Silvester 1999 in Paris. Die siebziger und achtziger Jahre in München. Die Nachkriegszeit in West- und Ostdeutschland. Kunstszene und Literaturbetrieb, unwandelbare Liebe und ausgeflippte Abenteuer. Vor diesem bunten Hintergrund entwirft Hans Pleschinski das Porträt seines lebenslangen Gefährten, eines der letzten Bohemiens im ausgehenden 20. Jahrhundert. Ein Münchner Galerist wird tot in seiner Wohnung aufgefunden - von seinem Freund. Dreiundzwanzig Jahre hat die Beziehung bestanden: Jahre bewegter Liebe und künstlerischen Austauschs, Jahre in Luxus und Armut, Jahre der Trauer um die ringsum Sterbenden, Jahre der Angst vor dem eigenen Tod und der unbändigen Lebensfreude. Hans Pleschinskis "Bildnis eines Unsichtbaren" erzählt von der Lebenswirklichkeit einer Generation, die angetreten war, mit den bürgerlichen Tabus zu brechen, und deren neues Selbstbewusstsein durch Aids einen mörderischen Tiefschlag erfuhr. Die Eleganz und Atemlosigkeit seines Erzählens lassen einen nicht los, bis am Ende des Romans der Bann der größten Bedrohung gebrochen ist. Aus der Hand legt man ein Buch über Glücksmomente, Katastrophen und Lebensübermut - die Bekenntnisse eines Davongekommenen aus einer fast erloschenen Welt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
drawe
aus Landau
5/5
25.05.2026
eBook (ePUB)
"Die Freunde sind nicht mehr."
Mein Lese-Eindruck:
„Die Freunde sind nicht mehr.“
Hans Pleschinski sitzt vor dem Nachlass seines Lebensgefährten, des Galeristen Volker Kinnius, und anhand dessen Tagebuchs, seiner Notizen und Briefe und seiner eigenen Erinnerungen entfaltet er nicht nur das Leben seines Freundes, sondern auch sein eigenes. Pleschinski nimmt seine Leser mit in die 70er Jahre in München und malt ein buntes und lebenspralles Bild der schwulen Boheme dieser Zeit. Das Leben und die Künste werden rauschhaft gefeiert und genossen. In Schwulensaunas und einschlägigen Lokalen werden Kontakte geknüpft, und hier beginnt auch Pleschinskis Beziehung zu dem 17 Jahre älteren Galeristen Volker Kinnius, mit dem er bis zu dessen Tod verbunden blieb. Kinnius „brachte Ordnung in mein Leben“, und er, Pleschinski, dieser stilvolle und geschichtsbewusste Feingeist, revanchierte sich mit „Präsenz, Fragen, Antworten, ... durchs Miteinander.“ Kinnius brachte nicht nur Ordnung in Pleschinskis Leben, sondern er wird zu einer Leitfigur, „einer stillen Macht“ für seinen jüngeren Freund. Er fördert dessen Kunstverstand und vor allem dessen literarische Karriere durch Kritik und Empathie.
Die Unbekümmertheit endet am 6. Juni 1983. An diesem Tag erscheint im SPIEGEL ein Artikel über AIDS, und Pleschinskis Bericht über die vielen Abschiede, die tägliche Angst, das „unbeherrschbare Grauen“ sind eindrucksvoll, gerade wegen seiner eher kühl-zurückhaltenden Art zu erzählen. Auch Volker Kinnius erkrankt und verabschiedet sich vom „Fleischmarkt“, beide leben nun im „fortwährenden Abschied“, bleiben aber innig miteinander verbunden und im ständigen Gespräch.
Pleschinskis Nachruf auf seinen Freund würdigt ihn als engagierten und uneigennützigen Kunstliebhaber, einen Idealisten und unbestechlichen Freigeist, der keinen Gedanken an seine Altersversorgung verschwendete und aus dem Vollen lebte – der dann aber auch mit der Armut zurechtkommen musste. Diese Totenklage ist ein sehr persönliches Buch, auch wenn Pleschinski es anreichert mit Beobachtungen zur Zeit- und Kulturgeschichte. Trotz einer eher wehmütigen Grundstimmung wirkt das Werk aber lebenszugewandt, denn: „Ein Buch über den Tod muss immer ein Buch über das Leben sein!“
In seinem Nachwort von 2026 formuliert Pleschinski sein Ziel: er will mit diesem Buch „seinen Weggefährten und einer beschwingten leuchtenden Epoche, in der Freiheitsliebe und Lebenslust für immer zu triumphieren schienen“, als Augenzeuge ein Denkmal setzen.
