Kapitulation auf Kommando
»Mein Name ist Schellfisch. Sehr erfreut!« — Roman | »Hinreißend, eigenwillig und auf seltsame Weise vertraut menschlich.« YAEL VAN DER WOUDEN
Schellfisch wächst an der Küste auf; zweitausend Bewohner zählt der Ort im Winter, im Sommer kommen ein paar Hundert Urlauber dazu. Doch anders als den Ausflüglern und Touristen tun sich für Schellfisch nach der Schule nur zwei Perspektiven auf: im Stahlwerk zu schuften oder im Vertriebszentrum zu versauern – wie Schellfischs Mutter. Die trägt schwarzen Lippenstift und ernährt Schellfisch mit den Fischstäbchen, die ihre Liebhaber in der Tiefkühltruhe vergessen. Schellfisch wird zum Müllaufsammeln in den Dünen verdonnert und färbt sich die Haare blau. Wenn man für andere unsichtbar ist, kann man aussehen, wie man will, und braucht auch keine Pronomen. Doch insgeheim wünscht sich Schellfisch, beachtet zu werden und aus diesem Leben auszubrechen. Mit Duncan, der im Hospiz die Medikamente der Verstorbenen mitgehen lässt, Céline, die auch im Hochsommer Pelzmantel trägt, und Jeremy, der sich die Schneidezähne hat spitz feilen lassen, bildet Schellfisch eine eingeschworene Truppe – bis Schellfisch eines Tages zu weit geht. Aber auch ohne die Freunde und mit einer frischen Narbe im Gesicht denkt Schellfisch gar nicht erst daran zu kapitulieren, sondern sucht sich einen neuen Platz in der Welt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.1/5.0
Nirvia
aus Osterholz-Scharmbeck
5/5
23.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen Rost, Ruß und Überleben
Kapitulation auf Kommando hat mich von Anfang an gepackt. Schellfisch wächst in einem kleinen Küstenort auf, in dem die Zukunft für viele schon festzustehen scheint: Fabrik oder Lager. Auch zuhause läuft wenig so, wie es sollte. Die Mutter kämpft mit ihrem eigenen Leben, Geld ist knapp und Geborgenheit findet Schellfisch kaum.
Zusammen mit Duncan, Céline und Jeremy gehört Schellfisch zu einer Gruppe von Jugendlichen, die alle ihr Päckchen zu tragen haben. Sie halten zusammen, bis ein Ereignis alles verändert. Danach muss Schellfisch lernen, allein weiterzumachen und seinen eigenen Platz im Leben zu finden.
Was mir besonders gefallen hat, war die Art, wie die Geschichte erzählt wird. Die schlimmen Dinge, die passieren, werden oft ganz sachlich beschrieben. Gerade dadurch haben viele Szenen eine starke Wirkung. Das Buch zeigt Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben, ohne sie zu verurteilen oder Mitleid zu verlangen.
Die Geschichte ist stellenweise hart und nichts für zwischendurch. Gewalt, Vernachlässigung und Ausgrenzung spielen eine wichtige Rolle. Trotzdem konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen, weil ich immer wissen wollte, wie es mit Schellfisch weitergeht.
Schellfisch ist eine Figur, die mir lange im Kopf bleiben wird. Hinter der rauen Fassade steckt jemand, der einfach gesehen werden möchte und trotz aller Rückschläge nicht aufgibt.
Für mich war Kapitulation auf Kommando ein eindrucksames Buch über Einsamkeit, Freundschaft und den Wunsch, irgendwo dazuzugehören. Es hat mich berührt, nachdenklich gemacht und wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.
