In Miner's Drift ist nicht viel los, aber immerhin hat Jedza zwei beste Freunde und ein neues Fahrrad. Ein rotes natürlich, die sind schneller als blaue. Die Jungs brausen durch die Straßen, bis ein Wettrennen ein tragisches Ende nimmt. Jedza ist fortan überzeugt, verflucht zu sein.
Getrieben von seinen Dämonen, zieht er als junger Mann nach Harare, eine vor Korruption triefende Großstadt, in der Scharlatane mit Ahnengeistern konkurrieren. Eine Stadt, die alle in die Knie zwingt - doch unterkriegen lässt sich davon niemand. In den Avenues, dem hippen Viertel der Schönen und Gescheiterten, sucht Jedza nach Antworten und wird mitgerissen vom Strudel des alltäglichen Wahnsinns.
Ein rasanter Stadtroman und eine Geschichte von Lasten der Vergangenheit, von Hoffnung, Geistern und Gefahren.
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Ein bildgewaltiges Portrait zwischen Gegenwart und Vergangenheit
Eva am 17.04.2026
Bewertungsnummer: 3111845
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Avenues hat meinen Horizont erweitert, mich sprachlos gemacht, ich habe es weitererzählt, dabei Staunen, Interesse und Unglauben geweckt, ich habe recherchiert und die Farben Afrikas aufgesogen. Es ist ein postkolonialer Blick, der höchst eloquent und bitterböse das Drama des Kolonialismus seziert und sich dabei fest in die himmelschreienden Missstände von heute bohrt.
Fast schmerzlich trifft die Erkenntnis, dass der einzige Weg, um der Abwärtsspirale aus Drogensumpf und Alkohol zu entkommen die Diaspora ist. Jedes Bleiben ist ein Schritt zurück. Simbabwe scheint wie ein zerrüttettes Land ohne Perspektive, die Hauptstadt hat Korruption zum Volkssport erklärt.
In den Avenues, dem hippen Viertel, für dessen Bau die Flüsse verschüttet und Menschen vertrieben wurden, sucht der Protagonist Jedza nach seiner Schwester, will seine Unruhe erforschen und trifft auf Scharlatane und Medien, auf Gescheiterte und rastlose Geister.
Dieser Roman ist brillant. Empfindsam fängt der Autor den tief verwurzelten Glauben der Alten ein, spürt Traditionen und Glaubenssätzen nach und verwebt die Vergangenheit mit der brisanten Gegenwart. Die Menschen in Simbabwe leben mit den Ahnen, mit dem Wissen der Jahrhunderte, mit den Seelen und Wesen aus anderen Welten. Aus jeder Zeile spricht eine tief empfundene Verbundenheit.
Sprachlich ist all das genial gelöst. Zahlreiche Fußnoten geben einen nüchtern-ironischen Einblick in die Verhältnisse und Begebenheiten des Landes, Passagen wie aus einem Theaterstück fangen die Farce der historischen Verträge über die Schürfungsrechte und Ausbeutung, respektive Nutzung, des Landes ein. Knallharte Dialoge wechseln mit lyrischer Prosa und einzelnen Traumsequenzen.
Die Avenues sind Milieustudie, Ode an die Farben, Gerüche und Geschichte Afrikas, eine Liebeserklärung an die Sprache und der stampfende Beat einer Nation in Wortgewand.
Tiefe Einblicke in die Gesellschaft Simbabwes, spannend, informativ, humorvoll. Große Leseempfehlung
MarcoL aus Füssen am 06.04.2026
Bewertungsnummer: 3100696
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Die „Avenues“ sind ein Stadtteil von Harare, Hauptstadt und Mittelpunkt von Simbabwe. Es ist das angesagte Viertel der (Neu-)reichen und Schönen. Wer vom Land kommt und es zu etwas bringen wird, sieht zu, dort unter zu kommen.
Jezda verbringt weit ab von der Stadt eine Kindheit und Jugend mit Gleichaltrigen, die je ihr Ende findet. Zudem überschattet ein tragischer Unfall seinen Weg aus dem unbedarften Kindesalter, das in traumatisiert.
Er kämpft sich durch, macht eine Art Ausbildung, und dank seiner unbekümmerten Art (nach außen hin) und der Hilfe von Bekanntschaften schafft er es letztendlich von einem Vorstadt-Slum in die „Avenues“. Schnell merkt er, dass auch dort nicht alles Gold ist, was glänzt. Korruption sind die täglichen Begleiter, und die Prostitution scheint dort erfunden worden zu sein.
Mittendrinnen in diesem Wirrwarr aus urbanem und ständig pulsierenden und aufstrebenden Wahnsinn drängt sich die Vergangenheit des Landes hinein. Die Flüsse und Sümpfe, die früher dort waren, wo jetzt die Stadt steht, wurden trockengelegt und sind verschwunden; und dennoch drängt sich das Wasser manchmal an die Oberfläche, erzeugt feuchte Stellen, so manche Pfütze und Trugbilder von Geistern. Doch sind es tatsächlich Geister?
Der Hauptgrund, warum Jezda in die Avenues zieht, ist die Suche nach seiner Schwester Natsai. Sie ging vor ihm dorthin, und verschwand spurlos. Ein Ereignis in ihrer Kindheit könnte Auslöser hierzu sein … und so entsteht ein spannender Mix aus Mythologie und brutaler Gegenwart. Jezdas Eltern sind unfähig, zu helfen. Sie haben sich blind dem Christentum verschworen, und den alten Religionen abgesagt.
So entsteht eine latente Korrelation zwischen dem was war, und dem was ist. Eine fröhlich bunte Gesellschaft wird vom Grau der Stadt verschluckt, weggespült vom Wasser, das einst dort war. Die Prostitution, auch wenn es nicht explizit angesprochen wird, ist finanzielle Hoffnung und Fallstrick zugleich für die Mädchen in den Avenues. Und wie das alte Land verschwindet, trockengelegt wurde, verschwinden immer wieder junge Frauen im Sumpf der „Avenues“.
Es ist ein sehr spannendes Buch, das die Folgen des britischen Kolonialismuswahnsinns geschickt in die gegenwärtigen Situationen der Hautstadt wie des ganzen Landes einwebt, und als Beispiel ein paar junge Menschen als Hauptprotagonisten auswählt. Mit einer frischen Sprache, und auf eine fröhlich-humorvolle Art, informativ und mit einigen interessanten (und auch sarkastischen) Fußnoten, entpuppt sich dieser Roman zu einem absoluten Pageturner, den man nicht mehr aus der Hand legen kann.
Absolute Leseempfehlung – nicht nur für jene, die gerne mal über den eigenen (literarischen) Tellerrand blicken möchten.
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