Ein Hörbuch, das Mut macht: vom Leben einer jungen ukrainischen Ärztin und dem Versuch, Trost in alltäglichen Dingen zu finden.Iryna Fingerova erzählt so bewegend wie authentisch vom Leben einer jungen ukrainischen Hausärztin in Deutschland, während in ihrem Heimatland Krieg herrscht. Von ihrer Trauer, ihren Schuldgefühlen, ihrer Wut und Resignation, bis hin zu dem Versuch, das eigene Leben weiterzuleben, die Ereignisse zu akzeptieren und vielleicht persönlichen Frieden zu finden.Mira Zehmann ist Hausärztin, Mutter, Ehefrau. Sie stammt aus einer jüdischen Familie in Odesa, vor Jahren hat sie zusammen mit ihrem Mann die Ukraine verlassen, um in Deutschland ihr eigenes Leben zu leben - für sich und ihre kleine Tochter. Doch als in ihrer alten Heimat Bomben explodieren, gerät ihre Welt aus den Fugen, und ein erbarmungsloser Zugwind weht durch ihr Leben.Die Hausarztpraxis wird zur Anlaufstelle, lang ist die Schlange der ukrainischen Patienten, die alle zu Mira wollen auf der Suche nach Trost, nach Heilung und Mitgefühl. Ob eine Affäre hilft, Miras Unmut über den unendlich langen Besuch der Schwiegermutter zu überwinden? Als Mira verfolgt, wie ihre Patienten zwischen den Welten reisen, steht für sie fest: Sie muss nach Odesa, muss ihre über neunzigjährige Oma besuchen, das Meer sehen, mit ihren Freunden tanzen gehen.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
lielo99
aus Bad Münstereifel
5/5
13.03.2026
Hörbuch-Download (MP3)
Ein Buch, das lange nachhallt
Nein, es war nicht der Krieg, der Mira Zehmann nach Deutschland führte. Schon etliche Jahre vorher fassten sie und ihr Mann den Entschluss, der Ukraine den Rücken zu kehren. Dann kam der Einmarsch der Russen. Wie gut, dass Mira sich auskennt, so dachten viele ihrer Landsleute. Sie erwarten von ihr, dass sie zuhört und Verständnis für die Lage der Überfallenen zeigt. Doch, wie kann sie damit umgehen? Und ja, sie fühlt sich schuldig, weil sie vor Jahren ihre Heimat verließ und in den sicheren Westen zog.
So viele Menschen kommen in dem Buch Zugwind zu Wort. Die Autorin gibt jedem eine Stimme und zeigt gleichzeitig, wie zerrissen die Ärztin ist. Weil sie sich das Schicksal der Vertriebenen anhört. Dazu gehören Menschen, die traumatisiert sind und bei jedem lauten Geräusch zusammenzucken. Oder jene, die sich nach ihrer Heimat verzehren und nicht realisieren können, was dort geschieht.
Ein Buch, das nachhallt. Die Schicksale der „Patienten“ sind so emotional geschrieben, dass ich mitfühlen konnte. Das lag auch an dem sehr guten Vortrag der Sprecherin Lisa Hrdina. Keine Frage, für mich das perfekte Buch für alle, die sich erdreisten, sich über Geflüchtete aus der Ukraine ein Urteil zu erlauben.
Eternal-Hope
aus Österreich
5/5
12.03.2026
Hörbuch-Download (MP3)
Humorvoll, tragisch, voller Weisheit und zu Tränen rührend - lesen!
Auf dem Buchumschlag steht "Roman" und es geht im Buch um die fiktive jüdisch-ukrainische Ärztin Mira Zehmann, die seit einigen Jahren in Deutschland lebt und praktiziert. Doch unschwer lassen sich viele Parallelen zwischen der Autorin und ihrer Romanheldin erkennen: auch die Autorin ist jüdisch-ukrainischer Abstammung, hat in der Ukraine Medizin studiert, in Deutschland Prüfungen abgelegt, um ihre Qualifikation anerkennen zu lassen und arbeitet nun als Hausärztin in Dresden.