Bewertung
5/5
18.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Auf der Suche
Kapitulation auf Kommando ist der zweite Roman der niederländische Schriftstellerin, Lyrikerin und Kulturwissenschaftlerin Nadia de Vries und der erste auf deutsch übersetzte. Darin erzählt uns Schellfisch ihre Geschichte. Sie wächst in einem Dorf an der Küste auf. Dort gibt es als Arbeitgeber nur die Stahlfabrik und das Vertriebszentrum, zumindest für Menschen wie Schellfisch und ihre labile Mutter die alleinerziehen ist, im Vertriebszentrum arbeitet und ständig auf der Suche nach dem Mann für`s Leben, der dann aber immer nur für eine Nacht bleibt.
Schellfisch hält sich für häßlich. Sie ist sehr allein. Ihr Leben im Wohnsilo ist dreckig und grau. An der Förderschule findet sie Anschluß an eine Gruppe von Jugendlichen mit ähnlichem, Hintergrund. Sie verliebt sich in Jeremy, der seinen Bruder Mert durch einen Autounfall verloren hat. Mit der Gruppe erlebt sie ihr erstes Desaster, das sie dazu bringt in die Stadt zu fliehen. Dort wird ihr Leben nicht besser, nur anders. Sie ist Obdachlos und versucht sich mit allen möglichen dubiosen Beschäftigungen am Leben zu erhalten. Auch hier bemüht sie sich verzweifelt irgendwo dazu zu gehören. Schellfisch hat beschlossen sich nicht selbst umzubringen und immer weiter zu machen was sie auch tut.
Nadia de Vries schreibt im Stil eines klassischen Schelmenromans. Die Figur, deren Geschlecht nebensächlich ist, berichte sehr sachlich und unemotional in einer manchmal altmodisch wirkenden Erzählweise von den Grausamkeiten und Erniedrigungen, die Schellfisch widerfahren. Davon wie menschenunwürdig unsere moderne Arbeitswelt sein kann wie mitleidlos ja, grausam Menschen sein können. Sie erzählt eine Geschichte aus einer abstoßenden und fasizierenden Welt, die fremd wirkt und doch direkt vor unserer Haustür liegt.
CanYouSeeMe
Thalia Book Circle Community
5/5
18.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schellfisch
Mit Schellfisch hat Nadia de Vries in Kapitulation auf Kommando eine durchaus ungewöhnliche Hauptfigur geschaffen, die ich jedoch vom ersten Moment an in mein Herz geschlossen habe. Aus Schellfischs Perspektive entfaltet sich eine Geschichte, die trotz ihrer emotional aufwühlenden Themen eine bemerkenswerte erzählerische Distanz wahrt. Gerade dieser Kontrast hat mich besonders beeindruckt: Die Erlebnisse werden mit einer Nüchternheit geschildert, die ihre Eindringlichkeit keineswegs schmälert, sondern sie umso stärker wirken lässt.
Der Schreibstil und die Sprache haben mir ausgesprochen gut gefallen. Das Buch ist dicht, intensiv und voller Eindrücke, die sich festsetzen, ohne dass sie ausführlich erklärt oder emotional eingeordnet werden müssen. Vieles klingt zwischen den Zeilen nach und entfaltet seine Wirkung erst im Nachhall.
Am liebsten hätte ich noch so viel mehr von Schellfisch erfahren. Diese besondere Figur hat mich neugierig gemacht, berührt und nicht mehr losgelassen. Umso schwerer fällt es, sie am Ende der Geschichte wieder ziehen zu lassen. Kapitulation auf Kommando ist für mich ein Buch, das nicht nur durch seine ungewöhnliche Hauptfigur und seine eindringliche Erzählweise in Erinnerung bleibt, sondern auch durch seine einprägsamen Kapitelüberschriften. Allein ihretwegen wird es einen festen Platz in meinem Herzen behalten.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
18.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Packend
Schellfisch wächst in einem niederländischen Küstenort ohne Perspektive auf. Obwohl der Ort auch Touristen anzieht, gibt es für die Bewohner und insbesondere die Jugend vor Ort keine echte Perspektive. Diese bedrückende, aussichtslose Atmosphäre wird sehr schnell deutlich. Der Schreibstil der Autorin gibt das unglaublich gut wieder und so hat mich das Buch schnell gepackt. Es geht sehr heftig zur Sache, unerwartet brutal, dennoch kam es mir (leider) an keiner Stelle übertrieben vor. Schellfisch bewegt sich innerhalb einer Clique, findet dann jedoch auch irgendwann einen Ausweg und zieht weg.
