Die Lektüre von Peter Hacks’ Gedichten ist ein Vergnügen auf höchstem ästhetischen und intellektuellen Niveau. Sein lyrisches Werk ist vielgestaltig. Diese Auswahl vereint Gedichte, die sich explizit mit dem Zustand der Gesellschaft auseinandersetzen und auf eine Positionsbestimmung des Individuums zielen. Zu Recht erwartet man scharfe, despektierliche, ironische Gedichte mit aktuellem Bezug auf die »Jetztzeit«, in denen er kopflose Politik und geistlosen Kunstbetrieb dem Spott preisgibt. Zu den aggressiven Epigrammen und skurril-balladesken Texten treten Historien, in denen Hacks der entrückten Geschichte gründlich durchdachte Lehren für die Gegenwart abgewinnt – von der Antike bis ins 20. Jahrhundert und zu jenem Thema, das die Gedichte seiner letzten Lebensjahre prägte: Wie man sich nach »der großen Schreckenswende« verhalten soll.
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j.h.
aus Berlin
5/5
14.06.2026
Buch (Taschenbuch)
DIESEM VATERLAND NICHT MEINE KNOCHEN – Ausgewählte Gedichte von Peter Hacks
Peter Hacks (1928-2003) kam 1955 mit Unterstützung von Bertolt Brecht in die DDR und blieb ihr als durchaus kritischer Begleiter immer treu. Seine kritisch-konstruktive Haltung war natürlich über die Jahre so manchem Funktionär ein Dorn im Auge. Die Wiedervereinigung lehnte Hacks als Kapitulation vor dem Kapital ab und zog sich fortan aus dem Kulturbetrieb zurück – natürlich weiterhin mit spitzer Feder:
„Das war mein Land, in dem ich nicht geboren,
Das Land, in dem ich nicht erzogen bin.
Das ich mir frei zum Vaterland erkoren,
Daß bis zum Grab ich atmete darin.
Das mit dem Grab hat sich nun auch zerschlagen.
Doch war das Glück mit meinen Mannestagen. …
Die Sowjetmacht, sie schenkte uns das Leben.
Sie hat uns auch den Todesstoß gegeben.“ (S. 12 f)
Vor der Lektüre der vorliegenden Auswahl von 73 Gedichten und Balladen – erstmals veröffentlicht 2008 und nun in Neuauflage – ist es empfehlenswert, die Biographie von Peter Hacks nochmals nachzulesen. Damit werden einige scharfsinnige Spitzen in den Gedichten besser verständlich und bringen den kämpferischen Humor deutlich zur Geltung. Mit 90 Seiten ist das Bändchen nicht umfangreich – wenn man sich Zeit für die Lektüre nimmt jedoch ein intellektueller Gewinn.
Bewertung
5/5
07.05.2026
Buch (Taschenbuch)
Peter Hacks: Gedichte als Klassenkampf in schöner Form
Peter Hacks ist kein Autor, den man einfach gern liest. Er ist einer, mit dem man sich einlässt. Und das heißt bei ihm fast immer: sich auf eine geistige Anstrengung einzulassen, die sich in Sprachlust verwandelt. Der neue Band "Diesem Vaterland nicht meine Knochen" zeigt das mit einer Deutlichkeit, die für heutige Lyrik geradezu ungewohnt ist. Hier wird nichts versenft, nichts atmosphärisch vernebelt, nichts in die freundliche Unverbindlichkeit des Gegenwärtigen aufgelöst. Hacks schreibt Gedichte, die positioniert sind, entschlossen, kunstvoll gebaut und oft von einer wunderbaren, manchmal unbarmherzigen Klarheit. Der Band ist klug zusammengesetzt. Schon das Inhaltsverzeichnis zeigt, dass hier nicht bloß ein Sammelsurium vorliegt, sondern eine poetische Argumentation. Politische Gedichte aus der Nachwendezeit stehen neben historischen Maskenspielen, Epigrammen, Liebesgedichten und poetischen Reflexionen über Sozialismus, Staat, Geschichte und Gesellschaft. Hacks behandelt die Welt nicht als bloßen Anlass zur Gefühlsäußerung, sondern als Feld von Konflikten, Ordnungen und Interessen. Das ist der Grund, warum seine Gedichte so eigenartig gegenwärtig bleiben: Sie glauben nicht an den Frieden der bloßen Meinung. Das hat Hacks selbst einmal in einem Brief an den Verlag, vom 19. August 2002, sehr prägnant formuliert: Geschichte wird erzählt als Geschichte von Klassenkämpfen; diese Gedichte sind verfaßt als Gedichte von Klassenkämpfen. Dieser Satz ist ein Schlüssel. Er benennt nicht nur einen politischen Standpunkt, sondern auch eine Poetik. Bei Hacks ist die Form nie bloß Form, sondern ein Kampfmittel. Reim, Metrum, Pointe, historische Maske, Ballade, Couplet, Epigramm: all das sind bei ihm nicht hübsche literarische Accessoires, sondern Instrumente der Zuspitzung. Die Kunst besteht darin, dass diese Instrumente nicht trocken klingen. Hacks schreibt mit Disziplin, aber nie mit Müdigkeit.