Somit ist anzunehmen, dass so manches aus dem Buch autobiographisch inspiriert sein könnte oder das Buch zumindest einen autofiktionalen Einschlag hat. Verfasst hat Iryna Fingerova das Buch im Original zum Teil auf Ukrainisch und zum Teil auf Deutsch, diese Ausgabe hier ist natürlich ausschließlich Deutsch.
In vielen kleinen Episoden berichtet Mira Zehmann aus ihrem Leben in Deutschland, aus ihrer Arbeit als Hausärztin, Zeit mit ihrer Familie und einer gefährlichen Reise in ihre Heimatstadt Odesa. Sie ist eine unglaublich toughe, ehrgeizige und hart arbeitende junge Frau, hat es mit Ende 20 schon zur Hausärztin geschafft, und das in einem fremden Land und einer fremden Sprache, und eine kleine Tochter hat sie auch noch.
Mira ist noch vor dem Ukrainekrieg nach Deutschland ausgewandert, doch natürlich lässt sie der in der alten Heimat tobende Krieg ganz und gar nicht kalt und sie wird auch jeden Tag durch die Medien, durch ihre vielen russischen und ukrainischen Patientinnen und Patienten und durch zurück gebliebene Verwandte und Bekannte damit konfrontiert. Später kommt auch noch der Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 und der darauffolgende Krieg als weitere Belastung hinzu.
Das Buch lebt davon, dass wir Mira durch ihren Alltag als Ärztin begleiten: es ist voll von Begegnungen mit Menschen in ihrer Arztpraxis, alles vor dem Hintergrund der Kriege. Ich habe mich Mira durch diese Alltagsbegegnungen sehr nahe gefühlt und war tief berührt von ihrer Resilienz, aber auch von ihren Emotionen: durch das Buch zieht sich die titelgebende Metapher des Zugwindes, der sich bei Mira eingenistet habe, seit der Krieg begonnen hat. Ein Frösteln, ein Wind, den sie in sich spürt, selbst wenn alle Fenster eigentlich dicht geschlossen sind und es eigentlich keinen Zugwind geben sollte:
"Es kam vor, dass sich mein Leben abrupt änderte, als würde ein Pflaster von der Wunde gerissen. Kurz und schmerzlos. Aber nie zuvor hatte sich ein Zugwind in mir eingenistet."
Die junge Autorin besitzt ein großes Talent für Sprache und ein Gefühl dafür, prägnant, treffend und berührend zu formulieren:
"Im Winter 2022 zogen Idealisten in den Tod. Schriftsteller, Ärzte, Journalisten, Ingenieure. Junge, leidenschaftliche, hingebungsvolle Menschen, die mit Geschichten darüber aufgewachsen sind, dass jeder Voldemort am Ende in Flammen aufgeht."
Ich habe dieses Buch als Hörbuch gehört, gesprochen von Lisa Hrdina. Mir hat die Modulation und Interpretation der Sprecherin sehr gut gefallen, sie wirkte auf mich sehr authentisch für dieses Buch und ich hatte den Eindruck, dass auch die ukrainischen, russischen und hebräischen Begriffe richtig ausgesprochen wurden. Ich kann es also auch in dieser Variante sehr empfehlen.
Insgesamt ist es ein sehr berührendes Buch, das einem die Kriege der letzten Jahre und die davon betroffenen Menschen noch einmal auf eine ganz neue, eindringliche Art und Weise näher bringt und dem ich viele Leserinnen und Leser wünsche!