Lesenswert!
buecherboy
5/5
08.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Erinnerung, Verlust und die Liebe
Bildnis eines Unsichtbaren von Hans Pleschinski ist ein einfühlsamer, autobiografisch geprägter Roman über Erinnerung, Verlust und die Liebe. Über mehrere Jahrzehnte – vom München der 1970er- und 1980er-Jahre bis nach der Jahrtausendwende, die einen wichtigen erzählerischen Einschnitt bildet, – begleitet Pleschinski das Leben zweier Männer in einer Zeit, in der AIDS zunehmend zur gesellschaftlichen Katastrophe wurde und Angst, Unsicherheit und Verlust ganze Lebensrealitäten bestimmten. Gleichzeitig erzählt der Roman von sexueller Selbstfindung, Begehren und der Suche nach Nähe und Identität.
Mit großer sprachlicher Eleganz zeichnet Pleschinski eine Beziehung, die oft zurückhaltend erscheint und gerade dadurch besonders intensiv wirkt. Man taucht tief in die Leben der Protagonisten ein, fühlt mit ihnen und kann ihren Schmerz und ihre Einsamkeit unmittelbar nachvollziehen. Kulturelle und gesellschaftliche Beobachtungen verweben sich dabei mit persönlichen Erinnerungen zu einem dichten Zeitbild des schwulen und künstlerischen Münchens, des lebendigen Paris und ländlichen niedersächsischen Heimat des Protagonisten.
Besonders berührend ist, wie der Roman versucht, ein gemeinsames Leben und einen geliebten Menschen festzuhalten, bevor Erinnerungen verblassen. Bildnis eines Unsichtbaren ist eine stille, ehrliche und tief bewegende Liebesgeschichte – und zugleich ein Erinnerungsstück an ein Leben, eine Zeit und eine Generation.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
12.05.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Geschichte, die man so schnell nicht mehr vergisst
In der Geschichte wird ein Münchner Galerist vom seinem Partner tot in seiner Wohnung aufgefunden. Dreiundzwanzig Jahre waren die beiden zusammen. Es waren Jahre bewegter Liebe und künstlerischen Austauschs, Jahre in Luxus und Armut, Jahre der Trauer um die ringsum Sterbenden, Jahre der Angst vor dem eigenen Tod und der unbändigen Lebensfreude. Die Geschichte erzählt von der Lebenswirklichkeit einer Generation, deren neues Selbstbewusstsein durch Aids einen mörderischen Tiefschlag erfuhr.
Ich fand die Geschichte sehr lehrreich und für mich ist es auch eine Geschichte, die mich so schnell nicht mehr loslassen wird, denn ich musste zum Teil ziemlich mitfühlen. Deshalb vergebe ich auch sehr gerne 5 Sterne und eine klare Leseempfehlung.
Johanna
aus München
5/5
29.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
„Man muss Geschichten erfinden, die über den Abgrund führen.“
Der Geliebte ist tot. Der Zurückbleibende schreibt einen Text über ihn, über die Beziehung, über das Kennenlernen, die Herkunft des einen und des anderen. Es ist eine Totenklage und die Erinnerung an ein gemeinsam verbrachtes Leben, eine literarisch gestaltete Biographie eines schwulen Lebens und einer Liebe in München.
„Ich bringe es nicht über mich, seine Telefonnummer zu löschen. Die Display-Auskunft gelöscht, das elektronische Geräusch wäre die Salve eines Hinrichtungskommandos. Man kann niemanden löschen.“
Aus dem Schmerz entsteht die Darstellung beider Leben, einer dreiundzwanzigjährigen Liebe und das Bild einer Ära bis zum Einbruch der tödlichen Krankheit: die 70er und frühen 80er Jahre – die heiteren, kreativen, promisken Zeiten, als München wieder einmal leuchtete. Das Datum des Knalls am Ende ist genau bezifferbar. AIDS zerreißt die Leben vieler. Die Todesgefahr schwebt über der Community.
Pleschinski erzählt von seiner ersten Liebe, der Jugend in Celle, mit großer Wärme und viel Witz von dem Zivildienst in einem Altenheim, in dem vorwiegend alte Adlige aus dem ehemals deutschen Osten ihre letzten Jahre verbrachten. Er lässt seine Anfänge in München wieder aufleben, die wilde Zeit mit einer Wiener Schauspielerin, die vielen schwulen Affären.
Er erzählt auch vom Aufwachsen des achtzehn Jahre älteren Geliebten in der Nachkriegszeit, von dessen Anfängen als Galerist, von Erfolg und Misserfolg, von der letzten Unternehmung: dem Ausstellungsprojekt für Werke des Malers Edgar Ende (des Bruders des Schriftstellers Michael Ende) und von Krankheit und Tod von Volker Kinnius.
Beim Kennenlernen und im Diskurs über das Theater Becketts besteht der junge Pleschinski darauf: „Man muss Geschichten erfinden, die über den Abgrund führen.“ Das hat er mit seinem Buch getan. Er hat das Schwere immer wieder mit Humor durchkreuzt.
Lesenswert für alle, die eine vergangene Ära in München besichtigen wollen, die über eine große schwule Liebe lesen wollen, und für alle Pleschinski-Leser sowieso.