Besonders stark kommt dies in "1990" zum Ausdruck: einem Gedicht, das die Umbruchszeit nach der DDR mit einer fast lakonischen Grausamkeit betrachtet. Der Ton ist nicht lamentierend, sondern präzis verspottend. Das Gedicht registriert den historischen Absturz nicht als Tragödie im hohen Stil, sondern als jene Mischung aus politischer Selbstentblößung, kultureller Verwirrung und privater Erschöpfung, die das Frühjahr 1990 für viele darstellte. Gerade die scheinbare Leichtigkeit der Verse macht ihre Härte aus. Hacks braucht keine großen Gesten, um Niederlage, Lächerlichkeit und historisches Einverständnis sichtbar zu machen. Ähnlich eindringlich ist "Kahnpartie zu Thälmann". Das Gedicht verbindet Naturbild, Erinnerung und kommunistische Geschichtserfahrung zu einer kleinen, fast filmischen Szene. Das Rudern, der See, das Licht, die beiläufige Bewegung des Ausflugs: all das ist keineswegs bloß Kulisse, sondern die Oberfläche, unter der die politische Geschichte weiterarbeitet. Hacks hat ein seltenes Talent dafür, Geschichte nicht museal, sondern situativ erscheinen zu lassen. Thälmann ist hier kein Denkmal, sondern eine Spannung, ein Maßstab, ein Schmerzpunkt. Das Gedicht denkt nicht über Geschichte nach, es lebt in ihr. Noch knapper und vielleicht noch exemplarischer ist "Zehn Gerechte". Hier zeigt sich die ganze Eleganz von Hacks Kurzform. Der biblische Unterton ist sofort da, aber er wird nicht ehrfürchtig ausgespielt, sondern in eine nüchterne, fast strenge moderne Aussage überführt. Das Gedicht fragt nach den wenigen, tatsächlich standhaften Menschen, die eine Gesellschaft tragen könnten. Der Ton ist nicht sentimental, sondern prüfend. Und gerade darin liegt seine Würde. Hacks glaubt an eine kleine Zahl von Gerechten, nicht an die tröstliche Mehrheit. Das ist streng, aber nicht zynisch; anspruchsvoll, aber nicht verächtlich. Auch die Gestaltung des Bandes ist kein Zufall, sondern ein Programm. Das schwarze Cover mit seiner blockhaften, fast propagandistisch zugespitzten Typografie, der ruhige Satzspiegel im Inneren, die großen Weißräume und die strenge Seitenarchitektur fassen Hacks nicht als dekorativen Klassiker, sondern als Autor der Form und der Fronten. Das Buch will nicht schmeicheln. Es will Haltung zeigen und das tut es mit einer Konsequenz, die diesem Dichter sehr gut steht. Hacks bleibt dabei ein schwieriger Autor und das ist Teil seines Reizes. Seine politischen Gewissheiten sind nicht die unsere. Seine DDR-Position, seine Polemik gegen westliche Selbstzufriedenheit, seine schroffe Abneigung gegen geistlose Anpassung: all das mag man teilen oder ablehnen. Aber man kann kaum bestreiten, dass hier einer mit maximaler intellektueller Energie schreibt. Diese Gedichte wollen nicht gefallen. Sie wollen treffen. Und gerade deshalb sind sie literarisch so ernst zu nehmen. Der große Gewinn dieser Auswahl besteht darin, dass sie Hacks nicht als bloßen Zeitzeugen zeigt, sondern als Dichter einer hochgradig bewussten Form von Gegenwart. Seine Gedichte sind historisch, politisch, oft streitbar aber niemals bloß historisch oder bloß politisch. Sie sind gebaut, geschliffen, pointiert. Man liest sie und merkt: Hier arbeitet ein Autor, der an Sprache glaubt, weil er an Konflikte glaubt. Und an Konflikt, weil er die Welt nicht für versöhnt hält. Das macht "Diesem Vaterland nicht meine Knochen" zu einem Buch, das weder in Ehrfurcht erstarrt noch in Aktualitätsgeplänkel vergeht. Es ist ein Band für Leserinnen und Leser, die Lyrik nicht als Stimmung, sondern als Denkform schätzen. Und es ist ein Band, der zeigt, warum Peter Hacks auch dort weiter provoziert, wo man ihn längst hätte einordnen wollen: Er ist zu präzise, um harmlos zu sein.
Bewertung
5/5
13.04.2026
Buch (Taschenbuch)
wichtige und gleichzeitig schöne Lektüre
Nicht nur Peter Hacks’ Theaterstücke waren schon immer beeindruckend, seine Lyrik ist es auch. Ob zu seiner Zeit oder heute: seine Gedichte sind erschreckend aktuell und bewegend. Er bekleidet nicht nur die gesellschaftlich-politischen Zerwürfnisse in dichterische Worte, sondern auch die Liebe und die Dichtung selbst. Bei ihm verflechten sich die Welten, das Große, Übergeordnete wirkt sich auf das Leben des kleinen Mannes aus und umgekehrt. Ich finde Hacks’ scharfen Humor genau richtig, um die Verhältnisse zu beschreiben. Dazu kommt ein liebevoll gestalteter Umschlag mit Glanzschrift, den man so auch nicht alle Tage hat. Ich bin begeistert!
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