Das Buch hat mich berührt, schockiert und gleichzeitig fasziniert, wie gut die Atmosphäre greifbar wurde. Für mich ein Highlight.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
14.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Unerwartet intensiv, brutal und packend
Das Cover hätte mich ehrlich gesagt überhaupt nicht angesprochen. Zum Glück habe ich trotzdem den Klappentext gelesen und dem Buch eine Chance gegeben, denn sonst wäre mir ein echtes Lesehighlight entgangen.
In „Kapitulation auf Kommando“ von Nadia de Vries wächst Schellfisch in einem kleinen Küstenort auf, in dem die Zukunft wenig verheißungsvoll aussieht und der Wunsch, endlich gesehen zu werden, immer größer wird. Zusammen mit Duncan, Céline und Jeremy, drei ziemlich eigenwilligen Außenseitern, bildet Schellfisch eine verschworene Clique, bis etwas passiert, das alles verändert und Schellfisch zwingt, einen eigenen Weg zu finden.
Allein der Name Schellfisch und die Beschreibung der Freunde haben bei mir die Erwartung geweckt, dass es schräg und skurril wird. Genau das hat mich neugierig gemacht. Und dann hat mich das Buch sofort gepackt. Ich konnte es kaum noch aus der Hand legen und wollte unbedingt wissen, wohin mich diese Geschichte führt.
Allerdings sollte man wissen, worauf man sich einlässt. Der Roman ist stellenweise wirklich rau und brutal. Gewalt ist ein zentrales Thema, und die Geschichte ist alles andere als leichte Kost. Manche Passagen tun beim Lesen richtig weh. Das Buch lässt einen auch nach dem Zuklappen nicht so schnell los.
Besonders gut gefallen haben mir auch die Überschriften. Die sind außergewöhnlich, passend gewählt und geben dem Roman noch einmal eine ganz eigene Note. Überhaupt hat Nadia de Vries eine Art zu erzählen, die mich sofort in ihren Bann gezogen hat.
Ich bin jedenfalls froh, dass ich mich nicht vom Cover habe abschrecken lassen. Manchmal lohnt es sich eben, einem Buch eine Chance zu geben, das einen auf den ersten Blick gar nicht anspricht. Auf weitere Romane der Autorin freue ich mich jetzt definitiv!
„Kapitulation auf Kommando“ ist der erste Roman von Nadia de Vries, der ins Deutsche übersetzt wurde. Der Klappentext hat mich sofort angesprochen und ich finde die Erzählung beeindruckend, auch wenn ich nach dem Lesen des Klappentextes eine andere Richtung erwartet hatte.
Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil lernen wir die Hauptfigur Schellfisch und ihre Freundesgruppe kennen. Sie alle besuchen eine Förderschule und stehen als Außenseiter am Rande der Gesellschaft. „Meine richtigen Freunde habe ich erst auf der weiterführenden Schule kennengelernt. Sie hießen Jeremy, Duncan und Celine. Wir gingen alle zur selben Schule, die als Förderschule bezeichnet wurde, nicht weil wir besonders gefördert wurden, sondern weil das System uns als unbrauchbar eingestuft hatte. [...] Mit anderen Worten: Wir wurden darauf vorbereitet, dienstbar zu sein.“ Schellfisch möchte für sich allerdings ein besseres Leben, was mit der im ersten Teil beschriebenen Entführung aus Rache und der Gewalt nicht wirklich im Einklang steht. Dabei geht es auch darum, Jeremy zu beeindrucken, der den Plan mit der Entführung schmiedet. Schellfisch möchte Jeremy nah sein; ob hier Verliebtheit im Spiel ist, lässt die Autorin vage. Am Ende des ersten Teiles ist es jedenfalls Jeremy selbst, der sich von Schellfisch distanziert und der Figur das Gefühl gibt, von Grund auf falsch zu sein. Moralisch steht Jeremy Schellfisch allerdings in nichts nach.