Das Buch ist erstmals 2002 im Carl Hanser Verlag erschienen und 2026 bei C. H. Beck mit einem Nachwort des Autors und einem Nachwort der Schriftstellerin Anja Kampmann versehen wieder aufgelegt worden.
Kleine Bemerkung am Rande: Im Text sind ein paar Fehler zu viel stehen geblieben.
MarieOn
4/5
21.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein kulturelles und intellektuelles Feuerwerk
Hans besuchte seinen damaligen Weggefährten Serge nach vielen Jahren in Paris. Sie wollten Silvester 1999 gemeinsam verbringen. Die vielen Jahre AIDS hatten die Stadt entvölkert. Serge war bisher auf dreiundvierzig Beerdigungen gewesen. Er verbrachte nur noch jedes vierte Wochenende in Paris, den Rest der Zeit arbeitete er auf dem kleinen Weingut seiner betagten Eltern in Roussillon.
Hans erinnert die Zeit, als er achtzehn war und mit dem Zug zum ersten Mal nach Paris kam. Kurz vor Antritt des Zivildienstes wollte er die Stadt der Liebe gesehen haben. Er war in einer Jugendherberge untergekommen, die sich als ausgebaute Gartenlaube mit je sechs Pritschen entpuppte. Nach der langen Fahrt schlief er ein, und als er erwachte, saß Serge auf dem Bett gegenüber. Einen so schönen Mann hatte er noch nie gesehen. Trotz Hans Schüchternheit kamen sie ins Gespräch. Er wollte in die Oper und da Serge selbst noch nie in der Oper war, begleitete er ihn. Am nächsten Abend saßen sie im Palais Garnier und lauschten der Musik Monteverdis.
Danach entdeckten sie gemeinsam Versailles – die Pracht auf Erden. Sechzig Kilo Gold in den Tapisserien verwebt. Sie lachten über Ludwig den XIV.
… hielten ihn für die erfolgreichste heterosexuelle Tunte, die je geatmet hat. Mit Federbüschel, Quasten, Tressen am Hut, Rubingehänge und Schnallenschuhe mit roten Absätzen. S. 13
Nach drei Wochen saß Hans im Nachtzug und heulte. Er dachte, sie würden sich nie wieder sehen. Doch dann reisten sie mit einem klapprigen VW-Käfer durch Deutschland. Sie führten ein Jahr lang konsequent Briefkontakt und jedes Jahr war Hans bei Serge. Bei einer Schlossbesichtigung in der Nähe von Melun brach Serge plötzlich vor dem Porträt Liselottes von Pfalz schweißgebadet zusammen. Nach einer Pause und einem Steak ging es besser. Serge war der erste HIV-Infizierte den Hans kannte.
Fazit: Der vielfach ausgezeichnete Autor Hans Pleschinski erzählt in dieser Neuauflage fünfunddreißig Jahre seines Lebens und von den Menschen, denen er begegnete. In seiner atmosphärischen Erzählung gewinne ich einen Eindruck seiner Zeit, in der ich selbst vierzehn war. HIV hielt Einzug und verunsicherte die Schwulenszene zutiefst. Plötzlich konnte jeder Träger dieses (damals) todbringenden Virus sein. Die unmittelbaren Gefahren des Kalten Krieges und des Wettrüstens waren gegenwärtig. Als junger Künstler und Intellektueller wollte er dem spießigen Muff des Bürgertums mit allen Konventionen entgehen und schloss sich dem Lebensstil der Bohème, entstanden im Pariser Quartier Latin, an. Er fand Weggefährten aus den künstlerischen Bereichen, die ihn unterstützten und mit denen ihn lebenslange Freundschaft verband. Allen voran den älteren Galeristen Volker, mit dem er dreiundzwanzig Jahre, bis zu dessen Tod eine tiefe Beziehung pflegte. Der Autor erzählt über die Beschaffenheit der nüchternen Persönlichkeit Volkers, der den jüngeren sehnsüchtigen Hans erdete. Die Geschichte ist ein kulturelles, intellektuelles Feuerwerk. Feurige Lebenslust gepaart mit Aufbruchstimmung findet Abkühlung in den weltlichen Katastrophen und es erfordert eine Menge Lebensmut, den Gefahren nicht mit depressivem Rückzug zu begegnen. Das Buch ist ein Zeitzeugnis aus der Sicht einer anderen Gesellschaftsschicht. Und ich muss gestehen, dass ich nicht nur außen vor geblieben bin, sondern mich regelrecht ausgeschlossen habe. Das passiert mir selten in Büchern und ich habe lange darüber nachgedacht, woran das liegt. Ich hatte den Eindruck einer elitären Gruppe dabei zuzusehen, besonders zu sein und das war so weit von meiner Lebenswirklichkeit, von meinen Nöten und Ängsten entfernt, dass ich mich distanziert habe. Ich muss aber auch betonen, dass das mein ganz persönlicher Eindruck ist. Ich habe von Leser*innen gehört, die das Buch sehr schätzen konnten. Für alle, die „Zwei Männer in einem Raum“ von Walter Vogt mochten.
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