden. Historische Fakten werden geschickt mit raffiniert konstruierten Unwahrheiten vermischt, bis man als Leser:in nicht mehr weiß, was denn nun wahr und falsch ist. Auf der Tour durch den Wiener Untergrund kommen wir dabei nicht nur der Stadt Wien mit all ihren Seltsamkeiten näher, sondern treffen auf allerlei Unerwartetes... Ein wahres Jahreshighlight!
Johanna
aus München
4/5
23.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
"Man muss erzählen, immer weitererzählen, bis der Tunnel endet."
In Wien wurden die Leichen bis Dezember 2003 unterirdisch transportiert. Es gab ein ausgeklügeltes System mit Tunneln und Stationen an vielen Orten in der Stadt. Der letzte, auf den alle anderen Tunnel hinlaufen, führte zum Zentralfriedhof in Simmering. Bewerkstelligt wurde das Ganze mithilfe pneumatisch betriebener Leichenwagen auf Schienen, ähnlich der Rohrpost zum Verschicken von Briefen. Der erste Passagier war Mozart, der letzte Niki Lauda. Man kann eine Führung buchen, vergleichbar den beliebten Dritte-Mann-Kanaltouren.
Nein. Alles ausgedacht. Oder doch nicht? Die Autorin Sarah Wipauer jedenfalls ist sich inzwischen nicht mehr ganz sicher, was in ihrem Roman wahr ist, was von ihr erfunden. Bei der Lesung im Literaturhaus Wien gibt sie ihren Lesern den Rat, das, was man für besonders unwahrscheinlich hält, für wahr zu halten. Die Wirklichkeit sei durchlässig, jede Stadt habe verschiedene Schichten, lässt sie ihre Erzählerin sagen. Fakt ist, es gab einmal nie verwirklichte Pläne für ein solches System. Die Straßen zum Zentralfriedhof waren sehr schlecht.
Wipauers Ich-Erzählerin Merian führt durch das unterirdische Wien ins Totenreich und erzählt wundersame Geschichten vom Weg der Toten, ihrem eigenen Leben (in verschiedenen Variationen). Von den Arbeiterinnen (nur Frauen), die die Leichen in den oberirdischen Kapellen in Empfang genommen haben, sie in kleine, mittlere und große Särge gelegt und sie dann bis zur Endstation „durchgeschossen“ haben.
Ihre rein männliche Tour-Truppe wandert durch die stillen Tunnel, in denen es mal scheppert oder merkwürdig riecht. Die Besucher sind ein paar eigenartige junge Männer, die sich nicht mal Merians Namen merken können. Ist ja auch egal für sie: Miriam, Marianne, Maria. Sie wollen Abenteuer in dem „lost place“, kratzen an Tunnelwänden, wollen Knochen, Hinterlassenschaften der Toten finden.
„Manchmal fragen mich Besucher, woher ich das alles weiß, was ich ihnen erzähle. Ob es daran liegt, dass ich eine Frau bin? Als Frau muss man immer nachweisen können, ob man das, was man weiß, rechtmäßig erworben hat. […] Ob ich Geschichte studiert habe. […] Wenn sie sagen, Geschichte studieren, meinen sie, Männern zuhören […]. Nein, sage ich, ich habe das alles in der Teeküche gelernt, aus den Gesprächen der Mitarbeiterinnen der Pneumatischen.“
Wer einen spannenden Plot, Realismus und stringente Figurenzeichnung sucht, ist hier falsch. Der Roman ist ein überbordendes, kaum zu bewältigendes Wien-Panoptikum zwischen Meidling und Simmering, bevölkert mit skurrilen Gestalten: ein tolles Setting und abgründiges Erzählen über die dunklen Seiten der Welt und über die Frage, warum man erzählt:
„Man muss erzählen, damit man weiß, was passiert ist, woher man kommt, wie man heißt und was man ist. […] Man muss erzählen, immer weitererzählen, bis der Tunnel endet.“
S.W.
aus Wien
2/5
19.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Nicht wie erwartet
In diesem Buch geht es um Merian, die einer Gruppe von Männern, Führungen durch das Wiener Tunnelsystem gibt. Sie erzählt ihnen Geschichten über die pneumatische Rohrpost, mit der früher Leichen in diesem Tunnelsystem transportiert wurden. Der letzte Leichnam, der auf diese Weise transportiert wurde, war angeblich Niki Lauda. Auch bei allen anderen Geschichten, die Merian erzählt, weiß man nicht, ob sie wahr oder falsch sind.
Mich hat das Cover und die Inhaltsangabe von diesem Buch sehr angesprochen und ich war gespant darauf, es zu lesen. Allerdings hat es mich leider überhaupt nicht gepackt. Mir hat der Schreibstil nicht gefallen, der aus langen, verschachtelten Sätzen besteht und ich habe alle Protagonisten durch die Reihe unsympathisch gefunden.
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5/5
13.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
"Ich habe früh begriffen, dass die Wirklichkeit durchlässig ist und manches, von dem man glaubt, dass es da ist, eigentlich verschwunden ist."
Dieses Buch hat mich bereits während dem Lesen so begeistert, die Idee, die Ausführung, der Schreibstil - einfach alles an dem Debüt von Sarah Wipauer so toll.
Merian, einer meiner liebsten unverlässlichsten Erzählerinnen, verbringt ihr gesamtes Leben im Wiener Untergrund. Genauer gesagt, in dem 1874 erschaffenen Tunnelsystem, das erstellt wurde, um Leichen in Wien mittels einer pneumatischen "Rohrpost" zum Zentralfriedhof zu befördern - welches von fast ausschließlich Frauen betrieben und geleitet wurde. Seit einer Zeit schon ist dieses aber nicht mehr in Verwendung und dient Merian als Ort, in welchem sie Führungen leitet, die sie mit den wildesten Geschichten (aus)schmückt. In "Fehlende Gespenster" gehen wir gemeinsam mit Merian und fünf nicht ganz so sonderlich witzigen Männern durch die sagenumwohbenen Untergründe - doch wem ist hier zu vertrauen? Und wo genau führt diese Führung eigentlich hin?
Das passende Leseerlebniss zur einstimmung auf die kommende Herbstzeit, vermischt mit dem klassischen schwarzen, wienerischen Humor - und welches auch viele Themen aufgreift, die wir auf keinen Fall im Untergrund lassen sollten!
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