Bewertung
aus Quickborn
4/5
28.03.2026
Hörbuch-Download (MP3)
„Ich konnte keinen Frieden finden.“
Die ukrainische Autorin Iryna Fingerova blickt in ihrem autofiktionalen Roman auf rund zehn Jahre Leben in Deutschland zurück. Sie kam als Auswanderin aus Odessa nach Deutschland, bevor Russland am 24. Februar 2022 seinen Krieg gegen die Ukraine begann, die Krim aber war bereits bei ihrer Ausreise besetzt und es herrschte Krieg in der Donbasregion. Angekommen in Deutschland beginnt sie ein vollkommen neues Leben, es gelingt ihr, als Ärztin in einer Praxis zu arbeiten, sie und ihr Mann Andrij bekommen eine Tochter Rosa. Für eine junge Frau in Deutschland ist das nicht ungewöhnlich, für eine Ukrainerin ist es ein Weg, der mit zahllosen Hürden garniert ist.
Iryna Fingerova gibt dem Leser bzw. Hörer einen tiefen Einblick in ihr Leben, auch in ihr Seelenleben und besonders auch in das ihrer Landsleute, die seit dem Februar 2022 zu Hunderttausenden nach Deutschland kamen und Zuflucht suchten. Es gelingt ihr, ihre Eltern nach Deutschland zu holen, aber im Hinterkopf bleiben immer Verwandte und Freunde, die in der Heimat in Gefahr sind, die sich in Kellern verstecken müssen oder an der Front kämpfen. Selten habe ich so eindringlich erfahren, welche Seelenpein es für Eltern bedeutet, Söhne zu haben, die sie vor dem Krieg schützen wollen, die aber in der Heimat zur Verteidigung dringend gebraucht würden. Wer schickt seine Kinder freiwillig an diese unmenschliche Front? Wer verlangt von fremden jungen Männern, sich an dieser Front gegen die Russen zu stellen und für die Ukraine zu kämpfen, während man selbst in Sicherheit ist? Es ist ein unauflösbares Dilemma und die Autorin zieht ihre Leser in den Strudel der widersprüchlichen Gedanken. Die Überschrift dieser Rezension ist ein Zitat, das in einem Satz sagt, wie sich das alles anfühlt für die betroffenen ukrainischen Menschen. Mich hat das sehr bewegt.
Dass die junge Ärztin Mira Zehmann, eine nicht religiöse Jüdin, jenseits der geschilderten schmerzlichen Gedanken und Ereignisse über ihre ärztlichen Erfahrungen erzählt, ist verständlich, weniger verständlich ist mir die umfangreiche und oft ironische Art, die Leiden und Charaktere ihrer Patienten zu beschreiben. Vielleicht kann man das als Arzt auch nur so ertragen. Aber es nahm Überhand und war mir ehrlich gesagt teilweise sogar unangenehm. Es steht sehr im Gegensatz zu der feinfühligen Art, mit der sie die „Zugluft“ beschreibt, die sie spürt, selbst wenn alle Fenster und Türen verschlossen sind. Diese Dünnhäutigkeit muss es sein, die die Widersprüche im Roman so hervorstechen lässt. Die Momente mit ihrer Tochter Rosa sind geradezu erbaulich, auch wenn es teilweise erschreckend ist, womit sich ein kleines Kind schon beschäftigt bzw. beschäftigen muss.
Wenn man dem Hörbuch lauscht, dann hat man das Gefühl, die Autorin hätte das Buch der Sprecherin Lisa Hrdina auf den Leib geschrieben. Diese liest es nicht einfach nur vor, sie interpretiert es auf ganz natürliche und authentische Weise, sie wird eine lebendige Mira Zehmann. Obwohl mir der manchmal etwas flapsige Schreibstil nicht immer gefallen hat, muss ich sagen, dass das Zuhören einfach genial war.