Im zweiten Teil lässt Schellfisch seine (weil: grammatisch DER Fisch) Heimatküste zurück und zieht in die Stadt. Dort schlägt sich Schellfisch durch, ohne jedoch richtig anzukommen oder seine Zukunft zu verbessern. Die Figur gerät an nicht vertrauenswürdige Gestalten, die sie wieder nur unterdrücken. Sie versucht sich mit unterschiedlichen Jobs über Wasser zu halten, jedoch prägen Gewalt und Perspektivenlosigkeit das Geschehen. Besonders interessant ist, dass Schellfisch vom Täter im ersten Teil zum Opfer im zweiten Teil wird und sich die Geschichte wiederholt, wenn auch aus anderen Gründen.
Den Schreibstil kann man am besten mit dem Wort schnörkellos beschreiben. Die Sätze sind klar, manchmal fast distanziert. Ein Beispiel: „Kurz nachdem ich die Radtour fortsetzte, machte Pims Kopf unter der Baumwolle eine konvulsive Bewegung: Pim hatte in den Kissenbezug gekotzt. Da drinnen konnte die Galle, die er ausgespuckt hatte, nirgendwohin, sodass sie zurück in Pims Hals strömte und er einen schrecklichen Hustenanfall bekam. Nur dank dieser Erniedrigung gelang es mir, ihm seinen vorherigen Fehltritt zu vergeben.“ Die Autorin legt keine großen Emotionen in den Text, dabei ist das, was tatsächlich in der Geschichte passiert, höchst dramatisch und grausam. Mehrmals musste ich innehalten und mir die Frage stellen, was ich hier eigentlich gerade gelesen habe. Die Autorin überlässt es den Lesenden, ihre Geschichte richtig einzuordnen. Die Brutalität und die Misshandlungen hatte ich jedenfalls nicht erwartet. Mehrmals musste ich an den Film „Uhrwerk Orange“ denken. Die düstere Brutalität und die Außenseitergruppe haben für mich einige Parallelen.
Interessant finde ich, dass die Autorin Schellfischs Geschlecht nicht benennt. (Das ist auch beim Schreiben der Rezension etwas schwierig.) Für das Verständnis der Geschichte ist es nicht notwendig, Schellfischs Geschlecht zu kennen. Gerade die konsequente Nichtnennung wirft jedoch die Frage auf, welche Bedeutung sie für die Erzählung hat. Ob das bewusst so angelegt ist, weiß ich nicht. Der Text ließ sich flüssig lesen, jedoch war Schellfisch wie eine Art dunkler Schatten ohne Gesicht, was wiederum zu der Position am Rande der Gesellschaft passt.
Insgesamt hat mich der Schreibstil beeindruckt, auch die Kapitelüberschriften in der Form „Unsere Hauptfigur macht das und das“ sind besonders, das Buch lässt sich flüssig lesen. Die Geschichte wird schonungslos erzählt und endet ernüchternd. Viele Jahre vergehen, aber Außenseiter bleiben Außenseiter. Fragen von Schuld, Moral, Ethik und Verantwortung werden verhandelt. Insgesamt hat ein wenig der rote Faden gefehlt, besonders die letzten Seiten drehen sich vermehrt um die Frage nach der Rettung der Welt an sich und nicht mehr um Schellfisch und die Suche nach einer besseren Zukunft. Für mich insgesamt auf jeden Fall lesens- und empfehlenswert.
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