Fazit: Ein höchst interessanter Einblick in das Leben ukrainischer Menschen in der deutschen Wahlheimat. Das Zuhören war ein Vergnügen und hat trotzdem sehr nachdenklich gemacht.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Bettina Hertz Lesehertzen
aus Brandenburg
5/5
15.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen Heimat und Neuanfang
Zugwind“ von Iryna Fingerova ist ein autofiktionaler Roman, erschienen im Rowohlt Verlag. Die Autorin erzählt darin von Mira, einer Hausärztin, Ehefrau und Mutter, die wie sie selbst vor zehn Jahren mit ihrem Mann und der kleinen Tochter von Odesa nach Deutschland ausgewandert ist. Dadurch fließen viele persönliche Erfahrungen in die Geschichte ein. Es ist der 3. Roman der Autorin und erstmals hat sie hier Teile des Romans selbst auf Deutsch geschrieben. Die übrigen Passagen wurden von Jakob Walosczyk übersetzt – eine Kombination, die für mich sehr gelungen ist.
Als der Krieg in der Ukraine ausbricht, gerät Miras bisheriges Leben aus dem Gleichgewicht. In ihrer Gemeinschaftspraxis begleitet sie viele geflüchtete Menschen und erlebt deren Sorgen und Ängste hautnah. Gleichzeitig kämpft sie selbst mit Trauer, Wut und einer immer stärker werdenden Sehnsucht nach ihrer Heimat. Denn während sie in Deutschland in Sicherheit lebt, sind einige ihrer Angehörigen, u.a. Ihre Großmutter, in Odesa geblieben.
Der Wunsch, nach Odesa zurückzukehren, ihre Großmutter zu besuchen und mit ihren Freundinnen tanzen zu gehen, wird zunehmend stärker. Der „Zugwind“ wird dabei zu einem Bild für Miras innere Unruhe und ihre Zerrissenheit zwischen zwei Welten.
Der Schreibstil ist leicht und fließend und wird immer wieder durch eine gute Portion Humor aufgelockert. Besonders gefallen haben mir die vielen Anekdoten aus der Hausarztpraxis, die mich oft zum Schmunzeln gebracht haben. Gleichzeitig zeigt der Roman auch die ernste Seite des Krieges und welche Veränderungen er für Menschen mit sich bringt, die plötzlich vieles neu lernen und ihr Leben unter völlig anderen Bedingungen weiterführen müssen.
Man spürt Miras Zerrissenheit, sie beginnt, vieles in ihrem Leben zu hinterfragen – auch ihre Ehe. Dabei begleiten wir sie auf ihrem Weg herauszufinden, wo sie eigentlich hingehört und wie sie mit den unterschiedlichen Gefühlen umgehen kann. Wie es ihr gelingt, sich dem ZUGWIND entgegen zu stellen.
Fazit: Ein persönlicher, humorvoller und zugleich nachdenklicher Roman über Heimat, Familie, Krieg und die Frage, wo man hingehört. Mich hat die Geschichte von der ersten Seite an gepackt und ich kann sie sehr gerne weiterempfehlen.
Bewertung
5/5
28.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Lesen, unbedingt lesen!
Die Protagonistin stammt aus Odesa und arbeitet als Ärztin in der Praxis mit Frau Erde und Frau Meer. Ein paar Jahre vor Ausbruch des Ukraine-Krieges ist sie hier sesshaft geworden. Diese Sesshaftigkeit wird mit dem Krieg durchgerüttelt. Immer mehr UkrainerInnen suchen sie auf. Und mit jeder Geschichte kommt die Frage auf, was besser ist. Ein Leben in Sicherheit, aber gefühlt ohne alles, was zum richtigen Leben dazugehört oder ein Leben im Kriegszustand. Ein Leben, das an der Oberfläche noch so zu sein scheint, wie es war, das aber von jetzt auf gleich vorbei sein kann. Und was haben die PatientInnen ausser ihren Beschwerden auf dem Herzen oder sind nicht oft genug die Beschwerden "nur" Symptome? Welche Frage ist die richtige?
Die eigene Großmutter lebt nach wie vor in Odesa. Wie hält man das aus? Der Zugwind rüttelt und rüttelt.
Die Autorin selbst ist Ärztin und kommt aus Odesa.
Ein Buch voller Wärme, Mitgefühl ohne jedwede unangebrachte Gefühligkeit.
Lesen, unbedingt lesen!
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